Nicht um euren Preis des Genusses Christi betrogen werden
Viele Christen haben für ihren Glauben einen hohen Preis bezahlt und doch scheint ihr Alltag erstaunlich wenig mit einem lebendigen Genuss Christi zu tun zu haben. Zwischen einem korrekten Lebenswandel und einem von Christus durchdrungenen Leben klafft oft eine Lücke. Die Frage ist nicht nur, ob wir an Christus glauben, sondern ob wir ihn als unseren eigentlichen Genuss in den kleinen und großen Dingen des Lebens wirklich erfahren – oder ob wir uns unbemerkt um diesen kostbaren Preis bringen lassen.
Christus – der allumfassende und ausgedehnte Preis unseres Genusses
Wenn der Kolosserbrief von Christus als dem allumfassenden und ausgedehnten Einen spricht, geht es nicht um eine poetische Überhöhung, sondern um eine nüchterne Beschreibung der Wirklichkeit. Paulus fasst die Fülle der göttlichen Offenbarung in einem schlichten Satz zusammen: „denn in Ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig, und ihr seid erfüllt worden in Ihm“ (Kolosser 2:9-10). Christus ist nicht nur ein Teil unseres Lebens, nicht nur Retter in der Stunde der Not oder Lehrer für unsere Fragen. In Ihm wohnt die ganze Fülle, und aus dieser Fülle werden wir ausgefüllt. Er ist die Wirklichkeit aller positiven Dinge, die Gott in der Schöpfung angedeutet hat: Brot, Wasser, Ruhe, Fest, Licht, Kleidung – alles weist auf Ihn hin und findet in Ihm seine eigentliche Substanz.
Im Kolosserbrief wird Christus nicht nur als der Allumfassende, sondern auch als der Ausgedehnte offenbart. Er ist in universellem Maß ausgedehnt. Das wird dadurch angedeutet, dass Er in 2:16–17 als der Leib, die Wirklichkeit, aller Schatten dargestellt wird. Christus ist die Wirklichkeit aller positiven Dinge im Universum. Das macht Ihn sowohl ausgedehnt als auch allumfassend. Nach der Offenbarung im Kolosserbrief ist der ausgedehnte, allumfassende Christus alles für uns. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft fünfundfünfzig, S. 492)
Darum erinnert Paulus die Kolosser daran, dass Essen, Trinken, Feste, Neumonde und Sabbate nur Schatten sind, „der Leib aber ist Christi“ (Kolosser 2:17). Der Schatten ist nicht falsch, aber er ist vorläufig und begrenzt; der Schatten kann den Umriss zeigen, aber nicht die Wärme, die Stimme, das Leben der Person. So können auch unsere äußerlichen religiösen Formen, unser geordnetes Leben und selbst biblische Ordnungen zu Schatten werden, wenn sie sich von der lebendigen Person Christi lösen. Die eigentliche Frage ist nicht, ob wir die richtigen Schatten haben, sondern ob wir den Leib, die Wirklichkeit, genießen. Der wahre Reichtum des Glaubens liegt nicht darin, dass wir viele geistliche Begriffe kennen, sondern darin, dass Christus selbst zu unserer Speise, zu unserem Getränk, zu unserer Ruhe und zu unserem Fest wird.
Gottes Vorsatz geht darum tiefer als eine korrekte Lehre über Christus. Paulus sagt, dass ihm eine Haushalterschaft gegeben wurde, „um das Wort Gottes zu vervollständigen, das Geheimnis, das von den Zeitaltern und von den Generationen her verborgen gewesen ist, jetzt aber Seinen Heiligen offenbar gemacht worden ist“ (Kolosser 1:25-26). Dieses Geheimnis ist nicht zuerst eine neue Information, sondern eine neue Wirklichkeit in uns: „Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit“ (Kolosser 1:27). Gott betrachtet Sein Wort als unfertig, solange Christus nur neben uns, über uns oder vor uns gesehen wird, aber nicht in uns wohnt und aus uns gelebt wird. Wo der Christus in uns nur Theorie bleibt, fehlt in unserer Erfahrung etwas an der Vollendung dieser Offenbarung.
