Das Lamm, dem die überwindende Erstlingsfrucht folgt – Einführung
In Offenbarung 14:1–5 sehen wir ein eindrückliches Bild: das Lamm auf dem Berg Zion, umgeben von einer Schar, die als „Erstlingsfrucht für Gott und das Lamm“ bezeichnet wird. Diese Erstlingsfrucht sind lebende Überwinder – Gläubige, die auf Gottes Feld früher reif werden als die anderen. Sie werden vor der großen Ernte zu Gott und zum Lamm gebracht, als ein frischer Genuss für Gott.
Die Bibel spricht von der Entrückung als dem Einbringen der Ernte Gottes (3.Mose 23:10; Mt. 13:24; Offb. 14:14–16). Ein Teil der Ernte – die Erstlingsfrucht – reift früher und wird früher eingebracht; der Rest reift später und wird später geerntet. So zeigt uns das Wort zwei Aspekte der Entrückung: die Entrückung der Überwinder vor der großen Trübsal und die Entrückung der Mehrheit der Gläubigen am Ende der Trübsal (Mt. 24:40–41; 1.Thess. 4:15–17; Offb. 3:10; 14:14–16).
Die Erstlingsfrucht wird auf den himmlischen Berg Zion entrückt, an den Ort der Wohnstätte Gottes, um in der unmittelbaren Gegenwart Gottes und Christi zu sein. Entrückung bedeutet letztlich: in die Gegenwart des Herrn gebracht zu werden. Wer dann in Seine Gegenwart entrückt werden soll, muss heute schon in Seiner Gegenwart leben (Lk. 21:36; 2.Tim. 4:8). Die Entrückung dient dazu, den Feind zu besiegen und Gott zu erfreuen. Das „männliche Kind“ in Offenbarung 12:5 steht für das Werkzeug, mit dem der Herr gegen Seinen Feind kämpft; die Erstlingsfrucht in Offenbarung 14 ist besonders für Gottes Zufriedenstellung und Genuss da.
Diese Erstlingsfrucht trägt den Namen des Lammes und den Namen des Vaters an der Stirn (Offb. 14:1). Das zeigt: Sie gehören ganz dem Lamm und dem Vater, sie sind eins mit Ihm. Sie sind diejenigen in der Ernte Gottes, die zuerst zur Reife kommen (Hebr. 5:14 – 6:1; Eph. 4:13; Phil. 3:15). Umgewandelt zu werden bedeutet, dass unser natürliches Leben verändert wird; zur Reife zu kommen bedeutet, dass wir mit dem göttlichen Leben erfüllt sind, das uns verwandelt (Röm. 12:2; Eph. 3:19b). Nur ein reifes Leben kann Gott wirklich ausdrücken und mit Ihm herrschen (1.Mose 1:26; Röm. 5:17).
Die Frage ist daher nicht nur: „Bin ich gerettet?“, sondern auch: „Werde ich reif? Werde ich zu einer Erstlingsfrucht, die dem Lamm folgt, wohin es auch geht?“
Mit Gott wandeln – dem Tod entkommen und Gott gefallen
Die Bibel zeigt uns in Henoch ein lebendiges Vorbild dafür, wie ein Mensch zur Erstlingsfrucht werden kann. Erste Mose 5:22–24 berichtet schlicht: „Henoch wandelte mit Gott … und er war nicht mehr, denn Gott hatte ihn hinweggenommen.“ Hebräer 11:5–6 erklärt, dass Henoch durch Glauben entrückt wurde und „das Zeugnis hatte, dass er Gott wohlgefallen hatte“. Henoch ist der erste Mensch, der entrückt wurde, und er steht stellvertretend für alle Überwinder, die entrückt werden, während sie noch leben (Mt. 24:37–51; Offb. 14:1).
Mit Gott zu wandeln ist der Weg, dem Tod zu entkommen und Gott zu gefallen. Was bedeutet es, mit Gott zu wandeln?
Es bedeutet, Gott nicht zu übergehen, nicht anmaßend zu handeln, die Dinge nicht nach unseren eigenen Vorstellungen, Wünschen oder nach dem Lauf dieses Zeitalters zu tun, sondern nichts ohne Gott zu tun. Es bedeutet, Gott als unser Zentrum und unser Alles zu nehmen, mit Ihm und gemäß Seiner Offenbarung und Seinem Leiten zu leben und zu handeln (Röm. 8:4, 13–14). Mit Gott zu wandeln heißt, nicht aus dem zu leben, was wir sind oder können, sondern aus dem unsterblichen Leben, das Christus selbst ist.
Mit Gott zu wandeln ist ein Leben in gewohnheitsmäßiger Gemeinschaft mit Ihm: in ständigem Kontakt mit dem Herrn, unter Seiner fortwährenden Zufuhr (1.Joh. 1:3; Phil. 4:6; 2.Kor. 3:16, 18). Es bedeutet, unseren Geist zu üben, um die gesegnete Dreieinigkeit zu genießen, und unser Selbst zu verleugnen, damit wir mit Ihm eins sein können (Mt. 16:24–25). Wer mit Gott wandelt, gibt Ihm nach, überlässt Ihm die Führung und lebt nicht mehr für Sich selbst, sondern für den, der für ihn gestorben und auferstanden ist (2.Kor. 5:14–15).
