Das Wort des Lebens
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Ein barmherziger und treuer Hoherpriester

9 Min. Lesezeit

Viele Christinnen und Christen wissen, dass Jesus für sie gestorben ist, aber nur wenige leben aus der Nähe eines Hoherpriesters, der sie durch jeden Tag trägt. Zwischen unserer Schwäche und Gottes Herrlichkeit steht nicht ein strenger Richter, sondern eine Person, die Gott und Mensch in sich vereint und uns unaufhörlich mit Gottes Leben versorgt. Wer diese priesterliche Fürsorge entdeckt, beginnt zu verstehen, warum Hebräer von einem „barmherzigen und treuen Hoherpriester“ spricht.

Jesus – wahrer Gott und wahrer Mensch

Wenn der Hebräerbrief Jesus einen „barmherzigen und treuen Hohenpriester“ nennt, berührt er den geheimnisvollen Reichtum seiner Person. In ihm begegnen sich zwei Welten, die sich sonst unendlich fern bleiben: der ewige Sohn Gottes und der wirkliche Sohn des Menschen. Als Sohn Gottes ist er in seinem Wesen treu – unveränderlich, verlässlich, unfähig zu lügen oder zu versagen. Was er zusagt, hält dem Feuer der Zeit und der Schwere unserer Geschichte stand. Als Sohn des Menschen ist er in seinem Herzen barmherzig – in unsere Begrenztheit hineingekommen, mit den Wunden des Menschseins vertraut, nicht theoretisch, sondern biografisch. So wird Treue nicht zu harter Strenge und Barmherzigkeit nicht zu machtloser Gefühligkeit, sondern beides durchdringt sich in einer Person.

Die Antwort ist, dass der Schreiber in den ersten beiden Kapiteln dieses Buches vor allem zwei Punkte behandelt – dass Christus der Sohn Gottes, Gott selbst, und der Sohn des Menschen, der Mensch selbst, ist. Seine Barmherzigkeit entspricht Seinem Menschsein, und Seine Treue entspricht Seinem Gottsein. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft dreizehn, S. 142)

Diese doppelte Wirklichkeit macht den Unterschied in allen Phasen unseres Weges. Treue ohne Macht bliebe ein gut gemeinter Vorsatz, Barmherzigkeit ohne Verständnis ein leerer Trost. In Jesus aber ist die Macht Gottes und das Mitgefühl des Menschen eins geworden. Wenn der Hebräerbrief von ihm sagt, dass „der Sohn des Menschen Vollmacht hat, auf der Erde Sünden zu vergeben“ (Mk. 2:10), dann zeigt sich darin beides gleichzeitig: der Gott, der allein vergeben kann, und der Mensch, der sich zu dem Gelähmten hinunterbeugt. Wer diesem Hohenpriester begegnet, steht nicht vor einem fernen Richter, sondern vor einem, der jede Dunkelheit kennt und doch aus einer unerschütterlichen Treue heraus handelt. Das schenkt eine stille, tragende Gewissheit: Unsere Kämpfe sind ihm nicht fremd, und seine Zusagen sind stärker als unsere Schwankungen.

Gerade dort, wo wir an uns selbst irrewerden, fällt dieses Doppellicht auf unser Leben. Der treue Gott in Christus sagt nicht ab, wenn wir straucheln; der barmherzige Mensch in Christus sieht hinter unserem Versagen die Müdigkeit, die Angst, die Verwirrung. Seine Treue trägt unsere Geschichte, seine Barmherzigkeit berührt unser Herz. In dieser Spannung aus heiligem Ernst und zärtlicher Nähe reift Vertrauen: Vertrauen, dass wir nicht durch einen kalten Maßstab gemessen, sondern von einem liebenden Blick gehalten werden, der zugleich wahrhaftig und unbestechlich ist. Wer sich von diesem Hohenpriester ansprechen lässt, entdeckt nach und nach, wie die eigene Geschichte aus der Defensive des Misstrauens in die Weite der Zuversicht geführt wird.

Damit ihr aber wißt, daß der Sohn des Menschen Vollmacht hat, auf der Erde Sünden zu vergeben (Mk. 2:10)

So entsteht in der Begegnung mit Jesus eine neue Art der Geborgenheit: Wir müssen weder unsere Not verharmlosen noch seine Forderungen fürchten. In seinem treuen Gottsein bleibt er größer als unsere Schwäche, in seinem barmherzigen Menschsein beugt er sich in jede Schwäche hinein. Dieses Wissen darf wie ein leiser Grundton durch den Alltag gehen: Über jedem Tag steht ein Hoherpriester, der nicht nur alles vermag, sondern auch alles fühlt – und der seine Hand nicht zurückzieht.

