Das Wort des Lebens
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Heilige Brüder und Teilhaber der himmlischen Berufung

11 Min. Lesezeit

Manche Christen haben das Gefühl, das Evangelium laute im Kern: Gott vergibt dir, damit du einmal in den Himmel kommst. Hebräer 3 öffnet jedoch einen viel weiteren Horizont: Gott ruft Menschen nicht nur aus der Schuld heraus, sondern hinein in eine neue Identität und eine neue Wirklichkeit – als heilige Brüder des Erstgeborenen Sohnes Gottes und als Teilhaber einer himmlischen Berufung mitten im Alltag.

Heilige Brüder – unsere neue Identität in Christus

Wenn der Hebräerbrief uns mit den Worten anspricht: „Daher, heilige Brüder, Teilhaber der himmlischen Berufung, betrachtet den Apostel und Hohenpriester unseres Bekenntnisses, Jesus“ (Hebr. 3:1), öffnet sich ein weiter Horizont. Diese Anrede setzt alles voraus, was zuvor entfaltet wurde: Der ewige Sohn Gottes ist in unsere Menschlichkeit hinabgestiegen, hat „den Tod für alle geschmeckt“ (Hebr. 2:9), ist als Stellvertreter unter die Last der Sünde gegangen und in der Kraft Gottes aus dem Grab hervorgekommen. In dieser Auferstehung hat er nicht nur ein neues Kapitel für sich selbst aufgeschlagen, sondern „viele Söhne zur Herrlichkeit geführt“ (Hebr. 2:10). Aus verlorenen Sündern sind Angehörige einer neuen Familie geworden. Wenn der Geist Gottes uns „heilige Brüder“ nennt, ist das nicht ein frommer Ehrentitel, sondern eine Beschreibung dessen, was Gott real in uns gewirkt hat.

Die Bezeichnung „heilige Brüder“ weist auf zwei Hauptpunkte hin: dass wir heilig sind und dass wir Brüder sind. Wir sind nicht nur Brüder, sondern heilige Brüder. … In Kapitel 2 sehen wir, dass die Brüder, die in der Auferstehung des Herrn hervorgebracht wurden, sich im Prozess der Heiligung befinden. Deshalb sind wir heilige Brüder. Wir sind nicht nur sündenlos vollkommen, sondern göttlich heilig. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft vierzehn, S. 154)

Heilig bedeutet in diesem Zusammenhang mehr als moralisch unauffällig oder religiös bemüht. Heilig heißt Gott gehörig, von ihm beansprucht, von seiner Natur gekennzeichnet. Petrus fasst das so: Gott hat uns seine „kostbaren und überaus großen Verheißungen geschenkt, damit ihr durch diese Teilhaber der göttlichen Natur werdet“ (2. Petrus 1:4). Teilhaber der göttlichen Natur zu sein, ist eine tiefgreifende Aussage: Der Heilige selbst nimmt Wohnung in Menschen, die von Natur aus fern und widerständig waren, und beginnt sie von innen her zu durchdringen. So wie Wasser, in das Tee gelegt wird, nicht nur äußerlich mit Tee in Berührung kommt, sondern nach und nach vom Teecharakter erfüllt wird, so „heiligte“ uns Christus nicht nur einmal am Rand unseres Lebens, sondern beginnt, Denken, Wünschen und Lieben mit dem Duft seiner Heiligkeit zu prägen.

Diese neue Identität ist zugleich familiär und königlich. Brüder zu sein heißt: Wir stehen nicht mehr isoliert vor Gott, sondern in einer von Christus gestifteten Verbundenheit. Er selbst schämt sich nicht, uns Brüder zu nennen (Hebr. 2:11). Und weil er der Erstgeborene unter vielen Brüdern ist, tragen wir in uns dasselbe Leben, das in ihm ist – nicht in seiner Göttlichkeit, wohl aber in der von ihm geschenkten Neugeburt. Als heilige Brüder sind wir Erben einer „so großen Errettung“ (Hebr. 2:3), Glieder eines Leibes, der nur in der Auferstehungswirklichkeit existiert. Die Sklaverei der Sünde ist nicht mehr unsere eigentliche Adresse; wir gehören in die Nähe des Thrones Gottes.

