Das Wort des Lebens
lebensstudium

Das unzerstörbare Leben

12 Min. Lesezeit

Man kann tief bekehrt sein, und doch ist das eigene Leben oft von Müdigkeit, innerem Seufzen, Zerbruch und Vergänglichkeit geprägt. Vieles scheint zu vergehen: unsere Kraft, unsere Begeisterung, unsere Beziehungen. Die Bibel nennt diese ganze Atmosphäre „Tod“ – nicht nur das physische Sterben, sondern auch Sinnlosigkeit, inneres Stöhnen und schleichenden Verfall. Gerade hinein in diese Situation zeigt uns der Hebräerbrief einen Christus, dessen Priesterdienst von einem unzerstörbaren Leben getragen wird: ein Leben, das stärker ist als Sünde, Tod und alle ihre Nebenprodukte – und das heute in uns wirksam sein will.

Drei Aspekte des Priesterdienstes – Gottes Antwort auf Sünde, Versorgung und Tod

Wenn die Bibel vom Priesterdienst spricht, zeichnet sie kein einfarbiges Bild. Sie öffnet vielmehr drei Perspektiven auf Christus als unseren Hohepriester. Der aaronische Priesterdienst legt die Grundlage: Vor Gott steht die Frage der Sünde im Raum, und sie wird nicht mit guten Vorsätzen, sondern mit einem Opfer beantwortet. Im Schatten des Alten Bundes waren es unzählige Sündopfer; im Zentrum des Neuen Bundes steht ein einziges, endgültiges Sündopfer – Christus selbst. Er tritt für uns ein, indem er die Schuld trägt, die wir nicht tragen können. Darum heißt es in Römer 5:10: „Denn wenn wir, als wir Feinde waren, mit Gott versöhnt wurden durch den Tod Seines Sohnes, werden wir viel mehr in Seinem Leben gerettet werden, nachdem wir versöhnt worden sind.“ Das Kreuz öffnet die Tür, hinter der Gott uns begegnet; der aaronische Aspekt des Priesterdienstes Christi stellt sicher, dass keine Anklage uns mehr von dieser Tür fernhalten darf.

Nach den Schriften gibt es drei Aspekte des Priestertums: den Aspekt des aaronischen Priestertums, den Aspekt des königlichen Priestertums und den Aspekt des göttlichen Priestertums. Der aaronische Aspekt des Priestertums besteht darin, Gott Opfer für unsere Sünden darzubringen; daher befasst Sich das aaronische Priestertum hauptsächlich mit dem Sündopfer. Der königliche Aspekt des Priestertums besteht darin, uns den verarbeiteten Gott als unsere Lebensversorgung zu dienen. Der Aspekt des göttlichen Priestertums besteht darin, uns bis zum Äußersten zu erretten. So haben wir drei Wörter, um die drei Aspekte des Priestertums zu beschreiben: Darbringen für den aaronischen Aspekt, Dienen für den königlichen Aspekt und Erretten für den göttlichen Aspekt. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft vierunddreißig, S. 388)

Doch das Bild bleibt nicht beim Altar stehen. Kaum ist die Tür geöffnet, begegnet uns Christus in einer zweiten Weise: als königlicher Priester, der nicht mehr mit Blut, sondern mit Speise dient. In 1. Mose 2:9 wird der Baum des Lebens in die Mitte des Gartens gestellt – nicht als Dekoration, sondern als Hinweis darauf, dass Gottes Vorsatz ist, sich selbst als Nahrung mitzuteilen. Der verherrlichte Christus ist dieser Baum des Lebens in der Realität; Er reicht uns den „verarbeiteten“ Gott als tägliche Lebensversorgung dar. Hier ist Priesterdienst nicht mehr nur Lösung eines Problems, sondern Genuss einer Person. Und während wir von Ihm leben, entfaltet sich ein dritter Aspekt: der göttliche Priesterdienst. Er zielt nicht allein auf Vergebung und Versorgung, sondern auf eine Errettung „bis zur Vollendung“ – hinein in einen Raum, in dem Nichtigkeit, Knechtschaft und inneres Seufzen ihre Macht verlieren. Gott lässt uns nicht im Vorhof eines vergebenen, aber innerlich beladenen Lebens stehen. Er führt uns durch Christus als Hohepriester Schritt für Schritt in Freiheit, Lobpreis und Aufbau. Wer so auf Christus schaut, entdeckt: Mein persönliches Leben, meine Familie, das Gemeindeleben sind nicht dazu bestimmt, sich nur um die Frage der Vergebung zu drehen, sondern dazu, von einem Priester geprägt zu werden, der zugleich Opfer, König und göttlicher Retter ist. Daraus wächst stille Ermutigung: Kein Bereich unseres Lebens ist zu kompliziert, als dass der aaronische, königliche und göttliche Dienst Christi ihn nicht erreichen könnte.

