Die vielen Söhne, die vielen Brüder, die Gemeinde
Wer an Gemeinde denkt, hat oft Gebäude, Programme oder bestimmte Traditionen vor Augen. Der Hebräerbrief zeichnet jedoch ein viel tieferes Bild: Gemeinde wird dort sichtbar, wo die vielen Söhne Gottes als Brüder des Erstgeborenen Sohnes in der Kraft der Auferstehung zusammenkommen. Zwischen vergangener Ewigkeit, Kreuz und Auferstehung, gegenwärtigem Gemeindeleben und zukünftiger Herrlichkeit spannt sich ein roter Faden: Gottes Plan, eine Familie von Söhnen zu gewinnen, in der Christus in der Mitte steht.
Die vielen Söhne: Von Gott vorherbestimmt und geboren
Wenn der Hebräerbrief die vielen Söhne Gottes vor Augen malt, setzt er sehr weit an: nicht bei unserer Entscheidung für Christus, sondern bei Gottes Entschluss in der vergangenen Ewigkeit. Lange bevor unser Leben begann, hat Gott uns „durch Jesus Christus für Sich zur Sohnschaft vorherbestimmt … nach dem Wohlgefallen Seines Willens“ (Eph. 1:5). Damit ist gesagt: Sohnschaft ist nicht eine spätere Zusatzgabe zur Rettung, sondern der Kern seines Vorsatzes mit uns. Er wollte nicht nur verlorene Menschen retten, sondern Kinder, ja Söhne, für sich haben, die sein Herz, seine Gedanken und sein Wesen teilen. Wenn Paulus schreibt, wir seien „dem Bild Seines Sohnes gleichgestaltet … damit Er der Erstgeborene unter vielen Brüdern sei“ (Röm. 8:29), öffnet sich ein Blick in Gottes innerstes Begehren: Der Vater wollte nicht nur einen Sohn sehen, sondern viele, die diesem einen ähnlich sind.
Die vielen Söhne Gottes, aus denen die Gemeinde besteht, sind alle zur Sohnschaft vorherbestimmt worden (Eph. 1:5). Wir sind nicht zufällig Söhne Gottes geworden; wir wurden vor Grundlegung der Welt dazu vorherbestimmt, Söhne Gottes zu sein. In der vergangenen Ewigkeit fasste Gott den Entschluss, dass wir Seine Söhne sein würden. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft zwölf, S. 135)
Dieses Vorherbestimmtsein bleibt nicht abstrakte Ferne. Es wird in der Zeit spürbar, wenn das Evangelium uns trifft und wir Christus aufnehmen. Johannes fasst diesen Übergang mit schlichten, starken Worten: „So viele Ihn aber aufnahmen, denen gab Er die Vollmacht, Kinder Gottes zu werden, denen, die in Seinen Namen hineinglauben“ (Joh. 1:12). Der Glaube an Christus öffnet die Tür zu etwas, das längst beschlossen war, und macht uns zu dem, wozu wir bestimmt wurden: Söhne. Darum ist es kein Zufall, dass wir glauben konnten; unser „Ja“ antwortet auf ein ewiges „Ja“ Gottes über unserem Leben.
Diese Sohnschaft ist kein Titel ohne Inhalt, sie ist Geburt. Johannes fährt fort: „die weder von dem Blut noch von dem Willen des Fleisches noch von dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott gezeugt wurden“ (Joh. 1:13). Gott hat uns nicht nur adoptiert, er hat uns gezeugt. Das heißt: Sein eigenes Leben ist in uns hineingekommen. In der Tiefe unseres erneuerten Geistes trägt etwas von seinem Wesen, seiner Art, seinem Geschmack. Deshalb kann Paulus sagen: „Der Geist Selbst bezeugt zusammen mit unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind“ (Röm. 8:16). Die Sohnschaft ist mehr als eine Lehre, sie vibriert in unserem Inneren als sanfte, aber reale Gewissheit: Ich gehöre dem Vater, und der Vater gehört mir.
