Der Anführer der Errettung (2)
Viele Christinnen und Christen verbinden „Herrlichkeit“ mit einem fernen Himmel, mit Lichtglanz und goldenen Straßen. Die Bibel malt tatsächlich starke Bilder, aber sie zielen auf eine tiefere Wirklichkeit: den unsichtbaren Gott, der sichtbar wird. Von 1. Mose bis zur Offenbarung zieht sich eine Linie: Gott will nicht verborgen bleiben, sondern sich in einem Volk zeigen, das Ihn trägt und widerspiegelt. Der Hebräerbrief nennt Christus den „Anführer der Errettung“, der uns genau in diese Herrlichkeit hineinführt – und dabei selbst der Weg, das Ziel und der in uns wohnende Same der Herrlichkeit ist.
Herrlichkeit – wenn der unsichtbare Gott sichtbar wird
Wenn die Schrift von Herrlichkeit spricht, hebt sie den Blick weg von einem bloß religiösen Glanz hin zu einer viel tieferen Wirklichkeit: Gott selbst wird sichtbar. Herrlichkeit ist nicht in erster Linie ein Lichtphänomen, sondern der unsichtbare Gott, der sich zeigt, sich mitteilt, erfahrbar wird. Als der HERR Israel durch die Wüste führte, geschah das nicht in abstrakter Unsichtbarkeit, sondern in einer Wolkensäule bei Tag und einer Feuersäule bei Nacht: „Der HERR aber zog vor ihnen her, bei Tag in einer Wolkensäule, um sie auf dem Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten“ (2.Mose 13:21). In dieser sichtbaren Führung wurde Gottes unsichtbares Wesen für ein ganzes Volk greifbar. Wo Er sich so sehen lässt, ist Herrlichkeit; wo Er verhüllt bleibt, bleibt die Herrlichkeit verborgen.
HERRLICHKEIT – GOTT AUSGEDRÜCKT In der Bibel ist Herrlichkeit Gott, der zum Ausdruck kommt. Immer wenn Gott zum Ausdruck kommt, ist das Herrlichkeit. Immer wenn Gott verborgen, verhüllt ist, gibt es keine Herrlichkeit. Wenn Gott gesehen wird, gibt es Herrlichkeit. Man kann Gott niemals sehen, ohne Seine Herrlichkeit zu sehen. Der unsichtbare Gott ist Gott; der gesehene Gott ist Herrlichkeit. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft zehn, S. 108)
Im Zentrum des Neuen Testaments wird diese Linie persönlich: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott“ (Johannes 1:1). Das ewige Wort wurde Fleisch und „stiftshüttete unter uns“, und die Jünger „haben Seine Herrlichkeit angeschaut“ (Johannes 1:14). In Jesus von Nazareth, ganz Mensch und doch der Sohn, tritt der Vater aus der Verborgenheit: „Niemand hat Gott je gesehen; der einziggeborene Sohn, der in der Brust des Vaters ist, Er hat Ihn kundgetan“ (Johannes 1:18). Herrlichkeit bedeutet hier, dass der Vater im Sohn Form annimmt, Stimme bekommt, Gesicht erhält. Am Ende der Bibel spannt sich dieser Gedanke über die ganze Geschichte: Die heilige Stadt, das Neue Jerusalem, „hatte die Herrlichkeit Gottes“ (Offenbarung 21:11); Gott selbst ist dort das Licht, „und ihre Lampe ist das Lamm“ (Offenbarung 21:23). Gott bleibt derselbe, doch Er lässt sich in einem volkhaften Menschensohn sehen. Darauf zielt der Anführer der Errettung: Er führt viele Söhne in diese Herrlichkeit hinein (Hebräer 2:10), bis Gottes eigenes Wesen in einem gemeinschaftlichen Leben durchscheint. Wo Christus in einem Menschen, in einer Gemeinschaft Wohnung nimmt, beginnt schon jetzt etwas von dieser kommenden Stadt aufzuleuchten. Dieser Gedanke ist nicht fern und theoretisch, er berührt den Alltag: In jeder Lage, in der nicht mehr das Ich im Mittelpunkt steht, sondern Christi sanfte, treue Gegenwart hervortritt, blinkt ein Funke der Herrlichkeit auf. So wächst inmitten gewöhnlicher Wege eine leise, aber reale Hoffnung: Gott bleibt nicht verborgen. Er will, dass Sein Licht durch unser konkretes Leben hindurch sichtbar wird – heute in Ansätzen, einst in voller Klarheit.
