Das Wort des Lebens
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Jesus in Menschwerdung, Kreuzigung, Auferstehung, Verherrlichung und Erhöhung

12 Min. Lesezeit

Viele Christen kennen die Begriffe Menschwerdung, Kreuzigung, Auferstehung, Verherrlichung und Erhöhung aus Glaubensbekenntnissen oder Festtagen, aber oft stehen diese Stationen eher nebeneinander als dass ihr innerer Zusammenhang sichtbar wird. Hebräer 2 bietet einen dichten Überblick, in dem all diese Aspekte auf engstem Raum miteinander verknüpft werden und deutlich wird, wie tief Gott gedacht und geplant hat. Wer diesen biblischen Faden aufnimmt, entdeckt, dass hinter dem Weg Jesu nicht nur unsere persönliche Vergebung steht, sondern Gottes große Absicht, uns als viele Söhne in seine Herrlichkeit hineinzunehmen.

Jesus wird uns gleich – die Tiefe der Menschwerdung

Wenn Hebräer 2 davon spricht, dass der Sohn „Blut und Fleisch“ teilte und „in allem den Brüdern gleich wurde“, öffnet sich eine Tiefe der Menschwerdung, die weit über ein bloßes heilsgeschichtliches Nothilfemanöver hinausgeht. Der ewige Sohn tritt nicht nur in unsere Geschichte ein, er nimmt unsere Natur an, mit all ihrer Schwachheit und Verletzbarkeit. Er wird kein scheinbarer, sondern wirklicher Mensch, mit einem Herzen, das schlägt, mit einem Körper, der müde wird, mit einer Seele, die Traurigkeit kennt. In der Sprache von Hebräer 2:14 heißt es, dass er an „denselben“ teilhat – er stellt sich nicht neben uns, sondern mitten unter uns. Schon im Garten nach dem Fall hatte Gott angekündigt, dass der „Same der Frau“ der Schlange den Kopf zermalmen werde. In 1. Mose 3:15 heißt es: „Und Ich werde Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dich am Kopf zermalmen, doch du wirst ihn an der Ferse zermalmen.“ Der, der hier verheißen wird, kommt nicht als fremdes Himmelswesen, sondern als echter Nachkomme der Frau, als einer von uns – und gerade so wird er zum Haupt der neuen Menschheit.

Eines Tages wurde der Sohn Gottes, unser Erretter und unser Gott, Seiner Natur nach genau so wie wir. Er wurde ein Mensch und hatte Anteil an unserem Blut und Fleisch. Das ist wunderbar. Wir haben keinen Erretter, der Seiner Natur nach anders ist als wir. Nein, unser Gott und Erretter wurde genau derselbe wie wir. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft acht, S. 90)

Damit verschiebt sich unser Blick auf Gott. Der mächtige Gott begegnet uns im menschlichen Gesicht Jesu, in einem Leben, das Hunger kennt, Versuchung erfährt, Tränen vergießt und dennoch ohne Sünde bleibt. Er wird „genau derselbe wie wir“, nicht, um die Distanz zwischen Erlöser und Erlösten zu betonen, sondern um sie aufzuheben. Wer zu ihm kommt, steht keinem abgehobenen Ideal, sondern einem Bruder und Erstgeborenen gegenüber, der den Weg vorangegangen ist und jede Dunkelheit von innen her kennt. In dieser Menschwerdung liegt eine leise, aber starke Ermutigung: Wir dürfen aufatmen vor einem Gott, der unsere Haut getragen hat, unsere Sprache spricht und unser Herz versteht. Die Menschwerdung legt ein Fundament des Vertrauens, auf dem Glaube nicht krampfhaft zustande kommen muss, sondern wie von selbst wächst – denn in Jesus streckt sich uns einer entgegen, der uns nähergekommen ist, als wir uns selbst je kennen werden.

