Das Haupt festhalten, aus dem der ganze Leib mit dem Wachstum Gottes wächst
Viele Gläubige kennen die Wahrheit, dass Christus das Haupt der Gemeinde ist, erleben sie aber kaum im Alltag. Zwischen theologischer Erkenntnis und innerer Wirklichkeit klafft oft eine Lücke: Wir glauben an Jesus, und doch fühlen wir uns schnell kritisch, trocken, erdverbunden und kraftlos. Kolosser 2 zeigt uns einen anderen Weg: Christus als das Haupt zu halten heißt, ihn als unsere tägliche Wirklichkeit zu genießen, sodass sein Leben in uns und durch uns die Gemeinde wachsen lässt.
Christus als das Haupt halten heißt ihn beständig genießen
Christus als das Haupt zu halten beginnt nicht mit einem starken Entschluss, sondern mit einem beständigen Empfangen. Paulus stellt in Kolosser 2 die Menschen einander gegenüber, die auf Visionen und besondere Erfahrungen fixiert sind, und solche, die „nicht am Haupt festhalten“ (Kol. 2:18–19). Dazwischen erinnert er daran, dass Essen, Trinken, Festtage und Sabbate nur Schatten sind, „der Leib aber ist Christi“ (Kol. 2:17). Die Bilder des Alltags werden zu einem leisen Hinweis: So real, wie Brot den Körper nährt, so real ist Christus die Nahrung der inneren Menschheit. Ihn als das Haupt zu halten heißt, Ihn genau so selbstverständlich und regelmäßig aufzunehmen, wie ein Mensch isst, trinkt und atmet.
Wenn wir verstehen wollen, was es bedeutet, das Haupt festzuhalten, müssen wir wissen, was es heißt, Christus als die Wirklichkeit aller positiven Dinge zu genießen. Ohne Christus auf diese Weise zu genießen, können wir Ihn nicht wirklich als das Haupt festhalten. Vor diesem Hintergrund können wir sagen: Das Haupt festzuhalten bedeutet einfach, Christus als die Wirklichkeit aller positiven Dinge zu genießen. Das wahre christliche Leben ist ein Leben, in dem wir Christus genießen. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft sechsundfünfzig, S. 505)
Dieser Empfang geschieht im Glauben und im Geist. In Johannes 6 heißt es: „Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nicht hungern, und wer an mich glaubt, wird niemals dürsten“ (Johannes 6:35). Christus bleibt im Himmel als verherrlichtes Haupt, und doch ist Er durch den lebengebenden Geist unmittelbar erreichbar. Wenn wir im Stillen Seinen Namen anrufen, Sein Wort im Herzen bewegen, in einer schwierigen Situation innerlich zu Ihm um Hilfe flüchten, „essen“ und „trinken“ wir Ihn. So halten wir Ihn nicht nur gedanklich, sondern lebensmäßig: Er wird die innere Quelle, aus der Entscheidungen, Reaktionen und Kräfte hervorgehen. Ein Tag, der äußerlich gewöhnlich ist, kann innerlich zu einem Weg mit Ihm werden, wenn wir inmitten der Unruhe immer wieder zu diesem unsichtbaren Haupt zurückkehren.
Wo dieser Genuss abreißt, verlieren wir die feine Verbindung zu Seiner Leitung. Wir greifen dann schneller auf alte Muster zurück: auf eigene Klugheit, subtile Selbstrechtfertigung oder religiöse Anstrengung. Die Worte „nicht am Haupt festhält“ (Kol. 2:19) beschreiben nicht zuerst eine falsche Lehre, sondern eine verschobene innerliche Ausrichtung – das Herz hängt dann an etwas anderem als an Christus selbst. Umgekehrt wird jeder neue Zug Seiner Gnade, jede frische Erfahrung Seiner Gegenwart zu einer Bestätigung: Er trägt die Situation, nicht wir. So wird das Halten des Hauptes zu einem stillen, aber beständigen Gegenüber-Sein mit dem Herrn, bei dem Er die Initiative behält.
