Das Löwen-Lamm – Vertiefung
Das Buch der Offenbarung ist nicht in erster Linie ein Buch über Katastrophen, Gerichte und Zukunftsszenarien; es ist „Offenbarung Jesu Christi“ (Offb. 1:1). Die zweiundzwanzig Kapitel sind ein einziges großes Porträt des Herrn: „… der das Wort Gottes und das Zeugnis Jesu Christi bezeugt hat, alles, was er sah“ (Offb. 1:2). Und mitten in diesem Porträt steht eine Szene, die das Herz der Offenbarung berührt: das Löwen-Lamm in Offenbarung 5.
In dieser Szene wird uns gezeigt, wer Christus heute im Himmel ist, was Er vollbracht hat und wie Er Gottes Vorsatz ausführt. Wenn wir dieses Löwen-Lamm sehen, sehen wir zugleich die Tiefe der Erlösung, die Strenge des göttlichen Gerichts, die Herrlichkeit der göttlichen Verwaltung und die Kraft des siebenfach verstärkten Geistes in der Gemeinde.
Der Löwe aus dem Stamm Juda und die Wurzel Davids
„Siehe, der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, hat überwunden, um das Buch und seine sieben Siegel zu öffnen“ (Offb. 5:5)
Der Löwe – Christus als starker Kämpfer
Der Älteste ruft Johannes zu: „Weine nicht!“ – und lenkt seinen Blick auf den Löwen aus dem Stamm Juda. Dieses Bild ist tief im Alten Testament verwurzelt. In Erste Mose 49:8–9 segnet Jakob seinen Sohn Juda:
„Juda, dich, deine Brüder werden dich preisen! … Ein junger Löwe ist Juda; vom Raub, mein Sohn, bist du aufgestiegen. Er legt sich nieder, er streckt sich aus wie ein Löwe und wie eine Löwin; wer wird ihn aufreizen?“ (1.Mose 49:8–9)
Juda ist der königliche Stamm, aus dem der Messias hervorgeht. Der Löwe ist das Bild königlicher Stärke, unerschütterlicher Autorität und siegreichen Kampfes. Wenn Offenbarung 5 Christus „den Löwen aus dem Stamm Juda“ nennt, wird Er uns als der starke Kämpfer gegen den Feind gezeigt – derjenige, der den Kampf gegen Satan aufgenommen und gewonnen hat.
Dieser Kampf ist nicht abstrakt. In den Evangelien sehen wir, wie der Herr Jesus in die Arena der Versuchung tritt, Satan in der Wüste widersteht, Dämonen austreibt, die Werke des Teufels zerstört (vgl. 1.Joh 3:8) und schließlich durch den Tod den zunichte macht, der die Macht des Todes hat, nämlich den Teufel (Hebr. 2:14). Am Kreuz sah Er äußerlich schwach aus, aber geistlich war Er der Löwe, der den Feind Gottes endgültig besiegte.
Weil Christus überwunden hat, ist Er qualifiziert, die Schriftrolle mit den sieben Siegeln zu öffnen (Offb. 5:5–10). Die Schriftrolle steht für Gottes verborgenen Ratschluss, Seine Ökonomie, Sein umfassendes Verwaltungshandeln im Universum. Nur der, der den Feind besiegt und alle Hindernisse beseitigt hat, kann diesen Ratschluss entfalten.
Die Wurzel Davids – Christus als Quelle und Herr
Christus ist nicht nur „der Löwe aus dem Stamm Juda“, sondern auch „die Wurzel Davids“ (Offb. 5:5). Das ist eine erstaunliche Bezeichnung. Wir sind gewohnt zu sagen: Christus ist der Sohn Davids. Aber hier heißt es: Er ist die Wurzel Davids – die Quelle, aus der David überhaupt hervorgegangen ist.
