Erben der Errettung
Viele Christen kennen die bekannten Geschichten aus den Evangelien und sprechen über Glauben, Rechtfertigung und Gemeindeformen, bleiben aber merkwürdig berührt, wenn es um die Frage geht, was wir eigentlich mit Christus teilen und erben. Der Hebräerbrief öffnet hier einen selten beachteten Blick: Gott hat Seinen Sohn nicht nur als Retter gesandt, sondern als Erben eingesetzt – und in diesem Erbe sollen wir mit eingeschlossen sein. Wer versteht, was es heißt, „diese Botschaft“ zu sein, gewinnt eine völlig neue Sicht auf sein Leben, seine Zukunft und die Bedeutung der Gemeinde.
Christus – der erstgeborene Sohn und eingesetzte Erbe aller Dinge
Wenn der Hebräerbrief Christus als den Sohn beschreibt, „durch den Er auch die Welt gemacht hat“ und als den, den Gott „zum Erben von allem eingesetzt“ hat, öffnet sich der Blick auf eine ungeheure Weite. In Johannes 13:3 heißt es, dass Jesus wusste, „dass der Vater Ihm alles in die Hände gegeben hatte und dass Er von Gott ausgegangen war und zu Gott ging“. Alles, was Gott je geschaffen hat, ging durch die Hände dieses Sohnes und kommt in Seine Hände zurück. Gott hat nicht einfach irgendjemand zum Erben bestimmt, sondern den, in dem „alle Dinge … entstanden“ sind (Johannes 1:3). Der Erbe ist zugleich Ursprung, Träger und Ziel aller Dinge. Damit steht fest: Die Geschichte des Universums läuft auf Christus als Erben hinaus – und Er selbst ist der Inhalt dieses Erbes.
Erlösung ist nichts Geringeres als die wunderbare Person Christi selbst. Christus selbst, der tiefste, wunderbare, unbegrenzte und unermessliche, ist unsere Erlösung. Wenn wir sagen, dass wir Erben der Erlösung sind, bedeutet das, dass wir diesen tiefen, wunderbaren, unermesslichen und unbegrenzten Christus erben. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft fünf, S. 53)
Damit erhält auch das Wort „Errettung“ eine tiefere Farbe. Errettung ist nicht nur die Begnadigung eines Schuldigen, sondern die Einführung eines Menschen in die Sphäre des Sohnes, der alles erbt. Wenn Gott uns rettet, beschränkt Er sich nicht darauf, unsere Vergangenheit zu klären; Er verbindet uns mit der Stellung und Fülle Christi. Paulus kann deshalb sagen, Christus sei „dem Geist der Heiligkeit nach aus der Auferstehung der Toten in Kraft als Sohn Gottes bestimmt worden“ (Römer 1:4). Die Auferstehung ist die öffentliche Bestätigung: Dieser Jesus ist der rechtmäßige Erbe. Wer Ihm gehört, wird in das hineingenommen, was der Vater Ihm übergeben hat. Errettung heißt dann: Anteil an dem Sohn, der alles empfängt – an Seiner Beziehung zum Vater, an Seiner Gnade, an Seiner Herrlichkeit. In dieser Perspektive verliert das Evangelium nie an Größe; je mehr der Erbe vor unseren inneren Augen Gestalt gewinnt, desto mehr ahnen wir, wie reich das Heil ist, das uns geschenkt wurde, und desto freier können wir uns in dieser überreichen Gnade bewegen.
Der Blick auf Christus als Erben aller Dinge schützt auch vor einem engen, auf uns selbst zentrierten Verständnis von Glauben. Es geht nicht zuerst um unsere Leistung, unsere Frömmigkeit oder unser Scheitern, sondern um die Treue des Vaters zu Seinem Sohn. Weil der Vater Ihm alles gegeben hat (Johannes 13:3), kommt unser Heil aus einer unerschütterlichen Quelle. Der Dreieine Gott hat in Seinem Ratschluss beschlossen, alles in Christus zusammenzufassen und uns in diese Zusammenfassung hineinzunehmen. So wird die Errettung nicht von unseren wechselnden Gefühlen getragen, sondern von der festen Wirklichkeit der Erbsetzung des Sohnes.