Denn wenn wir, als wir Feinde waren, mit Gott versöhnt wurden durch den Tod Seines Sohnes, werden wir viel mehr in Seinem Leben gerettet werden, nachdem wir versöhnt worden sind. (Röm. 5:10)

Und aus dem Erdboden ließ Jehovah Gott allerlei Bäume emporwachsen, die angenehm anzusehen und gut zur Speise waren, und auch den Baum des Lebens in der Mitte des Gartens und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. (1.Mose 2:9)

Wenn die drei Aspekte des Priesterdienstes vor Augen stehen, wird das geistliche Leben weit. Das Gewissen findet Ruhe im vollbrachten Opfer; die Seele findet Nahrung im königlichen Dienst des Lebens; der ganze Mensch findet Hoffnung im göttlichen Retten aus den vielen Spuren des Todes. So entsteht ein innerer Raum, in dem wir nicht dauernd um unsere Mängel kreisen, sondern uns von Christus her formen lassen – für ein Leben, das von Vergebung durchdrungen, von Versorgung genährt und von einer still wirkenden Rettung aus allen Todesfolgen getragen ist.

Das unzerstörbare Leben – Gottes eigenes Leben in uns

Das unzerstörbare Leben ist kein poetisches Bild, sondern die Bezeichnung für Gottes eigenes Leben, wie es die Schrift benennt. In Epheser 4:18 heißt es vom natürlichen Menschen, er sei „entfremdet … dem Leben Gottes“. Dieser Ausdruck macht deutlich: Es gibt ein Leben, das nicht aus dieser Schöpfung stammt, nicht aus biologischen Prozessen hervorgeht und nicht in den Grenzen unserer Zeitlichkeit aufgeht. Es ist unerschaffen, ohne Anfang und ohne Ende, nicht zusammengesetzt aus Teilen, sondern in sich selbst ewig und unveränderlich. Johannes fasst es schlicht, aber gewichtig: „In Ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen“ (Joh. 1:4). Dieses Leben ist nicht eine neutrale Energie, sondern es ist in der Person Christi gegenwärtig; wo Er ist, da ist Leben, und wo dieses Leben wirkt, wird Licht.

Zunächst ist dieses unzerstörbare Leben das Leben Gottes. Dieser Ausdruck „das Leben Gottes“ kommt in der gesamten Bibel nur ein einziges Mal vor, nämlich in Epheser 4:18: „deren Verstand verfinstert ist, die entfremdet sind dem Leben Gottes wegen der Unwissenheit, die in ihnen ist, wegen der Verstockung ihres Herzens“. Während die Ungläubigen dem Leben Gottes entfremdet und von ihm abgeschnitten sind, sind wir mit ihm verbunden, mit ihm vereint, denn Gott hat Sein Leben in unser Sein hineingelobt. Das englische Wort dafür ist articulated; es bedeutet, dass ein Glied des Körpers an ein anderes Glied angefügt ist. Die Hand zum Beispiel ist an den Arm angefügt. Dies ist nicht lediglich eine Frage der Stellung, sondern eine Frage des Lebens. Da das Leben Gottes in unser Sein „artikuliert“ worden ist, sind wir nicht länger vom Leben Gottes entfremdet. 1. Korinther 6:17 sagt: „Wer aber dem Herrn anhängt, ist ein Geist“. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft vierunddreißig, S. 394)

Durch die Neugeburt bleibt dieses Leben nicht bei Gott, sondern tritt in eine erstaunliche Nähe zu uns. Paulus wagt zu sagen: „Wer aber dem Herrn anhängt, ist ein Geist“ (1.Kor 6:17). Das bedeutet: Gott hat sein eigenes Leben in unser Sein hineingegeben, nicht äußerlich angeklebt, sondern innerlich „verartikuliert“, wie Glieder im Leib ineinandergreifen. So wohnt in einem endlichen, angefochtenen Menschen ein unendliches, erprobtes Leben. Dieses Leben ist unzerstörbar, weil es die Probe des Todes bereits hinter sich hat. Christus ist durch Leiden gegangen, hat die ganze Anfechtung des Menschseins getragen und konnte doch vor Gott stehen, ohne Schuld, wie es von Ihm heißt: „Ich finde keinerlei Schuld an ihm“ (Johannes 19:4). Dann ist Er in den Tod hinabgestiegen und von ihm nicht festgehalten worden, sondern in Auferstehung hervorgekommen als der, der sagen kann: „Ich bin die Auferstehung und das Leben“ (Johannes 11:25). Wenn ein Mensch diesem Herrn vertraut, wird dieses Leben sein innerer Grundton. Es hebt ihn nicht aus allen Kämpfen heraus, aber es trägt ihn hindurch. Darin liegt eine leise, tragfähige Ermutigung: Inmitten von Müdigkeit, Versagen und Fragen wohnt in uns ein Leben, das alle Prüfungen bereits bestanden hat und uns gerade in der Schwachheit seine Unzerstörbarkeit spüren lässt.