Der Herr selbst stellt diese Frage in Matthäus 22:42–45:
„Was haltet ihr von dem Christus? Wessen Sohn ist er? Sie sagen zu ihm: Davids. Er spricht zu ihnen: Wie nennt David ihn denn im Geist Herr, indem er sagt: ‚Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde lege unter deine Füße‘? Wenn nun David ihn Herr nennt, wie ist er sein Sohn?“ (Mt. 22:42–45)
David nennt seinen eigenen Nachkommen „Herr“. Das ist nur möglich, weil dieser Nachkomme zugleich Davids Ursprung ist. Als Mensch ist Christus der Sohn Davids; als ewiger Gott ist Er die Wurzel Davids, die Quelle seines Daseins und seiner Königswürde. Darum kann David Ihn „Herr“ nennen.
Diese doppelte Bezeichnung – Löwe aus Juda, Wurzel Davids – zeigt uns Christus als den königlichen Kämpfer und als die göttliche Quelle aller wahren Autorität. Er ist nicht nur ein König unter vielen; Er ist der Ursprung aller Königsherrschaft. Deshalb ist Er allein würdig, die Schriftrolle zu nehmen und ihre Siegel zu öffnen.
Der Sieg Christi und Gottes Vorsatz
Als der Löwe aus dem Stamm Juda ist Christus gekommen und hat den rebellischen Satan, den Feind Gottes, besiegt. Als das erlösende Lamm (wie wir gleich sehen werden) hat Er die Sünde des gefallenen Menschen weggenommen. In diesen beiden Aspekten – Sieg über Satan und Wegnahme der Sünde – hat Er alle Hindernisse beseitigt, die der Erfüllung von Gottes Vorsatz im Weg standen.
Gottes Vorsatz ist, sich in Christus eine Wohnstätte zu bauen, einen Ausdruck in einem verherrlichten, mit Ihm vereinten Menschengeschlecht, der schließlich im Neuen Jerusalem vollendet wird. Satan und die Sünde standen diesem Vorsatz entgegen. Christus als Löwe und Lamm hat beides überwunden. Darum ist Er würdig, die Schriftrolle bezüglich Gottes Ökonomie zu öffnen. Seine Würdigkeit ist nicht nur eine formale, sondern eine durch Kampf und Erlösung erworbene Würdigkeit.
Das Lamm – geschlachtet, stehend und mit sieben Hörnern und sieben Augen
„Und ich sah in der Mitte des Thrones und der vier lebendigen Wesen und in der Mitte der Ältesten ein Lamm stehen, als wäre Es gerade geschlachtet worden; Es hatte sieben Hörner und sieben Augen, das sind die sieben Geister Gottes, die über die ganze Erde hin ausgesandt sind“ (Offb. 5:6)
Der Löwe erscheint als Lamm
Bemerkenswert ist: Der Älteste kündigt den Löwen an – Johannes aber sieht ein Lamm. Das zeigt uns zwei Seiten derselben Person. Für den Feind ist Christus der Löwe, der Kämpfer; für uns ist Er das Lamm, der Erlöser. Er ist das Löwen-Lamm.
Als der Löwe hat Er gekämpft, um uns zu erlösen; als das Lamm hat Er die Erlösung vollbracht. In Ihm sind Kampf und Opfer, Macht und Sanftmut, Gericht und Gnade vereint. Wenn wir Ihn betrachten, sehen wir nicht nur den starken Kämpfer, sondern das Lamm, „als wäre Es gerade geschlachtet worden“.
Ein Lamm stehen, als wäre Es gerade geschlachtet worden
Das Lamm steht „in der Mitte des Thrones“ – im Zentrum der göttlichen Regierung. Es ist geschlachtet worden, und doch steht es. Hebräer 10:12 sagt: „Dieser aber hat ein Schlachtopfer für Sünden dargebracht und sich für immer gesetzt zur Rechten Gottes.“ Was die Erlösung betrifft, ist Sein Werk vollbracht; Er hat sich gesetzt (Hebr. 1:3; 10:12). Was aber die Ausführung von Gottes Verwaltung betrifft, ist Er in Offenbarung 5 noch am Stehen – aktiv, handelnd, vorangehend.