Gerade darin liegt eine leise, aber starke Ermutigung: Die Heiligkeit, zu der wir berufen sind, beruht nicht zuerst auf unserer Anstrengung, sondern auf einer bereits geschenkten Zugehörigkeit. Gott ruft uns nicht von außen zu einem Maßstab, den wir mühsam erreichen müssten; er teilt uns ein Leben mit, das sich nach und nach ausdrücken will. Wenn der Hebräerbrief uns „heilige Brüder“ nennt, nimmt er uns in eine Perspektive hinein, in der unser Alltag – so bruchstückhaft er auch sein mag – vor dem Hintergrund einer großen göttlichen Würde steht. Aus dieser Würde erwächst eine stille Motivation: nicht aus Angst, etwas zu verlieren, sondern aus Dankbarkeit für das, was wir schon sind. Inmitten von Routinen und Kämpfen bleibt dieser Ruf stehen: Du gehörst zur königlichen Familie Gottes; dein Leben darf mehr und mehr zu dem passen, was Gott bereits in dir begonnen hat.

Daher, heilige Brüder, Teilhaber der himmlischen Berufung, betrachtet den Apostel und Hohenpriester unseres Bekenntnisses, Jesus, (Hebr. 3:1)

wir sehen aber den, der ein wenig unter die Engel erniedrigt war, Jesus, wegen des Todesleidens mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt, damit er durch Gottes Gnade für alle den Tod schmeckte. (Hebr. 2:9)

Die Anrede „heilige Brüder“ lädt ein, die eigene Geschichte nicht mehr primär über Versagen, Schwäche oder Leistung zu definieren, sondern über Gottes Zuspruch und seine Neuschöpfung in Christus. Wer sich im Licht dieser Identität betrachtet, entdeckt, dass Heiligung kein fremdes Korsett ist, sondern der Weg, auf dem das geschenkte göttliche Leben Gestalt gewinnt. So wird der Alltag zur Lernzeit in der Familie Gottes, nicht zum Dauertest unter Drohung.

Partner des Gesalbten – Anteil an Christi Auftrag und Salbung

Der Hebräerbrief zeichnet Christus vor allem im ersten Kapitel als den von Gott eingesetzten und gesalbten Erben. Über ihn heißt es: „Du hast Gerechtigkeit geliebt und Gesetzlosigkeit gehasst; darum hat dich, o Gott, dein Gott gesalbt mit Öl der Freude mehr als deine Gefährten“ (Hebr. 1:9). Diese Gefährten sind nicht bloß Zuschauer am Rand, sondern Menschen, die in Gottes Plan an der Seite des Gesalbten stehen. Christus ist der Sohn, den der Vater zum Erben aller Dinge bestimmt hat (Hebr. 1:2), und die, die er erlöst hat, werden als seine „Mitpartner“ sichtbar – Teilhaber an seinem Auftrag, an seiner Freude und an seiner Salbung.

In Gottes Ökonomie ist Christus derjenige, den Gott eingesetzt hat, um Seinen Plan auszuführen, und wir sind Christi Teilhaber an dem göttlichen Interesse. Er wurde von Gott gesalbt, und wir haben Anteil an Seiner Salbung zur Erfüllung von Gottes Vorsatz. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft vierzehn, S. 155)

Salbung in der Schrift bedeutet: jemand wird von Gott öffentlich bestätigt und innerlich befähigt, einen bestimmten Dienst zu erfüllen. Im Alten Testament wurden Propheten, Priester und Könige mit Öl gesalbt, um zu zeigen, dass Gottes Geist über ihrem Dienst ruht. In Christus bündelt sich alles: Er ist der endgültige Gesalbte, der Messias, den Gott eingesetzt hat, seinen ewigen Vorsatz auszuführen. Wenn wir hören, dass wir seine Gefährten, seine Partner sind, dann heißt das: Wir stehen in die Nähe seines Auftrags gerufen. Der Geist, durch den er gesalbt wurde, ist derselbe Geist, der uns gegeben ist. Paulus beschreibt dies mit den Worten: „damit der Segen Abrahams in Christus Jesus zu den Heiden käme, damit wir die Verheißung des Geistes durch den Glauben empfangen könnten“ (Galater 3:14). Die empfangene Verheißung des Geistes ist die innere Seite dieser Partnerschaft.