Und Ich werde Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dich am Kopf zermalmen, doch du wirst ihn an der Ferse zermalmen. (1.Mose 3:15)

Denn was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch schwach war, das tat Gott: Er verdammte die Sünde im Fleisch, indem Er Seinen eigenen Sohn in der Gleichgestalt des Fleisches der Sünde und der Sünde wegen sandte, (Röm. 8:3)

Die Tatsache, dass der Sohn Gottes unser Blut und Fleisch teilte, lädt ein, die eigenen Grenzen, Schwächen und Verwundungen nicht länger als Hindernis für die Nähe Gottes zu sehen, sondern als die Orte, an denen Christus sich besonders mit uns verbunden hat. Wer sein Menschsein nicht mehr vor Gott verstecken muss, sondern es im Licht der Menschwerdung Jesu annimmt, findet einen neuen Mut, ehrlich zu sein und mit Vertrauen vor ihn zu treten. Aus dieser Ehrlichkeit wächst eine ruhige Gewissheit: Der Weg in die Sohnschaft führt nicht an unserer Menschlichkeit vorbei, sondern genau durch sie hindurch – mit dem Erstgeborenen an unserer Seite.

Das allumfassende Kreuz – Tod, Sünde, Teufel und Angst entmachtet

Hebräer 2 weitet den Blick auf das Kreuz so, dass es wie ein kosmischer Wendepunkt vor uns steht. Dort geht es nicht nur um unsere persönliche Schuld, so zentral sie ist, sondern um den ganzen Machtbereich von Tod, Sünde und Teufel. Der Text beschreibt Christus als den, der „den Tod für alles schmeckte“, damit Gott „durch den Tod den zunichtemachte, der die Macht des Todes hat, das ist den Teufel“ und „die befreite, die durch Todesfurcht das ganze Leben hindurch der Knechtschaft verfallen waren“ (vgl. Hebr. 2:9, 14–15). Das Kreuz ist damit Gericht und Befreiungsakt zugleich: Gericht über die Sünde, weil Gott in seinem Sohn die Sünde im Fleisch verurteilt; Befreiung für die Schöpfung, weil die Herrschaft des Todes ihren Anspruch verliert. 2. Timotheus 1:10 fasst es so: „jetzt aber durch das Erscheinen unseres Retters Christus Jesus offenbar geworden ist, der den Tod außer Kraft gesetzt und Leben und Unverderblichkeit ans Licht gebracht hat durch das Evangelium,“ – der Tod bleibt erfahrbar, aber er ist nicht mehr Herr.

Christus hat den Tod nicht nur für die Menschen geschmeckt, sondern für alles, für jedes Geschöpf. Hast du so etwas schon einmal gehört? Hast du je gehört, dass Christus den Tod für die Tiere geschmeckt hat? Wenn Christus nicht für alles den Tod geschmeckt hätte, wie hätte Gott dann alles mit Sich Selbst versöhnen können? In Kolosser 1:20 heißt es, dass Gott durch den Tod Christi alles mit Sich Selbst versöhnt hat. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft acht, S. 92)

Diese Weite des Kreuzes berührt auch die sichtbare und unsichtbare Welt. Wenn Christus den Tod „für alles“ schmeckt, dann zielt sein Werk auf eine Versöhnung, die tiefer reicht als die innere Befreiung einzelner Menschen. Die ganze Schöpfung, die unter der Last des Verderbens seufzt, wird in seinem Tod angesprochen. Darum kann von einer Versöhnung „aller Dinge“ die Rede sein, ohne die Ernsthaftigkeit des Gerichts zu relativieren. Das Kreuz entmachtet den Ankläger, und es entzieht der Todesangst die letzte Autorität. Für den Glaubenden entsteht daraus ein neuer Standort: nicht mehr unter der Drohung des Endes, sondern unter dem Zuspruch der vollbrachten Versöhnung. Das nimmt dem Tod nicht seine Schärfe, wohl aber seine Herrschaft, und es eröffnet ein Leben, das selbst im Angesicht der eigenen Vergänglichkeit von Freiheit, Dankbarkeit und Hoffnung geprägt sein darf.