Der „Preis“ unseres Glaubenslebens ist darum nicht ein frommes Plus an Wissen, sondern der beständige Genuss dieser inneren Wirklichkeit: Christus in uns, als Lebensquelle, als Kraft, als Freude, als Ruhepunkt. Wenn unser Alltag zwar religiös gefüllt ist, aber dieser innere Genuss schwach oder blass bleibt, verlieren wir gerade das Kostbarste. Umgekehrt kann ein äußerlich unspektakulärer Weg – mit schlichter Arbeit, einfacher Familie, kleinen Diensten – in Gottes Augen von großem Gewicht sein, wenn Christus darin tatsächlich genossen und ausgelebt wird. Es tröstet, dass dieser Preis nicht den besonders Begabten vorbehalten ist, sondern gerade in den gewöhnlichen Rhythmen von Tag, Woche, Monat und Jahr angeboten wird. In ihnen wartet Christus, der Allumfassende, darauf, dass wir Ihn als die Wirklichkeit von allem entdecken, was wir ohnehin tun und brauchen.
denn in Ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig, und ihr seid erfüllt worden in Ihm, der das Haupt jeder Herrschaft und Gewalt ist. (Kol. 2:9-10)
die ein Schatten der zukünftigen Dinge sind, der Leib aber ist Christi. (Kol. 2:17)
Wenn Christus die Wirklichkeit aller positiven Dinge ist, dann ist unser Leben nie zu klein oder zu alltäglich, um von Ihm erfüllt zu werden. Jeder Tag, jede Mahlzeit, jede Ruhepause, jedes Fest kann ein Berührungspunkt mit Ihm sein. Der Gedanke, dass in der scheinbar schlichten Struktur unserer Wochen und Jahre ein so ausgedehnter Christus verborgen liegt, nimmt dem Alltag die Eintönigkeit und gibt ihm Tiefe. Es entsteht eine stille Motivation, nicht an den Schatten stehenzubleiben, sondern inmitten der gewohnten Abläufe die Person zu suchen, die alles trägt. So wird der Preis unseres Genusses nicht zu einem fernen Ideal, sondern zu einer leisen, aber beharrlichen Einladung, Christus dort zu entdecken, wo wir jetzt gerade stehen.
Nicht um den subjektiven Genuss Christi betrogen werden
Dass Paulus die Kolosser warnen muss: „Laßt euch um den Kampfpreis von niemandem bringen“, zeigt, wie real die Gefahr ist, den eigentlichen Inhalt des Glaubens zu verlieren (Kolosser 2:18). Er beschreibt Menschen, die fromm wirken, demütig erscheinen, sich mit Visionen beschäftigen und doch „ohne Ursache aufgeblasen von dem Sinn ihres Fleisches“ sind. Die Bedrohung liegt nicht zuerst im offenen Abfall, sondern in einer subtilen Verschiebung: Christus rückt aus dem Zentrum, und an seine Stelle treten religiöse Formen, Engelverehrung, asketische Praktiken oder auch ein rein moralisches Ideal. Der Glaube bleibt äußerlich bestehen, aber der Preis – der lebendige Genuss Christi – wird heimlich entwendet.
Dieser Preis ist nicht nur der objektive Christus, sondern insbesondere der subjektive Genuss von Christus. Kolosser 2:16–17 machen dies deutlich. Diese Verse offenbaren, dass Christus nicht nur objektiv ist, sondern auch derjenige, den wir täglich, wöchentlich, monatlich und jährlich genießen sollen. Der Christus, den wir täglich in Dingen des Essens und Trinkens erfahren, ist ein sehr subjektiver Christus. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft fünfundfünfzig, S. 494)
Zu diesem Kampfpreis gehört, dass Christus nicht nur geglaubt, sondern als inneres Leben erfahren wird. Paulus beschreibt sein Ziel so: „den wir verkünden, indem wir jeden Menschen zurechtweisen und jeden Menschen in aller Weisheit lehren, damit wir jeden Menschen gereift in Christus darstellen“ (Kolosser 1:28). Reife in Christus bedeutet mehr als ein korrektes Verhalten. Ein moralisch untadeliges Leben, das nicht von Christus durchdrungen ist, bleibt vor Gott unter der eigentlichen Bestimmung zurück. Andererseits kann ein Leben, das in Schwachheit und Kampf geführt wird, aber Christus als inneren Trost, als tägliche Hilfe und als Quelle der Umkehr erfährt, in Gottes Augen als wachsend und reifend gelten. Der Feind weiß, dass er unsere äußere Religiosität oft nicht zerstören kann; darum setzt er alles daran, die innerliche, subjektive Erfahrung Christi zu schwächen oder in die Randzone zu drängen.
