Das Wort des Lebens
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Eine Stellung, ein Leben, ein Wandel, ein Schicksal und eine Herrlichkeit mit Christus

12 Min. Lesezeit

Viele Christen denken beim Glauben vor allem an Vergebung, Trost und Hilfe im Alltag. Doch das Neue Testament zeichnet ein weit größeres Bild: Gott zieht uns in das hinein, was Christus selbst ist und hat. Wer zu Jesus gehört, ist nicht nur von Ihm gesegnet, sondern mit Ihm verbunden – in seiner Stellung vor Gott, in seinem inneren Leben, in seinem täglichen Wandel und sogar in seiner ewigen Herrlichkeit. Dieses Geheimnis bleibt oft theoretisch, solange wir es nur als Lehre hören und nicht als gelebte Wirklichkeit im Geist entdecken.

Eine Stellung mit Christus: in Christus, im Vater, im Himmel

Wenn Paulus sagt: „Darum, wenn ihr zusammen mit Christus auferweckt worden seid, so sucht die Dinge, die droben sind, wo Christus ist, der zur Rechten Gottes sitzt“ (Kolosser 3:1), legt er eine radikale Behauptung über unsere Stellung offen. In Gottes Sicht sind die Gläubigen bereits aus der alten Sphäre von Adam herausgenommen und dorthin versetzt worden, wo Christus ist. Christus ist im Vater; Er bezeugt: „… damit ihr erkennt und glaubt, daß der Vater in mir ist und ich in ihm“ (Johannes 10:38). Wenn der Sohn im Vater ist und wir in Christus sind, dann ist unsere Stellung nicht nur „in Christus“, sondern ebenso „im Vater“ – hineingenommen in die innere Sphäre göttlicher Gemeinschaft. Himmel bedeutet in diesem Sinn nicht zuerst Ort, sondern Beziehung: geborgen in der gegenseitigen Innewohnung von Vater und Sohn, hineingezogen in den Raum ihrer Liebe.

In Johannes 17:24 betete der Herr Jesus: „Vater, ich will, daß die-, welche du mir gegeben hast, auch bei mir seien, wo ich bin, damit sie meine Herrlichkeit schauen, die du mir gegeben hast, denn du hast mich geliebt vor Grundlegung der Welt.“ Dort zu sein, wo der Herr Jesus ist, ist keine Frage der Geographie. Der Herr ist im Vater, und Er betete, dass die Jünger, die noch nicht im Vater waren, in Ihn hineingebracht würden. Der Herr betete also, dass sie dort sein sollten, wo Er ist. Es ist für uns entscheidend zu erkennen, dass unsere Stellung nicht nur in Christus, sondern auch im Vater ist. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft neunundfünfzig, S. 534)

Diese Stellung bleibt leicht abstrakt, solange wir sie nur gedanklich festhalten. Sie wird konkret, wenn wir verstehen, dass die Himmelsphäre durch den Geist in unseren Geist hineinreicht. „Daran erkennen wir, dass wir in Ihm bleiben und Er in uns, dass Er uns von Seinem Geist gegeben hat“ (1. Johannes 4:13). Der Thron im Himmel und der Geist in uns gehören zusammen. Wo ein Mensch im Geist lebt, lernt er, seine Umstände von oben her zu sehen – nicht mehr als Gefangener seiner Lage, sondern als jemand, der innerlich dort steht, wo Christus steht. Konflikte in der Gemeinde, Druck in der Arbeit, persönliche Schwachheit erscheinen dann nicht mehr als endgültige Definition seines Lebens, sondern als Situationen, in denen der erhöhte Christus Seine Sicht mitteilt. Wer auf diese Weise in seiner himmlischen Stellung ruht, beginnt, eine leise Freiheit zu kennen: die Freiheit, nicht jeder inneren Regung zu folgen, sondern sich an dem auszurichten, was droben ist – an der Ruhe des Vaters, an der Treue des Sohnes, an der Kraft des Thrones. So wird die Wahrheit unserer Stellung zu einer Quelle stiller Ermutigung, auch dann, wenn äußerlich wenig danach aussieht.

