Christus als alle Glieder und in allen Gliedern im Neuen Menschen
Viele Christen kennen die biblische Aussage, dass Christus unser Leben ist, aber im Alltag bleibt diese Wahrheit oft abstrakt. Gleichzeitig erleben wir in Gemeinden kulturelle Unterschiede, starke Persönlichkeiten und alte Gewohnheiten, die echtes Einssein schwierig machen. Kolosser 3 verbindet diese beiden Spannungsfelder: Dort wird deutlich, dass Christus nicht nur das Zentrum unseres persönlichen Lebens, sondern auch das eigentliche „Wer“ und „Was“ des einen neuen Menschen ist, den Gott schon in der vergangenen Ewigkeit geplant hat.
Christus als unser Leben – die innere Wirklichkeit des neuen Menschen
Wenn Paulus sagt, dass Christus unser Leben ist, berührt er den innersten Kern unseres Daseins. Leben ist nicht etwas Äußerliches, das man an- und ablegen könnte wie ein Mantel; Leben ist das, was uns überhaupt zu einer Person macht. Unser leibliches Leben erklären wir nicht, wir tragen es in uns, wir merken es, wenn es geschwächt ist, und wir wären ohne dieses Leben gar nicht da. Wenn das Neue Testament bezeugt, dass Christus unser Leben ist, dann geht es nicht zuerst um Nachahmung oder Inspiration, sondern darum, dass Er selbst zur inneren Wirklichkeit unseres Seins geworden ist. Er bleibt nicht außerhalb von uns – ein hohes Ideal, dem wir nachstreben –, sondern Er verbindet sich mit uns so eng, dass Seine Lebensbewegung unsere Lebensbewegung werden soll.
Paulus sagt, dass Christus unser Leben ist. Nichts steht in engerer Beziehung zu uns als unser Leben. Eigentlich sind wir selbst unser Leben. Hätten wir kein Leben, würden wir aufhören zu existieren. Zu sagen, dass Christus unser Leben geworden ist, bedeutet, dass Christus zu uns geworden ist. Wenn Christus nicht zu uns wird, wie kann Er dann unser Leben sein? Unser Leben kann nicht von unserer Person getrennt werden. Da Christus unser Leben ist, kann Er nicht von uns getrennt werden. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft sechzig, S. 545)
Darum ist Christus als unser Leben immer zuerst eine Erfahrung, bevor Er eine Definition ist. Wie wir den Puls unseres natürlichen Lebens an Hunger, Müdigkeit, Kraft oder Schwäche wahrnehmen, so lässt sich auch das Leben Christi in uns wahrnehmen: im Frieden, der nicht von Umständen abhängt, in einer stillen Ausrichtung auf Gott mitten im Lärm des Alltags, in einer inneren Kraft zum Guten, wo wir früher nur guten Vorsatz kannten. Kolosser 3:4 fasst dies schlicht zusammen: „Wenn Christus, unser Leben, offenbar wird, dann werdet auch ihr mit Ihm offenbar werden in Herrlichkeit.“ Noch ist vieles verborgen, aber das, was einmal in Herrlichkeit sichtbar wird, ist heute schon als Leben in uns gegenwärtig.
Dieses Leben Christi in uns ist reich und umfassend. Das gilt nicht nur in geistlich klingenden Momenten, sondern gerade in den einfachen Bereichen unseres Daseins. Paulus deutet im Kolosserbrief an, dass alle „Schatten“ der irdischen Ordnungen in Christus ihre Wirklichkeit haben (vgl. Kol. 2:16-17). Er ist die wahre Speise, die unsere Seele nährt, der wahre Schutz, unter dem wir stehen, die wahre Ruhe, in der wir aufatmen, und die wahre Wohnung, in der wir innerlich zu Hause sind. Indem wir Ihn so im Glauben annehmen, lernen wir, nicht länger aus einem von Gott getrennten, natürlichen Leben zu leben, sondern aus dem, was Er in uns ist.
Gerade dieser persönliche, oft unscheinbare Genuss Christi öffnet unsere Augen für etwas Größeres. Wer erfährt, dass Christus ihn im Verborgenen trägt, beginnt auch zu spüren, dass dieses Leben nicht nur ihm gehört. Der Christus, der in mir lebt, ist derselbe, der in den anderen Gläubigen lebt. So wächst ein Bewusstsein, das über das eigene geistliche Wohlergehen hinausgeht: Wir werden leibbewusst. Wir erkennen uns als Glieder eines Leibes, die ein und dasselbe Leben teilen, und staunen, dass Christus sich nicht nur mit Einzelnen verbindet, sondern einen neuen Menschen hervorbringt.
