So eine große Errettung
Viele Christinnen und Christen verbinden Errettung vor allem mit der Vergebung der Sünden und der Hoffnung auf den Himmel. Doch der Hebräerbrief weitet unseren Blick: Gottes Rettung ist wie ein mächtiger Strom, der uns aus alten religiösen Vorstellungen, aus inneren Lagerplätzen und Gewohnheiten herausführt – hinein in die unmittelbare Gegenwart Gottes, das Allerheiligste. Zwischen „Lager“ und „Allerheiligstem“ liegen immer wieder innere Flüsse, die es zu überqueren gilt: alte Erfahrungen, festgefahrene Lehrmeinungen oder auch Entmutigung im Alltag. Gerade hier leuchtet die Botschaft des Hebräerbriefes auf: Christus selbst ist der Inhalt, der Weg und das Ziel dieser „so großen Errettung“.
Christus selbst ist der Inhalt der großen Errettung
Wenn der Hebräerbrief von „so einer großen Errettung“ spricht, lenkt er den Blick nicht zuerst auf eine Liste geistlicher Wohltaten, sondern auf die Größe der Person, die rettet. Die Errettung ist groß, weil Christus groß ist. In ihm begegnet uns der Sohn, in dem Gott selbst gegenwärtig ist. Über ihn heißt es: „Und Melchisedek, der König von Salem, brachte Brot und Wein heraus. Er war nämlich ein Priester Gottes des Allerhöchsten“ (1.Mose 14:18). Der Hebräerbrief verbindet diese Gestalt mit Christus als ewigem Priesterkönig. So zeigt sich: Der Inhalt unserer Errettung ist kein System, keine bloße Zusage, sondern eine lebendige Person, in der Königsherrschaft, Priesterdienst und die Gegenwart Gottes zusammenkommen.
Die Errettung, die wir in Christus haben, besteht nicht nur aus einzelnen Aspekten wie Sündenvergebung, Rechtfertigung, Versöhnung, Erlösung, Wiedergeburt usw., sondern auch aus einer wunderbaren, unbegrenzten Person, die in der Ewigkeit Gott und in der Zeit Mensch ist. Eine so wunderbare Person ist es, die Seine Errettung „so groß“ macht. Christus ist der eigentliche Gott, und Er ist auch ein wirklicher Mensch (2:6). (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft sechs, S. 68)
Diese Person ist zugleich wahrer Gott und wirklicher Mensch. Als Sohn Gottes trägt er die ganze Fülle der Gottheit in sich; als Sohn des Menschen teilt er unsere Natur und bleibt auch in Herrlichkeit Mensch. Stephanus sieht in seiner letzten Vision „den Sohn des Menschen zur Rechten Gottes stehen“ (Apg. 7:56). Das bedeutet: In der Mitte des Thrones steht ein Mensch, der uns versteht und vertritt. Die göttliche Fülle und die vollkommene Menschlichkeit Christi sind nicht nur Bewunderungsstoff, sie sind die Substanz dessen, was uns in der Errettung geschenkt wird. Er teilt uns seine Gedanken, seine Haltung, seine Kraft, seine Sanftmut, seine Treue mit. Wo seine Person unser Inneres erfüllt, beginnt Errettung, weit über Vergebung hinaus, Gestalt zu gewinnen.
Darum beschreibt der Hebräerbrief Christus als „Anführer“ der Errettung. Wie ein Feldhauptmann, der seinem Volk den Weg durch feindliches Gebiet bahnt, geht er voran in Leiden, Gehorsam und schließlich in die Herrlichkeit. Und als Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks ist er nicht nur Fürsprecher, sondern Versorger. Brot und Wein, die Melchisedek zu Abram bringt, sind ein frühes Bild dafür, wie Christus uns inmitten des geistlichen Kampfes innerlich stärkt: Brot als Nahrung, Wein als Freude und Erquickung. So erweist sich: „So eine große Errettung“ meint nicht nur ein neues Ziel am Ende, sondern ein neues Inneres auf dem Weg – Christus selbst, der uns begleitet, nährt und prägt.