Wenn die Schrift sagt, dass Christus den Tod außer Kraft gesetzt hat und Leben und Unverderblichkeit ans Licht bringt, wird ein weiter Horizont sichtbar, der über unsere momentanen Empfindungen hinausreicht. Die Weite des Kreuzes lädt ein, die eigenen Ängste vor Verlust, Scheitern und Ende im Licht dessen zu betrachten, der die Macht des Todes gebrochen hat. In dieser Perspektive kann selbst das, wovor wir am liebsten davonlaufen möchten, zu einem Raum werden, in dem die Freiheit der Kinder Gottes spürbar wird – nicht durch Stärke aus uns, sondern durch das stille Vertrauen auf den, der den Tod schon hinter sich hat und uns in dieser Freiheit mitzieht.

jetzt aber durch das Erscheinen unseres Retters Christus Jesus offenbar geworden ist, der den Tod außer Kraft gesetzt und Leben und Unverderblichkeit ans Licht gebracht hat durch das Evangelium, (2.Tim. 1:10)

Die allumfassende Kraft des Kreuzes ermutigt, die eigenen Erfahrungen von Schuld, Ohnmacht und Todesfurcht nicht mehr als letzte Wirklichkeit zu deuten. Wer sein Leben in den Horizont dieses Kreuzes stellt, beginnt zu entdecken, dass die alten Bindungen an Angst und Selbstanklage an Kraft verlieren, weil ihr Rechtstitel aufgehoben ist. Daraus wächst keine Leichtfertigkeit, sondern eine tiefe Gelassenheit: Das Letzte über mein Leben ist nicht das, was mir Angst macht, sondern der, der für alles den Tod geschmeckt hat und mich in die Freiheit der Versöhnten ruft.

Vom Leid zur Herrlichkeit – Söhne in der Auferstehung und Erhöhung

Der Weg Jesu endet nicht am Kreuz, sondern führt durch Auferstehung, Verherrlichung und Erhöhung in eine Herrlichkeit, an der wir Anteil bekommen sollen. Hebräer 2 beschreibt Christus als den, „um dessentwillen alle Dinge sind und durch den alle Dinge sind“, den Gott „durch Leiden hindurch zur Vollendung brachte, um viele Söhne in die Herrlichkeit zu führen“ (vgl. Hebr. 2:10–11). Der Auferstandene ist der Erstgeborene unter vielen Brüdern, und seine Auferstehung ist wie eine Geburt der neuen Familie Gottes. 1. Petrus 1:3 bezeugt: „Gesegnet sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach Seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten,“ – Auferstehung ist hier nicht nur ein Ereignis an Jesus, sondern der Ursprung unserer eigenen Neugeburt. Was im Sohn geschieht, wird zur Quelle eines neuen Lebens in vielen Söhnen.

Hebräer 2:11–12 zeigt, dass Christus in der Auferstehung viele Brüder hervorgebracht hat. Durch Seine Auferstehung sind wir wiedergeboren worden (1.Petr. 1:3). Sein Tod setzte das göttliche Leben aus Ihm frei, und Seine Auferstehung teilte uns das Leben Gottes mit, damit wir zu den vielen Söhnen Gottes und zu Seinen vielen Brüdern würden. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft acht, S. 95)

In dieser Perspektive gewinnt auch die Verherrlichung und Erhöhung Jesu Kontur. Hebräer 2:9 spricht von ihm als dem, der „mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt“ ist, nachdem er den Tod erlitten hat. Was der erste Mensch Adam durch Ungehorsam verspielt hat – die Berufung, mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt über Gottes Werke zu stehen –, nimmt der zweite Mensch in gehorsamer Liebe auf und führt es zum Ziel. Damit ist Jesus nicht nur unser Vorbild, sondern unser Repräsentant: In seiner Erhöhung wird der Platz der erneuerten Menschheit sichtbar. 2. Petrus 1:3–4 öffnet dazu den inneren Horizont: „weil Seine göttliche Kraft uns alles geschenkt hat, was zum Leben und zur göttlichen Lebensweise gehört, durch die völlige Erkenntnis dessen, der uns durch Seine eigene Herrlichkeit und Tugend berufen hat, durch welche Er uns die kostbaren und überaus großen Verheißungen geschenkt hat, damit ihr durch diese Teilhaber der göttlichen Natur werdet, die ihr dem Verderben entronnen seid, das durch die Begierde in der Welt ist.“ Auferstehung und Erhöhung sind nicht nur äußerer Triumph, sondern die Mitteilung eines Lebens, das an Gottes eigener Natur teilhaben lässt.