Wenn Christus, unser Leben, offenbar wird, dann werdet auch ihr mit Ihm offenbar werden in Herrlichkeit. (Kol. 3:4)
So soll euch nun niemand richten wegen Speise oder Trank oder betreffs eines Festes oder Neumondes oder von Sabbaten, die ein Schatten der zukünftigen Dinge sind, der Körper aber ist des Christus. (Kol. 2:16-17)
Wer Christus als sein Leben erkennt, steht nicht mehr unter dem Druck, sich selbst zu einem geistlichen Menschen machen zu müssen. Die entscheidende Bewegung geschieht von innen nach außen: Das Leben, das Gott in Christus in uns gelegt hat, drängt danach, sich auszubreiten. Je mehr wir innerlich anerkennen, dass Seine Gegenwart näher ist als unsere eigenen Gedanken, desto stiller und zugleich zuversichtlicher wird unser Weg. In den Spannungen des Tages, in der Müdigkeit, in den unerfüllten Wünschen dürfen wir uns daran erinnern: Nicht meine Reife, sondern Sein Leben trägt. Aus dieser Gewissheit erwächst eine sanfte, aber beharrliche Hoffnung – für uns selbst, für die Menschen um uns herum und für den Aufbau des einen neuen Menschen, in dem Christus zur Mitte und zur Wirklichkeit aller geworden ist.
Mit Christus leben und die Dinge droben suchen
Christus als unser Leben ist nicht in sich abgeschlossen. Derselbe Christus, der in uns wohnt, ist zugleich im Himmel tätig. Das Neue Testament beschreibt Ihn als Hohenpriester, der vor Gott für die Seinen eintritt, als Diener der wahren Stiftshütte und als den, der Gottes Ratschluss verwaltet. In Hebräer 8:1-2 heißt es: „Wir haben einen solchen Hohen Priester, der Sich zur Rechten des Thrones der Majestät in den Himmeln niedergesetzt hat, einen Diener der heiligen Stätten, sogar der wahren Stiftshütte, die der Herr errichtet hat und nicht ein Mensch.“ Sein himmlischer Dienst ist kein frommes Bild, sondern eine gegenwärtige Wirklichkeit: Christus denkt, betet und handelt als Haupt zum Wohl Seines Leibes.
Wenn wir Christus als die Wirklichkeit aller positiven Dinge genießen, werden wir Ihn als unsere Speise, unseren Trank, unsere Kleidung, unser Transportmittel und unsere Wohnung nehmen. Wenn wir weitergehen und Ihn als das geheimnisvolle Leben in uns genießen und erfahren und mit Ihm zusammen leben, werden wir das suchen, was droben ist, die Dinge im Himmel, wo Christus fürbittend eintritt, dient und Gottes Ökonomie verwaltet. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft sechzig, S. 547)
Kolosser 3 knüpft gerade hier an: „Seid ihr nun mit Christus auferweckt, so sucht das, was droben ist, wo der Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes. Trachtet nach dem, was droben ist, nicht nach dem, was auf der Erde ist“ (Kolosser 3:1-2). Suchen, was droben ist, bedeutet nicht, den Alltag zu verachten oder sich aus der Welt zu flüchten. Es heißt, innerlich auf die Wirklichkeit ausgerichtet zu sein, in der Christus handelt. Während Er im Himmel fürbittend eintritt, dienen wir nicht als Zuschauer, sondern als solche, die in unserem inneren Leben auf Seine Interessen abgestimmt werden. Unsere Gebete, unsere Entscheidungen, unser Umgang miteinander werden so Teil eines stillen Dialogs zwischen Himmel und Erde.
Diese Verbindung zeigt sich besonders deutlich, wenn wir Seine Einladung ernst nehmen: „Darum lasst uns mit Freimut hinzutreten zum Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden für rechtzeitige Hilfe“ (Hebr. 4:16). Der Thron, auf dem Christus sitzt, ist zugleich ein Gnadenthron. Wenn wir mit Freimut hinzutreten, stellen wir uns bewusst hinein in das, was Er schon für uns tut. Unser Rufen ist dann nicht der Versuch, einen fernen Gott umzustimmen, sondern das Echo dessen, was der Sohn im Himmel vor dem Vater ausspricht. In dieser Übereinstimmung wird unser innerliches Suchen nach den Dingen droben zu einem Mitgehen mit dem Wirken Christi selbst.