Wer diesen Christus im Zentrum seiner Errettung sieht, findet einen tragfähigen Trost. Die eigene geistliche Bilanz mag wechselhaft sein, doch die Größe der Errettung hängt nicht an der Stabilität unseres Empfindens, sondern an der Beständigkeit seiner Person. In ihr ist Raum für unsere Schwachheit, ohne dass der Anspruch Gottes verflacht; in ihr ist Milde, ohne dass die Heiligkeit Gottes verwässert wird. Je klarer dieser Christus vor Augen steht, desto mehr kann in uns jene stille Gewissheit wachsen, die Paulus so schlicht zusammenfasst: „Gnade euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus!“ (2.Kor 1:2). In dieser Gnade und diesem Frieden gewinnt die große Errettung einen Geschmack, der den Alltag trägt.
Und Melchisedek, der König von Salem, brachte Brot und Wein heraus. Er war nämlich ein Priester Gottes des Allerhöchsten. (1.Mose 14:18)
und er sagte: Siehe, ich sehe die Himmel geöffnet und den Sohn des Menschen zur Rechten Gottes stehen. (Apg. 7:56)
Christus als Inhalt der Errettung ernst zu nehmen bedeutet, ihn nicht nur als Eintrittskarte in den Himmel zu betrachten, sondern als den, in dem das Leben heute gefüllt, geordnet und gestärkt wird. Wer sich innerlich daran erinnert, dass ein Mensch in der Herrlichkeit Gottes steht und unser Hoherpriester ist, kann auch im Druck der Gegenwart leiser werden: Die Errettung ruht auf einer Person, die Gott und Mensch in sich vereint und die nicht schwankt. Daraus entsteht keine hektische Betriebsamkeit, sondern eine wachsende Bereitschaft, sich von ihm prägen zu lassen – Schritt für Schritt.
Die große Errettung als fortlaufendes Werk Christi
Die große Errettung lässt sich nicht in einem einzigen Zeitpunkt festhalten. Sie ist ein Werk Christi, das Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umfasst, ohne in Stücke zu zerfallen. Am Anfang steht ein abgeschlossenes Geschehen: Christus hat am Kreuz den Tod geschmeckt und die Sündenfrage geklärt. Darum kann von ihm gesagt werden, dass er „den Tod außer Kraft gesetzt und Leben und Unverderblichkeit ans Licht gebracht hat durch das Evangelium“ (2.Tim. 1:10). In der Sprache des Hebräerbriefs hat er die Reinigung der Sünden vollbracht und sich zur Rechten der Majestät gesetzt – nichts bleibt zu ergänzen, nichts muss nachgebessert werden. Diese vollendete Vergangenheit ist das feste Fundament, auf dem alles weitere steht.
Alles, was Christus in der Vergangenheit getan hat, was Er in der Gegenwart tut und was Er in der Zukunft tun wird, ist in dieser „so großen Errettung“ enthalten und sind alles Faktoren, die Seine Errettung „so groß“ machen. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft sechs, S. 71)
Von diesem Fundament her wird seine gegenwärtige Tätigkeit verständlich. Derselbe Christus, der die Schuld getragen hat, ist heute der, der heiligt und bewahrt. Heiligung ist im Hebräerbrief nicht ein moralisches Extras, sondern Teil der großen Errettung: Christus sonderte uns für Gott ab und durchdringt unser Denken, Fühlen und Wollen. Paulus fasst es so: „Und Er Selbst, der Gott des Friedens, heilige euch vollständig und ganz, und es möge unversehrt bewahrt werden euer Geist und eure Seele und euer Leib ohne Tadel, bei dem Kommen unseres Herrn Jesus Christus“ (1.Thess. 5:23). Zwischen vollbrachtem Kreuz und kommender Herrlichkeit steht diese geduldige, oft unspektakuläre Arbeit Christi an unserem Inneren.