Der HERR aber zog vor ihnen her, bei Tag in einer Wolkensäule, um sie auf dem Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern könnten. (2.Mose 13:21)
Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. (Joh. 1:1)
Herrlichkeit ist kein fernes Spektakel, sondern Gott, der in der gewöhnlichen Wirklichkeit des Lebens Gestalt gewinnt. Wo Christus im inneren Menschen Raum findet, verwandeln sich trockene Pflichten in Gelegenheiten, in denen Er selbst sichtbar wird. Der Anführer der Errettung führt Schritt für Schritt aus einem Glauben, der nur von einem fernen Gott redet, in ein Leben, in dem der Vater im Sohn durch den Geist mitten unter Menschen aufscheint. In dieser Bewegung liegt Trost: Die Herrlichkeit, auf die wir hoffen, ist nicht etwas, das wir produzieren müssten, sondern das leise Aufleuchten dessen, der längst unter uns „stiftshüttet“ und der versprochen hat, Sein Werk auch zur Vollendung zu bringen.
Flüsse überqueren – aus dem alten Menschen in Gottes Haus
Die Geschichte Gottes mit den Menschen ist voller Übergänge über Wasser. Solche „Flussüberquerungen“ sind mehr als dramatische Erlebnisse; sie markieren einen Wechsel der Zugehörigkeit. Der Fall des Menschen hat die Menschheit in ein Land der Vermischung, der Götzen und der Selbstbezogenheit geführt – in der Sprache der Schrift ein Chaldäa, ein Babylon. Um aus dieser Wirklichkeit heraus in ein erhöhtes, von Gott abgegrenztes Leben hineinzukommen, führt Gott über einen Fluss. Abraham verlässt seine Heimat und geht, geführt von Gottes Ruf, über die Grenze in ein Land, das er noch nicht kennt. Später steht Israel vor dem Schilfmeer, bedrängt von der Macht Ägyptens. Als die Wasser zurückkehren, „bedeckten [sie] die Wagen und Reiter der ganzen Heeresmacht des Pharao … es blieb auch nicht einer von ihnen übrig“ (2.Mose 14:28). Der Weg hindurch wird zugleich zum Grab der alten Herrschaft.
Obwohl Gott den Menschen mit einer solchen Absicht und zu einem solchen Zweck geschaffen hat, ist der Mensch verdorben und ruiniert worden. In gewissem Sinn ist die ruinierte Menschheit zu Chaldäa, zu Babylon, dem Land des Götzendienstes, geworden. Die Bibel benutzt oft Länder und Städte als Bilder, um den Menschen darzustellen. So stehen Chaldäa und Babylon für den ruinierten und verdorbenen Menschen, der vom Götzendienst erfüllt ist. Da der Mensch gefallen ist, ist es nötig, den Fluss zu überqueren – aus dem verdorbenen Land hinaus in das erhöhte, neue Land, das heißt hinein in eine erhöhte, neue Menschheit. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft zehn, S. 111)
Am Jordan vertieft Gott dieses Bild: Israel soll zwölf Steine aus der Mitte des Flusses ans Ufer tragen und zwölf Steine mitten im Jordan aufrichten (Josua 4:8–9). Die alten Steine bleiben unter Wasser, die neuen bilden ein bleibendes Zeichen im Land. So zeichnet Gott vor, was Er mit dem Menschen vorhat: Der alte, selbstbestimmte Mensch wird untergestellt; ein neues Volk tritt in ein gutes Land, damit Gott mitten unter Menschen wohnen kann. Als der Tempel Salomos eingeweiht wird und „die Herrlichkeit des HERRN das Haus des HERRN erfüllte“ (1.Könige 