Gerade in dieser verborgenen Übereinstimmung beginnt der neue Mensch Gestalt zu gewinnen. Kolosser 3 stellt dem Suchen nach oben sehr nüchterne Konsequenzen an die Seite: Die Glieder, die auf der Erde sind – Unzucht, Unreinheit, Habgier und all die inneren Bewegungen des alten Menschen – sollen zu Tode gebracht werden, und Dinge wie Zorn, Wut, Bosheit und schändliches Reden abgelegt werden (vgl. Kol. 3:5-8). Das ist nicht moralistische Selbstverbesserung, sondern die Folge einer neuen inneren Schwerkraft: Was Christus im Himmel will, gewinnt in uns Gewicht. Sein Sinn wird langsam zu unserem Sinn, und das, was früher wie eine unbesiegbare Neigung erschien, verliert an Macht, weil unser Herz an eine andere Quelle gebunden ist.
Der Hauptpunkt nun in den Dingen, die gesagt werden, ist dieser: Wir haben einen solchen Hohen Priester, der Sich zur Rechten des Thrones der Majestät in den Himmeln niedergesetzt hat, einen Diener der heiligen Stätten, sogar der wahren Stiftshütte, die der Herr errichtet hat und nicht ein Mensch. (Hebr. 8:1-2)
Seid ihr nun mit Christus auferweckt, so sucht das, was droben ist, wo der Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes. Trachtet nach dem, was droben ist, nicht nach dem, was auf der Erde ist. (Kol. 3:1-2)
Wenn das Herz von den Dingen droben erfüllt wird, verliert der Zwang, alles aus eigener Hand sichern und rechtfertigen zu müssen, an Kraft. Der Blick auf den Christus, der als Hoherpriester für uns eintritt, schenkt eine neue Freiheit, nicht jeder inneren Regung des alten Menschen folgen zu müssen. Schritt für Schritt wächst Vertrauen: Die Wege, die ich nicht überschauen kann, liegen vor Dem, der zugleich auf dem Thron und in meinem Inneren gegenwärtig ist. Aus dieser doppelten Gewissheit – Christus in den Himmeln für mich, Christus in mir als Leben – erwächst eine stille Bereitschaft, auch unbequeme Erneuerung zuzulassen. So wird der Alltag zum Ort, an dem Gottes ewiger Vorsatz, einen neuen Menschen zu gewinnen, in vielen kleinen, aber echten Veränderungen sichtbar werden kann.
Christus als alle Glieder und in allen Gliedern im neuen Menschen
Wo Christus als Leben und Mitte gegenwärtig ist, beginnt sich unser Bild von Gemeinschaft zu verändern. Das Neue Testament spricht vom einen Leib und vom einen neuen Menschen, um deutlich zu machen: Gott strebt nicht nur eine Vielzahl geretteter Einzelner an, sondern eine Menschheit, die von Christus durchdrungen ist. In 1.Korinther 12:12 heißt es: „Denn so wie der Leib einer ist und viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obwohl es viele sind, ein Leib sind, so ist auch der Christus.“ Das ist überraschend: Paulus nennt nicht nur den Leib „christusförmig“, er sagt: so ist „der Christus“. Haupt und Leib werden in einem Ausdruck zusammengefasst. Christus schämt sich nicht, sich mit seinen Gliedern zu identifizieren, sondern Er möchte sich gerade in ihnen und durch sie ausdrücken.
Im neuen Menschen ist Christus jedes Glied. Dazu sagt Paulus in 3:11: „wo nicht Grieche und Jude ist, Beschneidung und Unbeschnittenheit, Barbar, Skythe, Sklave, Freier, sondern Christus alles und in allen ist“. Das bedeutet, dass es im neuen Menschen keinen Platz, keinen Raum für irgendeine natürliche Person gibt. Es gibt keinen Platz für regionale, kulturelle oder nationale Unterschiede. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft sechzig, S. 552)
Kolosser 3 zeigt die Konsequenz: „… wo es nicht geben kann Grieche und Jude, Beschneidung und Unbeschnittenheit, Barbar, Skythe, Sklave, Freier, sondern Christus ist alles und in allen“ (Kol. 3:11). Nationale, kulturelle, soziale und religiöse Unterschiede werden hier nicht einfach geleugnet; sie verlieren vielmehr ihren bestimmenden Charakter. Im neuen Menschen gibt es keinen privilegierten Platz für eine bestimmte Herkunft oder Prägung. Niemand soll aus seinem „griechischen“ oder „jüdischen“, aus seinem „barbarischen“ oder „gebildeten“ Leben leben, sondern aus Christus. In dem Maß, in dem Er unser Leben wird, rücken unsere natürlichen Identitäten in den Hintergrund; sie bleiben wahrnehmbar, aber sie herrschen nicht mehr.