Gerade hier entfaltet sich der Hohepriesterdienst Christi. Er steht nicht abwartend neben uns, sondern tritt ein, tröstet, ermahnt, korrigiert, stärkt. In Schwachheit und Anfechtung begegnet uns seine Hilfe nicht als abstraktes Konzept, sondern als „rechtzeitige Hilfe“ – genau passend zur Situation. Die Verwandlung „von Herrlichkeit zu Herrlichkeit“ ist darum kein Projekt unseres Willens, sondern das stille Werk des Herrn Geist an allen, die sich von seinem Blick treffen lassen. „Wir alle aber, die wir wie ein Spiegel mit unverschleiertem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauen und widerspiegeln, werden in dasselbe Bild umgewandelt von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, so wie von dem Herrn Geist“ (2.Kor 3:18). In diesem Prozess zeigt sich, wie konkret die gegenwärtige Dimension der Errettung ist.
Schließlich weist der Hebräerbrief auf die Zukunft: Christus rettet „völlig“ und „für immer“. Die große Errettung bleibt nicht in innerer Arbeit stecken; sie hat eine Vollendung, in der Leib, Seele und Geist in die Herrlichkeit hineingenommen werden. Wer darauf hofft, lebt beides zugleich: die Dankbarkeit über die abgeschlossene Vergangenheit des Kreuzes und die Gelassenheit angesichts des noch unvollendeten Inneren, weil der, der begonnen hat, auch vollenden wird. „Treu ist, der euch beruft; er wird es auch tun“ (1.Thess. 5:24). In dieser Treue wird die Zeit zwischen schon geschehener und noch ausstehender Errettung nicht zur Lücke, sondern zur kostbaren Wegstrecke mit Christus.
jetzt aber durch das Erscheinen unseres Retters Christus Jesus offenbar geworden ist, der den Tod außer Kraft gesetzt und Leben und Unverderblichkeit ans Licht gebracht hat durch das Evangelium, (2.Tim. 1:10)
Und Er Selbst, der Gott des Friedens, heilige euch vollständig und ganz, und es möge unversehrt bewahrt werden euer Geist und eure Seele und euer Leib ohne Tadel, bei dem Kommen unseres Herrn Jesus Christus. (1.Thess. 5:23)
Die Betrachtung der großen Errettung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft löst den Druck, alles im Jetzt erzwingen zu müssen. Es ist befreiend, die eigene Biografie neben den Christus zu stellen, der schon entschieden hat, was vor Gott gilt, der heute im Verborgenen formt und der morgen die Vollendung bringen wird. In dieser Sichtweise kann selbst unübersichtliche Gegenwart ein Ort werden, an dem die Errettung weiter Gestalt annimmt – nicht weil wir alles im Griff haben, sondern weil der treue Herr seine Hand nicht zurückzieht.
Die große Errettung führt in Herrlichkeit – nicht zum Stillstand
Die große Errettung hat ein Ziel, das weit über das persönliche Gerettetsein hinausgeht: Sie führt in Herrlichkeit. Der Hebräerbrief zeichnet Christus als den, „der viele Söhne zur Herrlichkeit brachte“, und öffnet damit eine Perspektive, in der Gottes Absicht mit den Erlösten sichtbar wird. Paulus beschreibt die Erwartung der Schöpfung mit bemerkenswerter Dichte: „Denn die sehnsüchtige Erwartung der Schöpfung wartet sehnlichst auf die Offenbarung der Söhne Gottes“ (Röm. 8:19). Errettung ist also nicht nur das Herausreißen aus Gefahr, sondern das Hineinführen in einen Zustand, in dem Gottes Kinder in ihrer wahren Bestimmung offenbar werden – als Träger seiner Herrlichkeit inmitten einer erneuerten Schöpfung.
Diese „so große Errettung“ ist in ihrem Ausmaß so groß, dass sie uns sogar zu Teilhabern des von Gott eingesetzten Erben macht (1:2, 9). (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft sechs, S. 73)
In diesem Licht verstehen sich auch die Hinweise des Hebräerbriefs auf die kommende bewohnte Erde und auf Christus als Erben aller Dinge, an dessen Erbe wir Anteil bekommen. Herrlichkeit ist dann nicht ein abstraktes Lichtmeer, sondern das sichtbare Durchdringen der Realität mit Gottes Gegenwart, Gerechtigkeit und Freude. Die Befreiung der Schöpfung „von der Sklaverei der Verderblichkeit hinein in die Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes“ (Röm. 8:21) gehört unlöslich zu dieser Zukunft. Errettung bleibt nicht bei einer inneren Ruhe stehen; sie zielt auf ein erneuertes Miteinander von Gott, Mensch und Welt.
