Das Wort des Lebens
lebensstudium

Christus als der Sohn Gottes – als Gott höher als die Engel

13 Min. Lesezeit

Manche Christen kennen das innere Zerrissensein zwischen vertrauter religiöser Tradition und dem Anspruch Jesu, der alles übersteigt. So ähnlich ging es den ersten jüdischen Gläubigen: Sie liebten den Gott ihrer Väter, den Tempel, die Priester und das Gesetz – und doch hatten sie in Christus etwas so Neues gesehen, dass sie nicht mehr zurückkonnten. Der Hebräerbrief greift ihre Unsicherheit nicht mit Vorwürfen, sondern mit einem gewaltigen Vergleich auf: Er legt Christus neben alles, was ihnen heilig war, und zeigt, wie unvergleichlich der Sohn Gottes über allem steht – auch über den Engeln, die sie so hoch schätzten.

Der verborgene Gott und der ausgedrückte Sohn

Der Hebräerbrief öffnet einen Blick auf Gott, der für fromme Juden zugleich vertraut und verstörend gewesen sein muss. Sie kannten den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der in der Geschichte handelte, der Gebote gab, der Opferordnungen bestimmte. Dieser Gott war real, aber Er blieb verhüllt: verhüllt hinter der Wolke in der Wüste, hinter dem Vorhang des Tempels, hinter dem Donnern am Sinai. Er sprach durch Propheten, aber Sein Angesicht blieb verborgen. Darum heißt es von Israel, dass es in der Wüste in der Ferne stand, während Mose in die Nähe der Dunkelwolke trat, in der Gott war. Im Judentum ist Gott der Gegenwärtige und doch Unerreichbare, der Heilige in unergründlicher Distanz. Seine Nähe ist ernst, seine Gegenwart gefährlich – man kann Ihn verehren, man kann Ihm gehorchen, aber man wagt nicht, Ihn zu berühren.

Der erste Vergleich, den dieses Buch zieht, ist der zwischen Gott in Seiner Errettung und Gott in der jüdischen Religion. Die jüdische Religion hat den wahren Gott, aber im Judentum ist Er der verborgene Gott. In Gottes Errettung hingegen wird Gott offenbar. Dieser offenbar gemachte Gott ist Gott, der Sohn. Gott, der Sohn, ist der Ausdruck Gottes. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft vier, S. 46)

Mit Christus setzt Gott selbst einen radikalen Schritt: Der unsichtbare Gott tritt aus der Verborgenheit hervor und kommt in eine Gestalt, die sich ansehen, anhören, anrühren lässt. Johannes fasst diesen Umbruch mit den schlichten, staunenden Worten: „Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen haben, was wir angeschaut und unsere Hände betastet haben, in Bezug auf das Wort des Lebens“ (1.Joh. 1:1). Der Sohn ist nicht nur ein weiterer Bote, nicht die glänzendste Figur unter vielen Gesandten, sondern Er ist der Ausdruck Gottes selbst. Der Hebräerbrief sagt, dass Er „Ausstrahlung der Herrlichkeit und Abdruck seines Wesens“ ist (Hebr. 1:3). Was bisher nur in Andeutungen, in Schatten und Symbolen zu erahnen war, nimmt in Ihm Gestalt an. In Jesus von Nazareth leuchtet die Herrlichkeit Gottes in eine menschliche Geschichte hinein, in müde Füße, in Tränen, in Freude am Tisch mit Sündern. Der „Gott der Begriffe“, über den man reden und debattieren konnte, wird zum Gott, dem man in die Augen sehen kann.

Dabei handelt es sich nicht um einen anderen Gott als den des Alten Bundes. Der Gott, der sich Abraham unter den Eichen von Mamre nahte, ist derselbe, der in Jesus mitten unter Menschen wohnt. In 1. Mose 18 wird erzählt: „Und Jehovah erschien ihm bei den Eichen von Mamre, während er gerade in der Hitze des Tages am Eingang seines Zeltes saß“ (1.Mose 18:1). Auch dort kommt Gott in einer Weise, die Abraham aufnehmen kann: als Wanderer, der einkehrt. Diese Spur verdichtet sich in Christus: Was damals punktuell geschah, wird dauerhaft. Jesaja wagt von dem kommenden Kind zu sagen, dass es „starker Gott, Vater der Ewigkeit“ genannt werden wird (Jes. 9:6). Im innersten Sein ist Gott der Vater, in Seiner Zuwendung zu uns kommt Er als der Sohn. In Christus begegnet uns nicht eine göttliche Teilerscheinung, sondern der eine, ewige Gott in einer Weise, die unser Herz und unsere Hände erreichen kann.