8:11), erreicht dieses Ziel einen ersten Höhepunkt: Gott hat sich ein Haus auf Erden bereitet. Und doch steht vor diesem Haus ein Becken mit Wasser (2.Mose 40:30–32) – wer eintreten will, muss gewaschen werden. Auch das gehört zum Flussüberqueren: Das Hineingehen in Gottes Nähe ist zugleich ein Herausgehen aus allem, was Ihn verdunkelt. Im Licht des Hebräerbriefes wird klar, dass Christus selbst uns durch solche inneren Jordan-Durchgänge führt, weg von einem Christentum, das sich bequem mit alten Bindungen arrangiert, hinein in ein Haus, das von Gottes Gegenwart erfüllt ist. Wo Er uns über einen „Fluss“ führt – sei es eine Trennung, eine Entscheidung, ein Abschied –, geht es letztlich darum, dass mehr Raum für Seine Herrlichkeit in uns entsteht. Das macht die Übergänge nicht leicht, aber sinnhaft: Jeder Schritt aus dem alten Land heraus öffnet einen neuen Raum, in dem Gott sich deutlicher zeigen kann.
application_de”: “Flussüberquerungen im Glaubensleben sind selten spektakulär, oft aber schmerzhaft klar: Etwas bleibt zurück, damit etwas Neues beginnen kann. Im Rückblick erweist sich mancher erzwungene Abschied, manche innere Trennung als ein Jordan, den Christus als Anführer bereits vor uns durchquert hat. Das nimmt dem Übergang nicht den Ernst, aber die Trostlosigkeit. Wer sich von Ihm führen lässt, entdeckt nach und nach, dass hinter den zerbrechenden Sicherheiten eine andere Beständigkeit aufscheint: Gottes Wunsch, Wohnung zu nehmen. So werden auch unbequeme Wechsel zu Abschnitten einer größeren Geschichte – der Geschichte, in der Gott aus einem zerstreuten, vermischten Volk ein Haus formt, in dem Seine Herrlichkeit wohnt.”,
“text”: “So kehrten die Wasser zurück und bedeckten die Wagen und Reiter der ganzen Heeresmacht des Pharao, die ihnen ins Meer nachgekommen waren; es blieb auch nicht einer von ihnen übrig.”
So kehrten die Wasser zurück und bedeckten die Wagen und Reiter der ganzen Heeresmacht des Pharao, die ihnen ins Meer nachgekommen waren; es blieb auch nicht einer von ihnen übrig. (2.Mose 14:28)
Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie Sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.
Der Anführer der Errettung – der Same der Herrlichkeit in uns
Der Hebräerbrief beschreibt Christus als den, „für den alle Dinge und durch den alle Dinge sind“, der „viele Söhne in die Herrlichkeit führt“, indem Er als „Urheber ihrer Errettung durch Leiden vollkommen“ gemacht wurde (Hebräer 2:10). Er ist der, der alle Flüsse bis zum Grund durchschritten hat: Ablehnung, Schwachheit, Tod. In Ihm war von Anfang an der Same der göttlichen Herrlichkeit verborgen – Gott selbst in menschlicher Gestalt. Doch wie bei einem Samenkorn bleibt diese Herrlichkeit zunächst unscheinbar. Jesus lebt unter Menschen als der Nazarener, müde, hungrig, missverstanden. Dann spricht Er von sich als Weizenkorn: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht“ (Johannes 12:24). Sein Sterben ist kein tragischer Unfall, sondern der Moment, in dem der Same aufbricht. In der Auferstehung wird Sein ganzes Sein, auch Seine Menschheit, in den klaren Ausdruck Gottes hineinverwandelt.
