Der Anführer der Errettung (1)
Viele Christinnen und Christen verbinden „Herrlichkeit“ vor allem mit Glanz, Licht und überwältigenden Gefühlen. Doch je länger man mit Christus lebt, desto deutlicher spürt man, dass Gottes Herrlichkeit tiefer reicht als jede äußere Atmosphäre: Sie hängt mit einem inneren Wachstum, mit Kämpfen, Leiden und einem verborgenen Werk Gottes in uns zusammen. Der Hebräerbrief zeigt Jesus nicht nur als Retter, sondern als Anführer, der selbst den Weg durch Leiden in die Herrlichkeit gegangen ist – und der uns auf genau diesem Weg vorausgeht.
Herrlichkeit – das Aufblühen des göttlichen Lebens in uns
Herrlichkeit ist in der Schrift kein äußerer Glanz, der von außen auf einen Menschen fällt, sondern die Reife dessen, was Gott selbst in ihn hineingelegt hat. Wenn Jesus auf dem Berg umgestaltet wurde, heißt es von ihm: „Und er wurde vor ihnen umgestaltet, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Gewänder wurden weiß wie das Licht“ (Mt. 17:2). Dieses Leuchten kam nicht aus einer fremden Quelle; es war das innere göttliche Leben des Sohnes, das an der Oberfläche sichtbar wurde. Die Herrlichkeit ist die Offenbarung der verborgenen Fülle Gottes, die bis dahin gewissermaßen im Verborgenen gearbeitet hat. So wie eine Pflanze lange unauffällig wächst, bis eines Tages die Blüte aufgeht, so wirkt das Leben Gottes im Verborgenen, bis ein Augenblick kommt, in dem sichtbar wird, was schon lange inwendig gewachsen ist.
Die Herrlichkeit lässt sich gut am Beispiel einer Nelke veranschaulichen. Der Samen einer Nelkenpflanze ist sehr klein. Wenn man diesen Samen in die Erde sät, wächst er heran, bis er schließlich zur Blüte kommt. Wenn die Nelke blüht, ist das ihre Verherrlichung. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft neun, S. 101)
In der Wiedergeburt hat Gott diesen Keim der Herrlichkeit in uns hineingelegt. Paulus fasst es in einem einzigen dichten Satz zusammen: Christus ist „Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit“ (so heißt es in Kol. 1:27). Die Herrlichkeit liegt also nicht jenseits unserer Existenz, irgendwo in einer fernen himmlischen Sphäre, sondern sie wohnt in der Person Christi, die in uns Wohnung genommen hat. Zugleich sind wir erst am Anfang dieses Weges; was in uns ist, will wachsen, sich ausbreiten, unseren Verstand, unsere Gefühle, unsere Entscheidungen durchdringen. Auf dem Weg dahin erleben wir Spannungen, innere Kämpfe, Einbrüche und neues Aufstehen. Gerade das ist der Raum, in dem das göttliche Leben sich bewähren und aus dem Verborgenen hervortreten kann.
Von Gottes Seite ist diese Herrlichkeit der Zielpunkt seines ewigen Vorsatzes. Von unserer Seite ist sie ein sehr persönlicher Weg, der durch viele unscheinbare Schritte führt. Oft ist Herrlichkeit da, wo wir sie am wenigsten erwarten: in einem still hingenommenen Unrecht, in einer verborgenen Treue, in einem unscheinbaren Gehorsam, durch den Christus in uns etwas mehr Freiheit gewinnt. Darin liegt ein tiefer Trost: Die Vollendung, zu der Gott uns führt, ist nicht ein unerreichbares Ideal, sondern die Entfaltung eines Lebens, das er selbst in uns gepflanzt hat. Darum darf der Blick nach vorne von Hoffnung geprägt sein. Was heute noch wie ein verschlossener Knospenstand aussieht, trägt in sich schon das Bild der vollen Blüte. Und der, der das Leben gesät hat, wird es auch zur Herrlichkeit führen, bis wir mit Christus sagen können: „Und ich habe die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, ihnen gegeben, damit sie eins seien, so wie wir eins sind“ (Joh. 17:22).
Die Wahrnehmung, dass Herrlichkeit mit Wachstum zu tun hat, befreit von dem Druck, sofort vollkommen wirken zu müssen. Sie lädt dazu ein, das leise, beharrliche Wirken Gottes im Inneren ernst zu nehmen, ohne es zu dramatisieren. Was Gott begonnen hat, bleibt nicht in der Knospe. Sein Ziel mit uns ist nicht, einige fromme Leistungen zu sammeln, sondern dass Christus Gestalt gewinnt und sichtbar wird. In diesem Licht werden selbst unscheinbare Tage und unspektakuläre Phasen bedeutsam. Auf ihnen ruht die Verheißung, dass aus dem Kleinen, aus dem Verborgenen, aus dem oft Kämpferischen etwas aufblühen wird, das den Stempel Gottes trägt. So kann man seinen eigenen Weg nüchtern und zugleich zuversichtlich betrachten: als eine Geschichte der verborgenen Herrlichkeit, die darauf wartet, sich zu zeigen.