„Als wäre Es gerade geschlachtet worden“ weist darauf hin, dass die Szene in Offenbarung 5 unmittelbar nach der Auffahrt Christi in die Himmel stattfindet. Das Opfer ist frisch, die Wirkung des Blutes ist gegenwärtig, die Erinnerung an das Kreuz ist im Himmel lebendig. Vor Gott ist das Werk Christi nie alt oder fern; es steht ewig in seiner Frische und Kraft.
Für unser Glaubensleben ist das entscheidend: Wenn wir vor Gott kommen, kommen wir nie aufgrund eines „verblassten“ Opfers. Vor Gott steht immer noch das Lamm, als wäre es gerade geschlachtet worden. Die Kraft des Blutes ist gegenwärtig, die Wirksamkeit der Erlösung ist frisch. So können wir mit Freimütigkeit zum Thron der Gnade kommen (Hebr. 4:16).
Die sieben Hörner – vollkommene kämpfende Stärke
„Es hatte sieben Hörner“ (Offb. 5:6). Hörner sind in der Schrift ein Bild für Stärke, besonders im Kampf. In Fünfte Mose 33:17 heißt es über Joseph: „Hörner des Büffels sind seine Hörner. Mit ihnen stößt er die Völker nieder …“ Hörner sind die Werkzeuge, mit denen ein Tier stößt, durchbricht, überwindet.
Christus ist das erlösende Lamm, doch Er hat Hörner – Er ist der kämpfende Erlöser. Seine Hörner sind sieben – die Zahl der Vollständigkeit in Gottes Wirken. Das bedeutet: Seine kämpfende Stärke ist vollkommen, vollständig, nichts fehlt. Er ist nicht nur sanftmütig, Er ist auch mächtig im Kampf. Er ist das Lamm mit der vollen Kraft des Löwen.
Für uns bedeutet das: Der, der uns erlöst hat, ist auch der, der für uns kämpft. Er ist nicht nur unser Opfer, sondern unser siegreicher Kämpfer. Wenn wir mit Ihm gehen, gehen wir mit dem Lamm, das sieben Hörner hat – mit einem Erlöser, dessen Kraft im Kampf vollkommen ist.
Die sieben Augen – beobachtend, erforschend, bauend
„… und sieben Augen, das sind die sieben Geister Gottes, die über die ganze Erde hin ausgesandt sind“ (Offb. 5:6). Augen sind zum Beobachten, zum Erforschen, zum Durchdringen. Christus als das erlösende Lamm hat sieben beobachtende und erforschende Augen, um Gottes Gericht über das Universum zu vollstrecken und zugleich Gottes Bau zu fördern.
Sacharja 3:9 spricht von einem Stein, den der HERR vor Joschua gelegt hat: „Siehe, auf einem Stein, den ich vor Joschua gelegt habe …“ In Sacharja 4:7 wird dieser Stein als Schlussstein erwähnt: „… und er wird den Schlußstein herausbringen unter lautem Zuruf: Gnade, Gnade für ihn!“ In Sacharja 4:10 heißt es: „Diese sieben sind die Augen des HERRN, sie schweifen auf der ganzen Erde umher.“
Hier sehen wir: Der Stein für Gottes Bau hat sieben Augen – die Augen des HERRN, die über die ganze Erde umhergehen. In Offenbarung 5:6 wird Christus als das Lamm mit sieben Augen gezeigt, und diese sieben Augen sind die sieben Geister Gottes, die über die ganze Erde hin ausgesandt sind. Der Stein in Sacharja und das Lamm in Offenbarung sind dieselbe Person: Christus als der Bauende und der Erlösende, mit sieben Augen, die alles erforschen, alles durchdringen, alles im Licht Gottes sehen.
Diese Augen sind nicht nur beobachtend, sondern auch wirkend. Sie sind die sieben Geister Gottes – der Geist in Seiner siebenfach verstärkten Funktion. Durch diese sieben Augen führt Christus Gottes Gericht aus, reinigt, prüft, richtet, aber auch baut, stärkt, belebt. Alles dient dem Ziel, Gottes ewigen Vorsatz zu erfüllen, der im Aufbau des Neuen Jerusalem vollendet wird.