Weil dieses Leben Gottes in uns wohnt, ist christliches Dasein nie nur die Summe unserer Bemühungen. Johannes 3:16 zeichnet den Bogen von Gottes Liebe zur Welt bis hinein in das ewige Leben, das geschenkt wird: „Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass Er Seinen einziggeborenen Sohn hingab, damit jeder, der in Ihn hineinglaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe.“ Dieses ewige Leben ist nicht bloß ein endloses Fortdauern, sondern die Qualität der Gemeinschaft mit Gott selbst. Es trägt in sich den Geschmack der kommenden Welt, und doch wirkt es schon jetzt in den alltäglichen Spannungen, in unserer Arbeit, in unseren Beziehungen. So wird das unzerstörbare Leben nicht erst am Ende der Zeit sichtbar, sondern in jeder Situation, in der Christi Leben stärker ist als Bitterkeit, Hoffnungslosigkeit oder Resignation. Zu wissen, dass dieses Leben in uns wohnt, bewahrt davor, das eigene Herz vorschnell zu verurteilen oder die eigene Geschichte abzuschreiben. Es eröffnet die Perspektive, dass Gott mit seinem eigenen Leben in uns weitergeht, auch dort, wo wir selbst keinen Ansatz mehr sehen.

deren Verstand verfinstert ist, die entfremdet sind dem Leben Gottes wegen der Unwissenheit, die in ihnen ist, wegen der Verstockung ihres Herzens. (Eph. 4:18)

In Ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. (Joh. 1:4)

Wer das unzerstörbare Leben als Gottes eigenes Leben in sich erkennt, beginnt, sich selbst und seine Umwelt anders wahrzunehmen. Schwachheit und Bruchstellen verlieren ihren endgültigen Charakter, weil in ihnen ein anderes Leben klingt – das Leben Christi, das durch Tod und Auferstehung hindurchgegangen ist. Aus dieser Gewissheit kann ein stilles Vertrauen wachsen: Gott hat sich in Christus so eng mit uns verbunden, dass kein Tag, keine Tiefe und keine Dunkelheit das letzte Wort behalten können, solange sein Leben in uns wohnt.

Gerettet bis zur Vollendung – wenn das Leben den Tod verschlingt

Wo Sünde ihre Spur zieht, bleibt es nicht bei Schuldgefühlen stehen. Nach Römer 5 wächst aus der Sünde der Tod, und die Schrift versteht unter Tod mehr als das Ende des irdischen Lebens. Tod meint eine Atmosphäre: Nichtigkeit, Verderbnis, Seufzen, inneres Stöhnen, Knechtschaft, Verfall. Römer 8 entfaltet dieses Feld: „Denn das Gesetz des Geistes des Lebens hat mich in Christus Jesus frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes“ (Röm. 8:2). Hier stehen sich zwei Gesetze gegenüber, zwei unsichtbare Kräfte, zwei Atmosphären. Auch im Leben von Gläubigen kann das Gesetz des Todes spürbar sein – in Lähmung, Resignation, in Beziehungen, die nur noch aus Vorwurf und Rückzug bestehen. Dass Christus als Hohepriester „nach der Kraft eines unauflöslichen Lebens“ eingesetzt ist (Heb. 7:16), bedeutet: Er betritt genau diese Räume, in denen der Tod seine feinen Linien gezogen hat.

