Das suchen, was droben ist, und den Sinn darauf richten
Viele Christen wissen, dass Jesus im Himmel ist, aber im Alltag scheint der Himmel oft weit weg und die Sorgen der Erde übermächtig nah. Kolosser 3 spricht davon, das zu suchen, was droben ist, und den Sinn darauf zu richten – doch was sind diese Dinge oben konkret, und wie verändert die Sicht auf sie unser Leben unten? Wer durch die Fenster des Hebräerbriefes, des Epheserbriefes und der Offenbarung blickt, entdeckt, dass über unserem oft chaotischen Alltag ein herrlicher Christus regiert, dessen himmlische Tätigkeit direkt mit unserem inneren Leben und mit dem praktischen Gemeindealltag verbunden ist.
Der verherrlichte Christus – Inhalt der Dinge droben
Wenn die Schrift vom Suchen der Dinge droben spricht, zeichnet sie kein nebliges, religiöses Oben, sondern öffnet konkrete Fenster in eine sehr klare Wirklichkeit. Kolosser 3 verbindet den Ruf „sucht die Dinge, die droben sind“ mit der Aussage, dass dort Christus ist, der zur Rechten Gottes sitzt. Der Hebräerbrief beschreibt, was die Augen des Glaubens dort sehen: „doch wir sehen Jesus, der wegen Seines Todesleidens ein wenig geringer gemacht worden ist als die Engel, mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt, damit Er durch die Gnade Gottes für alles den Tod schmecken sollte“ (Hebräer 2:9). Dieselbe Person, die auf der Erde mit Dornen gekrönt wurde, sehen wir jetzt mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt. Der Himmel ist nicht zuerst ein Ort voller Gegenstände, sondern die Sphäre, in der diese Person in ihrer ganzen Herrlichkeit erschienen ist.
Im Hebräerbrief, im Epheserbrief und in der Offenbarung gibt es gleichsam Fenster, durch die wir die Dinge droben sehen können. Der erste Aspekt dieser Dinge droben findet sich in Hebräer 2:9. Nach diesem Vers sehen wir Jesus mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt. Auf der Erde war Er mit Dornen gekrönt, doch auf dem Thron im Himmel ist Er mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt. Als der mit Herrlichkeit und Ehre Gekrönte ist Christus weit kostbarer als das Judentum oder die griechische Philosophie. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft achtundfünfzig, S. 526)
Von hier aus entfaltet das Neue Testament eine vielschichtige, aber doch einheitliche Sicht auf die Dinge droben. Hebräer 4–8 zeigt Jesus als den großen Hohenpriester, der die Himmel durchschritten hat, sich zur Rechten der Majestät niedergesetzt hat und als Diener der wahren Stiftshütte wirkt: „Der Hauptpunkt nun in den Dingen, die gesagt werden, ist dieser: Wir haben einen solchen Hohen Priester, der Sich zur Rechten des Thrones der Majestät in den Himmeln niedergesetzt hat, einen Diener der heiligen Stätten, sogar der wahren Stiftshütte, die der Herr errichtet hat und nicht ein Mensch“ (Hebräer 8:1–2). Apostelgeschichte 2 bezeugt, dass Gott denselben gekreuzigten Jesus zum Herrn und zum Christus gemacht hat (Apostelgeschichte 2:36). Epheser 1 zeigt Ihn erhöht „hoch über jedem Fürstentum und jeder Gewalt und Macht und Herrschaft“, dem alles zu Füßen gelegt ist und der als Haupt über alles der Gemeinde gegeben ist (Epheser 1:20–23). Die Offenbarung schließlich lässt uns in die himmlische Regierungszentrale blicken: einen aufgestellten Thron, Blitze, Stimmen, Donner, sieben Feuerfackeln als die sieben Geister Gottes, und „in der Mitte des Thrones … ein Lamm stehen, als wäre Es gerade geschlachtet worden“ (Offenbarung 5:6; vgl. Offenbarung 4:2, 5). Die Dinge droben sind daher vor allem Christus selbst in der Fülle Seiner Ämter: das gekrönte Haupt, der Vorläufer hinter dem Vorhang, der Hohepriester, der himmlische Diener im wahren Heiligtum, das Lamm auf dem Thron der göttlichen Regierung. Wo der Sinn auf Ihn gerichtet wird, beginnen enge Kreise von Religion, Philosophie und bloß natürlichen Tugenden an Farbe zu verlieren. Die innere Aufmerksamkeit wird in eine größere Wirklichkeit hineingezogen, in der Christus alles ist und in allem, und in der das Herz lernt, sich an Seiner Herrlichkeit auszurichten, statt an der Schwerkraft des Sichtbaren hängen zu bleiben.