Ein Hoherpriester, der alles durchlitten hat

Der Hebräerbrief zeichnet den Weg Jesu nicht in glatten Linien, sondern als Abstieg in unser Menschsein. Er wuchs nicht in einem schmerzfreien Schutzraum auf, sondern mitten in einem Volk, das unter römischer Fremdherrschaft litt, erlebte Ablehnung, Missverständnis und den wachsenden Hass der religiösen Führer. Leiden, Versuchungen und der Tod waren keine Randnotizen seines Lebens, sondern der Weg, auf dem er „durch Leiden vollendet“ wurde und so zu unserem Hohenpriester wurde. Barmherzigkeit ist bei ihm nicht ein allgemeines Mitgefühl von oben herab, sondern die Früchte eines Lebens, das sich den harten Realitäten der Welt ausgesetzt hat.

Barmherzig zu sein entspricht dem Aspekt, dass Christus ein Mensch ist. Er wurde ein Mensch und lebte auf der Erde als Mensch und ging durch alle menschlichen Leiden hindurch. Daher ist Er vollkommen befähigt, barmherzig mit uns zu sein. Er weiß, wie man mit Menschen barmherzig ist. Er ist ein Mensch mit den Erfahrungen des menschlichen Lebens, mit den Erfahrungen menschlichen Leidens. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft dreizehn, S. 144)

An der Spitze dieses Weges steht das Kreuz. Dort begegnet er nicht nur der menschlichen Feindschaft, sondern dem letzten Feind, dem Tod. Indem er den Kelch des Leidens trank, hat er den zerstört, „der die Macht des Todes hat“, und uns aus der Knechtschaft der Todesfurcht befreit. Dass er diesen Kelch bewusst annahm, klingt in seinen Worten an: „Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke?“ (Mk. 10:38). Hier spricht einer, der weiß, was auf ihn zukommt, und dennoch nicht zurückweicht. Gerade darin liegt seine priesterliche Qualifikation: Er ist nicht nur Zeuge unserer Leiden, sondern hat die Tiefen des Leidens aus eigener Erfahrung kennengelernt.

Weil er selbst versucht und bedrängt wurde, kann er mitten in unseren Versuchungen wirklich helfen. Seine Hilfe bleibt nicht auf Abstand, als bloßer Zuspruch von außen. Der Hebräerbrief zeichnet ihn als den, der uns gleichsam auf seine Schultern nimmt und durch die dunklen Passagen hindurchträgt. Gerade dort, wo Anfechtung uns zu überwältigen droht, arbeitet seine Erfahrung in unseren Erfahrungen weiter. Anfechtung wird so nicht romantisiert, aber sie verliert ihren letzten Schrecken: Sie wird zum Ort, an dem wir der Nähe eines Hohenpriesters begegnen, der weiß, wie sich Angst, Erschöpfung und Einsamkeit anfühlen – und der trotzdem den Weg der Liebe zu Ende gegangen ist.

Im Rückblick zeigt sich oft, dass gerade die härtesten Strecken unseres Weges die tiefsten Berührungspunkte mit diesem Hohenpriester waren. Manches, was in der Situation wie bloßer Verlust erschien, wird erkennbar als Raum, in den er seine Gegenwart eingeschrieben hat. Das entwertet das Leiden nicht, aber es entzieht der Verzweiflung die letzte Deutungshoheit. An die Stelle eines blinden Ausgeliefertseins tritt ein stilles Wissen: Jemand ist schon vor mir durch solche Nächte gegangen, und gerade dadurch kann er meine Hand halten. Diese Gewissheit ist kein lauter Triumph, aber sie ist ein tragfähiger Trost, der den nächsten Schritt möglich macht.

Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wißt nicht, um was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder mit der Taufe getauft werden, mit der ich getauft werde? (Mk. 10:38)

So wachsen wir hinein in eine stille, widerstandsfähige Hoffnung: Nicht weil unser Leben leichter würde, sondern weil wir in jeder Dunkelheit einen Hohenpriester über uns wissen, der den Weg kennt, den wir noch gehen. Seine durchlittene Barmherzigkeit macht ihn zu einem Gegenüber, vor dem Klage, Fragen und Tränen Platz haben – und gerade darin beginnt seine Hilfe, die uns nicht um die Tiefe herumführt, sondern hindurch trägt.