Gleichzeitig nimmt der neue Mensch uns die Person nicht weg. Paulus betont: „Christus ist alles und in allen.“ Er ist alles – der Inhalt und die Wirklichkeit jedes Gliedes –, und Er ist in allen – in der Vielzahl der Personen, die Er nicht auslöscht, sondern erneuert. So wie im Leib viele Glieder vorhanden sind und doch ein einziges Leben sie durchströmt, so bleibt im neuen Menschen die Vielfalt der Personen bestehen, aber Christus ist der, der sie erfüllt. Er löscht unser Ich nicht aus, Er befreit es von seiner Selbstbezogenheit und stellt es unter die Regie Seines Lebens. Wo das geschieht, wird unser Charakter nicht nivelliert, sondern in der Auferstehungswirklichkeit geformt.
Diese Spannung von Einheit und Vielfalt wird auch in Galater 3:27-28 sichtbar: „Denn so viele von euch in Christus hineingetauft worden sind, haben Christus angezogen. Da ist nicht Jude noch Grieche, da ist nicht Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus.“ Christus anziehen heißt, Ihn als unsere wahre, gemeinsame Identität anzunehmen. Nicht mehr Herkunft, Geschlecht oder soziale Stellung stehen im Vordergrund, sondern die eine Person Christi, die wir alle angezogen haben. Die Unterschiede verschwinden nicht aus der Schöpfung, aber sie verlieren ihre Macht, Gemeinschaft zu definieren, zu spalten oder zu hierarchisieren.
Denn so wie der Leib einer ist und viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obwohl es viele sind, ein Leib sind, so ist auch der Christus. (1.Kor. 12:12)
wo es nicht geben kann Grieche und Jude, Beschneidung und Unbeschnittenheit, Barbar, Skythe, Sklave, Freier, sondern Christus ist alles und in allen. (Kol. 3:11)
Die Einsicht, dass Christus im neuen Menschen alle Glieder und in allen Gliedern ist, schützt vor Entmutigung und Hochmut zugleich. Entmutigung verliert an Schärfe, weil meine Schwächen und kulturellen Prägungen nicht das letzte Wort haben; Hochmut wird unterbrochen, weil keine Herkunft und keine Begabung den Maßstab bildet, sondern Christus allein. In dieser Haltung wird das Miteinander der Gläubigen zu einem Feld, auf dem Gott seinen Vorsatz ausarbeitet: Menschen mit verschiedenster Geschichte werden von demselben Leben ergriffen und zusammengefügt. Das macht dankbar und nüchtern zugleich – dankbar, weil wir Teil dieses Werkes sein dürfen, und nüchtern, weil jeder Tag neu die Einladung in sich trägt, Christus den Raum zu geben, den unsere Natur sich so leicht selbst nimmt. Gerade darin liegt eine tiefe Ermutigung: Gottes Ziel hängt nicht an der Stärke unseres Charakters, sondern an der Treue dessen, der zugesagt hat, in uns zu wohnen und durch uns den neuen Menschen hervorzubringen.
Herr Jesus Christus, danke, dass du nicht fern und abstrakt geblieben bist, sondern unser Leben geworden bist und in uns wohnst. Du siehst unsere Prägungen, Begrenzungen und Trennungen und liebst uns doch so sehr, dass du uns in den einen neuen Menschen hineinverwandelst. Stärke in uns das Verlangen, dich als unsere tägliche Wirklichkeit zu genießen und unser Herz auf das zu richten, was droben ist, wo du als Hoherpriester und Herr der Geschichte für deine Gemeinde eintrittst. Erneuere unseren Sinn, damit alle natürlichen Unterschiede ihre trennende Kraft verlieren und dein Leben in jedem von uns Gestalt gewinnt. Lass in unserer Zeit der neue Mensch deutlicher hervorkommen, zur Freude deines Herzens und zum Zeugnis deiner Gnade auf der Erde. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Colossians, Chapter 60