Dieses Wandeln geschieht „durch Glauben und nicht durch Schauen“ (2.Kor. 5:7). Hebräer 11:6 sagt: „Ohne Glauben ist es unmöglich, Gott wohlzugefallen.“ Glaube bedeutet zuerst, zu glauben, dass Gott ist. Das heißt: Er ist alles, wir sind nichts (Joh. 8:58; Pred. 1:2). Er muss in allem der Einzige und Einzigartige sein; wir müssen bereit sein, in allem nichts zu sein (Lk. 9:23; Gal. 2:20). Ein alter Diener des Herrn hat es so ausgedrückt: „Oh, die Freude, nichts zu haben und nichts zu sein, nichts zu sehen außer einem lebendigen Christus in Herrlichkeit und Sich um nichts zu kümmern außer um Seine Interessen hier unten.“
Als Saulus von Tarsus dem Herrn begegnete, hörte er: „Ich bin Jesus“ (Apg. 9:5). Der Herr stellte Sich ihm als der große „Ich bin“ vor. Im Licht dieser Offenbarung musste Saulus lernen: Er selbst ist nicht – Christus ist. Schließlich war „Saulus vorbei, und Paulus kam hervor“ (Apg. 13:9). Das ist der Weg des Glaubens: Gott ist, wir sind nicht; Christus lebt, nicht mehr ich.
Glaube bedeutet auch, zu glauben, dass Gott ein Belohner ist für die, die Ihn fleißig suchen (Hebr. 11:6). Henochs Belohnung war das höchste Maß an Leben – die Befreiung vom Tod (Hebr. 11:5; Röm. 8:10–11). Der Herr ist ein Belohner, und wir sollen solche sein, die Ihn suchen: „Eins habe ich vom Herrn erbeten, danach will ich trachten: zu wohnen im Haus des Herrn alle Tage meines Lebens“ (Ps. 27:4). Wer den Herrn selbst sucht, empfängt Ihn als Belohnung – in diesem Zeitalter als inneres Leben und Genuss, im kommenden Zeitalter als Herrlichkeit und Anteil am Reich.
Henoch wandelte dreihundert Jahre lang ununterbrochen mit Gott, Tag und Nacht. Er kam Gott immer näher, wurde immer mehr eins mit Ihm, bis es schließlich hieß: „er war nicht mehr, denn Gott hatte ihn hinweggenommen“ (1.Mose 5:24; vgl. Hld. 8:5a). Ob wir entrückt werden wie Henoch, hängt davon ab, ob wir im göttlichen Leben reif werden, indem wir mit Gott wandeln (Hebr. 6:1). So werden wir zu einer Erstlingsfrucht, die dem Lamm folgt.
Treu dienen – Speise geben im Haus Gottes
Zur Reife zu kommen und dem Lamm zu folgen ist nicht nur eine persönliche, verborgene Sache zwischen uns und Gott. Sie zeigt sich auch darin, wie wir im Haus Gottes dienen. In Matthäus 24:45–51 spricht der Herr von einem treuen und klugen Sklaven, den der Herr über Seinen Haushalt gesetzt hat, „um ihnen die Speise zu geben zur rechten Zeit“. Wer so dient, wird beim Kommen des Herrn selig gepriesen und wird im kommenden Reich eine besondere Belohnung empfangen.
Gott hat einen Haushalt und eine Haushaltsverwaltung – eine göttliche Ökonomie (1.Tim. 1:4; Eph. 2:19). Sein Ziel ist, Sich selbst den Mitgliedern Seines Hauses als Speise auszuteilen, damit Er in ihnen ausgedrückt wird (1.Tim. 3:15). Dazu setzt Er treue und kluge Sklaven als Hausverwalter ein, als Kanäle der Versorgung, um Seinem Volk zur rechten Zeit Speise zu geben (Mt. 24:45; 1.Kor. 4:1; 1.Petr. 4:10).
Diese Speise ist Christus selbst als der lebengebende Geist, verkörpert und verwirklicht im Wort des Lebens (Joh. 6:57, 63, 68; Apg. 5:20). „Ihnen Speise zu geben“ bedeutet, den Gläubigen das Wort Gottes darzureichen als Lebensversorgung. Damit wir andere nähren können, müssen wir selbst den Herrn als unsere geistliche Speise genießen. Das geschieht, indem wir über Sein Wort beten und nachsinnen, es sorgfältig betrachten, schmecken und genießen (Eph. 6:17–18; Ps. 119:15; Hes. 3:1–4). Wir brauchen ein Leben, das dem Gebet und dem Dienst des Wortes gewidmet ist (Apg. 6:4; 2.Kor. 3:6, 8).
