Das männliche Kind, der Krieg im Himmel und die überwindenden Heiligen – Einführung
In Offenbarung 12 lesen wir von einer Frau, die „einen Sohn, ein männliches Kind“ gebiert, „der alle Nationen mit einem eisernen Stab weiden soll; und ihr Kind wurde zu Gott und zu Seinem Thron entrückt“ (Offb. 12:5). Dieses Bild ist reich an geistlicher Bedeutung und zeigt uns etwas vom Weg der überwindenden Gläubigen und vom Kampf im Himmel.
Wenn hier gesagt wird, dass die Frau ein Kind „gebiert“, geht es nicht nur um eine natürliche Geburt. In Apostelgeschichte 13:33–34 wird das Wort „gebären“ im Zusammenhang mit der Auferstehung Christi gebraucht. So weist auch das männliche Kind in Offenbarung 12 auf Gläubige hin, die gestorben und auferweckt worden sind. Es steht für den stärkeren Teil von Gottes Volk, für die Überwinder, die „bis zum Tod“ treu geblieben sind (Offb. 12:11).
In der Bibel wird die Frau oft als der schwächere Teil gesehen und der Mann als der stärkere (1.Petr. 3:7). Das männliche Kind ist also ein Bild für diejenigen Gläubigen, die in besonderer Weise im Glauben gewachsen sind, die den Herrn inmitten von Widerständen ergriffen haben und die bereit waren, für Ihn zu leiden. Dass dieses männliche Kind „alle Nationen mit einem eisernen Stab weiden soll“, verbindet es mit den Überwindern, von denen der Herr in Offenbarung 2:26–27 spricht: Wer überwindet, soll mit Ihm herrschen.
Auffällig ist auch die Art der Entrückung: Das männliche Kind wird „zu Gott und zu Seinem Thron entrückt“. Entrückung bedeutet hier ein plötzliches Wegraffen, ein Herausholen an einen anderen Ort. Diese Entrückung unterscheidet sich von der Entrückung der großen Mehrheit der Gläubigen, von der Erste Thessalonicher 4:16–17 spricht. Dort werden die Gläubigen beim Schall der letzten Posaune in die Luft entrückt (vgl. 1.Kor 15:52; Offb. 11:15). Das männliche Kind jedoch wird vor der Zeit der großen Trübsal, vor den 1 260 Tagen (dreieinhalb Jahre), direkt zum Thron Gottes entrückt. Es ist, als ob Gott den stärkeren Teil Seines Volkes frühzeitig zu Sich holt, um ihn in einem besonderen Dienst zu gebrauchen.
Der Krieg im Himmel und die Rolle der Überwinder
Unmittelbar nach der Entrückung des männlichen Kindes lesen wir: „Da brach im Himmel ein Krieg aus: Michael und seine Engel führten Krieg mit dem Drachen“ (Offb. 12:7). Der Himmel scheint auf die Ankunft dieser Überwinder gewartet zu haben, um einen entscheidenden Kampf gegen Satan zu beginnen. Was sie auf der Erde im Glauben und im Gebet gekämpft haben, setzt sich im Himmel fort.
Die Bibel nennt uns zwei Engel mit Namen: Gabriel und Michael. Gabriel ist der Bote, der Gottes Nachrichten überbringt (Dan. 8:16; 9:21–22; Lk. 1:19, 26). Michael dagegen ist der Kämpfer, der für Gottes Volk Krieg führt (Dan. 10:13, 21; 12:1; Jud 9). In Offenbarung 12 kämpft Michael mit seinen Engeln gegen den Drachen, und die Engel des Drachen sind die gefallenen Engel, die Satan in seiner Rebellion gegen Gott folgen (Mt. 25:41).
Satan ist der Feind Gottes, der „Verkläger unserer Brüder“, der sie Tag und Nacht vor Gott verklagt (Offb. 12:10). Am Kreuz hat der Herr Jesus Satan bereits gerichtet (Joh. 12:31; 16:11). Doch dieses Gericht muss in der Geschichte vollstreckt werden. Dazu gebraucht Gott die überwindenden Gläubigen. Ihr Kampf gegen Satan ist nicht einfach ein persönlicher Kampf gegen Versuchungen, sondern die praktische Vollstreckung von Gottes Urteil über den Feind. Schließlich wird Satan durch diesen Kampf aus dem Himmel hinausgeworfen (Offb. 12:7–9).
Wenn im Himmel ausgerufen wird: „Jetzt ist die Errettung gekommen und die Kraft und das Königreich unseres Gottes und die Vollmacht Seines Christus“ (Offb. 12:10), dann ist das eng mit dem Sieg der Überwinder verbunden. Sie haben Satan überwunden „wegen des Blutes des Lammes und wegen des Wortes ihres Zeugnisses, und sie haben ihr Seelen-Leben nicht geliebt bis zum Tod“ (V. 11). Diese drei Punkte zeigen uns, wie auch wir heute in diesem geistlichen Kampf stehen können.
Überwinden durch Blut, Zeugnis und Selbstverleugnung
Zuerst heißt es: „Sie haben ihn überwunden wegen des Blutes des Lammes.“ Satan verklagt uns, erinnert uns an unsere Sünden und Schwachheiten. Doch Erste Johannes 1:7 sagt, dass uns „das Blut Jesu, seines Sohnes, von jeder Sünde reinigt“. Wenn wir unsere Sünden bekennen und das Blut anwenden (1.Joh. 1:9), hat Satan kein Recht mehr, uns zu verdammen. Jede Verdammnis, die bleibt, nachdem wir bekannt und das Blut im Glauben ergriffen haben, ist nicht Gottes Licht, sondern Satans Anklage.