doch wir sehen Jesus, der wegen Seines Todesleidens ein wenig geringer gemacht worden ist als die Engel, mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt, damit Er durch die Gnade Gottes für alles den Tod schmecken sollte. (Hebr. 2:9)
Der Hauptpunkt nun in den Dingen, die gesagt werden, ist dieser: Wir haben einen solchen Hohen Priester, der Sich zur Rechten des Thrones der Majestät in den Himmeln niedergesetzt hat, einen Diener der heiligen Stätten, sogar der wahren Stiftshütte, die der Herr errichtet hat und nicht ein Mensch. (Hebr. 8:1-2)
Wer die Dinge droben sucht, wird nicht aus der Welt herausgelöst, sondern hineingenommen in den Blickwinkel des verherrlichten Christus. Das Bewusstsein, dass dort ein Mensch – Jesus – mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt ist, bewahrt davor, das Eigene absolut zu setzen. Die vielen Stimmen der Zeit verlieren an Lautstärke, wenn die Wirklichkeit des Thrones und des Lammes Gewicht gewinnt. So wächst innerlich eine stille Freiheit: Entscheidungen werden weniger von Angst oder Ehrgeiz getrieben, sondern von der Frage, was zu diesem Haupt passt, das über allem gesetzt ist. In dieser Ausrichtung liegt Trost und Mut: Unser Leben ist nicht einem blinden Schicksal ausgeliefert, sondern eingebunden in die Regierung dessen, der für alles den Tod geschmeckt hat und jetzt mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt ist.
Himmlische Übertragung – wie das Oben das Unten erreicht
Die Erhöhung Christi könnte leicht als eine große Entfernung missverstanden werden: Er dort oben, wir hier unten. Das Neue Testament zeichnet jedoch ein anderes Bild. Es spricht von einer lebendigen Verbindung, durch die das, was Christus im Himmel ist und tut, die Gläubigen auf der Erde wirksam erreicht. Hebräer 7:25 fasst diese Dynamik zusammen: „Darum vermag Er auch diejenigen bis zum Äußersten zu erretten, die durch Ihn zu Gott hinzutreten, da Er allezeit lebt, um fürbittend für sie einzutreten.“ Sein gegenwärtiges Leben in der Herrlichkeit bleibt nicht bei Ihm, sondern wird zu einer immerwährenden Bewegung auf die Seinen hin. Der Thron, an dem Er sitzt, ist zugleich „der Thron der Gnade“, zu dem wir „mit Freimut hinzutreten“ dürfen, „damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden für rechtzeitige Hilfe“ (Hebräer 4:16). Der Abstand zwischen oben und unten wird durch eine beständige, geistliche Übertragung überbrückt.
Hier mögen wir uns fragen, wie wir Christus genießen und wie Er in uns hineinkonstituiert werden kann, wenn Er im Himmel ist und wir auf der Erde sind. Die Antwort liegt darin, dass durch den allumfassenden Geist eine Übertragung von Christus im Himmel zu uns auf der Erde stattfindet. Durch diese Übertragung fließt die Elektrizität aus dem himmlischen Kraftwerk in uns hinein, so wie Elektrizität aus dem Kraftwerk in unsere Häuser und in den Versammlungssaal fließt. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft achtundfünfzig, S. 525)
Die Schrift beschreibt diesen Strom als Wirken des allumfassenden Geistes. Offenbarung 5:6 spricht vom Lamm mit „sieben Augen, das sind die sieben Geister Gottes, die über die ganze Erde hin ausgesandt sind“. Was das Lamm im Zentrum des Thrones sieht und beurteilt, wird durch den Geist an die Ränder der Erde getragen. Darum ist es kein Zufall, dass die Offenbarung unmittelbar nach der Schau des Thrones und des Lammes die sieben goldenen Leuchter zeigt und sagt, dass diese die Gemeinden sind (Offenbarung 1:12, 20). Was vor dem Thron geschieht, spiegelt sich in Ermahnung, Trost, Lob und Korrektur an die Gemeinden auf der Erde. Im persönlichen Leben zeigt sich diese Übertragung leise, aber deutlich: Inmitten von Schwachheit, Verwirrung oder Schuld öffnet sich die Möglichkeit, innerlich zum Thron der Gnade zu gehen, den Namen des Herrn anzurufen, und es geschieht, dass Trost, Klarheit, Mut oder auch eine heilsame Korrektur einfließen, die erkennbar nicht aus der eigenen Kraft stammen. So wird erfahrbar, dass der verherrlichte Christus kein fernes Symbol ist, sondern als Hoherpriester und himmlischer Diener wirksam verbunden ist mit dem Alltag Seiner Glieder. In dieser Gewissheit liegt leise Zuversicht: Was oben entschieden wird, bleibt nicht oben, sondern findet seinen Weg in Herz, Gemeinde und Geschichte.