Als der Herr im Fleisch war, war Gott in Ihm verborgen. In Ihm war der Same der göttlichen Herrlichkeit. In Jesus, dem Nazarener aus Fleisch und Blut, war der Same der göttlichen Herrlichkeit Gottes. Doch diese Herrlichkeit war in Ihm verborgen, so wie die Herrlichkeit einer Nelke im Nelkensamen verborgen ist. Wenn der Nelkensamen in die Erde fällt, stirbt und wieder wächst, bis er zum Stadium des Blühens gelangt, wird der Nelkensamen in die Herrlichkeit gebracht. Jesus war ein solcher Same. Er fiel in die Erde, starb und wuchs auf (Joh. 12:23–24). Durch Sein Aufwachsen wurde Sein ganzes Sein, einschließlich Seiner Menschheit und Seiner menschlichen Natur, in den herrlichen Ausdruck Gottes hineingebracht. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft zehn, S. 114)
Dieser verherrlichte Christus ist nun nicht fern im Himmel abgesetzt, sondern zugleich Hoherpriester und innerer Bewohner der Glaubenden. Er ist „die Ausstrahlung Seiner Herrlichkeit und der exakte Abdruck Seiner Substanz“ und „stüzt und trägt alle Dinge durch das Wort Seiner Kraft“ (Hebräer 1:3). Derselbe, der innerhalb des Vorhangs bei Gott steht, wohnt durch den Geist im Inneren derer, die zu Ihm gehören. Damit beginnt eine leise, aber tiefgreifende Bewegung: Die Herrlichkeit, die in Ihm zur vollen Entfaltung gekommen ist, wirkt nun in uns als Samen. Paulus kann darum sagen, dass unsere „augenscheinliche Leichtgewichtigkeit unserer Bedrängnis“ für uns „ein ewiges Gewicht an Herrlichkeit“ bewirkt (2.Korinther 4:17). Leiden werden nicht verharmlost, aber sie stehen nicht mehr am Ende der Geschichte. Unter der Hand des Anführers der Errettung werden sie zu einem Feld, in das der Same Christi tiefer hineinsinkt, um desto reichere Frucht hervorzubringen. So entsteht mitten im Unvollkommenen eine wachsende Gewissheit: Der Weg durch Dunkelheiten führt nicht ins Leere, sondern in eine Herrlichkeit, die schon jetzt als Hoffnung und leiser Glanz im Herzen zu wirken beginnt.
application_de”: “Christus führt nicht im Sicherheitsabstand, sondern als einer, der jeden Fluss selbst durchschritten hat und nun von innen her trägt. Seine Herrlichkeit erscheint heute meist nicht als überwältigender Glanz, sondern als stille Standhaftigkeit, als getröstete Tränen, als neue Liebe mitten in der Müdigkeit. Gerade dort, wo vieles zerbricht, darf im Glauben eine andere Perspektive aufgehen: Der Same der Herrlichkeit ist nicht verloren, sondern wird durch die Spannungen hindurch gereift. Wer sich an Ihn hält, entdeckt Schritt für Schritt, dass der Weg der Leiden kein Irrweg ist, sondern die Spur dessen, der uns in eine Wirklichkeit führt, in der Gott ungehindert sichtbar sein wird – dann offen, jetzt schon im Verborgenen, aber real.”,
Denn es war Ihm angemessen, für den alle Dinge und durch den alle Dinge sind, indem Er viele Söhne in die Herrlichkeit führt, den Urheber ihrer Errettung durch Leiden vollkommen zu machen. (Hebr. 2:10)
Er, der die Ausstrahlung Seiner Herrlichkeit und der exakte Abdruck Seiner Substanz ist und alle Dinge durch das Wort Seiner Kraft stützt und trägt, und nachdem Er die Reinigung von den Sünden vollbracht hat, hat Er Sich zur Rechten der Majestät in der Höhe niedergesetzt, (Hebr. 1:3)
Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie Sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.
Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Hebrews, Chapter 10