Und er wurde vor ihnen umgestaltet, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Gewänder wurden weiß wie das Licht. (Mt. 17:2)
Und ich habe die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, ihnen gegeben, damit sie eins seien, so wie wir eins sind; (Joh. 17:22)
Wer Herrlichkeit als Aufblühen des göttlichen Lebens versteht, kann die eigene Unreife ehrlich sehen, ohne zu verzweifeln. Das tägliche Ja zum Wirken Christi im Inneren – in Entscheidungen, Beziehungen und verborgenen Haltungen – wird so zu einer leisen, aber realen Mitwirkung an dem Weg, auf dem Gott die in uns angelegte Herrlichkeit zur Entfaltung bringt.
Der Anführer der Errettung – Jesus, der Pionier in die Herrlichkeit
Jesus wird im Hebräerbrief „Anführer der Errettung“ genannt. In diesem Bild steckt mehr als der Gedanke eines Retters, der aus Gefahr herauszieht; es ist die Gestalt eines Pioniers, der einen noch unbetretenen Weg bahnt. Gott hat beschlossen, „viele Söhne in die Herrlichkeit zu führen“, und dafür brauchte es den Einen, der als Erster den vollen Weg des Menschen vor Gott durchmessen sollte – mit allen Spannungen, Versuchungen und Leiden. Über diesen Weg des Messias heißt es: „Musste der Christus nicht diese Dinge erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen?“ (Lk. 24:26). Die Herrlichkeit ist hier nicht der Ausgleich für ein schweres Leben, sondern der Zielpunkt eines Weges, der durch Leiden hindurchführt.
Ein Hauptmann ist ein Anführer, der eine Gruppe von Menschen an einen bestimmten Ort führt. Wohin führt uns dieser Hauptmann? Er führt uns in die Herrlichkeit. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft neun, S. 100)
Als ewiger Sohn war Christus in seinem Wesen vollkommen; dennoch spricht die Schrift davon, dass er durch Leiden „vollendet“ wurde – nicht im Sinn moralischer Verbesserung, sondern indem er in der konkreten Wirklichkeit menschlicher Geschichte für seine Aufgabe völlig tauglich gemacht wurde. Er lernte Gehorsam im Widerstand, Treue in der Verlassenheit, Vertrauen im Dunkel. So wurde er zum Anführer, der nicht vom sicheren Rand aus Anweisungen ruft, sondern die Tiefe des Stromes selbst durchschritten hat. Sein Kreuz und seine Auferstehung sind nicht nur Ereignisse vergangener Zeit, sie sind der von Gott eröffnete Übergang in die Herrlichkeit, den es vorher so nicht gab.
Wenn der Hebräerbrief Jesus den „Erstgeborenen unter vielen Brüdern“ nennt, wird deutlich, dass er nicht für sich allein in diese Herrlichkeit eingegangen ist. Sein Weg ist der Weg der Familie Gottes geworden. Der Anführer der Errettung steht gewissermaßen schon auf der anderen Seite des Jordan, doch er bleibt zugleich mitten im Zug seiner Brüder und Schwestern gegenwärtig. Seine Führung ist nicht nur Beispiel, sondern Gegenwart: Er geht voran und wohnt zugleich in denen, die ihm nachfolgen. Wer mit ihm verbunden ist, wird von demselben Leben durchdrungen, das ihn durch Kreuz und Auferstehung getragen hat.
Darum ist die Vorstellung eines im Himmelthron sitzenden Christus ohne Verbindung zu unserem realen Weg zu kurz gegriffen. Der erhöhte Herr ist der, der den Kampf kennt und ihn als Sieger durchstanden hat. In ihm haben Gelähmtheit, Ausweichen und Resignation nicht das letzte Wort. Wer sich an ihm ausrichtet, stellt sich unter die Führung dessen, der weiß, wie es ist, wenn Angst, Verlust oder Unverständnis den Weg verengen – und der dennoch die Herrlichkeit am Ende sieht. In dieser Gewissheit kann der eigene Weg neu gelesen werden: nicht als zufällige Kette von Umwegen, sondern als Teil einer größeren Bewegung, in der der Sohn Gottes viele Söhne und Töchter mit sich in die Herrlichkeit hineinführt.
Musste der Christus nicht diese Dinge erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen? (Lk. 24:26)
Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.