Wenn der Auferstandene seine Jünger „Brüder“ nennt und sagt: „Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater und zu meinem Gott und eurem Gott“ (Johannes 20:17), wird spürbar, wie persönlich diese Herrlichkeit gemeint ist. Der Weg von Leid und Schmach hin zur Krönung mit Herrlichkeit und Ehre ist kein exklusiver Königsweg, sondern der Pfad, auf dem Gott seine vielen Söhne nachzieht. Das gibt den eigenen Leiden und Spannungen eine neue Färbung: Sie stehen nicht gegen die Herrlichkeit, sondern auf der Linie zu ihr. In der Gemeinschaft mit dem erhöhten Herrn darf unser Blick wachsen – weg vom bloßen Ertragen des Augenblicks hin zu einer Hoffnung, die in ihm schon jetzt fest ist und in der zukünftigen Herrlichkeit voll aufgehen wird.

Aus dieser Sicht wird das Leben mit Christus zu einem Weg, auf dem die Spuren der Auferstehung auch mitten in der Schwachheit zu entdecken sind. Wer seine Geschichte mit der Geschichte Jesu verbindet, darf damit rechnen, dass Gott gerade durch Dunkelheiten hindurch an einer Herrlichkeit arbeitet, die wir uns jetzt kaum ausmalen können. So wächst eine stille Zuversicht: Kein Schmerz, kein verborgenes Ringen, kein unscheinbarer Gehorsam ist vergeblich, weil der Erstgeborene den Weg schon vollendet hat und uns als viele Söhne in dieselbe Herrlichkeit hineinziehen wird.

Gesegnet sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach Seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, (1.Petr. 1:3)

weil Seine göttliche Kraft uns alles geschenkt hat, was zum Leben und zur göttlichen Lebensweise gehört, durch die völlige Erkenntnis dessen, der uns durch Seine eigene Herrlichkeit und Tugend berufen hat, durch welche Er uns die kostbaren und überaus großen Verheißungen geschenkt hat, damit ihr durch diese Teilhaber der göttlichen Natur werdet, die ihr dem Verderben entronnen seid, das durch die Begierde in der Welt ist. (2.Petr. 1:3-4)

Die Verbindung mit dem auferstandenen und erhöhten Christus stellt den Alltag unter das Vorzeichen einer kommenden Herrlichkeit, ohne die Gegenwart zu verklären oder zu verdrängen. Wer seine Hoffnungen, Enttäuschungen und Leiden im Licht dessen betrachtet, der als Anführer der Rettung durch Leiden zur Vollendung gegangen ist, findet einen neuen inneren Maßstab: Das Entscheidende liegt nicht darin, wie erfolgreich oder gescheitert ein Lebensabschnitt erscheint, sondern darin, dass Gott ihn in die große Bewegung hineinwebt, viele Söhne in die Herrlichkeit zu führen. Diese Perspektive schenkt eine Hoffnung, die nicht laut sein muss, aber trägt – bis dorthin, wo wir das, was wir jetzt glauben, in der Vollendung sehen werden.


Herr Jesus Christus, du ewiger Sohn Gottes, der du unser Blut und Fleisch geteilt hast, danke, dass du so tief zu uns herabgekommen bist, um uns ganz nahe zu sein. Danke für dein allumfassendes Kreuz, durch das du Sünde, Tod, den Teufel und jede knechtende Angst überwunden hast. Vater, wir staunen darüber, dass du uns in der Auferstehung deines Sohnes als viele Söhne hervorbringst und uns in deine Herrlichkeit hineinführen willst. Stärke unseren Glauben, damit wir mehr auf dein vollbrachtes Werk schauen als auf unsere wechselnden Gefühle und Erfahrungen. Lass die Wirklichkeit der Erhöhung und Herrschaft Jesu unsere Sicht auf diese Welt, auf Leid und auf unsere Zukunft prägen, damit wir getröstet, getrugen und voller Hoffnung leben. Fülle uns neu mit deiner Freude darüber, dass wir zu deinem Haus, deiner Familie und deinem Plan gehören. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Hebrews, Chapter 8

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