Der Herr warnt uns zugleich vor Haltungen, die uns untauglich machen für einen solchen Dienst und uns vom Weg der Erstlingsfrucht abbringen. Wenn jemand in seinem Herzen sagt: „Mein Herr lässt Sich Zeit“, zeigt das, dass er das gegenwärtige böse Zeitalter liebt und nicht das Erscheinen des Herrn (Mt. 24:48; 2.Tim. 4:8, 10). Wer so denkt, wird leicht habsüchtig, sammelt Schätze für sich selbst und ist nicht „reich in Bezug auf Gott“ (Lk. 12:15–20). Der Herr erinnert uns ernst: „Erinnert euch an Lots Frau“ (Lk. 17:32) – eine Warnung an alle, die ihr Herz an die Welt hängen.
Treu im Dienst zu sein bedeutet auch, wie wir mit unseren Mitgläubigen umgehen. Der böse Sklave in Matthäus 24 schlägt seine Mitsklaven und isst und trinkt mit den Betrunkenen. Unsere Mitsklaven zu schlagen heißt, unsere Mitgläubigen zu misshandeln, sie zu richten, zu verurteilen oder zu schmähen (Mt. 24:49; 1.Kor. 6:10). Stattdessen sollen wir freundlich, innerlich wohlwollend und vergebend sein, „wie auch Gott euch in Christus vergeben hat“ (Eph. 4:31–32). Wir sollen unsere Brüder nicht kritisieren, sondern sie für vorzüglicher halten als uns selbst (Phil. 2:2–3, 29).
Lästernde, scharf kritische Worte schaden dem Leib Christi. Wer solche Worte ausspricht oder annimmt, trägt Verantwortung. Gott wird niemandem geistliche Autorität anvertrauen, der von Natur aus gerne andere kritisiert. Ebenso dürfen wir nicht über die Heiligen herrschen, sondern sollen ihnen als Sklaven dienen, um sie mit dem auferstandenen Christus zu nähren (1.Petr. 5:3; Mt. 20:25–28). Wenn wir anstelle des Herrn Entscheidungen für andere treffen oder ihnen vorschreiben, wohin sie gehen sollen, ohne sie zu ermutigen, selbst zu beten und die Führung des Herrn zu suchen, beleidigen wir das Hauptsein und Herrsein Christi.
Mit den Betrunkenen zu essen und zu trinken bedeutet, sich mit Menschen zu verbinden, die von weltlichen Dingen trunken sind (Mt. 24:49b). Wegen ihrer göttlichen Natur und ihres heiligen Standes sollen Gläubige nicht in enge Bindungen mit Ungläubigen eingehen (2.Kor. 6:14; 1.Kor. 15:33). Das betrifft nicht nur Ehe und Geschäfte, sondern alle engen Beziehungen. Stattdessen sollen wir „vor den jugendlichen Begierden fliehen“ und „der Gerechtigkeit, dem Glauben, der Liebe, dem Frieden nachjagen zusammen mit denen, die den Herrn aus reinem Herzen anrufen“ (2.Tim. 2:22).
Wer so treu dient – den Herrn als Speise genießt, andere nährt, nicht herrscht, nicht kritisiert, die Welt nicht liebt und wachsam auf das Kommen des Herrn wartet –, bereitet sich darauf vor, dem Lamm als Erstlingsfrucht zu folgen. Solche werden im kommenden Reich Christus selbst als ihre besondere Belohnung genießen.
Wachsam leben – heute in Seiner Gegenwart
Die Erstlingsfrucht in Offenbarung 14 steht nicht für eine besondere Klasse von Christen, die zufällig begünstigt sind, sondern für Gläubige, die heute in der Gegenwart des Herrn leben, mit Ihm wandeln, reif werden und treu dienen. Die Entrückung ist nicht nur ein zukünftiges Ereignis; sie ist eng verbunden mit unserem heutigen Leben vor Gott. Wer dann in Seine Gegenwart entrückt werden soll, muss heute lernen, in Seiner Gegenwart zu bleiben.
Der Herr ruft uns daher auf, wachsam zu sein und zu flehen, „damit ihr imstande seid, all dem zu entfliehen, was geschehen soll, und vor dem Sohn des Menschen zu stehen“ (Lk. 21:34–36). Wachsamkeit bedeutet, unser Herz nicht von Sorgen, Vergnügungen und dem Rausch dieser Welt beschweren zu lassen, sondern innerlich nüchtern zu bleiben. Es bedeutet, das Erscheinen des Herrn zu lieben, Ihn zu suchen, Ihn zu genießen und Ihm treu zu dienen.
Wenn wir mit Gott wandeln wie Henoch, im Glauben leben, unser Selbst verleugnen, den Herrn als unsere Speise genießen und anderen Speise geben, werden wir Schritt für Schritt reif. So werden wir zu einer Erstlingsfrucht, die dem Lamm folgt, wohin es auch geht – zur Freude Gottes, zur Beschämung des Feindes und zu unserer ewigen Belohnung.