Leiden als Weg in die Herrlichkeit
Leiden erscheinen zunächst als Unterbrechung des Lebens, als Bruch in dem, was wir uns wünschen oder planen. Im Licht der Schrift bekommen sie jedoch eine andere Kontur. Wenn Gott „viele Söhne in die Herrlichkeit“ führt, greift er sich nicht nur die hellen, scheinbar erfolgreichen Phasen heraus, sondern webt gerade die schweren Abschnitte in seinen Weg mit ein. Der Exoduserzählung ist das tief eingeschrieben. Israel war aus der Knechtschaft Ägyptens befreit, und doch führt der Weg nicht direkt in ein ruhiges, fruchtbares Land, sondern in eine Folge von Bedrohungen, Umwegen und Kämpfen. „Und der Engel Gottes, der vor dem Heer Israels herzog, brach auf und trat hinter sie; und die Wolkensäule vor ihnen brach auf und stellte sich hinter sie“ (2.Mose 14:19). Gottes Gegenwart ist nicht nur im Triumphzug vor ihnen, sondern auch als Schutz im Rücken, mitten in der Bedrängnis.
Als die Kinder Israels in das Land Kanaan hineinkamen, begannen sie zu blühen. Das war ihre Herrlichkeit. Diese Blütezeit war zugleich eine Kampfzeit, denn sie begannen fast unmittelbar nach ihrem Eintritt in das gute Land zu kämpfen. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft neun, S. 102)
Wenn Israel schließlich das gute Land erreicht, beginnt eine neue Phase ihrer Geschichte: Sie „blühen“ dort auf, und doch ist diese Blüte eng mit Kampf verknüpft. Wo Gottes Verheißung Boden gewinnt, regt sich Widerstand. Wo sich das, was Gott in sein Volk hineingelegt hat, entfaltet, wird es angefochten. Das ist kein Ausrutscher der Geschichte, sondern ein Muster, das sich auch im Leben Jesu selbst zeigt. Sein Weg zur Herrlichkeit war kein Umgehen des Leidens, sondern führte durch Ablehnung, Unrecht und Kreuz. „Musste der Christus nicht diese Dinge erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen?“ (Lk. 24:26). Gerade dieses „musste“ macht deutlich: Das Leiden ist in Gottes Hand nicht blinder Zufall, sondern Teil eines Weges, auf dem Herrlichkeit hervortreten soll.
Übertragen auf unser Leben bedeutet das: Die Wiedergeburt markiert den Anfang eines Weges, auf dem das göttliche Leben in uns Gestalt gewinnt. Dieser Weg geht durch Spannungen, innere Konflikte, äußere Krisen. In ihnen geht es nicht darum, Leid zu verklären oder Schmerz zu romantisieren, sondern darin Gottes tragende Gegenwart wiederzufinden. Der Hebräerbrief beschreibt Jesus als Hohenpriester, der mitfühlt, weil er selbst versucht und geprüft wurde wie wir. So werden unsere Prüfungen, wie widersprüchlich sie sich auch anfühlen, zu Stationen, an denen das in uns gesäte Leben Christi sich tiefer verwurzeln und sichtbarer werden kann.
Das nimmt dem Leiden nicht seine Schwere, aber es gibt ihm einen Horizont. Wer seine Geschichte mit Gott im Rückblick betrachtet, entdeckt oft gerade an den gebrochenen Stellen eine neue Tiefe, eine andere Art von Weichheit, eine gewachsene Klarheit. Herrlichkeit ist dann nicht das Glattpolieren aller Risse, sondern das Aufleuchten der Treue Gottes mitten darin. Unter der Führung des Anführers der Errettung müssen die dunklen Täler nicht das letzte Wort behalten. Sie können zu Wegen werden, auf denen Gottes unsichtbares Wirken sichtbarer wird und das Leben, das er in uns gesät hat, ein wenig mehr aufblüht.
Relevante Schriftstellen: Hebr. 2:10; Hebr. 2:18; Hebr. 4:15–16; 2.Mose 14:19–24; 1.Kön. 8:10; Röm. 8:28.
Diese Einsicht ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.
Herr Jesus Christus, Anführer unserer Errettung, danke, dass du den Weg durch Leiden und Tod hindurch in die Herrlichkeit für uns freigekämpft hast. Du kennst unsere Kämpfe, unsere verborgenen Fragen und unsere Müdigkeit, und doch führst du uns geduldig weiter auf dem Weg, den du selbst gegangen bist. Stärke in uns das Vertrauen, dass dein göttliches Leben, das als Same der Herrlichkeit in uns liegt, durch alle Umstände hindurch zur Entfaltung kommt. Lass uns deine Gegenwart mitten in unseren Leiden erfahren und erfülle unsere Blickrichtung neu mit der Gewissheit, dass du viele Söhne in die Herrlichkeit bringst und dein Werk in uns vollenden wirst. Möge dein Geist uns innerlich trösten, unsere Hoffnung erneuern und uns im Stillen bezeugen, dass keiner unserer Schritte vergeblich ist, wenn du unser Führer bist. Zu deiner Ehre und zu unserer bleibenden Freude bewahre uns auf diesem Weg in die Herrlichkeit. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Hebrews, Chapter 9