Partner des Gesalbten zu sein, bedeutet nicht, neben Christus ein eigenes Projekt zu verfolgen, sondern sich in seinen Blick und seine Interessen hineinnehmen zu lassen. Er ist der „Führer der Errettung“ (Hebr. 2:10), der vorausgeht, und wir sind die, die ihm folgen und in seinem Sinn handeln. Sein Hoherpriesterdienst hört dabei nicht auf, sobald wir beauftragt werden; im Gegenteil, gerade als Hoherpriester teilt er uns fortwährend sein Leben, seine Einsicht und seine Liebe mit. So wächst eine geistliche Sensibilität: Was dient seiner Ehre? Was widerspricht seinem Wesen? Im Licht dieser Fragen verlieren manche alten Muster der Selbstbehauptung oder Gleichgültigkeit ihre Selbstverständlichkeit.

In dieser Sichtweise bekommt selbst das unscheinbare Tun einen neuen Klang. Ein Wort der Ermutigung, ein geduldiges Aushalten, ein treues, verborgenes Dienen – all das steht nicht isoliert für sich, sondern ist Ausdruck einer geteilten Salbung. Wenn Christus der von Freude gesalbte Sohn ist, der trotz Leid seiner Berufung treu blieb, dann strahlt etwas von dieser Freude in die Herzen derer, die an seiner Seite stehen. Es mag Zeiten geben, in denen diese Partnerschaft mehr Last als Vorrecht zu sein scheint. Gerade dann lohnt die Erinnerung: Nicht wir tragen seine Sache auf unseren Schultern, sondern er trägt uns in seinem Dienst. Aus dieser Gewissheit wächst eine stille Freiheit, den eigenen Weg im Licht seines Auftrags zu gehen – nicht als Angestellte in einem Unternehmen Gottes, sondern als Partner des Gesalbten, die in seiner Freude und seiner Kraft stehen.

Du hast Gerechtigkeit geliebt und Gesetzlosigkeit gehasst; darum hat dich, o Gott, dein Gott gesalbt mit Öl der Freude mehr als deine Gefährten. (Hebr. 1:9)

in den letzten Tagen hat er zu uns geredet im Sohn, den er zum Erben aller Dinge eingesetzt hat, durch den er auch die Weltzeiten gemacht hat. (Hebr. 1:2)

Die Erkenntnis, Partner des Gesalbten zu sein, weitet den Blick über die Grenzen der eigenen kleinen Welt hinaus. Wer so zu denken beginnt, entdeckt, dass Entscheidungen, Worte und Prioritäten Teil einer größeren Geschichte sind, die Christus mit seiner Gemeinde schreibt. Diese Perspektive entlastet vom Druck, alles selbst sichern zu müssen, und schenkt zugleich eine neue Ernsthaftigkeit: Was aus seiner Salbung geschieht, bleibt; was nur aus eigener Energie kommt, verliert an Gewicht. So wird das tägliche Leben leise, aber spürbar in die Richtung seines Auftrags verschoben.

Teilhaber der himmlischen Berufung – ein Leben aus der kommenden Welt

Wenn der Hebräerbrief uns „Teilhaber der himmlischen Berufung“ nennt (Hebr. 3:1), stellt er unser Leben in einen Doppelbezug: Von woher wir gerufen werden, und wohin dieser Ruf zielt. Im Alten Testament stand Israel unter einer vorwiegend irdischen Berufung: ein Land, ein Tempel, sichtbare Segnungen. Im Neuen Bund ist der Horizont weiter und tiefer. Gott ruft aus den Himmeln heraus und hin auf alles, was himmlisch ist: auf einen himmlischen Christus, eine himmlische Stadt, ein himmlisches Erbe. Paulus fasst es so: „Denn unser Gemeinwesen befindet sich in den Himmeln, von wo wir auch sehnlichst den Retter erwarten, den Herrn Jesus Christus“ (Philipper 3:20). Die Zugehörigkeit ist himmlisch, auch wenn der Schauplatz unseres Lebens noch irdisch ist.