Die sieben Geister Gottes – der siebenfach verstärkte Geist
„Die sieben Geister Gottes“ werden in der Offenbarung mehrfach erwähnt: „… von den sieben Geistern, die vor Seinem Thron sind“ (Offb. 1:4); „… der die sieben Geister Gottes und die sieben Sterne hat“ (Offb. 3:1); „… sieben Lampen von Feuer brannten vor dem Thron, das sind die sieben Geister Gottes“ (Offb. 4:5); „… sieben Augen, das sind die sieben Geister Gottes“ (Offb. 5:6).
Die sieben Geister – der eine Geist in verstärkter Funktion
Offenbarung 1:4–5 stellt uns den Dreieinen Gott vor: „Gnade euch und Friede von dem, der ist und der war und der kommt, und von den sieben Geistern, die vor Seinem Thron sind, und von Jesus Christus …“ Die sieben Geister sind zweifellos der Geist Gottes, denn sie stehen in einer Reihe mit dem, der ist und war und kommt (dem Vater), und mit Jesus Christus (dem Sohn).
In Seiner Essenz und Existenz ist der Geist Gottes einer. Es gibt nicht sieben verschiedene Geister, sondern einen Geist in siebenfacher Fülle und verstärkter Funktion. Sieben ist die Zahl der Vervollständigung in Gottes Wirken. Die sieben Geister sind der eine Geist Gottes in der Vollständigkeit Seines Wirkens, besonders in einer Situation des Niedergangs und der Finsternis.
Sacharja 4:2 zeigt uns ein Bild: „… ein Leuchter ganz aus Gold und sein Ölgefäß oben auf ihm und seine sieben Lampen auf ihm …“ Der Leuchter ist einer, aber er hat sieben Lampen. Seiner Existenz nach ist er ein Leuchter; seiner Funktion nach leuchtet er in siebenfacher Weise. So ist es mit dem Geist: Er ist einer, aber in der Offenbarung wirkt Er in siebenfach verstärkter Weise.
Die veränderte Reihenfolge in Offenbarung 1:4–5
In Matthäus 28:19 ist die Reihenfolge des Dreieinen Gottes: der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. In Offenbarung 1:4–5 ist die Reihenfolge: der, der ist und war und kommt (der Vater), die sieben Geister (der Geist), und Jesus Christus (der Sohn). Der Geist steht hier an zweiter Stelle, nicht an dritter.
Das ist kein Zufall. Es zeigt, wie bedeutungsvoll die verstärkte Funktion des siebenfachen Geistes Gottes in der Zeit der Offenbarung ist. Als dieses Buch geschrieben wurde, war die Gemeinde bereits im Niedergang. Es war ein finsteres Zeitalter. Um Gottes Vorangehen auf der Erde zu sichern, war der siebenfach verstärkte Geist notwendig.
In den Einleitungen der anderen Briefe des Neuen Testaments wird Gnade und Friede in der Regel vom Vater und vom Sohn zugesprochen. In Offenbarung 1:4–5 wird ausdrücklich auch der Geist eingeschlossen: Gnade und Friede kommen von dem, der ist und war und kommt, von den sieben Geistern und von Jesus Christus. Das zeigt, wie überaus nötig der Geist beim Vorangehen Gottes gebraucht wird, um dem Niedergang der Gemeinde entgegenzuwirken.
Die sieben Geister als Augen und Lampen
Offenbarung 4:5 sagt: „Und sieben Lampen von Feuer brannten vor dem Thron, das sind die sieben Geister Gottes.“ In Sacharja 4 sehen wir den goldenen Leuchter mit sieben Lampen – ein Bild für das Zeugnis Gottes im Geist. In Offenbarung sind die sieben Geister Gottes wie sieben brennende Lampen vor dem Thron – sie leuchten, sie brennen, sie prüfen, sie richten, sie erhellen.