Darin liegt eine tiefe Ermutigung: Das Leben unter der Herrschaft Christi ist kein heroischer Dauerlauf, sondern ein Leben des Empfangens. Wer Christus als das Haupt hält, muss sich nicht permanent selbst beweisen; er darf sich von dem nähren lassen, der sich längst für ihn hingegeben hat. Kolosser 1:18 bezeugt: „Und Er ist das Haupt des Leibes, der Gemeinde; Er ist der Anfang, der Erstgeborene von den Toten, damit Er Selbst in allen Dingen den ersten Platz einnehme.“ Wo Er so genossen wird, nimmt Er tatsächlich den ersten Platz ein – nicht als Last, sondern als Erleichterung. In diesem Bewusstsein darf der Glaube zur Ruhe kommen: Das Haupt trägt den Leib, und mitten im Alltag, Stunde um Stunde, dürfen wir von Ihm leben.
die ein Schatten der zukünftigen Dinge sind, der Leib aber ist Christi. (Kol. 2:17)
und nicht am Haupt festhält, aus dem heraus der ganze Leib, der durch die Gelenke und Sehnen reichlich versorgt und miteinander verknüpft wird, mit dem Wachstum Gottes wächst. (Kol. 2:19)
Wer Christus als das Haupt hält, entdeckt das Leben des Glaubens neu als einen Rhythmus des Stillwerdens und Empfangens. Je vertrauter dieses innere Essen und Trinken Christi wird, desto mehr weicht der Druck, sich selbst im Griff haben zu müssen. Schritt um Schritt wächst eine Freiheit, die nicht auf Kontrolle, sondern auf Vertrauen gründet: Das Haupt ist lebendig, gegenwärtig und zuverlässig, und unser Teil besteht darin, uns von Ihm nähren und führen zu lassen.
Der Genuss Christi macht uns leibbewusst und eins mit allen Gläubigen
Wo Christus genossen wird, beginnt sich der Blick zu weiten. Paulus spricht in Kolosser 2 nicht einfach von Jesus und von mir, sondern von „dem ganzen Leib“, der aus dem Haupt heraus versorgt wird (Kol. 2:19). Derselbe Christus, der die innere Leere füllt, ist das Haupt vieler Glieder. Wer Seine Zuwendung spürt, kommt früher oder später an den Punkt, an dem die Frage auftaucht: Wo sind die anderen, die ebenfalls von Ihm leben? Aus der persönlichen Begegnung wächst ein Bewusstsein für die Gemeinschaft, nicht als Programm, sondern als innere Notwendigkeit. Liebe zum Haupt zieht unmerklich Liebe zu den Gliedern nach sich.
Der Grund dafür, dass hier statt von Christus vom Haupt gesprochen wird, ist, dass unser Genuss des Herrn in uns ein Bewusstsein für den Leib hervorbringt. Wenn wir solche sind, die Christus beständig genießen, werden wir nicht weiterhin individualistisch bleiben. Die Heiligen, die individualistisch sind, sind solche, die den Herrn nicht beständig genießen. Je mehr wir Christus genießen, desto mehr werden wir leibbewusst. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft sechsundfünfzig, S. 507)
Umgekehrt lässt sich oft beobachten, wie Kritik und Distanz zur Gemeinde zunehmen, wenn der persönliche Kontakt zum Herrn verflacht. Dann werden Unterschiede schärfer wahrgenommen als die gemeinsame Gabe, Verletzungen lauter als die leise Gegenwart Christi. Kolosser 1:18 erinnert jedoch: „Und Er ist das Haupt des Leibes, der Gemeinde; Er ist der Anfang, der Erstgeborene von den Toten, damit Er Selbst in allen Dingen den ersten Platz einnehme.“ Wo Er diesen Platz behält, verlieren persönliche Vorlieben und Abneigungen ihr Recht, das letzte Wort zu haben. Das Halten des Hauptes richtet den inneren Kompass neu aus: Nicht meine Perspektive steht im Zentrum, sondern das, was für Christus als Haupt Seines Leibes kostbar ist.
In dieser Sicht werden Brüder und Schwestern zu Trägern seiner Versorgung. Kolosser 2:19 beschreibt den Leib, „der durch die Gelenke und Sehnen reichlich versorgt und miteinander verknüpft wird“. Die Bilder sind bewusst gewählt: Gelenke verbinden, Sehnen halten. Übertragen heißt das: Der Herr benutzt Beziehungen, Gespräche, gemeinsame Gebete, manchmal auch Reibungen, um Seine Gnade weiterzugeben. Der Genuss Christi macht nicht blind für Fehler, aber er bewahrt davor, sie absolut zu setzen. Wer täglich aus dem gleichen Haupt empfängt, entdeckt im anderen nicht zuerst den Störfaktor, sondern ein anderes Gefäß derselben Gnade.