In Gottes Ökonomie, in Seiner vollständigen Errettung, sind wir von Gott aus den Himmeln heraus berufen worden und zu allem berufen, was himmlisch ist. Daher ist diese Berufung eine himmlische Berufung. Alles darin hat eine himmlische Natur. Wir, die heiligen Brüder, sind Teilhaber einer solchen himmlischen Berufung. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft vierzehn, S. 160)

Christus selbst ist der Mittelpunkt dieser Berufung. Er hat die Himmel durchschritten, sitzt zur Rechten der Majestät in der Höhe und wirkt von dort aus als Hoherpriester mit himmlischen Ressourcen. Seine Gegenwart ist nicht fern und abstrakt, sondern die Quelle eines Lebens, das bereits jetzt von der kommenden Welt geprägt ist. Zu dieser himmlischen Berufung gehört, dass unsere Namen in den Himmeln eingeschrieben sind und dass wir einen Vorgeschmack der himmlischen Gabe empfangen: Vergebung, Gerechtigkeit, Frieden, Freude im Heiligen Geist und das eigene Leben Gottes. In 1. Mose wird Abraham in ein Land gerufen, das er noch nicht kennt, und doch richtet sich sein Zelt bereits auf dieses unsichtbare Erbe aus. Ähnlich leben Teilhaber der himmlischen Berufung heute: Sie sind noch unterwegs, aber ihr innerer Schwerpunkt befindet sich schon „oben“, wo Christus ist.

Diese Berufung bleibt nicht ohne Folgen für unser Miteinander und unseren inneren Weg. Wer Teilhaber an einer himmlischen Berufung ist, lernt, dass Gott ihn nicht nur beruft, sondern auch erzieht. Später heißt es im Hebräerbrief, dass wir an seiner Heiligkeit teilhaben sollen und dass seine Zucht „zum Nutzen“ geschieht (Hebr. 12:10). Die Wege, die Gott führt, sind nicht selten rauer als erwartet, doch sie haben eine himmlische Signatur: Sie zielen nicht auf kurzfristige Erleichterung, sondern auf eine Reifung, die zu seiner Herrlichkeit passt. Teilhaber der himmlischen Berufung tragen daher eine doppelte Spur: Sie sind durch Gottes Geist innerlich geheiligt und durch Gottes Hand äußerlich geformt.

In dieser Spannung zwischen Himmel und Erde wächst etwas Kostbares: eine stille Freiheit gegenüber dem, was vergänglich ist, und eine wachsende Empfänglichkeit für das, was bleibend ist. Die himmlische Berufung bedeutet nicht Weltflucht, sondern eine neue Sicht auf die Welt. Arbeit, Beziehungen, Freude und Leid verlieren nicht an Bedeutung, aber sie werden eingewoben in ein größeres Ziel. Das kann Mut schenken, wenn vieles brüchig wirkt: Der Ruf Gottes kommt aus einer Welt, die nicht erschüttert werden kann, und er führt in diese Welt hinein. Wer sich als Teilhaber einer solchen Berufung weiß, darf damit rechnen, dass kein Weg und kein Kampf vergeblich ist, den Gott in dieses Ziel einspannt. So wird die Hoffnung der kommenden Welt zur leisen, tragenden Kraft im Heute.

Daher, heilige Brüder, Teilhaber der himmlischen Berufung, betrachtet den Apostel und Hohenpriester unseres Bekenntnisses, Jesus, (Hebr. 3:1)

Denn unser Gemeinwesen befindet sich in den Himmeln, von wo wir auch sehnlichst den Retter erwarten, den Herrn Jesus Christus, (Phil. 3:20)

Die himmlische Berufung macht aus einem rein funktionalen Alltag einen Weg, der auf ein klares Ziel zuläuft. Sie relativiert nicht die Mühen und Freuden der Gegenwart, sondern stellt sie in einen größeren Zusammenhang: Wir leben auf eine Stadt zu, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist. Diese Perspektive nimmt der Gegenwart den absoluten Anspruch und gibt ihr zugleich Wert – als Teil eines Weges, den Gott selbst in Richtung seiner Herrlichkeit führt.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Hebrews, Chapter 14

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