So wird deutlich, wie anders der Gott ist, der sich in Christus zeigt, im Vergleich zu dem Bild, das sich allein aus religiösen Formen ergibt. Religion – selbst wenn sie von Gott gestiftet ist – bleibt immer in Gefahr, Gott zu einem System von Wahrheiten, Vorschriften und heiligen Orten zu machen. Man kann mit großem Ernst über Ihn reden, ohne Ihm je zu begegnen. In Christus nimmt Gott dieses Risiko weg; Er bindet uns nicht mehr an einen steinernen Tempel, sondern an eine lebendige Person. Was der Hebräerbrief beschreibt, ist deshalb nicht ein Wechsel des religiösen Programms, sondern ein Übergang von der Distanz zur Nähe, von der Formel zur Begegnung. Wenn der Sohn der Ausdruck Gottes ist, dann ist jede wirkliche Gotteserkenntnis – ob sanft, ob erschütternd – letztlich eine Begegnung mit Ihm, und jede vertiefte Christus-Erkenntnis führt hinein in Gottes eigenes Herz.

Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen haben, was wir angeschaut und unsere Hände betastet haben, in Bezug auf das Wort des Lebens (1.Joh. 1:1)

Und Jehovah erschien ihm bei den Eichen von Mamre, während er gerade in der Hitze des Tages am Eingang seines Zeltes saß. (1.Mose 18:1)

Gott begegnet uns heute nicht zuerst durch religiöse Systeme, sondern in der Person des Sohnes: Wer Christus im Glauben anschaut, hört und innerlich berührt, tritt aus der Distanz eines bloß „richtigen Glaubens“ in die Nähe des lebendigen Gottes und findet in Ihm eine erfahrbare, tragende Wirklichkeit.

Christus über den Engeln – Schöpfer, Erbe und Herr

Für die ersten jüdischen Adressaten des Hebräerbriefes waren Engel keine Randfiguren. Sie gehörten zum heiligen Hintergrund ihrer Geschichte: geschaffene Geister, nah am Thron Gottes, Vermittler der Gebote. Stephanus erinnert daran, dass Israel „das Gesetz durch Anordnung von Engeln empfangen“ hat (Apg. 7:53). Wer so denkt, spürt instinktiv Ehrfurcht vor diesen himmlischen Wesen. Der Schritt ist nicht weit, von der Achtung vor den Boten zur stillen Hoffnung, sie könnten vielleicht eine Abkürzung zur Nähe Gottes sein. Im Licht dieser hohen Wertschätzung ja sogar Faszination entfaltet der Hebräerbrief seine Linie: Er stellt nicht die Engel herab, aber er setzt eine klare Grenze. Sie sind Diener. Sie sind geschaffen. Sie sind nicht das Ziel des Glaubens, sondern Teil der Ausstattung des Thrones Gottes.

Nun müssen wir sehen, dass der Sohn als der offenbar gemachte Gott weit höher ist als die Engel. Er ist den Engeln überlegen. Nicht nur ist der Gott in der Errettung den Engeln überlegen, sondern sogar der Gott im Judentum war ihnen weit überlegen, denn die Engel waren Seine Diener. Die Engel sind Winde und Feuerflammen (1:7). (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft vier, S. 48)

Demgegenüber wird der Sohn in eine völlig andere Sphäre gestellt. Über Ihn heißt es, dass Gott durch Ihn „auch die Weltzeiten gemacht hat“ und dass Er „der Erbe aller Dinge“ ist (Hebr. 1:2). In Ihm kamen, wie ein anderer Text sagt, „alle Dinge ins Dasein in Ihm, durch Ihn und zu Ihm hin“. Engel stehen vor dem Schöpfer; der Sohn ist dieser Schöpfer. Engel warten auf Befehle; der Sohn trägt das All „durch das Wort seiner Kraft“ (Hebr. 1:3). Wenn der Psalmenvers „Dein Thron, o Gott, besteht von Ewigkeit zu Ewigkeit“ auf den Sohn bezogen wird (Hebr. 1:8), wird kein erhabenes Geschöpf geehrt, sondern Gott selbst im Sohn angeredet. Der, den Menschen als Jesus kennenlernten, der müde wurde, der litt und starb, wird vom Vater mit „Gott“ angesprochen. Der Hebräerbrief ordnet damit die himmlische Hierarchie von Grund auf: Christus ist nicht der höchste Engel, sondern der, den Engel anbeten.