Darum, wenn ihr zusammen mit Christus auferweckt worden seid, so sucht die Dinge, die droben sind, wo Christus ist, der zur Rechten Gottes sitzt. (Kol. 3:1)

Daran erkennen wir, dass wir in Ihm bleiben und Er in uns, dass Er uns von Seinem Geist gegeben hat. (1.Joh. 4:13)

Unsere Stellung mit Christus im Vater und in den Himmeln lädt zu einer neuen Art des Sehens ein. Je mehr wir uns innerlich daran erinnern, wo wir vor Gott stehen, desto weniger diktieren uns Launen, Ängste und Stimmungen, wie wir Wirklichkeit zu deuten haben. In der Tiefe unseres Geistes liegt eine himmlische Perspektive bereit, die nicht laut und spektakulär ist, sondern leise und tragfähig. In dieser Perspektive werden selbst widrige Umstände zum Anlass, den erhöhten Christus neu zu entdecken und aus Seiner Ruhe heraus zu reagieren, statt aus der Enge des eigenen Empfindens.

Ein Leben mit Christus: gekreuzigt, auferstanden, verborgen in Gott

Wenn Paulus sagt: „Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist zusammen mit Christus in Gott verborgen“ (Kolosser 3:3), stellt er zwei Leben einander gegenüber. Das eine ist das natürliche, von Adam ererbte Leben – das Leben, das so schnell gekränkt ist, so begierig nach Rechtfertigung, so abhängig vom Urteil anderer. Dieses Leben kann nicht in Gott verborgen sein; es ist vor Ihm nicht tragfähig. Das andere ist das göttliche Leben, das Christus selbst ist und das Er den Glaubenden mitteilt. „Wenn Christus, unser Leben, offenbar gemacht wird, dann werdet auch ihr zusammen mit Ihm in Herrlichkeit offenbar gemacht werden“ (Kolosser 3:4). Dass Christus unser Leben genannt wird, zeigt: Gott, Christus und die Gläubigen teilen in der Tiefe dasselbe Lebenswesen. Was in Gott verborgen ist, ist nicht unsere alte Natur, sondern dieses neue, von oben geschenkte Leben.

In Vers 3 sagt er, dass unser Leben „mit Christus in Gott verborgen worden ist“. In Vers 4 spricht er weiter von der Zeit, „wenn Christus, unser Leben, offenbar gemacht wird“. … Das Leben, von dem hier die Rede ist, ist jedoch nicht unser natürliches Leben, das von Adam ererbte Leben. Ein solches Leben könnte niemals das Leben sein, das mit Christus in Gott verborgen ist. Gott würde niemals zulassen, dass das von Adam ererbte natürliche Leben in Ihm verborgen ist. Das einzige Leben, das mit Christus in Gott verborgen sein kann, ist das göttliche Leben, das eigentliche Leben Christi. Dieses Leben ist zu unserem Leben geworden. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft neunundfünfzig, S. 537)

Dieses gemeinsame Leben trägt den Charakter des Gekreuzigtseins, der Auferstehung und der Verborgenheit. Wo dieses Leben sich auswirkt, verliert der alte Mensch seine Selbstverteidigung. Angriffe, Missverständnisse, Enttäuschungen müssen nicht mehr sofort beantwortet werden; etwas im Innern bleibt auf dem Kreuz und besteht nicht darauf, sich zu rechtfertigen. Zugleich ist dieses Leben unzerstörbar in seiner Freude und Standhaftigkeit: es trägt eine Auferstehungskraft in sich, die immer wieder aufstehen lässt, auch wenn vieles zerbricht. Und es liebt die Verborgenheit: es findet Frieden darin, vor Gott bekannt und vor Menschen übersehen zu sein. Der Herr spricht von der verborgenen Praxis des Gebets, des Gebens und des Fastens, die „zu deinem Vater, der im Verborgenen ist“ geschieht (vgl. Matthäus 6). Wo in Gemeindearbeit große Aktivität in sich zusammenfällt, sobald Kritik kommt, zeigt sich das natürliche Leben. Wo hingegen eine stille Treue bleibt, ein unscheinbarer Dienst, ein leises Ja zu Gottes Weg, wirkt das Leben, das zusammen mit Christus in Gott verborgen ist.