Gerade darin liegt eine große Ermutigung: Wer sich mit einem schwachen Glauben, mit vielen Fragen oder mit einer zerrissenen Biografie vor Gott wiederfindet, steht nicht vor einem schmalen, unsicheren Rettungsweg, sondern vor einem weit geöffneten Raum. In Christus ist mehr vorbereitet, als wir je ausschöpfen können. Der Vater hat uns nicht einem knappen, sondern einem unermesslichen Erben anvertraut. In der Gemeinschaft mit Ihm darf unser Herz zur Ruhe kommen: Wir sind nicht darauf angewiesen, selbst etwas „vorzuweisen“, sondern dürfen aus der Fülle dessen leben, dem alles gegeben ist. Je öfter wir in diesen Christus hineinblicken, desto stärker gewinnt unser inneres Leben Halt, und desto mutiger können wir unser Dasein als Erben der Errettung annehmen.
Jesus, weil Er wusste, dass der Vater Ihm alles in die Hände gegeben hatte und dass Er von Gott ausgegangen war und zu Gott ging, (Joh. 13:3)
Alle Dinge sind durch Ihn entstanden, und ohne Ihn ist nicht eines entstanden von dem, was entstanden ist. (Joh. 1:3)
Die Erkenntnis, dass Christus der eingesetzte Erbe aller Dinge ist, löst die Enge eines rein problemorientierten Glaubens und öffnet inmitten unseres Alltags einen weiten Horizont: Unsere Errettung ruht auf der festen Erbsetzung des Sohnes und bedeutet Anteil an Seiner Fülle – und gerade daraus erwächst stille Zuversicht, dankbare Anbetung und ein gelassener Mut, das Leben mit all seinen Spannungen im Licht dieses überreichen Erbes zu tragen.
Die vielen Söhne – von Gott geboren und zu Miterben gemacht
Vor dem Kreuz stand allein einer in der einzigartigen Stellung des Sohnes Gottes. Das Johannesevangelium nennt Ihn den „einziggeborenen Sohn“ (Johannes 1:14.18). In Ihm ruhte das ganze Wohlgefallen des Vaters, in Ihm war das göttliche Leben ohne jede Mischung. Doch derselbe Sohn geht den Weg durch Tod und Auferstehung, um nicht allein zu bleiben. Er vergleicht sich selbst mit einem Weizenkorn, das in die Erde fällt und stirbt, „wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht“ (Johannes 12:24). Diese viel Frucht sind die vielen Söhne, die aus Gott geboren werden, wenn sie Christus im Glauben aufnehmen. So viele Ihn aufnahmen, heißt es, „denen gab Er die Vollmacht, Kinder Gottes zu werden … die … aus Gott gezeugt wurden“ (Johannes 1:12–13).
Vor seinem Tod und seiner Auferstehung war Christus der einzigartige Sohn Gottes. Das Neue Testament offenbart, dass durch Christi Tod und Auferstehung die vielen Söhne Gottes geboren wurden (1.Petrus 1:3). (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft fünf, S. 55)
Mit der Auferstehung wird diese neue Wirklichkeit sichtbar. Am Ostermorgen sagt der Herr zu Maria: „geh aber zu Meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu Meinem Vater und eurem Vater und zu Meinem Gott und eurem Gott“ (Johannes 20:17). Zum ersten Mal nennt Er die Jünger „Brüder“ und teilt mit ihnen Sein Verhältnis zum Vater. Hier geht es nicht um eine fromme Metapher, sondern um eine wirkliche Geburt aus Gott: Wer an den Sohn glaubt, erhält Sein Leben und wird in die göttliche Familie hineingestellt. Gott will nicht nur Begnadigte, sondern Söhne; Menschen, die Sein Leben tragen und Ihn in ihrer Art, in ihrem Wesen, in ihrem inneren Begehren widerspiegeln.
