In Christus vollgemacht, beschnitten, auferweckt und mit Ihm lebendig gemacht
Viele Christen kennen die Zusage, in Christus „alles zu haben“, und fühlen sich doch innerlich leer, angeklagt oder von dunklen Kräften bedrängt. Paulus beschreibt in Kolosser 2 nicht nur herrliche Wahrheiten über Christus, sondern zeichnet ein Bild von Ihm als gutem Land, als reichem Boden, in den wir hineingepflanzt wurden. Wer versteht, was in diesem geistlichen „Boden“ enthalten ist, beginnt zu entdecken, warum das Leben mit Christus nicht von Mangel, sondern von Fülle, Befreiung und neuem Leben geprägt sein darf.
In Christus vollgemacht – die Fülle Gottes als unser Boden
Wenn Paulus schreibt: „denn in Ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig, und ihr seid erfüllt worden in Ihm“ (Kolosser 2:9-10), öffnet sich ein weiter Horizont. Er beschreibt Christus nicht nur als Retter, sondern als ein ganzes „Bodenland“, als ein reiches Erdreich, in das Gott uns hineingepflanzt hat. In diesem Boden ist alles konzentriert, was Gott ausmacht: Seine Liebe, Seine Heiligkeit, Seine Weisheit, Seine Geduld, Seine Sanftmut – und zugleich eine durch Leiden und Auferstehung verklärte Menschlichkeit. Paulus sagt an anderer Stelle, Christus sei „das Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene aller Schöpfung“ und „der Erstgeborene von den Toten, damit Er Selbst in allen Dingen den ersten Platz einnehme“ (Kolosser 1:15.18). Die Fülle ist also der sichtbare Ausdruck des unsichtbaren Gottes, zuerst in der alten Schöpfung, dann in der neuen Schöpfung – und mitten in diese Fülle hinein sind wir gestellt.
Der erste Aspekt dieses ganz besonderen Bodens findet sich in Vers 9: „Denn in Ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig.“ Wir sind in Den verwurzelt worden, in Dem die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig wohnt. Wir sollten niemandem erlauben, uns von einem solchen Boden wegzutragen. Von diesem Boden weggetragen zu werden bedeutet, aus ihm herausgerissen zu werden. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft dreiundfünfzig, S. 475)
In Christus „vollgemacht“ zu sein bedeutet deshalb nicht, dass wir in uns selbst vollkommen wären oder keine Begrenzungen mehr hätten. Es bedeutet, dass uns in Ihm nichts Wesentliches mehr fehlt. Gerechtigkeit, Heiligung, Ausdauer, Liebe und Langmut sind nicht mehr Projekte unserer Willenskraft, sondern Gaben eines Bodens, in den wir eingewurzelt sind. Paulus greift dieses Bild auf, wenn er schreibt: „nachdem ihr in Ihm verwurzelt worden seid und in Ihm aufgebaut und in dem Glauben gefestigt werdet …, überströmend in Danksagung“ (Kolosser 2:7). Eine Pflanze produziert ihre Kraft nicht aus sich selbst; sie nimmt sie aus dem Boden auf. So beginnt das geistliche Leben dort, wo wir aufhören, uns selbst zu verbessern, und lernen, aus Christus zu „ziehen“, was uns fehlt. Je tiefer die Wurzeln unseres Glaubens in Ihn hineinreichen, desto mehr wird Sein Reichtum an Stelle unseres Mangels erfahrbar. In diesem Licht wird dankbare Ruhe möglich: Wir müssen nicht erst etwas werden, um zu Ihm zu passen – wir sind in Ihm gepflanzt, und Er ist genug. Aus dieser Gewissheit wächst leise, aber stetig eine innere Reife, die nicht aus Druck, sondern aus Teilhabe an der Fülle Christi entsteht.
Denn in Ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig, und ihr seid erfüllt worden in Ihm, der das Haupt jeder Herrschaft und Gewalt ist. (Kol. 2:9-10)
der das Bild des unsichtbaren Gottes ist, der Erstgeborene aller Schöpfung, (Kol. 1:15)
Wo das Empfinden dauernden Mangels und innerer Unzulänglichkeit leiser wird und an seine Stelle das Bewusstsein tritt: „In Christus ist alles da, was ich heute brauche“, beginnt das Leben aus der Fülle. Dann wird der Blick weniger von eigenen Lücken bestimmt und mehr von dem Boden, auf den Gott uns gestellt hat. Wer sich von dort her versteht, findet Mut, auch unvollkommene Situationen auszuhalten, weil der Reichtum nicht aus den Umständen, sondern aus Christus kommt.