Diese schleichende Verarmung geschieht oft unbemerkt. Man bleibt aktiv, engagiert, mit christlichen Themen beschäftigt, aber die Freude wird dünner, das Gebet mechanischer, die Schrift weniger zu gespeister Wahrheit. Der Mensch lebt dann mehr aus Gewohnheit als aus Begegnung. Gerade deshalb betont Paulus, dass der Christus, den wir täglich „in Dingen des Essens und Trinkens“ erleben sollen, ein überaus subjektiver Christus ist (vgl. Kolosser 2:16-17). Er will nicht nur die großen Entscheidungen unseres Lebens prägen, sondern in die kleinen, sich wiederholenden Abläufe eintreten. Wo Er so Raum gewinnt, verliert die religiöse Routine ihre Macht, uns zu betäuben; der Glaube bleibt frisch, persönlich, ansprechbar.
Es ist tröstlich und zugleich herausfordernd, dass Gott uns nicht nach dem Maß unserer Aktivitäten, sondern nach der Qualität unserer Gemeinschaft mit Christus ansieht. Wenn der Kampfpreis der tägliche Genuss Christi ist, dann bedeutet Bewahrung in diesem Kampf nicht, alles richtig zu machen, sondern immer wieder zu Ihm zurückzufinden. Selbst nach Zeiten des inneren Abstands bleibt Er der, der uns nicht loslässt, der aufs Neue anklopft und sich uns schenken will. So wird der Hinweis auf den möglichen Verlust des Preises nicht zu einer Last, die auf den Schultern liegt, sondern zu einer sanften Wachsamkeit des Herzens: Christus nicht aus den Augen zu verlieren, der sich in jeder Lebenslage neu genießen lässt.
Laßt euch um den Kampfpreis von niemandem bringen, der seinen eigenen Willen tut in Demut und Anbetung der Engel, der auf Dinge eingeht, die er (in Visionen) gesehen hat, ohne Ursache aufgeblasen von dem Sinn seines Fleisches, (Kol. 2:18)
den wir verkünden, indem wir jeden Menschen zurechtweisen und jeden Menschen in aller Weisheit lehren, damit wir jeden Menschen gereift in Christus darstellen, (Kol. 1:28)
Wenn deutlich wird, wie leicht man um den inneren Genuss Christi gebracht werden kann, schärft das den Blick für das Wesentliche. Es nimmt dem Druck, ständig neue Leistungen vorzuweisen, und lenkt hin zur stillen Frage, ob Christus im Inneren noch der tatsächliche Mittelpunkt ist. Selbst eine nüchterne Einsicht, dass der eigene Weg an Farbe verloren hat, darf als freundliche Einladung verstanden werden, neu von Ihm erfüllt zu werden. Das Wissen, dass Er selbst unser Kampfpreis ist, macht Mut: Wir laufen nicht einem abstrakten Ideal hinterher, sondern einer Person entgegen, die sich uns immer wieder zuwendet. Diese Sicht bewahrt vor Entmutigung und schenkt eine leise, beständige Zuversicht, dass das Beste im Glauben noch vor uns liegt, weil mehr von Christus vor uns liegt.
In Christus verwurzelt – den täglichen Genuss praktisch leben
Paulus beschreibt die Gläubigen als solche, die „in Ihm verwurzelt worden“ sind und „in Ihm aufgebaut“ werden (Kolosser 2:7). Das Bild der Wurzel lässt ahnen, wie still und verborgen der echte Genuss Christi oft geschieht. Eine Wurzel arbeitet nicht laut, nicht spektakulär, sondern unermüdlich, beständig, meist unsichtbar. Sie dringt in den Boden, nimmt Wasser und Nährstoffe auf und macht das Leben möglich, das später in Stamm, Ästen und Frucht sichtbar wird. So ist Christus der reiche Boden, in den unsere Existenz hineingesenkt wurde: „denn in Ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig“ (Kolosser 2:9). In diesem Boden liegen all die Elemente, die wir brauchen: Vergebung, Befreiung, Annahme, Kraft, Trost, Hoffnung.