Doch die Schrift bleibt nicht bei der Tatsache stehen, dass wir Kinder sind; sie führt weiter zu unserer Bestimmung als Erben. Paulus fasst es schlicht zusammen: „Also bist du nicht mehr Sklave, sondern Sohn; wenn aber Sohn, so auch Erbe durch Gott“ (Galater 4:7). Und in Römer 8:17 wird das vertieft: „Und wenn Kinder, dann auch Erben; einerseits Erben Gottes, andererseits Miterben Christi.“ Ein Sohn ist Träger des Lebens, ein Erbe ist in die Verwaltung und in die Verantwortung eingeführt. Zwischen Sohnschaft und Erbe liegt deshalb ein Weg: das Wachstum im Leben bis zur Reife. Der Vater setzt den Sohn nicht auf einen Throne, solange er unmündig ist; Er bereitet ihn zu, formt seinen Charakter, weitet sein Herz, bis er mit dem geerbten Reichtum umzugehen vermag.
Auf unsere Errettung bezogen heißt das: Gott sieht in uns nicht bloß Gerettete, die knapp dem Gericht entkommen sind, sondern Söhne, die Er zu Miterben Christi erziehen will. Das verleiht dem alltäglichen Leben – auch den Schwierigkeiten, dem Unverständlichen, den Umwegen – einen neuen Klang. Was uns begegnet, ist nicht zufällige Härte, sondern Teil einer väterlichen Vorbereitung auf eine gemeinsame Herrschaft mit Christus. In Offenbarung 20:6 wird von denen gesagt, die mit Ihm tausend Jahre regieren: „Gesegnet und heilig ist, wer an der ersten Auferstehung teilhat … sie werden Priester Gottes und Christi sein und werden mit Ihm tausend Jahre lang regieren.“ Die Berufung zur Miterbschaft reicht also bis in das kommende Reich.
Wahrlich, wahrlich, Ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht. (Joh. 12:24)
So viele Ihn aber aufnahmen, denen gab Er die Vollmacht, Kinder Gottes zu werden, denen, die in Seinen Namen hineinglauben, (Joh. 1:12)
Die Einsicht, dass Gott uns nicht nur als Gerettete, sondern als Söhne und künftige Miterben Christi sieht, verleiht unserem Alltag eine neue Dichte: Reifung, Korrektur und auch Leiden verlieren den Charakter bloßer Belastung und werden Teil einer väterlichen Zubereitung auf eine gemeinsame Herrschaft – aus dieser Sicht wächst eine leise, aber beständige Hoffnung, die uns trägt, wenn vieles unverständlich bleibt.
Haus Gottes und himmlische Leiter – die Erben als Bethel auf Erden
Die vielen Söhne Gottes bleiben nicht vereinzelt nebeneinander stehen. Gott fügt sie zu einem Haus zusammen, zu einem Bethel inmitten der Welt. Paulus beschreibt dieses Geschehen mit den Worten: „in dem auch ihr miteinander aufgebaut werdet zu einer Wohnstätte Gottes im Geist“ (Epheser 2:22). Wo Gott wohnt, dort entsteht ein Raum, in dem der Himmel in die Erde hineinreicht. Die Wurzel dieses Bildes liegt tief in der Geschichte Israels. In 1. Mose 28 sieht Jakob im Traum eine Leiter, die auf der Erde steht und deren Spitze an den Himmel reicht; Engel Gottes steigen auf und nieder, und der Ort wird „Haus Gottes“ und „Tor des Himmels“ genannt. Dieses Haus ist kein Tempel aus Stein, sondern ein von Gottes Gegenwart geprägter Ort, an dem Himmel und Erde einander berühren.