Mit Christus beschnitten, begraben und auferweckt – Befreiung von Fleisch, Satzungen und Mächten
Kolosser 2 zeichnet Christus nicht nur als fruchtbaren Boden, sondern als einen Boden mit einer verborgenen, scharfen Kraft. „In Ihm seid ihr auch beschnitten worden mit einer Beschneidung, die nicht mit Händen gemacht ist, in dem Ausziehen des Leibes des Fleisches, in der Beschneidung Christi“ (Kolosser 2:11). Die alttestamentliche Beschneidung markierte die Zugehörigkeit zum Volk Gottes, aber sie reichte nicht bis ins Innere. In Christus ist nun eine Beschneidung wirksam, die kein Messer der Menschen vollziehen kann: Seine Kreuzigung ist wie ein Schneiden in der Tiefe unseres alten Lebens, ein Gericht über das Fleisch – jene selbstbezogene, gottabgewandte Weise zu denken, zu fühlen und zu handeln. Christus ist der Boden, in dem eine tötende Kraft verborgen ist, die alles Alte nicht nur verurteilt, sondern seiner Macht beraubt.
Vers 11 sagt: „In Ihm seid ihr auch beschnitten worden mit einer Beschneidung, die nicht mit Händen geschieht, im Ablegen des Leibes des Fleisches, in der Beschneidung des Christus.“ Der Boden schließt auch die Beschneidung Christi mit ein, die Schneiden und Töten bezeichnet. Im Boden gibt es daher ein tötendes Element. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft dreiundfünfzig, S. 475)
Paulus verbindet diese innere Beschneidung mit einem doppelten Bild von Begräbnis und Auferstehung: „da ihr zusammen mit Ihm begraben wurdet in der Taufe, in der ihr auch zusammen mit Ihm auferweckt wurdet durch den Glauben an die Wirkkraft Gottes, der Ihn von den Toten auferweckt hat“ (Kolosser 2:12). Die Taufe ist mehr als ein äußeres Ritual; sie ist das Zeichen dafür, dass unser altes Leben vor Gott als mit Christus gekreuzigt, begraben und abgetan gilt. Der gleiche Gott, der Jesus aus den Toten auferweckt hat, wirkt nun in uns, wenn Er sagt: „Und euch, obwohl ihr in euren Verfehlungen und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches tot wart, hat Er zusammen mit Ihm lebendig gemacht“ (Kolosser 2:13). Mit diesem lebendig machenden Handeln Gottes fällt auch die Macht äußerer Satzungen und innerer Anklagen: „und die gegen uns gerichtete Handschrift in Verordnungen, die gegen uns sprach, ausgelöscht hat; und Er hat sie aus dem Weg geräumt, indem Er sie ans Kreuz nagelte“ (Kolosser 2:14). So wie Christus „die Fürsten und die Gewalten abstreifte“ und „in ihm über sie triumphierte“ (Kolosser 2:15), verliert unser Leben zunehmend die Furcht vor religiösem Druck und finsteren Mächten, wenn wir im Glauben bei Ihm bleiben. Die Befreiung geschieht nicht durch Steigerung unseres Willens, sondern dadurch, dass der in Christus verborgene Triumph des Kreuzes in unser Inneres hineinwirkt. Diese Wirklichkeit darf unser Selbstbild und unseren Kampf verändern: Wir stehen nicht am Anfang eines unsicheren Weges, sondern auf dem Boden eines vollbrachten Sieges, der seine Kraft Schritt für Schritt entfaltet.
application_de”: “Je mehr wir das Kreuz Christi nicht nur als historische Tatsache, sondern als gegenwärtige, innere Wirklichkeit sehen, desto weniger beeindrucken uns die lauten Forderungen des Fleisches, der religiösen Erwartungen und der Angst. Dann wird es möglich, Versuchungen, Schuldgefühlen und innerem Druck nicht mehr allein entgegenzutreten, sondern aus der stillen Gewissheit heraus: In Christus ist mein altes Leben bereits gerichtet, die Handschrift ausgelöscht und jede Macht entwaffnet. Auf diesem Boden entsteht eine leise, aber reale Freiheit, die nicht laut auftritt, aber im Alltag tragfähig ist.
In Ihm seid ihr auch beschnitten worden mit einer Beschneidung, die nicht mit Händen gemacht ist, in dem Ausziehen des Leibes des Fleisches, in der Beschneidung Christi, (Kol. 2:11)
da ihr zusammen mit Ihm begraben wurdet in der Taufe, in der ihr auch zusammen mit Ihm auferweckt wurdet durch den Glauben an die Wirkkraft Gottes, der Ihn von den Toten auferweckt hat. (Kol. 2:12)
Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie Sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.