Gerade weil das Ziel so groß ist, warnt der Hebräerbrief eindringlich davor, auf halbem Weg stehen zu bleiben oder die Errettung zu vernachlässigen. Es geht nicht darum, ständig an der eigenen Zugehörigkeit zu Christus zu zweifeln, sondern darum, keinen leichtfertigen Abstand zu ihm entstehen zu lassen, der den Blick für die kommende Herrlichkeit trübt. Paulus macht mit einem ernsten Bild deutlich, dass jemand, dessen Werk verbrennt, „Schaden leiden“ wird, „er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer“ (1.Kor 3:15). Es ist möglich, gerettet zu sein und doch viel von dem zu verlieren, was an Lohn und Herrlichkeit hätte wachsen können.
Der Hebräerbrief drückt diesen Ernst in dichten Bildern aus: das „Lager“ draußen, in dem religiöse Sicherheit und alte Systeme locken; der „Vorhang“, hinter den Christus als Vorläufer eingegangen ist; der „Anker“, der in das Innere des Allerheiligsten hineinreicht. Dahinter steht die Einladung, nicht beim Vertrauten stehen zu bleiben, wenn Christus weiterführt. Immer wieder gleicht der Weg einem Fluss, der überquert werden will: hinaus aus abgeschlossenem Denken, festgefahrenen Gewohnheiten und scheinbar unverzichtbaren Sicherheiten, hinein in ein Leben, das stärker von der unsichtbaren Wirklichkeit bei Gott bestimmt wird.
Denn die sehnsüchtige Erwartung der Schöpfung wartet sehnlichst auf die Offenbarung der Söhne Gottes. (Röm. 8:19)
in der Hoffnung, dass auch die Schöpfung selbst von der Sklaverei der Verderblichkeit befreit werden wird hinein in die Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes. (Röm. 8:21)
Die Ausrichtung der großen Errettung auf Herrlichkeit bewahrt davor, sich im Glaubensleben mit einem Minimum zufrieden zu geben. Wenn die Schöpfung selbst auf die Offenbarung der Kinder Gottes wartet, dann hat auch der unscheinbare Alltagsteil an dieser Geschichte. Es ist tröstlich und zugleich anspornend, das eigene Leben nicht als Nebengleis, sondern als Weg in eine kommende Herrlichkeit zu sehen, in der Christus sichtbar machen wird, was seine Errettung aus Menschen gemacht hat. Diese Aussicht schenkt Mut, den inneren Weg mit ihm weiterzugehen – nicht aus Angst vor Verlust, sondern aus Vertrauen auf die Fülle, in die er führen will.
Herr Jesus Christus, du Sohn Gottes und Sohn des Menschen, du Ursprung und Vollender unserer Errettung, wir staunen über die Größe dessen, was du für uns bist und was du getan hast. Danke, dass deine Errettung weiter reicht als unsere engen Vorstellungen, dass du nicht nur unsere Sünden getragen, sondern auch den Tod entmachtet, den Feind besiegt und uns aus jeder Knechtschaft herausgeführt hast. Du kennst die Flüsse, die uns in alten Gewohnheiten, in Entmutigung oder in toter Religion festhalten wollen, und du bist zugleich der Kämpfer vor uns und der Hohepriester an unserer Seite. Stärke in uns den Glauben, dass dein Werk vollkommen ist und dass dein Geist uns bis in die Herrlichkeit trägt, auch wenn wir uns schwach fühlen. Lass uns mehr von dir selbst genießen als von allen Gaben und Erfahrungen, und erfülle uns mit der Hoffnung, dass du uns sicher in deine Ruhe und in deine sichtbare Herrlichkeit führen wirst. Bewahre uns davor, diese große Errettung zu übersehen, und vertiefe in uns die Freude darüber, dass wir dir gehören und mit dir erben werden. Dir sei alle Ehre, jetzt und in Ewigkeit. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Hebrews, Chapter 6