Nach diesem Vers sind wir in Christus gewurzelt worden. Dieses Wort setzt voraus, dass es Boden gibt. Christus ist der reiche Boden, in den wir eingewurzelt sind. In einer vorangehenden Botschaft wiesen wir darauf hin, dass dieser reiche Boden viele wunderbare Elemente enthält: die Fülle der Gottheit, das Hauptsein Christi, die Beschneidung Christi, Sein Begräbnis, das Mitauferwecktsein mit Christus, das Auslöschen der Satzungen und das Ausziehen der Fürsten und Gewalten. Kolosser 2:9–15 beschreibt die Elemente dieses Bodens, die in den Worten „gewurzelt worden“ in 2:7 angedeutet sind. Wir sind in Christus gewurzelt, der der reiche, fruchtbare Boden ist. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft fünfundfünfzig, S. 500)
Kolosser 2:11-15 entfaltet, was in diesem Boden enthalten ist: die Beschneidung Christi, Sein Begräbnis, unser Mitauferwecktsein, die Auslöschung der gegen uns gerichteten Handschrift, das Abstreifen der Fürsten und Gewalten. All das ist nicht nur ein historisches Geschehen, sondern ein Vorrat, in den wir eingewurzelt wurden. Unser täglicher Genuss Christi besteht darin, aus diesem Vorrat zu schöpfen. Das geschieht oft gerade in einfachen Situationen: Wenn uns eigene Schuld wieder einholt, dürfen wir uns an den Christus erinnern, der „uns all unsere Verfehlungen vergeben hat“ und der die Anklage „ans Kreuz nagelte“ (Kolosser 2:13-14). Wenn alte Bindungen, dunkle Gedanken, lähmende Ängste auftauchen, ist Er derselbe, der die Gewalten entwaffnet hat und in unserem Inneren stärker ist als jede andere Macht.
So werden selbst die ganz schlichten Bedürfnisse unseres Lebens zu Hinweisen auf Ihn. Wenn wir essen und trinken, erinnert uns das an Christus als unsere wahre Speise und unseren wahren Trank; wenn wir nach Ruhe suchen, zeigt sich in dieser Sehnsucht die tiefere Ruhe in Ihm; wenn wir uns kleiden, wird Er uns als unsere Gerechtigkeit und Bedeckung vor Augen geführt. Die äußeren Dinge bleiben, was sie sind, und doch dürfen sie im Licht Christi gelesen werden. Was so geschieht, ist kein künstliches Spiritualisieren, sondern ein wachsendes Bewusstsein: Unser Leben ist bereits in Christus verwurzelt, und der Heilige Geist hilft uns, die Spuren dieser Verwurzelung im Alltag zu erkennen.
Paulus verbindet dieses Wurzel-Sein mit einem inneren Zustand: „… und in dem Glauben gefestigt werdet, so wie ihr gelehrt worden seid, überströmend in Danksagung“ (Kolosser 2:7). Wo Glauben und Danksagung zusammenfinden, wird der Genuss Christi konkret. Glaube öffnet sich der unsichtbaren Wirklichkeit des in uns wohnenden Herrn; Danksagung antwortet darauf und macht das Herz weit. Aus dieser Bewegung erwächst ein stilles, oft unausgesprochenes Gebet im Lauf des Tages – ein inneres Sich-Wenden zu Ihm, ein leiser Ruf, ein kurzer Dank, ein unauffälliges Sich-Anlehnen. Solches Leben im Geist ist kein zusätzliches Programm, sondern ein Atmen in der Atmosphäre des Christus, in den wir eingewurzelt sind.
nachdem ihr in Ihm verwurzelt worden seid und in Ihm aufgebaut und in dem Glauben gefestigt werdet, so wie ihr gelehrt worden seid, überströmend in Danksagung. (Kol. 2:7)
denn in Ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig, (Kol. 2:9)
Wer sich als in Christus verwurzelt sieht, muss sein Leben nicht mehr an äußerem Glanz messen. Die entscheidenden Vorgänge spielen sich im Verborgenen ab, dort, wo das Herz lernt, in Sorgen, Freuden und Wiederholungen den Blick auf Christus zu richten. Das Bewusstsein, dass jede kleine Wendung zu Ihm ein echtes Aufnehmen Seiner Fülle ist, macht den Alltag leichter und tiefer zugleich. Es entsteht kein Druck, alles besonders geistlich erscheinen zu lassen; vielmehr wächst ein stilles Vertrauen darauf, dass der Dreieine Gott selbst das Wachstum im Verborgenen wirkt. So kann man den eigenen Weg gelassener sehen und zugleich innerlich wach bleiben, damit der reiche Boden, in den wir gepflanzt sind, nicht ungenutzt bleibt.
Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Colossians, Chapter 55