Nach Römer 5 ist die Folge der Sünde der Tod. Wir sollten den Tod nicht in der engen Sicht unseres menschlichen Begriffs verstehen. Nach dem weitestgehenden Verständnis des Todes in der Bibel schließt der Tod Nichtigkeit, Verderbnis, Seufzen, Stöhnen und Verfall ein. Alles verfällt. … Die Dinge der Nichtigkeit, der Verderbnis, der Knechtschaft, des Seufzens und des Verfalls sind in Römer 8 voll entfaltet und behandelt. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft vierunddreißig, S. 390)

Dieses unzerstörbare Leben wirkt nicht spektakulär, aber stetig. Römer 5:10 spricht von einer „viel mehr“ umfassenden Rettung: „… werden wir viel mehr in Seinem Leben gerettet werden, nachdem wir versöhnt worden sind.“ Am Anfang steht die Versöhnung – das Entfernen der Trennung. Doch Gottes Ziel erschöpft sich nicht darin; Er rettet in seinem Leben weiter, hinein in die Bereiche unseres Denkens, Fühlens und Handelns, in denen sonst Nichtigkeit und Verfall regieren würden. Der göttliche Priesterdienst Christi trägt diese rettende Bewegung. Während wir Ihn im königlichen Priesterdienst als tägliche Lebensversorgung aufnehmen, arbeitet das göttliche Priestertum im Verborgenen und verschlingt nach und nach das Seufzen und die innere Gefangenschaft.

Das Ziel dieses Wirkens ist größer als nur eine innere Stabilisierung. Römer 8 spricht von der „Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes“, in die die Schöpfung hineinbefreit werden soll. Was in 1. Mose 2:9 als Baum des Lebens an einem Ort im Garten stand, erscheint in der Offenbarung als Strom mit dem Baum des Lebens auf beiden Seiten, „der zwölf Früchte hervorbringt und jeden Monat seine Frucht bringt“ (Offb. 22:2). Am Anfang ist der Lebensbaum eine Einladung; am Ende ist er die gestaltgewordene Wirklichkeit eines Kosmos, der von Gottes Leben durchdrungen ist. Zwischen diesen Polen steht der Dienst Christi als göttlicher Hohepriester: Er führt sein Volk durch viele Formen des Sterbens hindurch – äußere Verluste, innere Enttäuschungen, das Abbröckeln falscher Sicherheiten – und macht gerade dort sein unauflösliches Leben wirksam. Daraus erwächst Hoffnung, die tiefer reicht als kurzfristige Erleichterung: selbst das, was jetzt wie Verfall aussieht, kann zum Ort werden, an dem das Leben den Tod verschlingt. So kann im Alltag – in einem Wort der Versöhnung, in einem Schritt der Treue, im Ausharren im Verborgenen – etwas von der kommenden Herrlichkeit aufscheinen, als Vorgeschmack der Vollendung, zu der wir „in Seinem Leben gerettet“ werden.

Denn wenn wir, als wir Feinde waren, mit Gott versöhnt wurden durch den Tod Seines Sohnes, werden wir viel mehr in Seinem Leben gerettet werden, nachdem wir versöhnt worden sind. (Röm. 5:10)

Denn das Gesetz des Geistes des Lebens hat mich in Christus Jesus frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes. (Röm. 8:2)

Gerettet zu werden „bis zur Vollendung“ bedeutet, dass Christus mit dem unzerstörbaren Leben beharrlich an den Bereichen arbeitet, in denen der Tod Spuren hinterlassen hat. Das nimmt dem Seufzen nicht jede Träne, aber es nimmt ihm den Charakter der Aussichtslosigkeit. Wo Sein Leben regiert, beginnen Nichtigkeit und Verfall ihren Anspruch zu verlieren, und im Verborgenen wächst eine Freiheit, die auf die Herrlichkeit hinweist, in die Gott uns führt.


Herr Jesus Christus, danke für dein unzerstörbares Leben, das stärker ist als jede Sünde, jeder Tod und alle ihre Folgen. Du kennst jede Spur von Nichtigkeit, innerem Seufzen und Verfall in unserem Alltag, und doch hast du schon alles überwunden. Öffne unsere Herzen neu für deinen königlichen und göttlichen Priesterdienst, damit dein Leben in uns Raum gewinnt, Dunkelheit vertreibt und jede Todesatmosphäre in Hoffnung, Frieden und Lobpreis verwandelt. Sättige uns mit deinem eigenen Leben, bis wir mehr von deiner Vollkommenheit widerspiegeln und unsere Häuser und Gemeinden Orte werden, an denen deine Auferstehungskraft spürbar ist. Stärke diejenigen, die müde sind, tröste die, die seufzen, und lass sie erfahren, dass dein Leben in ihnen nicht zerbrechen kann, sondern sie sicher in deine Herrlichkeit bringt. In deiner treuen Hand ist unsere Gegenwart und unsere Zukunft geborgen. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Hebrews, Chapter 34

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