Darum müssen wir nicht nur unbegründete Anklagen zurückweisen, sondern auch solche, die auf realen Fehlern beruhen. Wenn wir sündigen, entehrt das Gott. Aber wenn wir danach nicht auf das kostbare Blut vertrauen, entehrt das Gott noch mehr (Mt. 26:28; vgl. Hebr 10:29). Wir dürfen dem Teufel sagen: Ja, wir sind nicht vollkommen, aber wir stehen unter dem Blut des Lammes (1.Petr. 1:18–19; Apg. 20:28). So ehren wir das Werk Christi und entwaffnen die Anklagen des Feindes.
Zweitens haben die Überwinder Satan überwunden „wegen des Wortes ihres Zeugnisses“. Zeugnis bedeutet, auszusprechen, was Christus ist und was Er getan hat. Es reicht nicht, die Wahrheit nur innerlich zu kennen; sie muss ausgesprochen werden. Die Überwinder proklamieren häufig den Sieg Christi und bezeugen, dass der Teufel bereits gerichtet ist (1.Joh. 3:8; Hebr. 2:14). Satan fürchtet sich nicht vor unseren Diskussionen, aber er fürchtet sich vor der klaren Verkündigung der geistlichen Tatsachen.
Der Name Jesu steht über jedem Namen (Phil. 2:9–11). Diese Tatsache dürfen wir im Glauben aussprechen – vor Menschen, aber auch vor den Mächten der Finsternis. Wir können Satan und seinen Dämonen sagen: Jesus ist der Herr, Er ist der Sieger, und Satan ist unter Seinen Füßen zermalmt (1.Mose 3:15; Joh. 14:30; Röm. 16:20). Solches Zeugnis ist ein Teil des geistlichen Kampfes.
Drittens heißt es: „Sie haben ihr Seelen-Leben nicht geliebt bis zum Tod.“ Das Seelen-Leben ist unser natürliches Leben, unser Ich, unser eigenes Wollen und Können. Durch den Fall Adams hat Satan sich mit diesem Seelen-Leben verbunden. Wenn wir unser Seelen-Leben lieben, geben wir ihm Raum. Um Satan zu überwinden, müssen wir unser Seelen-Leben hassen und verleugnen (Mt. 16:23–24; Lk. 14:26; 9:23). Das bedeutet nicht Selbstverachtung, sondern dass wir nicht mehr aus eigener Kraft, aus unserer natürlichen Fähigkeit leben wollen.
Satan möchte, dass wir aus uns selbst heraus handeln – mit unserer eigenen Energie, unseren natürlichen Begabungen, ohne dass diese durch das Kreuz behandelt wurden. Die Gemeinde hat oft gerade deshalb versagt, weil der Mensch seine natürlichen Fähigkeiten ungebrochen einsetzt. Der Zweck des Kreuzes ist, unsere natürliche Kraft zu behandeln, damit wir nicht wagen, aus uns selbst heraus zu wirken. Mose und Petrus sind Beispiele dafür: Beide mussten lernen, nicht in eigener Stärke, sondern in der Abhängigkeit von Gott zu dienen (Apg. 7:23–30; Lk. 22:32–34; 1.Petr. 5:5–6).
Darum sollten wir die Haltung haben: Ich will in keiner Weise aus mir selbst leben. Ich will meine eigenen Fähigkeiten nicht hochhalten und kein Vertrauen in mich selbst setzen (1.Kor. 2:2–4; Phil. 3:3; vgl. Jes 11:2). Stattdessen dürfen wir uns dem Herrn als ein „Trankopfer“ hingeben (Phil. 2:17; 2.Tim. 4:6). Im Alten Testament war das Trankopfer ein Bild auf Christus als den wahren Wein, der vor Gott ausgegossen wurde zu Seiner Zufriedenheit (2.Mose 29:40–41). Der Apostel Paulus konnte sagen, dass er selbst wie ein Trankopfer ausgegossen wurde auf den Glauben der Heiligen (Phil. 2:17; 2.Tim. 4:6).
So möchte Christus uns mit Sich selbst als dem himmlischen Wein füllen, bis Er und wir eins sind, damit wir zu Gottes Genuss und Zufriedenheit ausgegossen werden und zu Seinem Bau beitragen (Mt. 9:17; Phil. 2:17; 2.Tim. 4:6). Wer sein Seelen-Leben nicht liebt, sondern es dem Herrn übergibt, wird zu einem solchen Trankopfer. Das ist der Weg der Überwinder.
Hoffnung und Ermutigung für heute
Das Bild des männlichen Kindes, des Krieges im Himmel und der überwindenden Heiligen ist keine ferne Prophetie ohne Bezug zu unserem Alltag. Es zeigt uns, wie ernst der geistliche Kampf ist, in den wir als Gläubige hineingestellt sind, und zugleich, wie reich die Mittel sind, die Gott uns gegeben hat.
Wir dürfen uns unter das Blut des Lammes stellen und jede Anklage Satans zurückweisen. Wir dürfen mutig das Wort unseres Zeugnisses sprechen und den Sieg Christi proklamieren. Und wir dürfen lernen, unser eigenes Leben, unsere eigene Kraft und unser eigenes Können ans Kreuz zu bringen, damit Christus allein in uns lebt und wirkt.
So bereitet der Herr Sich heute Überwinder, einen stärkeren Teil Seines Volkes, der Ihm in den kommenden Ereignissen zur Verfügung steht. Möge Er auch in uns dieses Herz eines Überwinders wirken – nicht in eigener Stärke, sondern im Vertrauen auf das Blut des Lammes, das Wort des Zeugnisses und die Kraft des Kreuzes.