Das Wort des Lebens
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Eins mit Christus in den Dingen droben

12 Min. Lesezeit

Viele Christen spüren die Kluft zwischen dem hohen Maßstab Gottes und ihrer eigenen Wirklichkeit: Es fällt schwer, ein guter Ehepartner zu sein, liebevoll zu reagieren oder einfach ein Mensch zu sein, der Gott sichtbar macht. Paulus führt uns im Kolosserbrief zu einer anderen Sicht: Christsein bedeutet nicht, sich mit religiösen Regeln oder moralischen Idealen abzumühen, sondern aus einer unsichtbaren Wirklichkeit zu leben – Christus in uns als Leben und wir mit Christus verborgen in Gott. Von dort her gewinnen die „Dinge droben“ plötzlich mit unserem ganz normalen Alltag zu tun.

Christus in uns und wir mit Christus in Gott

Wenn Paulus schreibt: „Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist zusammen mit Christus in Gott verborgen“ (Kolosser 3:3), spannt er einen großen Raum auf, in dem sich das christliche Leben bewegt. In demselben Brief sagt er, dass Christus in uns lebt als „unsere Hoffnung der Herrlichkeit“ (vgl. Kolosser 1:27). Beides gehört untrennbar zusammen: Innen wohnt Christus als unser Leben, außen umschließt uns Gott als die Sphäre, in der wir überhaupt existieren. Wir stehen nicht zwischen zwei abstrakten Polen – Erde und Himmel –, sondern in einem lebendigen Beziehungsfeld: Christus in uns und wir mit Christus in Gott. Damit wird deutlich, dass das Evangelium nicht nur von Schuldvergebung spricht, sondern von einer neuen Lebenswirklichkeit, in der wir tatsächlich versetzt sind.

In Kapitel 3 sagt Paulus weiter, dass wir mit Christus in Gott sind. Zuerst ist Christus in uns, doch schließlich sind wir mit Christus in Gott. Außerdem ist nach 3:4 der Christus, der in uns wohnt, unser Leben. Innerlich haben wir Christus als unser Leben, äußerlich haben wir Gott als unseren Bereich und unsere Sphäre. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft einundsechzig, S. 558)

Dieses Verborgensein hat einen doppelten Klang. Einerseits entzieht uns Gott den direkten Zugriffen der sichtbaren Welt: Unser wahres Leben, unser innerer Mittelpunkt, liegt nicht offen da, sondern ist in Gott geborgen. Andererseits bedeutet „verborgen“ auch: Es ist schon da, aber noch nicht in voller Klarheit sichtbar. Wenn Paulus sagen kann: „Darum, wenn ihr zusammen mit Christus auferweckt worden seid, so sucht die Dinge, die droben sind, wo Christus ist, der zur Rechten Gottes sitzt“ (Kolosser 3:1), dann spricht er von einer Realität, in die wir hineingenommen sind. Wir haben Anteil an Christus, der droben ist, gerade weil Er in uns als Leben gegenwärtig ist. So wird unser Dasein von einem anderen Zentrum aus bestimmt, das nicht wir selbst, sondern Christus ist.

Damit verschiebt sich der Maßstab, nach dem wir uns verstehen. Das Christsein ist nicht in erster Linie ein Projekt der Selbstverbesserung, sondern ein Prozess der inneren Umgestaltung durch eine andere Person. Wie Israel in der Wüste täglich Manna empfing und dadurch innerlich geformt wurde, so werden auch wir durch die fortwährende Lebensversorgung Christi erneuert. Gott verlangt nichts, wozu Er nicht zugleich Seine eigene Kraft in uns hineinlegt. Wenn Christus unser Leben ist und Gott unsere Sphäre, dann tragen wir nicht aus eigener Anstrengung ein ideales Christenbild zusammen, sondern Christus drückt sich durch unser konkretes Menschsein aus. In dieser Perspektive wird auch unser Versagen relativiert: Es ist real und ernst, aber es ist nicht das letzte Wort, denn unser Leben ist tiefer verankert als in unseren wechselnden Zuständen.