Da Christus als der erstgeborene Sohn Gottes der von Gott eingesetzte Erbe ist und wir als die vielen Söhne Gottes seine Miterben sind, sind wir seine Teilhaber. Er und wir, wir und er, stehen in einer gemeinsamen Partnerschaft und teilen dieselben Interessen in der göttlichen „Gesellschaft“. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft fünf, S. 57)
Jesus greift dieses Bild auf und verschärft es. Zu Nathanael sagt Er: „Ihr werdet den Himmel geöffnet sehen und die Engel Gottes auf dem Sohn des Menschen auf- und niedersteigen“ (Johannes 1:51). Die himmlische Leiter ist nun keine Sache, sondern eine Person: der Menschensohn selbst. In Ihm ist der Himmel geöffnet; in Ihm ist der Verkehr zwischen Gott und Seiner Schöpfung lebendig. Wenn derselbe Christus nun in Seinem Leib, der Gemeinde, gegenwärtig ist, dann wird die Gemeinde zu einem Bethel in der Zeit: ein unscheinbarer, aber realer Zugang zu einer anderen Welt. Dort, wo die Erben der Errettung zusammenkommen, wo sie den Namen des Herrn anrufen, die Schrift hören, miteinander tragen und getragen werden, dort ist mehr als ein menschliches Treffen – dort ist ein Haus Gottes, eine Wohnstätte Gottes im Geist.
Der Hebräerbrief lenkt in diesem Zusammenhang den Blick auf die Engel. Sie werden „dienstbare Geister“ genannt, „ausgesandt zum Dienst um derer willen, die das Heil erben sollen“ (Hebräer 1:14). Bemerkenswert ist die Reihenfolge: Nicht wir dienen den Engeln, sondern sie dienen den Erben der Errettung. In der Apostelgeschichte wird etwas davon sichtbar, als Petrus im Gefängnis liegt und „von der Gemeinde … inbrünstig für ihn zu Gott gebetet“ wird (Apostelgeschichte 12:5). Ein Engel tritt in die Zelle, die Ketten fallen ab, das eiserne Tor öffnet sich von selbst (Apostelgeschichte 12:7–10). Hier greift die unsichtbare Welt in den sichtbaren Ablauf ein – nicht isoliert, sondern in Verbindung mit dem Haus Gottes, das betend vor dem Herrn steht. So erweist sich: Die Gemeinde auf Erden ist eng verknüpft mit der himmlischen Wirklichkeit, und selbst die Engel ordnen ihren Dienst dieser göttlichen „Gesellschaft“ unter, in der Christus der Erstgeborene und wir die Miterben sind.
Im Alltag wirkt das oft leise und unspektakulär. Das Haus Gottes ist nicht immer glänzend, manchmal sogar von Schwachheit, Konflikten und Begrenzungen gezeichnet. Doch gerade darin bleibt die Verheißung bestehen: Gott baut sich eine Wohnstätte aus lebendigen Menschen und öffnet über diesem Haus den Himmel. Wo wir uns im Glauben an diese Wirklichkeit halten, wächst eine stille Erwartung: dass Gott redet, führt, tröstet, korrigiert und eingreift. Nicht jeder Engel wird sichtbar, nicht jedes eiserne Tor fällt mit einem Schlag, aber der Grundton bleibt: Wir leben als Erben der Errettung nicht in einem geschlossenen System, sondern in einem Raum, den Christus mit Seiner Gegenwart durchdringt.
in dem auch ihr miteinander aufgebaut werdet zu einer Wohnstätte Gottes im Geist. (Eph. 2:22)
Und Er sagte zu ihm: Wahrlich, wahrlich, Ich sage euch: Ihr werdet den Himmel geöffnet sehen und die Engel Gottes auf dem Sohn des Menschen auf- und niedersteigen. (Joh. 1:51)
Zu erkennen, dass wir als Erben der Errettung im Haus Gottes leben und dass Christus selbst die Leiter ist, die Himmel und Erde verbindet, verleiht der Gemeinschaft der Gemeinde und auch unserem persönlichen Weg eine neue Tiefe: Unser oft unscheinbares Miteinander wird zum Ort der Gegenwart Gottes, in dem der Himmel geöffnet ist und selbst die Engel zum Dienst an denen ausgesandt sind, die das Heil erben – in dieser Gewissheit kann ein leiser, aber tragender Mut wachsen, der durch Dunkelheiten hindurch auf die verborgene Wirklichkeit des himmlischen Hauses vertraut.
Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Hebrews, Chapter 5