Die Erkenntnis dieses gemeinsamen Lebens schenkt inneren Trost. Viel von dem, was Gott in uns wirkt, bleibt anderen verborgen und bleibt doch kostbar vor Ihm. Dass unser Leben verborgen ist, bedeutet nicht Bedeutungslosigkeit, sondern Geborgenheit. Es heißt, dass die entscheidende Geschichte unseres Lebens im Verborgenen zwischen Gott und uns geschrieben wird und dass ihre Vollendung nicht in der Gegenwart, sondern in der Offenbarung Christi sichtbar wird. Wer sich daran erinnert, darf gelassener werden, wenn Anerkennung ausbleibt oder Missverständnis bleibt: Der Maßstab liegt in Gott, nicht im Applaus. Und in diesem stillen Wissen wächst der Mut, auch unscheinbare Wege mit Christus zu gehen – im Vertrauen darauf, dass nichts von dem, was aus Seinem Leben in uns geschieht, vor Ihm verloren ist.

Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist zusammen mit Christus in Gott verborgen. (Kol. 3:3)

Wenn Christus, unser Leben, offenbar gemacht wird, dann werdet auch ihr zusammen mit Ihm in Herrlichkeit offenbar gemacht werden. (Kol. 3:4)

Das Bewusstsein, dass unser wahres Leben das göttliche, mit Christus gekreuzigte, auferstandene und verborgene Leben ist, relativiert die lauten Ansprüche des alten Menschen. Es öffnet einen Raum innerer Freiheit: Wir müssen uns nicht mehr beweisen, nicht jedes Unrecht sofort klären, nicht jede Leistung sichtbar machen. In der Verborgenheit bei Gott gewinnt die Seele Atem, und der Mensch lernt, aus einem Leben zu handeln, das nicht von Verletzung und Geltungsdrang getrieben wird, sondern von der stillen Würde dessen, der sein Sein in Christus verankert weiß.

Ein Wandel, eine Bestimmung und eine Herrlichkeit mit Christus

Kolosser 3 verbindet unsere himmlische Stellung und unser neues Leben unmittelbar mit unserem täglichen Weg. Nachdem Paulus die Tatsache unserer Auferweckung mit Christus genannt hat, fährt er fort: „Setzt euren Verstand auf die Dinge, die droben sind, nicht auf die Dinge, die auf der Erde sind“ (Kolosser 3:2). Unser Wandel wird von dem geprägt, worauf unser Inneres ausgerichtet ist. Christus lebt und wirkt jetzt im Himmel als der Erhöhte; Er ist unser Herr, unser Hoherpriester und der, dem alle Macht gegeben ist. Wenn unser Sinn auf Ihn, auf Seine Anliegen und Seine Weise des Handelns gerichtet ist, beginnt unser Alltag, den Duft der himmlischen Sphäre anzunehmen. Entscheidungen werden nicht mehr allein nach kurzfristigem Nutzen getroffen, sondern unter der leisen Frage: Was entspricht dem Willen des Herrn, der zur Rechten Gottes sitzt?

Wir sollen nicht irdisch oder weltlich leben. Stattdessen sollen wir himmlisch leben, das suchen, was droben ist, und unseren Sinn darauf richten. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft neunundfünfzig, S. 540)

Dieses Ausgerichtetsein auf das, was droben ist, bedeutet nicht Flucht aus der Welt, sondern eine neue Weise, in der Welt zu stehen. Paulus tadelt die Korinther, weil sie „fleischlich“ sind und „nach Menschenweise“ wandeln (1. Korinther 3:3). Wo der Verstand bei dem bleibt, was von unten her drängt – Eifersucht, Parteiungen, Selbstdurchsetzung – wirkt sich unsere Einheit mit Christus im Alltag kaum aus. Wo der Blick jedoch immer wieder auf den erhöhten Herrn gelenkt wird, wächst ein anderer Stil: mehr Bereitschaft zum Nachgeben, mehr Interesse am Aufbau anderer, mehr Treue in verborgenen Dingen. In diesen unscheinbaren Haltungen zeigt sich, dass unser Wandel von einer himmlischen Bestimmung her geprägt ist und nicht von irdischen Rivalitäten.