Und doch spüren wir zugleich, wie unvollendet alles ist. Unser Geist ist neu, unser Inneres ist berührt, aber unser Leib bleibt noch dem Verfall und der Schwachheit unterworfen. Paulus beschreibt diese Spannung ohne sie zu verharmlosen: „Auch wir selbst seufzen in uns und erwarten sehnlichst die Sohnschaft, die Erlösung unseres Leibes“ (Röm. 8:23). Es gibt also eine Sohnschaft, die schon da ist, und eine Sohnschaft, die noch aussteht. Heute leben wir zwischen Anbruch und Vollendung: innerlich bereits Kinder des Lichts, äußerlich noch eingezeichnet von der alten Schöpfung. Gerade dieses Spannungsfeld gehört zu unserer Berufung; es hält uns in der Hoffnung wach und bindet uns an den, der angefangen hat und vollenden wird.
indem Er uns durch Jesus Christus für Sich zur Sohnschaft vorherbestimmt hat, nach dem Wohlgefallen Seines Willens, (Eph. 1:5)
Weil Er die, die Er vorher erkannt hat, auch vorherbestimmt hat, dem Bild Seines Sohnes gleichgestaltet zu sein, damit Er der Erstgeborene unter vielen Brüdern sei; (Röm. 8:29)
Wer seine Sohnschaft als Teil von Gottes ewigem Vorsatz erkennt, lernt sein Leben nicht mehr nur an wechselnden Gefühlen oder Umständen zu messen, sondern an einem unwiderruflichen Ruf Gottes; aus dieser Sicht wächst ein ruhiges Vertrauen, das durch Anfechtungen hindurchträgt und selbst im Seufzen die Spur der kommenden Vollendung erkennt.
Die vielen Brüder: Teilhaber von Leben und Natur des Erstgeborenen
Die Schrift zeichnet einen feinen, aber entscheidenden Übergang in der Geschichte des Sohnes Gottes. Vor seiner Menschwerdung spricht sie von Christus als dem einziggeborenen Sohn, der einzig und allein die göttliche Natur trägt. Mit der Menschwerdung tritt dieser Sohn in unsere Geschichte ein, nimmt unsere menschliche Natur an und geht den Weg durch Leiden und Tod. In der Auferstehung geschieht dann etwas Neues: „Gott … hat … Jesus … auferstehen lassen, wie auch im zweiten Psalm geschrieben steht: ‚Du bist Mein Sohn; heute habe Ich Dich gezeugt‘“ (Apg. 13:33). Paulus beschreibt dasselbe mit anderen Worten, wenn er sagt, dass der Herr „aus der Auferstehung der Toten in Kraft als Sohn Gottes bestimmt wurde“ (Röm. 1:4). Der ewige Sohn wird in der Auferstehung als der Erstgeborene offenbar – derselbe Christus, aber nun als einer, der die göttliche und die erhöhte, durch Leiden geprüfte menschliche Natur in sich trägt.
Als die vielen Söhne Gottes sind wir die vielen Brüder Christi, des Erstgeborenen Sohnes Gottes. Er wurde durch Seine Auferstehung zum Erstgeborenen Sohn Gottes geboren (Apg. 13:33), und in Seiner Auferstehung sind wir als Seine vielen Brüder hervorgebracht worden (1.Petr. 1:3). Erst nach Seiner Auferstehung nannte Er Seine Jünger Seine Brüder (Joh. 20:17). Unsere neue Geburt war keine physische Geburt, sondern eine Geburt in der Auferstehung. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft zwölf, S. 138)
In dieser Auferstehung liegt auch der Ursprung unserer neuen Geburt. Petrus preist Gott, „der uns nach Seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten“ (1.Petr. 1:3). Wenn der Vater den Sohn aus den Toten hervorbringt, bringt er zugleich in ihm viele Söhne hervor. Darum kann der Auferstandene zu Maria sagen: „Ich fahre auf zu Meinem Vater und eurem Vater und zu Meinem Gott und eurem Gott“ (Johannes 20:17). Die Distanz zwischen „mein Vater“ und „euer Vater“ ist nicht mehr trennend, sondern verbindend: Was Christus als Erstgeborener vor dem Vater ist, wird zur Quelle einer Familie, die aus demselben Leben geboren ist. Unsere neue Geburt ist nicht noch einmal natürliche Geburt, sondern Teilnahme an der Auferstehung dieses Erstgeborenen.