In Offenbarung 5:6 sind die sieben Geister Gottes die sieben Augen des Lammes. Was bedeutet das? Die sieben Geister sind die Augen Christi, durch die Er alles sieht, alles erforscht, alles beurteilt. Sie sind über die ganze Erde hin ausgesandt – sie durchlaufen die Erde (vgl. Sach 4:10). Der Geist ist nicht statisch; Er ist ausgesandt, Er ist in Bewegung, Er wirkt auf der ganzen Erde, besonders in den Gemeinden.
Das Sprechen des Geistes in den Gemeinden
Die Bedeutung des siebenfach verstärkten Geistes wird durch die wiederholte Betonung Seines Sprechens in den Sendschreiben unterstrichen: „Wer ein Ohr hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt“ (Offb. 2:7, 11, 17, 29; 3:6, 13, 22). Der Geist spricht – und Er spricht zu den Gemeinden. In Offenbarung 14:13 hören wir: „Ja, spricht der Geist …“ In Offenbarung 22:17 heißt es: „Und der Geist und die Braut sagen: Komm!“
Der Geist ist nicht nur eine Kraft, sondern eine sprechende Person. In einer Zeit des Niedergangs ist Sein Sprechen entscheidend. Die sieben Geister wirken in den Gemeinden, indem sie sprechen, überführen, trösten, ermahnen, richten, beleben. Deshalb werden die Gemeinden trotz des Niedergangs vorangehen. Gottes Vorangehen hängt nicht von der Stärke der Gemeinde ab, sondern von der Kraft des siebenfach verstärkten Geistes.
Für uns heute bedeutet das: Wir müssen den siebenfachen Geist sehen und erfahren – den verstärkten Geist, den Geist der Wiedererlangung. In einer Zeit, in der die Gemeinde schwach, gemischt, angefochten ist, brauchen wir nicht weniger Geist, sondern mehr – nicht in der Essenz, sondern in der Funktion: eine verstärkte, siebenfache Wirkung des einen Geistes Gottes.
Das neue Lied – die Würdigkeit des Löwen-Lammes
„Und sie singen ein neues Lied und sagen: Du bist würdig, die Schriftrolle zu nehmen und ihre Siegel zu öffnen, denn Du bist geschlachtet worden und hast durch Dein Blut aus jedem Stamm und jeder Zunge und jedem Volk und jeder Nation Menschen für Gott erkauft und hast sie für unseren Gott zu einem Königreich und zu Priestern gemacht; und sie werden auf der Erde regieren“ (Offb. 5:9–10)
Ein neues Lied – ein frisch geschlachtetes Lamm
Das Lied in Offenbarung 5 ist „neu“, weil das Lamm, das darin gelobt wird, gerade erst geschlachtet worden war. Die Erlösung ist frisch vollbracht, das Blut ist gerade vergossen, der Sieg ist eben errungen. Der Himmel antwortet darauf mit einem neuen Lied.
Dieses neue Lied ist nicht nur ein Lied über unsere Errettung, sondern über die Würdigkeit Christi, die Schriftrolle zu nehmen und ihre Siegel zu öffnen. Es ist ein Lied über Seine Person und Sein Werk in Bezug auf Gottes Ökonomie. Es preist Ihn als den, der durch Sein Blut Menschen für Gott erkauft und sie zu einem Königreich und zu Priestern gemacht hat.
Die doppelte Würdigkeit Christi
Im ganzen Universum ist niemand außer Christus, dem überwindenden Löwen und dem erlösenden Lamm, würdig, das Geheimnis der Ökonomie Gottes zu öffnen. Seine Würdigkeit hat zwei Seiten:
– Als der überwindende Löwe hat Er für Gott Satan besiegt. – Als das erlösende Lamm hat Er für uns die Sünde weggenommen.
Für Gott hat Er den Feind überwunden; für uns hat Er die Sünde getragen. In dieser doppelten Vollbringung ist Er der Einzige, der qualifiziert ist, das Geheimnis von Gottes Ökonomie zu enthüllen und auszuführen. Kein Engel, kein Ältester, kein Geschöpf ist würdig – nur das Löwen-Lamm.