Wer so denkt, beginnt ruhiger zu werden. Das Suchen der Dinge droben bedeutet dann nicht, die Erde zu verachten, sondern von oben her zu leben – aus Christus in uns, in der Atmosphäre Gottes um uns. Inmitten beruflicher Anforderungen, familiärer Spannungen oder persönlicher Kämpfe bleibt bestehen: Unser Leben ist nicht ausgeliefert, sondern verborgen, gehalten, getragen. Diese Verborgenheit ist keine Flucht, sondern eine Quelle stiller Zuversicht. Sie schenkt Mut, immer neu zu vertrauen, dass Christus sich durch uns ausdrücken wird, selbst dort, wo wir uns arm und unfähig erleben. So wächst eine leise, aber tragfähige Freiheit: Wir müssen nicht glänzen, wir dürfen aus dem leben, der in uns wohnt und uns in Gott verankert.

Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist zusammen mit Christus in Gott verborgen. (Kol. 3:3)

Darum, wenn ihr zusammen mit Christus auferweckt worden seid, so sucht die Dinge, die droben sind, wo Christus ist, der zur Rechten Gottes sitzt. (Kol. 3:1)

In den Spannungen des Alltags wächst Hoffnung, wenn wir uns daran erinnern, dass unser eigentliches Leben nicht in unseren Erfolgen oder Niederlagen besteht, sondern in Christus, der in uns lebt und uns in Gott geborgen hält; aus dieser Ruhe heraus wird es möglich, weniger auf unsere eigene Leistung zu schauen und mehr darauf zu vertrauen, dass Er sich durch unser gewöhnliches Leben hindurch zeigt.

Die himmlische Gegenwart Christi: Hoherpriester und himmlischer Diener

Beim Blick auf Jesus bleibt die Aufmerksamkeit oft bei Golgatha stehen. Kreuz und Auferstehung sind die große Mitte der Heilsgeschichte, und doch zeichnet der Hebräerbrief ein weiterführendes Bild: Der gleiche Jesus, der hier gelitten hat, übt jetzt droben einen aktiven Dienst aus. Es heißt: „Der Hauptpunkt nun in den Dingen, die gesagt werden, ist dieser: Wir haben einen solchen Hohen Priester, der Sich zur Rechten des Thrones der Majestät in den Himmeln niedergesetzt hat, einen Diener der heiligen Stätten, sogar der wahren Stiftshütte, die der Herr errichtet hat und nicht ein Mensch“ (Hebräer 8:1–2). Christus hat sich nicht zur Ruhe gesetzt, sondern zu einem Dienst niedergesetzt, der aus der Gegenwart Gottes heraus geschieht. Als Hoherpriester vertritt er uns vor Gott, als Diener der heiligen Stätten bringt er Gottes Reichtum zu uns.

Der hauptsächliche Teil Seines Dienstes ist Sein Dienst im Himmel. Durch Seinen irdischen Dienst hat Er uns erlöst, errettet und wiedergeboren. Durch Seinen himmlischen Dienst aber baut Er die Gemeinde. Der Leib Christi braucht den himmlischen Dienst Christi, den Dienst Christi droben, um aufgebaut zu werden. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft einundsechzig, S. 560)

Der Hebräerbrief fasst diese Spannung so: „Darum vermag Er auch diejenigen bis zum Äußersten zu erretten, die durch Ihn zu Gott hinzutreten, da Er allezeit lebt, um fürbittend für sie einzutreten“ (Hebräer 7:25). Sein einmaliges Opfer am Kreuz ist vollendet, doch sein Fürbitten bleibt fortwährend. So entsteht ein lebendiger Strom: Von der Erde aus bringen wir seine Gemeinde, unsere Unreife, unsere Konflikte, unsere Müdigkeit vor ihn; vom Himmel her antwortet Er mit Fürsprache und mit einer konkreten Lebensversorgung. Er trägt unsere Unfähigkeit und teilt uns seine Fähigkeit mit, Er hört unser Bekenntnis und legt uns seine Treue ins Herz. Dass die Dinge droben suchen heißt deswegen auch, sich innerlich auf diesen beständigen Dienst Christi auszurichten.

Für unser persönliches Leben wie für die Gemeinde ist das eine stille, aber entscheidende Perspektive. Die Gemeinde wird nicht zuerst durch Strategien, Strukturen oder Programme aufgebaut, sondern durch den fortlaufenden Dienst des himmlischen Christus, der seinen Leib nährt, korrigiert, tröstet und ausstattet. Unser Gebet verbindet sich mit seinem Dienst: Wir bringen ihm konkrete Situationen – eine schwierige Beziehung, eine schwache örtliche Gemeinde, innere Trockenheit – nicht als Problem, das wir ihm übergeben und dann selbst lösen müssten, sondern als offene Stellen, an denen Er seine himmlische Wirksamkeit entfalten will. Wo wir so lernen, auf seinen gegenwärtigen Dienst zu achten, verliert der Glaube an Schärfe und Druck und gewinnt an Ruhe und Erwartung.