Mit Ihm lebendig gemacht – aus der Fülle Christi für den Alltag leben
Die in Kolosser 2 beschriebenen Tatsachen könnten wie eine ferne theologische Landschaft wirken, wenn Paulus sie nicht mit einem schlichten, praktischen Bild verbinden würde: „Wie ihr nun Christus Jesus, den Herrn, empfangen habt, so wandelt in Ihm, nachdem ihr in Ihm verwurzelt worden seid und in Ihm aufgebaut und in dem Glauben gefestigt werdet …“ (Kolosser 2:6-7). Der Christus, in dem wir vollgemacht, beschnitten, begraben und auferweckt sind, ist derselbe, in dem wir unseren Alltag gehen. Er ist kein statisches Dogma, sondern ein lebendiger Boden, aus dem wir Tag für Tag schöpfen. Paulus fasst das so: „Und euch, obwohl ihr in euren Verfehlungen und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches tot wart, hat Er zusammen mit Ihm lebendig gemacht, nachdem Er uns all unsere Verfehlungen vergeben hat“ (Kolosser 2:13). Wo Gott lebendig macht, bleibt nichts im alten Zustand: Hoffnung wächst nach dunklen Zeiten, Versöhnungsbereitschaft taucht auf, wo Bitterkeit gewohnt war, und ein stiller Mut hält stand, wo Angst bisher dominierte.
Gemäß Vers 13 sind auch wir lebendig gemacht worden. Es gibt ein Element in dem Boden, das uns Leben gibt, uns lebendig macht. In 1.Korinther 15:45 spricht Paulus vom lebengebender Geist. In Kolosser 2:13 gebraucht er denselben griechischen Ausdruck für „lebengebend“, nur in der Vergangenheitsform. Als der Boden hat Christus uns lebendig gemacht; Er hat uns Leben gegeben. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft dreiundfünfzig, S. 476)
An einer anderen Stelle beschreibt Paulus Christus als „lebendig machenden Geist“ (1. Korinther 15:45), der uns Sein eigenes Auferstehungsleben mitteilt. Dieses Leben dringt nicht mit Gewalt in uns ein, es wird aufgenommen wie Wasser und Nährstoffe aus dem Boden: indem wir unser Herz öffnen, Gottes Wort Raum geben und unseren inneren Blick auf Ihn richten. Dann wird die Wahrheit, dass Christus „alles und in allen“ ist (Kolosser 3:11), von einer Lehre zu einer erlebten Wirklichkeit. Wir entdecken, dass Geduld, Klarheit, Freude und Ausdauer in schweren Umständen nicht aus unserer psychischen Reserve kommen müssen, sondern aus einer Quelle, die nicht versiegt. So wird das Bild vom guten Land sehr konkret: In Beziehungen, im Gemeindeleben, in beruflichen Spannungen und in inneren Kämpfen trägt derselbe Boden, auf den Gott uns gestellt hat. Mit der Zeit löst sich der Blick von unserer chronisch empfundenen Schwäche und richtet sich immer öfter auf den Reichtum Christi, der mitten im Unvollkommenen tragfähig ist. Daraus erwächst eine leise Ermutigung: Das Leben mit Gott hängt nicht an der Stabilität unserer Gefühle, sondern an der Treue dieses Bodens, der Christus selbst ist.
application_de”: “Wo Christus als lebendig machender Geist nicht nur Thema unseres Denkens, sondern Quelle unseres inneren Lebens wird, verändert sich der Ton unseres Alltags. Beschwerden verwandeln sich nach und nach in Danksagung, harte Urteile über uns selbst und andere weichen einem milderen Blick, und inmitten ungelöster Fragen bleibt die Ahnung: Der Boden, in dem ich stehe, ist reich genug. Wer so lebt, erfährt, dass Gottes Fülle in Christus nicht für besondere Stunden reserviert ist, sondern gerade in den unscheinbaren Momenten des Tages ihre Kraft entfaltet.
Wie ihr nun Christus Jesus, den Herrn, empfangen habt, so wandelt in Ihm, nachdem ihr in Ihm verwurzelt worden seid und in Ihm aufgebaut und in dem Glauben gefestigt werdet, so wie ihr gelehrt worden seid, überströmend in Danksagung. (Kol. 2:6-7)
Und euch, obwohl ihr in euren Verfehlungen und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches tot wart, hat Er zusammen mit Ihm lebendig gemacht, nachdem Er uns all unsere Verfehlungen vergeben hat (Kol. 2:13)
Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie Sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.
Herr Jesus Christus, danke, dass Du das reiche gute Land bist, in das der Vater uns hineingepflanzt hat, und dass in Dir die ganze Fülle Gottes wohnt. Du hast am Kreuz unser Fleisch gerichtet, die anklagenden Satzungen ausgelöscht und die finsteren Mächte entwaffnet, damit wir mit Dir begraben, auferweckt und lebendig gemacht sein dürfen. Lass Dein Leben in uns frei zirkulieren und das Tote in uns beleben, dort heilend wirken, wo Schuld und Entmutigung dominieren, und uns innerlich mit Deiner Liebe, Deinem Frieden und Deiner Kraft ausfüllen. Stärke in uns das Vertrauen, dass Deine Fülle größer ist als unser Mangel und Dein Sieg stärker als unsere Bindungen, sodass unser Alltag zu einem stillen Zeugnis Deines Reichtums wird. Dir sei die Ehre in unserem Leben und in Deiner Gemeinde, jetzt und bis in Ewigkeit. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Colossians, Chapter 53