In dieser leibbezogenen Wirklichkeit liegt tiefer Trost. Niemand muss die Nachfolge allein durchstehen, auch wenn sich Phasen der Einsamkeit nicht vermeiden lassen. Christus als Haupt zu halten bedeutet, sich von Ihm hineinweben zu lassen in eine Gemeinschaft, die mehr ist als ein Verein Gleichgesinnter. Sie ist Sein Leib, durch den Er sich ausdrückt und in den Er hinein Seine Fülle gibt. Wo diese Sicht wächst, werden die Zusammenkünfte der Gemeinde nicht zur Pflichterfüllung, sondern zu kostbaren Gelegenheiten, gemeinsam aus derselben Quelle zu leben. Und mitten in aller Unvollkommenheit bleibt die leise Gewissheit: Der, den wir als Nahrung und Ruhe erfahren, ist fähig, Seine Gemeinde zu tragen, zu korrigieren und zu vollenden.
und nicht am Haupt festhält, aus dem heraus der ganze Leib, der durch die Gelenke und Sehnen reichlich versorgt und miteinander verknüpft wird, mit dem Wachstum Gottes wächst. (Kol. 2:19)
und Er ist das Haupt des Leibes, der Gemeinde; Er ist der Anfang, der Erstgeborene von den Toten, damit Er Selbst in allen Dingen den ersten Platz einnehme; (Kol. 1:18)
Das Bewusstsein für den Leib entsteht dort, wo der persönliche Genuss Christi Raum gewinnt. Je mehr Seine Gnade unser Inneres durchdringt, desto natürlicher werden wir für die Gemeinde beten, Versöhnung suchen und die Vielfalt der Glieder als Reichtum statt als Bedrohung wahrnehmen. So wächst eine stille Freude darüber, Teil eines Leibes zu sein, in dem Christus selbst das verbindende, tragende und heilende Haupt ist.
Aus dem Haupt wächst der Leib in der Zunahme Gottes
Wachstum im Leben bis zur Reife ist im Neuen Testament untrennbar mit der Hauptschaft Christi verbunden. Kolosser 2:19 spricht davon, dass der ganze Leib „mit dem Wachstum Gottes wächst“. Nicht wir bringen Gott in Bewegung, sondern Gott selbst nimmt in uns zu. Christus ist als Haupt nicht nur über dem Leib, sondern als auferstandener und erhöhter Erstgeborener inmitten des Leibes wirksam. Kolosser 1:18 sagt: „Er ist der Anfang, der Erstgeborene von den Toten.“ In Ihm ist eine neue, auferstandene Menschheit bereits Wirklichkeit geworden. Wenn wir Ihn als Haupt halten, werden wir Schritt um Schritt in diese neue Wirklichkeit hineingezogen.
Weil die Hauptschaft Christi in der Auferstehung ist, bringt uns der Genuss Christi ganz von selbst in die Auferstehung hinein und rettet uns aus unserem natürlichen Sein. Wir alle sind von Natur aus natürlich. Wenn wir nicht durch den Genuss Christi in die Auferstehung hineingebracht werden, bleiben wir in unserer natürlichen Person. Preis dem Herrn, dass der Genuss Christi uns in die Auferstehung hineinbringt! Je mehr wir Ihn genießen, desto weniger natürlich sind wir. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft sechsundfünfzig, S. 509)
Dieses Wachstum trägt ein anderes Gepräge als religiöse Leistungssteigerung. Natürlich können wir uns anstrengen, geduldiger zu sein, und doch im Kern unverändert bleiben. Wenn aber der lebengebende Geist Christi unser Inneres berührt, entsteht Geduld, die nicht auf angespannter Selbstbeherrschung beruht, sondern auf einem anderen Leben in uns. Römer 8:6 bringt das Spannungsfeld auf den Punkt: „Denn die Gesinnung des Fleisches ist Tod, die Gesinnung des Geistes aber Leben und Frieden.“ Das Halten des Hauptes bedeutet, in den konkreten Situationen des Alltags die innere Gesinnung zu wechseln – weg vom aufgeblähten, verletzlichen Ich hin zu dem Geist, in dem Christus lebt. Dort, wo wir so umschalten, fließt aus dem Haupt eine himmlische Qualität in unsere Reaktionen.