Erlöst „für Gott“ – ein Königreich und Priester
Beachte die Formulierung: „… hast durch Dein Blut aus jedem Stamm und jeder Zunge und jedem Volk und jeder Nation Menschen für Gott erkauft“ (Offb. 5:9). Wir sind nicht in erster Linie für uns selbst erlöst, sondern „für Gott“. Das Ziel der Erlösung ist Gott selbst – Sein Besitz, Seine Freude, Sein Ausdruck.
Weiter heißt es: „… und hast sie für unseren Gott zu einem Königreich und zu Priestern gemacht; und sie werden auf der Erde regieren“ (Offb. 5:10). Die Erlösten sind nicht nur Vergebene, sondern ein Königreich und Priester. Königreich spricht von Herrschaft, Autorität, Repräsentation Gottes; Priester spricht von Nähe, Dienst, Anbetung, Vermittlung Gottes zu den Menschen und der Menschen zu Gott.
Hier sehen wir, wie die Erlösung des Lammes direkt mit Gottes Vorsatz verbunden ist: Gott will ein Volk, das Ihn repräsentiert (Könige) und Ihn dient (Priester). Dieses Volk wird schließlich im Neuen Jerusalem als königliches und priesterliches Volk vollendet. Das Löwen-Lamm ist der, der diese Realität durch Sein Blut hervorbringt.
Die universale und unermessliche Würdigkeit Christi
Wir müssen erkennen, dass Christus würdig ist, die Siegel des Geheimnisses der göttlichen Ökonomie zu öffnen. Dieser Aspekt der Würdigkeit des Herrn ist universal und unermesslich. Sie umfasst das ganze Universum, alle Zeitalter, alle Geschöpfe. Alles hängt an der Person und dem Werk dieses Löwen-Lammes.
Wenn der Himmel ein neues Lied singt, das die Würdigkeit Christi preist, dann ist das nicht nur eine himmlische Liturgie, sondern eine Einladung an uns, uns diesem Lob anzuschließen. Christus ist unserer Lobpreisungen wert; Er ist sogar unseres Lebens wert. Wenn der Himmel Ihn so sieht, wie können wir Ihn gering achten? Wenn der Himmel Ihn als Löwen-Lamm anbetet, wie können wir Ihn nur als Randfigur unseres Lebens behandeln?
Geistliche und erfahrungsmäßige Bedeutung für unser Leben
Die Betrachtung des Löwen-Lammes in Offenbarung 5 ist keine bloße Lehre. Sie hat tiefe geistliche und praktische Bedeutung für unser Leben vor dem Herrn.
Wir brauchen eine frische Sicht des Löwen-Lammes
Viele Christen kennen Christus entweder als das Lamm – den sanften, leidenden Erlöser – oder als den Löwen – den mächtigen König. Offenbarung 5 zeigt uns beides in einer Person: das Löwen-Lamm. Wir brauchen diese umfassende Sicht.
– Wenn wir nur das Lamm sehen, fehlt uns die kämpfende Seite Christi; wir werden passiv, weich, ohne geistlichen Kampf. – Wenn wir nur den Löwen sehen, fehlt uns die erlösende Sanftmut; wir werden hart, gesetzlich, ohne Kreuz.
Das Löwen-Lamm zeigt uns: Der, der für uns kämpft, ist derselbe, der für uns gestorben ist. Der, der uns erlöst hat, ist derselbe, der die Nationen richtet. Diese Sicht bewahrt uns vor Einseitigkeit und führt uns in eine ausgewogene, tiefe Beziehung zu Christus.
Wir leben unter den Augen des Lammes
Die sieben Augen des Lammes – die sieben Geister Gottes – durchlaufen die ganze Erde. Das bedeutet: Unser Leben, unser Dienst, unsere Gemeinde stehen unter dem beobachtenden, erforschenden Blick Christi. Nichts ist verborgen vor Seinen Augen.
Das ist einerseits ernst: Er sieht unseren Zustand, unseren Niedergang, unsere Lauheit, unsere Kompromisse. Andererseits ist es tröstlich: Er sieht auch unsere Schwachheit, unsere Kämpfe, unsere Sehnsucht nach Ihm. Und Er kommt als siebenfach verstärkter Geist, um uns zu überführen, zu reinigen, zu stärken, zu beleben.