Darum lasst uns mit Freimut hinzutreten zum Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden für rechtzeitige Hilfe. (Hebr. 4:16)
Darum vermag Er auch diejenigen bis zum Äußersten zu erretten, die durch Ihn zu Gott hinzutreten, da Er allezeit lebt, um fürbittend für sie einzutreten. (Hebr. 7:25)
Die Verbindung zwischen Himmel und Erde wird im Glauben zur tragenden Wirklichkeit. Wo der verherrlichte Christus als gegenwärtiger Hoherpriester wahrgenommen wird, verliert die eigene Ohnmacht ihren letzten Schrecken. Es bedeutet, nicht auf sich selbst zurückgeworfen zu sein, sondern unter einem Strom der Gnade zu stehen, der aus der Herrlichkeit in das eigene Leben hineinreicht. Diese Sicht schützt vor Mutlosigkeit und vor stolzer Selbstgenügsamkeit zugleich: Hilfe wird nicht im eigenen Inneren gesucht, sondern bei dem, der allezeit lebt, um sich für die Seinen zu verwenden. Aus dieser Haltung erwächst stille Dankbarkeit und die Bereitschaft, auch schwierige Wege zu gehen im Vertrauen, dass rechtzeitige Hilfe mehr ist als ein frommer Wunsch – sie ist Ausdruck der himmlischen Übertragung aus der Hand des Lammes auf dem Thron.
Vom Genuss Christi zum neuen Menschen
Die Ausrichtung auf die Dinge droben ist im Kolosserbrief eng mit einer inneren Verwandlung verbunden. Dort heißt es: „Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist zusammen mit Christus in Gott verborgen“ (Kolosser 3:3). Wenn Christus das eigentliche Leben der Gläubigen ist, dann bedeutet das Suchen dessen, was droben ist, nicht eine Flucht aus der Wirklichkeit, sondern ein Ausrichten auf die Quelle dieses Lebens. Derselbe Brief entfaltet, wer dieser Christus ist: das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene aller Schöpfung, der Erstgeborene aus den Toten, in dem die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig wohnt (Kolosser 1:15, 18; 2:9). Wo dieser Christus nicht nur geglaubt, sondern als tägliche Wirklichkeit „genossen“ wird, geschieht etwas mit dem inneren Menschen. Wie Speise, die gegessen und verdaut wird, zu Substanz des Leibes wird, so wird Christus nach und nach in das eigene Sein hineingearbeitet und zu einem neuen Bestandteil der Persönlichkeit.