Diese Überlegenheit des Sohnes entfaltet sich in einer Bewegung durch Zeit und Geschichte. In der vergangenen Ewigkeit ist Er das Wort, das bei Gott war und Gott war; im Anfang „war in Ihm Leben, und das Leben war das Licht der Menschen“ (Johannes 1:4). In der Zeit wird Er Mensch, erniedrigt sich unter die Engel und „schmeckte den Tod“ – nicht nur für Menschen, sondern, wie es einmal formuliert wurde, auch für alles Geschaffene, damit Gott in Christus „alle Dinge mit sich selbst versöhnen“ kann. In der Auferstehung wird Er als Sohn Gottes „in Kraft“ designiert, der Erstgeborene eines neuen Zeitalters. Als Er in den Himmel auffuhr, setzte Er sich „zur Rechten der Majestät in der Höhe“ (Hebr. 1:3). Dort wartet Er, bis alle Feinde zum Schemel Seiner Füße werden (Hebr. 1:13). Wenn Er wiederkommt, wird gelten, was geschrieben steht: Sobald der Erstgeborene wiederum in den Erdkreis eingeführt wird, „sollen alle Engel Gottes Ihn anbeten“ (Hebr. 1:6).

Gerade weil der Hebräerbrief den Sohn so hoch zeichnet, wird der Gegensatz deutlich: Engel sind wichtig – für Gott. Sie sind Boten, Winde, Feuerflammen, wie es in Hebräer 1:7 heißt, sie dienen Gottes Plänen. Aber sie sind nicht unser Halt. Der Glaube, den dieses Schreiben stärkt, ist kein verborgener Handel mit unsichtbaren Mächten, kein Verschieben von Zuständigkeiten zwischen verschiedenen himmlischen Kräften. Er ist Ausrichtung auf eine Person, die Schöpfer, Erbe und Herr über alles ist. Wer in Prüfungen dazu neigt, das eigene Schicksal von „Mächten“, „Zufällen“ oder anonymen Kräften zu erklären, wird hier korrigiert: Über allem steht der Sohn, dem alles gehört, durch den alles geschaffen ist, in dem alles gehalten wird.

die ihr das Gesetz durch Anordnung von Engeln empfangen und nicht befolgt habt. (Apg. 7:53)

In Ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. (Joh. 1:4)

Die Überlegenheit Christi über die Engel richtet den Blick weg von spekulativen Mächten hin zur Person des Sohnes: In Ihm ist der Glaubende mit dem Schöpfer, Erben und Herrn allen Seins verbunden und darf seine Lebensgeschichte nicht von anonymen Kräften, sondern von der regierenden Hand dieses erhöhten Herrn her verstehen.

Vom religiösen System zur lebendigen Erfahrung des Sohnes

Die hebräischen Christen standen in einer inneren Spannung, die vielen vertraut sein dürfte. Auf der einen Seite hatten sie Christus kennengelernt, den gekreuzigten und auferstandenen Herrn, dessen Evangelium sie befreit hatte. Auf der anderen Seite stand ihr ehrwürdiger religiöser Hintergrund: Tempel, Priester, Feste, Gesetz – all das war nicht menschengemacht, sondern von Gott selbst gestiftet. Es lag eine große Würde auf diesem System. Kein Wunder, dass viele von ihnen versuchten, beides zu halten: den Glauben an Christus und die Formen des alten Bundes. Der Hebräerbrief verurteilt dieses Erbe nicht, aber er zeigt seine Grenze. Alles, was im Alten Bund gegeben war, hatte dienende Funktion; es war Wegweiser, Schatten, Vorbereitung. Nun ist der Sohn gekommen, und mit Ihm ist die Wirklichkeit da, auf die alles hinwies.

Eine beträchtliche Zahl der hebräischen Gläubigen, an die dieses Buch gerichtet ist, schätzte den Glauben an Christus und die Errettung in Christus, aber sie schätzten auch ihren alten religiösen Hintergrund, der von Gott gemäß dem Alten Testament eingerichtet worden war. Er war nicht heidnisch oder pagan. Er war keine Erfindung menschlicher Einbildung, sondern gemäß den Orakeln Gottes eingerichtet worden. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft vier, S. 41)

Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass das Alte zwar von Gott redete, Ihn aber nicht in Seinem innersten Leben mitteilte. Opfersystem, Gesetz, Priesterschaft – sie regulierten das Verhältnis zu Gott von außen. In Christus hingegen schenkt Gott Sich selbst. Er ist mehr als Tempel, mehr als Hoherpriester, mehr als ein neuer Bund; Er ist Gott, der in menschlicher Gestalt zu uns kommt, um in uns Wohnung zu machen. Johannes fasst dies im Gespräch Jesu mit Nikodemus zusammen: Wer in das Königreich Gottes eintreten soll, muss „von Neuem“ oder genauer „von oben“ geboren werden (Johannes 3). Gott schenkt nicht nur Vergebung, Er teilt Sein Leben aus. „Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass Er Seinen einziggeborenen Sohn hingab, damit jeder, der in Ihn hineinglaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe“ (Joh. 3:16). Ewiges Leben ist hier nicht nur endlose Dauer, sondern Anteil an Gottes eigenem Leben.

Wer den Sohn empfängt, wird so zum von Gott Geborenen. Es entsteht eine neue Wirklichkeit: Menschen, die nicht mehr nur eine Religion vertreten, sondern an der Natur Gottes Anteil erhalten. Ein altes Wort bringt dies auf den Punkt: „Wir müssen sehen, dass wir Gott-Menschen sind, die von Gott geboren sind und das Leben und die Natur Gottes besitzen, und dass wir zur Art Gottes gehören.“ Der Hebräerbrief beschreibt dieselbe Realität in anderen Bildern: Christus, der Hohepriester, der Mitleid hat; Christus, der Mittler eines besseren Bundes, in dessen Herzen das Gesetz nicht mehr auf steinernen Tafeln, sondern in die Herzen geschrieben ist. Glauben bedeutet in diesem Licht nicht zuerst, ein System zu übernehmen, sondern sich der Person des Sohnes zu öffnen, der als der innewohnende, lebendige Herr unser Inneres prägt.

Gerade in Spannungs- und Verfolgungssituationen wird sichtbar, worauf ein Leben wirklich gegründet ist. Ein religiöses System kann Halt geben, solange es intakt bleibt: solange der Tempel steht, die Gemeinschaft trägt, die Formen eingeübt sind. Bricht diese äußere Struktur weg, zeigt sich, ob im Inneren eine lebendige Beziehung zum Sohn gewachsen ist. Der Hebräerbrief ermutigt seine Leser, ihre Zuversicht nicht auf das zu setzen, was man sehen und anfassen, sondern auf Ihn, den man in Glauben und Vertrauen ergreift. Er ist „derselbe gestern und heute und in Ewigkeit“ (Hebr. 13:8) – das heißt: Wenn sich alles verändert, bleibt Er. Wenn gewohnte Sicherheiten zerbrechen, bleibt Sein Wort, bleibt Seine Gegenwart, bleibt Sein hoherpriesterlicher Dienst.

Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass Er Seinen einziggeborenen Sohn hingab, damit jeder, der in Ihn hineinglaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe. (Joh. 3:16)

der Sich Selbst für unsere Sünden hingegeben hat, damit Er uns herausrette aus dem gegenwärtigen bösen Zeitalter nach dem Willen unseres Gottes und Vaters, (Gal. 1:4)

Die Überlegenheit des Sohnes über jedes religiöse System führt aus der Fixierung auf Formen in die lebendige Beziehung zu Christus selbst: Wer sich im Glauben auf Ihn gründet, findet in allen Veränderungen und Spannungen einen bleibenden Halt, weil nicht äußere Strukturen, sondern der unveränderliche Herr das tragende Zentrum seines Lebens wird.


Herr Jesus Christus, Sohn Gottes und Ausdruck des ewigen Vaters, danke für die Gnade, dass Du Dich nicht verborgen hältst, sondern Dich uns in Liebe gezeigt hast. Wo unser Herz noch an vertrauten Formen, Sicherheiten und Systemen hängt, offenbare Dich selbst als größer als alles, was wir kennen. Lass die Wahrheit, dass Du über Engeln, Mächten und allen religiösen Ordnungen stehst, unsere Angst lösen und unser Vertrauen stärken. In den Spannungen unseres Lebens sei Du unser fester Mittelpunkt, den keine Verfolgung, kein Druck und keine Unsicherheit verdrängen kann. Vertiefe in uns die Erfahrung, dass Du der Gott bist, der uns erreicht, der sich schenken lässt, der in uns wohnt und uns bis in die zukünftige Ewigkeit trägt. Dein Name sei geehrt in Deiner Gemeinde, und Deine Herrlichkeit leuchte heller als jeder Hintergrund dieser Welt. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Hebrews, Chapter 4

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