Gerade in den Momenten, in denen eigene Kraft offensichtlich nicht ausreicht, wird diese Sicht zu einer großen Ermutigung. Der Blick geht dann von unseren begrenzten Möglichkeiten weg zu dem, der „in Ewigkeit bleibt“ und ein „unveränderliches Priestertum“ hat (Hebräer 7:24). Was uns heute überfordert, trifft auf einen Christus, der nicht ermüdet und nicht abgelenkt wird. Schritt für Schritt wächst das stille Vertrauen: Über meinen Situationen steht ein Hoherpriester, der mich kennt, versteht und aktiv für mich eintritt. In dieser Gewissheit dürfen wir nüchtern in der Realität stehen und zugleich mit innerer Erwartung leben, dass der himmlische Dienst Christi Spuren in unserem Alltag hinterlässt – in Form von neuer Kraft, ungeahnter Versöhnung und einer Liebe, die nicht aus uns selbst stammt.

Der Hauptpunkt nun in den Dingen, die gesagt werden, ist dieser: Wir haben einen solchen Hohen Priester, der Sich zur Rechten des Thrones der Majestät in den Himmeln niedergesetzt hat, einen Diener der heiligen Stätten, sogar der wahren Stiftshütte, die der Herr errichtet hat und nicht ein Mensch. (Hebr. 8:1-2)

Darum vermag Er auch diejenigen bis zum Äußersten zu erretten, die durch Ihn zu Gott hinzutreten, da Er allezeit lebt, um fürbittend für sie einzutreten. (Hebr. 7:25)

Wenn das Herz lernt, im Schatten des himmlischen Hohenpriesters zu ruhen, verliert das eigene Scheitern etwas von seiner lähmenden Macht, denn mitten in der Schwachheit wächst die Zuversicht, dass Christus, der fürbittend eintritt und dient, seinen Leib nicht sich selbst überlässt, sondern beständig mit allem versorgt, was für ein treues, gemeinsames und aufgebautes Leben mit ihm nötig ist.

Die Dinge droben suchen und im neuen Menschen leben

Wenn Paulus in Kolosser 3 seine Leser anspricht mit den Worten: „Setzt euren Verstand auf die Dinge, die droben sind, nicht auf die Dinge, die auf der Erde sind“ (Kolosser 3:2), meint er damit nicht einen geistlichen Eskapismus. Es geht nicht darum, die Erde zu ignorieren, sondern darum, sie aus einem anderen Horizont zu sehen. Die „Dinge droben“ sind alles, was zu Christi gegenwärtigem Dienst gehört: seine Fürbitte, sein Wirken als Diener im himmlischen Heiligtum, seine Sorge um den Aufbau des Leibes. Wer seinen Sinn auf diese Wirklichkeit richtet, lässt sich nicht mehr vorrangig von den „Elementen der Welt“ bestimmen – seien es religiöse Systeme, moralische Leistungsideale oder philosophische Deutungen –, sondern von der Frage: Was tut Christus heute für seine Gemeinde, und wie kann mein Leben mit diesem Tun in Einklang kommen?

Die Dinge droben, die in Kolosser 3 erwähnt werden, sind die Dinge, die mit dem himmlischen Dienst Christi zu tun haben, mit dem Dienst Christi als unseres Hohenpriesters und Dieners Gottes. Wir sollten uns nicht mit irdischen Dingen und den Elementen der Welt beschäftigen, sondern erkennen, dass wir mit Christus in Gott verborgen sind. Dann sollten wir die Dinge droben suchen und unseren Sinn auf sie richten. Wir sollten unseren Sinn auf die Fürbitte Christi und auf Seinen Dienst für den Aufbau Seines Leibes richten. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft einundsechzig, S. 562)