Hebräer 2 fasst diese Nähe in ein schlichtes Wort: „Denn sowohl der, der heiligt, als auch die, die geheiligt werden, sind alle von einem; aus diesem Grund schämt Er Sich nicht, sie Brüder zu nennen“ (Hebr. 2:11). Dass Christus uns Brüder nennt, ist mehr als eine liebevolle Anrede. Es ist die Zusage, dass zwischen ihm und uns eine gemeinsame Herkunft und eine gemeinsame Natur besteht: Er, der heiligt, und wir, die geheiligt werden, sind „alle von einem“. Er bleibt der Herr, der Erstgeborene, der Einzigartige in Stellung und Würde; wir bleiben Geschöpfe ohne eigene Gottheit. Aber durch die Wiedergeburt sind wir in Leben und Natur seiner Art verwandt. Er ist göttlich und menschlich in vollkommener Weise, wir sind menschlich und in einem wirklichen, aber geschöpflichen Sinn göttlich in Leben und Natur, weil Gottes Leben in uns Wohnung genommen hat.
So wächst aus der Sohnschaft die Brüderlichkeit. Vor dem Vater sind wir seine vielen Söhne; im Blick auf Christus sind wir seine vielen Brüder, die demselben Auferstehungsleben entstammen. Diese Brüderlichkeit definiert unsere Identität tiefer als jede irdische Zugehörigkeit. Sie relativiert Unterschiede von Herkunft, Prägung und Stärke, weil alle auf derselben Quelle beruhen: dem Erstgeborenen Sohn, der uns in seine Familie hineingenommen hat. Wer sich als Bruder Christi versteht, blickt anders auf sich selbst: nicht mehr als Einzelkämpfer oder distanzierter Diener, sondern als Familienglied, dessen Würde und Aufgabe darin liegt, das Leben des Erstgeborenen sichtbar werden zu lassen.
dass Gott diese Verheißung an uns, ihren Kindern, völlig erfüllt hat, indem Er Jesus hat auferstehen lassen, wie auch im zweiten Psalm geschrieben steht: „Du bist Mein Sohn; heute habe Ich Dich gezeugt.“ (Apg. 13:33)
der dem Geist der Heiligkeit nach aus der Auferstehung der Toten in Kraft als Sohn Gottes bestimmt wurde, über Jesus Christus, unseren Herrn, (Röm. 1:4)
Wer Christus als den Erstgeborenen unter vielen Brüdern erkennt, beginnt sein Christsein nicht primär als Pflichtprogramm, sondern als Teilnahme an einem gemeinsamen Auferstehungsleben zu verstehen; daraus erwächst ein freieres, brüderliches Verhältnis zu Christus, das die eigene Schwachheit nicht verdrängt, aber ihr den festen Gegenpol seiner unerschütterlichen Zugehörigkeit entgegensetzt.
Die Gemeinde: Lebendiger Leib der vielen Söhne und Brüder
Wo die Schrift von der Gemeinde spricht, denkt sie nicht zuerst an Strukturen, Programme oder Gebäude. Sie richtet den Blick auf eine lebendige Mitte. In Hebräer 2 wird Christus als derjenige gezeigt, der sagt: „Ich will Deinen Namen Meinen Brüdern kundtun; inmitten der Gemeinde will Ich Dir lobsingen“ (Hebr. 2:12). Gemeinde ist der Raum, in dem der Erstgeborene Sohn unter seinen vielen Brüdern steht, den Vater offenbart und ihn preist. Sie ist die gemeinsame Gesamtheit derer, die aus Gott geboren sind, und die lebendige Umgebung, in der Christus seine Brüder um sich sammelt, um mit ihnen vor dem Vater zu stehen. Damit erhält Gemeinde eine zutiefst christologische Mitte: Sie entsteht nicht von uns her, sondern von ihm her.
Was ist die Gemeinde? Die Gemeinde ist die gemeinsame Gesamtheit der Brüder des Erstgeborenen Sohnes Gottes. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft zwölf, S. 133)
Paulus beschreibt dieselbe Wirklichkeit mit dem Bild des Leibes: Gott hat Christus „als Haupt über alles der Gemeinde gegeben, die Sein Leib ist, die Fülle dessen, der alles in allen erfüllt“ (Eph. 1:22–23). Die Gemeinde als Leib Christi ist kein Verein von Gleichgesinnten, sondern ein Organismus, in dem das Leben des Hauptes in alle Glieder hineinreicht. In diesem Organismus begegnen sich zwei verbundene Wirklichkeiten: Die göttliche Natur, die vom Vater durch den Geist in die vielen Söhne hineinströmt, und die erhöhte, gereifte menschliche Natur, die Christus als Erstgeborener vor den Vater gebracht hat. Hier werden wir, wie Petrus sagt, zu „Teilhabern der göttlichen Natur“ (2.Petr. 1:4), ohne unsere Menschlichkeit zu verlieren; vielmehr gewinnt unsere Menschlichkeit in dieser Gemeinschaft neue Tiefe und Würde.