Der Hohepriester, der Gott in uns hineinministert

Um zu verstehen, was es heißt, dass Christus als Hoherpriester Gott in uns hineinministert, lohnt der stille Blick auf die Gestalt Melchisedeks. In 1.Mose 14 tritt er ohne große Vorankündigung in Abrahams Geschichte: „Und Melchisedek, der König von Salem, brachte Brot und Wein heraus. Er war nämlich ein Priester Gottes des Allerhöchsten“ (1.Mose 14:18). Er kommt nicht, um Abraham Aufgaben aufzuerlegen oder Forderungen zu verschärfen, sondern er bringt ihm Nahrung und Freude, Brot und Wein. Priesterdienst erscheint hier zuerst als Zuwendung Gottes zum Menschen, als Ausgießen göttlicher Versorgung in eine erschöpfte Geschichte.

Ein Priester ist nicht nur jemand, der Gott dient, sondern auch jemand, der Gott in den Menschen hinein austeilt. Alle Christen meinen, ein Priester sei jemand, der Gott dient, aber nicht viele Christen wissen, dass ein Priester letztlich jemand ist, der Gott an den Menschen austeilt. In gewissem Sinn ist Gott zu dienen zweitrangig, während es vorrangig ist, Gott an den Menschen auszuteilen. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft dreizehn, S. 146)

Der Hebräerbrief knüpft genau an dieses Bild an, wenn er Christus als Hoherpriester „nach der Ordnung Melchisedeks“ beschreibt. Christus steht nicht nur als Vertreter des Menschen vor Gott, sondern ebenso als Vertreter Gottes beim Menschen. Sein Dienst besteht nicht zuerst darin, unsere Anliegen nach oben zu tragen, sondern Gottes eigenes Leben nach unten zu bringen – in unseren Hunger, unsere Müdigkeit, unsere innere Trockenheit hinein. Wenn er uns das „Brot“ seiner Person und den „Wein“ seiner Freude reicht, ist das mehr als poetische Sprache: Es ist die Wirklichkeit, dass er uns durch seinen Geist an seinem eigenen Leben Anteil gibt, damit wir nicht aus unserer Kraft, sondern aus seiner Kraft weitergehen.

Während er so priesterlich handelt, bleibt sein Ziel nicht bei unserer individuellen Stärkung stehen. Indem er uns immer wieder mit Gott selbst „nährt“, führt er uns Schritt für Schritt in Gottes Herrlichkeit hinein. Der Hebräerbrief spricht davon, dass er als „Anführer unserer Errettung“ viele Söhne zur Herrlichkeit bringt. Die priesterliche Zuwendung Christi schafft also einen Weg: aus isolierter Schwäche hinein in eine geteilte Herrlichkeit; aus dem zerstreuten Einzelnen hinein in das gemeinsame Volk, das seine Gemeinde ist. Wo wir dieses stille, aber beständige Austeilen Gottes erfahren, beginnt unser Inneres verwandelt zu werden – und wir werden zu Menschen, durch die Gott für andere spürbar wird.

So entsteht eine leise, aber kraftvolle Bewegung: Was Christus als Hoherpriester in uns hineinlegt, sucht sich seinen Weg nach außen. Getröstete werden zu Menschen, von denen Trost ausgeht; Genährte werden zu solchen, die andere stärken; Beschenkte zu Händen, die weitergeben. Nicht weil wir ein Programm umsetzen müssten, sondern weil der Hohepriester, der uns trägt, durch uns Gestalt gewinnt. In diesem Bewusstsein darf jeder Tag – mit seinen Aufgaben, Begegnungen und Unterbrechungen – zum Ort werden, an dem der Himmel sich leise in die Erde hinein senkt.

Relevante Schriftstellen: Hebr. 2:10-12, Hebr. 2:17, Hebr. 7:1-3, 1.Mose 14:18-20, Hebr. 13:20-21.

Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Hebrews, Chapter 13

Und Melchisedek, der König von Salem, brachte Brot und Wein heraus. Er war nämlich ein Priester Gottes des Allerhöchsten. (1.Mose 14:18)

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