In dieser Ausrichtung gewinnt der neue Mensch Kontur. Der Kolosserbrief spricht davon, dass wir den alten Menschen mit seinen Praktiken ausgezogen und den neuen angezogen haben, „der erneuert wird zur Erkenntnis nach dem Bild dessen, der ihn geschaffen hat“ (vgl. Kolosser 3:9–10). Diese Erneuerung geschieht nicht im luftleeren Raum, sondern genau in dem Spannungsfeld, in dem Christus droben dient und wir hier unten leben. Wo wir innerlich auf seine himmlische Fürbitte eingestellt sind, beginnt sich unser Umgang miteinander zu verändern: Trennlinien verlieren an Bedeutung, Versöhnung wird wichtiger als Rechtbehalten, und in der Gemeinde wird sichtbarer, dass Christus selbst unser Friede und unsere Mitte ist. Der neue Mensch ist nicht eine abstrakte Idee, sondern eine konkrete Ausdrucksweise Christi in seinem Leib.

So entsteht ein stiller, aber realer Verkehr zwischen Himmel und Erde. Im Gebet öffnen wir unsere konkreten Situationen – Arbeitskonflikte, familiäre Spannungen, Missverständnisse im Gemeindeleben – für den Blick des himmlischen Christus. Sein Dienst antwortet, indem er uns mit seiner Geduld, seiner Weisheit und seinem Mut durchdringt. „Daher, heilige Brüder, Teilhaber der himmlischen Berufung, betrachtet den Apostel und Hohenpriester unseres Bekenntnisses, Jesus“ (Hebräer 3:1): Wer ihn so anschaut, wird allmählich umgestaltet. Nicht dadurch, dass er sich zusammenreißt, sondern dadurch, dass Christus in ihm Gestalt gewinnt und der neue Mensch im Alltag Gestalt annimmt.

In dieser Perspektive verliert der Alltag seine Eintönigkeit. Jede Begegnung, jede Entscheidung, jede unscheinbare Treuehandlung kann zu einem Schauplatz werden, an dem der neue Mensch sichtbar wird – nicht spektakulär, sondern oft leise, verborgen, aber real. Die Ausrichtung auf die Dinge droben macht das Leben auf der Erde nicht weniger verantwortungsvoll, sondern tiefer: Wir leben mitten in der Welt und zugleich aus der Kraft einer anderen Welt. Diese Verbindung trägt, wenn eigene Möglichkeiten erschöpft sind, und sie ermutigt, auch in kleinen Schritten dranzubleiben, weil hinter ihnen der große Dienst Christi steht, der seinen Leib aufbaut und ihn auf den Tag vorbereitet, an dem das, was jetzt verborgen ist, offenbar werden wird.

Setzt euren Verstand auf die Dinge, die droben sind, nicht auf die Dinge, die auf der Erde sind. (Kol. 3:2)

DAHER, heilige Brüder, Teilhaber der himmlischen Berufung, betrachtet den Apostel und Hohenpriester unseres Bekenntnisses, Jesus, (Hebr. 3:1)

Wo der Sinn sich mehr an dem ausrichtet, was Christus heute in den Himmeln für seinen Leib tut, verlieren irdische Dinge an absolutem Gewicht, und gerade dadurch gewinnt der Alltag an Tiefe, weil jede Situation zu einem Raum werden kann, in dem der neue Mensch leise, aber deutlich Gestalt annimmt und Christus inmitten gewöhnlicher Umstände sichtbar wird.


Herr Jesus Christus, danke, dass du nicht fern und untätig bist, sondern als unser Hoherpriester und himmlischer Diener für uns lebst, für uns eintrittst und uns mit den Reichtümern Gottes versorgst. Vater, wir preisen dich, dass unser Leben mit Christus in dir verborgen ist und dass wir in dieser sicheren Sphäre leben dürfen, auch wenn unser Alltag oft schwach und zerrissen wirkt. Stärke in uns den Blick auf die Dinge droben, damit wir weniger von menschlichen Maßstäben und mehr von deiner himmlischen Wirklichkeit bestimmt werden. Lass den Verkehr zwischen deinem Herzen und unserem Herzen stark und lebendig sein, damit dein Leben in uns Gestalt gewinnt und der neue Mensch in unseren Beziehungen sichtbar wird. Tröste, die müde geworden sind, richte auf, die an ihrer Unfähigkeit verzweifeln, und erfülle uns neu mit der Hoffnung, dass du selbst in uns vollbringst, was du von uns erwartest. Dir vertrauen wir uns an, in der Gewissheit, dass deine Gnade genügt und deine Treue uns bis zur Vollendung trägt. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Colossians, Chapter 61

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