Wenn Christus „inmitten der Gemeinde“ den Namen des Vaters kundtut, geschieht mehr als eine Belehrung. Er öffnet die Wirklichkeit des Vaters als Quelle und Ziel allen Gemeindelebens. Je tiefer der Vater in seiner Güte, Heiligkeit und Treue erkannt wird, desto mehr wird das Miteinander der Brüder geprägt. Der Lobpreis, von dem der Hebräerbrief spricht, ist darum nicht bloß unser Lied für Gott, sondern zugleich das Lied Christi zum Vater, in das wir einstimmen dürfen. Unser Singen, unser Beten, unser Hören wird so zu einem Ort, an dem Christus selbst Gott preist und wir Teil seines Lobes werden. Die Gemeinde ist damit nicht nur Adressatin göttlicher Offenbarung, sondern Mitwirkende im Lob des Sohnes an den Vater.
Diese Sicht der Gemeinde bewahrt vor Enttäuschung und Überforderung. Wenn sie Leib Christi ist, hängt ihr Wert nicht an der äußeren Stärke, Zahl oder Perfektion ihrer Glieder, sondern an der Gegenwart des Hauptes. Dort, wo Brüder und Schwestern als viele Söhne Gottes im Vertrauen zusammenkommen, wo Christus Raum bekommt, den Vater zu offenbaren und zu preisen, dort geschieht Gemeinde – unscheinbar oder sichtbar, mit großer oder kleiner Zahl, aber immer getragen vom gleichen Leben. Gerade im Alltag, mit seinen Begrenzungen und Unvollkommenheiten, zeigt sich dann, wie kostbar dieser Leib ist: als Ort, an dem göttliches Leben unter Menschen Gestalt annimmt.
indem Er sagt: “Ich will Deinen Namen Meinen Brüdern kundtun; inmitten der Gemeinde will Ich Dir lobsingen.” (Hebr. 2:12)
Und Er hat alles Seinen Füßen unterworfen und hat Ihn als Haupt über alles der Gemeinde gegeben, die Sein Leib ist, die Fülle dessen, der alles in allen erfüllt. (Eph. 1:22-23)
Wer die Gemeinde als Leib Christi und als Versammlung der vielen Söhne und Brüder sieht, lernt sie nicht primär nach äußeren Maßstäben zu beurteilen, sondern nach der Frage, ob Christus in ihrer Mitte den Vater offenbaren und preisen kann; so wächst eine liebevollere, hoffnungsvollere Haltung zu der konkreten Gemeinde, in die Gott einen gestellt hat.
Vater, wir danken Dir, dass Du uns in Deiner Liebe vor Grundlegung der Welt zur Sohnschaft bestimmt und in der Zeit durch Deinen Geist neu geboren hast. Herr Jesus, Erstgeborener Sohn, wir staunen darüber, dass Du uns Deine Brüder nennst und uns an Deinem Auferstehungsleben und Deiner Natur teilhaben lässt. Stärke in uns die Gewissheit, dass wir Deine vielen Söhne sind, auch wenn unsere Umstände schwach erscheinen, und richte unseren Blick auf die Vollendung unserer Sohnschaft, wenn auch unser Leib erlöst sein wird. Baue Deine Gemeinde als lebendigen Leib, in dem der Vater durch Dich, Herr Jesus, inmitten Deiner Brüder erkannt und gelobt wird. Lass unsere Herzen und unseren Mund zu einem Ort werden, an dem Dein Lob nicht verstummt und Deine Gegenwart spürbar ist. Erfülle Deine Gemeinde mit Hoffnung, damit sie als Familie Gottes in dieser Welt leuchtet, bis wir Dich von Angesicht zu Angesicht sehen. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Hebrews, Chapter 12