Wenn wir Christus täglich genießen, wird Er in uns hineingewirkt, in unser eigenes Sein hineinkonstituiert. So wird Christus zu unserem Bestandteil. Tag für Tag wird Christus in uns hineinkonstituiert, bis wir schließlich alle völlig von Ihm konstituiert sein werden. Als Ergebnis dieser Konstituierung mit Christus werden wir der neue Mensch. In diesem neuen Menschen gibt es keinen Platz für irgendeine natürliche Person; es gibt nur Raum für Christus. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft achtundfünfzig, S. 524)
Die Folgen dieser leisen, aber nachhaltigen Konstituierung beschreibt der Apostel mit dem Bild des neuen Menschen: „und den neuen Menschen angezogen habt, der erneuert wird zur Erkenntnis nach dem Bild dessen, der ihn geschaffen hat; wo nicht ist Grieche und Jude, Beschneidung und Vorhaut, Barbar, Skythe, Sklave, Freier, sondern Christus alles und in allen“ (Kolosser 3:10–11). Wo Christus das Innere prägt, verlieren natürliche Vorränge und Grenzen ihr Recht. Kultur, religiöse Herkunft, soziale Stellung, persönliche Stärken – alles, was sonst Identität stiftet oder trennt, tritt zurück hinter die eine, gemeinsame Lebensquelle. Im Gemeindeleben wird dieser neue Mensch erfahrbar, wenn nicht mehr die Lautesten oder die Stärksten den Ton angeben, sondern die Wirklichkeit Christi in Sanftmut, Wahrheit, Langmut und Liebe Gestalt gewinnt.
Auch der Alltag eines Einzelnen wird auf diese Weise umgeformt: Prioritäten verschieben sich, Bewertungen verändern sich, und im Verborgenen wächst ein anderer Maßstab. Der Blick auf den verherrlichten Christus löst von der Fixierung auf das Sichtbare und öffnet Raum für ein Leben, in dem Christus tatsächlich Raum gewinnt – nicht als Idealbild, sondern als lebendige Gegenwart, die Beziehungen, Entscheidungen und Hoffnungen durchdringt. Darin liegt eine stille Ermutigung: Das Suchen der Dinge droben ist nicht eine zusätzliche Last, sondern der Weg, auf dem das verborgene Leben mit Christus in Gott mehr und mehr ans Licht tritt.
Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist zusammen mit Christus in Gott verborgen. (Kol. 3:3)
und den neuen Menschen angezogen habt, der erneuert wird zur Erkenntnis nach dem Bild dessen, der ihn geschaffen hat; wo nicht ist Grieche und Jude, Beschneidung und Vorhaut, Barbar, Skythe, Sklave, Freier, sondern Christus alles und in allen. (Kol. 3:10-11)
Wo Christus als die Fülle Gottes das innere Maß wird, verliert das Bedürfnis, sich über Leistung, Herkunft oder Frömmigkeitsformen zu definieren, an Macht. Das macht frei, sich selbst und andere weniger aus der Perspektive des Vergleichs, sondern aus der Perspektive des neuen Menschen zu sehen, in dem Christus alles und in allen ist. So werden Beziehungen entlastet, Konflikte verlieren an Schärfe, und auch der eigene Weg wird weniger von Selbstrechtfertigung bestimmt. Die Ausrichtung auf den verherrlichten Christus wird damit zur Quelle eines Lebens, das zugleich nüchtern und hoffnungsvoll ist: nüchtern, weil die Begrenztheit des Irdischen erkannt wird, hoffnungsvoll, weil das verborgene Leben mit Ihm eine Zukunft hat, die über den Horizont des Sichtbaren hinausreicht.
Herr Jesus Christus, Du mit Herrlichkeit und Ehre gekrönter Herr, danke, dass Du jetzt zur Rechten Gottes regierst und Dein Leben durch den Heiligen Geist in unsere Herzen überträgst. Richte unseren inneren Blick weg von den begrenzten Dingen der Erde hin zu Dir als unserem Hohepriester, unserem Haupt und dem Lamm auf dem Thron. Wo unsere Gedanken gefangen sind von Sorgen, von eigener Leistung oder von menschlicher Weisheit, da erfülle uns neu mit der Sicht Deiner himmlischen Wirklichkeit und Deiner treuen Fürbitte. Lass die himmlische Übertragung Deines Lebens unser Inneres durchdringen, unsere Vorstellungen ordnen und uns mehr und mehr zu Menschen formen, in denen Du alles bist und in allem. Stärke Deine Gemeinden als Deine Botschaften auf der Erde und lass durch sie sichtbar werden, dass die wahre Regierung des Universums in Deinen Händen liegt. Inmitten aller Unsicherheit wollen wir uns in Dir geborgen wissen und von Dir her denken, fühlen und leben. Dir sei die Ehre in der Gemeinde und in unserem Alltag, jetzt und in Ewigkeit. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Colossians, Chapter 58