Die Perspektive der Bestimmung und der Herrlichkeit rundet dieses Bild. „Wenn Christus, unser Leben, offenbar gemacht wird, dann werdet auch ihr zusammen mit Ihm in Herrlichkeit offenbar gemacht werden“ (Kolosser 3:4). Jetzt ist vieles an unserem Einssein mit Christus verborgen, unsere inneren Kämpfe, unser Ringen im Gebet, unsere kleinen Schritte des Gehorsams. In der Offenbarung Christi wird sichtbar werden, dass Sein Weg und unser Weg untrennbar miteinander verbunden sind. Der Herr selbst hat zum Vater gesagt: „Vater, ich will, daß die-, welche du mir gegeben hast, auch bei mir seien, wo ich bin, damit sie meine Herrlichkeit schauen“ (Johannes 17:24). Unsere Bestimmung ist nicht ein anonymes Aufgehen in der Ewigkeit, sondern das bewusste Mitleben in der Herrlichkeit des Sohnes, die vor Grundlegung der Welt im Herzen des Vaters beschlossen wurde. Wer diese Zukunft vor Augen hat, kann die Gegenwart anders tragen. Mühe, Verzicht und unerfüllte Wünsche verlieren nicht ihre Schwere, aber sie stehen unter einem anderen Vorzeichen: Sie gehören zu einem Weg, der in die Herrlichkeit mit Christus mündet und in dem nichts von dem, was Glauben, Liebe und Treue war, vergessen bleibt.

So entsteht aus Stellung, Leben und Bestimmung ein zusammenhängender Weg: Wir sind jetzt schon in Christus und im Vater, wir leben aus einem göttlichen, gekreuzigten und auferstandenen Leben, und wir gehen auf eine gemeinsame Offenbarung in Herrlichkeit zu. Diese Sicht macht nicht laut und triumphalistisch, sondern nüchtern, still und hoffnungsvoll. Sie lädt dazu ein, den heutigen Tag als ein kleines Stück dieses großen Weges mit Christus zu sehen – mit all seinen Spannungen und Begrenzungen, aber auch mit der Gewissheit, dass der, der unser Leben ist, uns Schritt für Schritt in das hineinführt, was Er selbst seit Ewigkeit vom Vater her empfangen hat.

Setzt euren Verstand auf die Dinge, die droben sind, nicht auf die Dinge, die auf der Erde sind. (Kol. 3:2)

denn ihr seid noch fleischlich. Denn da Eifersucht und Streit unter euch ist: Seid ihr nicht fleischlich und wandelt nach Menschenweise? (1.Kor 3:3)

Wenn der Alltag von der Wirklichkeit geprägt wird, dass unser Sinn auf das gerichtet ist, was droben ist, bekommt jedes noch so gewöhnliche Tun einen neuen Klang. Arbeit, Beziehungen, Gemeindedienst werden zu Räumen, in denen sich das Einssein mit Christus ausdrücken darf – oft leise, manchmal unter Tränen, aber mit einer bleibenden Hoffnung im Hintergrund: derselbe Christus, den wir jetzt unsichtbar als Leben in uns tragen, wird sichtbar werden, und mit Ihm alles, was in Gemeinschaft mit Ihm gelebt wurde. Diese Aussicht stärkt, dranzubleiben, auch wenn der Weg unspektakulär ist, und im Verborgenen ein Leben zu führen, das von der kommenden Herrlichkeit her leuchtet.


Herr Jesus Christus, danke, dass Du uns nicht nur rettest, sondern uns in Deine eigene Stellung, Dein Leben, Deinen Wandel und Deine Herrlichkeit hineinziehst. Vater, öffne uns die Augen, damit wir erkennen, dass wir in Christus, in Dir und im Himmel sind, auch mitten im ganz normalen Alltag. Heiliger Geist, lehre uns, im Geist zu bleiben, damit das gekreuzigte, auferstandene und verborgene Leben Jesu in uns Gestalt gewinnt und unser Reden, Denken und Handeln prägt. Stärke in uns die Gewissheit, dass unsere Bestimmung Herrlichkeit ist und dass keine verborgene Treue und kein stilles Gebet vor Dir verloren geht. Lass uns aus dieser Hoffnung leben, bis der Tag kommt, an dem Christus unser Leben offenbar wird und wir mit Ihm in Herrlichkeit erscheinen. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Colossians, Chapter 59

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