Wenn wir das sehen, werden wir nicht leichtfertig leben. Wir werden lernen, im Licht der Augen des Lammes zu leben – transparent, offen, bereit, uns prüfen zu lassen. Und wir werden erfahren, dass dieselben Augen, die richten, auch heilen; dieselben Augen, die erforschen, auch trösten.
Wir brauchen den siebenfach verstärkten Geist in der Gemeinde
Die Offenbarung wurde in einer Zeit geschrieben, in der die Gemeinde im Niedergang war. Auch heute erleben wir Niedergang, Vermischung, Finsternis. Die Antwort Gottes darauf ist nicht in erster Linie eine Reformation von außen, sondern eine Verstärkung des Geistes von innen.
Der siebenfach verstärkte Geist ist der Geist der Wiedererlangung. Er ist der Geist, der in den Gemeinden wirkt, der spricht, der überführt, der erneuert. Wenn wir in unseren Gemeinden nur mit menschlichen Mitteln, Programmen, Strukturen arbeiten, werden wir dem Niedergang nicht begegnen können. Wir brauchen den siebenfachen Geist – in unserem persönlichen Leben, in unseren Zusammenkünften, in unserem Dienst.
Das bedeutet praktisch: Wir achten auf das Sprechen des Geistes – „Wer ein Ohr hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt“ (Offb. 2:7). Wir suchen nicht nur menschliche Meinungen, sondern das aktuelle Reden des Geistes durch das Wort. Wir geben dem Geist Raum, uns zu korrigieren, zu richten, zu ermutigen. Und wir rechnen damit, dass Er stärker ist als jeder Niedergang.
Wir stimmen in das neue Lied ein
Im Himmel wird ein neues Lied gesungen, das die Würdigkeit des Löwen-Lammes preist. Dieses Lied ist nicht nur für die Zukunft; es ist auch für heute. Wenn wir Christus als Löwen-Lamm sehen, wird unser Herz spontan in Lobpreis ausbrechen.
Dieses Lob ist nicht nur ein Gefühl, sondern eine Lebenshingabe: „Christus ist unserer Lobpreisungen wert; Er ist sogar unseres Lebens wert.“ Wenn Er der Einzige ist, der würdig ist, die Schriftrolle zu nehmen, dann ist Er auch der Einzige, der würdig ist, das Zentrum unseres Lebens zu sein. Alles andere ist relativ; Er allein ist absolut.
So wird die Lehre zur Erfahrung: Wir sehen das Löwen-Lamm, wir werden vom siebenfachen Geist erleuchtet, wir lassen uns von den Augen des Lammes erforschen, wir erfahren die Kraft Seiner Hörner im geistlichen Kampf, und wir antworten mit einem Leben des Lobpreises, der Hingabe und des priesterlich-königlichen Dienstes.
Schluss
Das Bild des Löwen-Lammes in Offenbarung 5 ist ein Schlüssel zum Verständnis der Offenbarung und zum Verständnis des heutigen Wirkens Christi. Er ist der Löwe aus dem Stamm Juda – der starke Kämpfer, der Satan besiegt hat. Er ist die Wurzel Davids – die göttliche Quelle aller Autorität. Er ist das Lamm – geschlachtet, aber stehend, im Zentrum des Thrones. Er hat sieben Hörner – vollkommene kämpfende Stärke. Er hat sieben Augen – die sieben Geister Gottes, der siebenfach verstärkte Geist, der über die ganze Erde hin ausgesandt ist.
Dieser Christus ist würdig, die Schriftrolle zu nehmen und ihre Siegel zu öffnen. Er ist würdig, Gottes Ökonomie zu entfalten. Er ist würdig, unser Lob, unsere Anbetung, unser Leben zu empfangen. Möge der Herr uns Gnade geben, Ihn so zu sehen, Ihn so zu erfahren und Ihn so zu ehren – als unser Löwen-Lamm.