Dieses Hineingezogenwerden in Seine Auferstehungswirklichkeit rettet uns aus dem Gefängnis der Natürlichkeit. In 1. Mose sehen wir, wie Menschen in ihren natürlichen Regungen handeln – selbst die Glaubenden. Jakob etwa wechselt zwischen Listen, Angst und eigener Absicherung, bis Gott ihn in Peniel berührt und sein Wesen umprägt. Im Licht des Neuen Bundes zeigt Christus, wie echter Wandel geschieht: nicht durch Veredelung des Alten, sondern durch Teilnahme an Seinem auferstandenen Leben. Je mehr wir Ihn genießen, desto weniger selbstverständlich reagieren wir spontan, wie wir „schon immer“ reagiert haben, und desto mehr wächst in uns eine stille Fremdheit gegenüber dem Alten.
Das hat auch eine gemeinschaftliche Dimension. Der Leib wächst „aus dem heraus“ (Kol. 2:19), was aus dem Haupt in ihn hineinströmt. Gottes Zunahme in einem Glied bleibt nie privat; sie wird zu einem leisen, aber nachhaltigen Segen für andere. Wo jemand in einer Gemeinde über Jahre hinweg innerlich mit Christus lebt, verändert sich die Atmosphäre: Trost wird greifbarer, in Krisen bleibt eine tiefe Ruhe, Konflikte finden eher zu Versöhnung als zur Verhärtung. Solches Wachstum lässt sich nicht erzwingen, aber es lässt sich erwarten. Denn das Haupt, das den Leib versorgt, ist treu und reich genug, Seinen eigenen Leib in die Reife zu führen – bis zu dem Tag, an dem der eine neue Mensch sichtbar wird, in dem Christus alles und in allen ist (vgl. Kolosser 3:10–11).
und nicht am Haupt festhält, aus dem heraus der ganze Leib, der durch die Gelenke und Sehnen reichlich versorgt und miteinander verknüpft wird, mit dem Wachstum Gottes wächst. (Kol. 2:19)
und Er ist das Haupt des Leibes, der Gemeinde; Er ist der Anfang, der Erstgeborene von den Toten, damit Er Selbst in allen Dingen den ersten Platz einnehme; (Kol. 1:18)
Echtes geistliches Wachstum besteht darin, dass Christus selbst in uns Raum gewinnt. Je mehr wir Ihn als das Haupt halten und uns in konkreten Situationen der Leitung des Geistes anvertrauen, desto leiser, aber beständiger verändert sich unser Wesen. Was gestern noch selbstverständlich war, verliert an Macht; neue Regungen, Gedanken und Haltungen tragen den Duft der Auferstehung. So wird der Alltag zu dem Ort, an dem die Zunahme Gottes im Verborgenen Gestalt gewinnt – persönlich und zugleich zum Segen für den ganzen Leib.
Herr Jesus Christus, Du bist das Haupt des Leibes und die Wirklichkeit aller guten Dinge, die wir brauchen. Danke, dass Du als lebengebender Geist in unserem Geist wohnst und uns täglich einlädst, Dich zu genießen. Stärke in uns das Verlangen, bei allem, was wir denken und tun, innerlich bei Dir zu bleiben, damit wir Dich nicht nur bekennen, sondern Dich wirklich als unser Haupt erfahren. Lass aus Dir, dem Haupt, Deine Liebe, Dein Licht und Deine Kraft in unser persönliches Leben und in die ganze Gemeinde hineinfließen, damit wir mit der Zunahme Gottes wachsen und immer leibbewusster miteinander verbunden sind. Wo wir kritisch, trocken oder erdverbunden geworden sind, erneuere uns durch Deine Gegenwart und ziehe uns in die Wirklichkeit der Auferstehung und der Himmel. Fülle unsere Herzen mit Dankbarkeit für Deinen Leib und In Dir liegt unsere Hoffnung und unsere Zukunft, und in Dir darf die Gemeinde zu dem einen neuen Menschen heranwachsen, in dem Du alles in allen bist. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Colossians, Chapter 56