In Christus gewurzelt und in Ihm auferbaut (2)
Viele Christen kennen die Formulierung, in Christus gewurzelt und in Ihm auferbaut zu sein, und doch bleibt oft unklar, was das im Alltag bedeutet. Paulus verbindet das Bild einer Pflanze, die aus gutem Boden Nahrung aufnimmt, mit dem Geheimnis der Gemeinde als lebender Leib Christi. Gerade dort, wo Reibungen, kulturelle Prägungen und persönliche Grenzen sichtbar werden, stellt sich die Frage, wie dieses innere Wachsen und das äußere Bauen tatsächlich geschieht.
Gewurzelt in Christus – wachsen durch seine Reichtümer
Wenn Paulus schreibt: „nachdem ihr in Ihm verwurzelt worden seid und in Ihm aufgebaut“ (Kol. 2:7), greift er nicht zu einem zufälligen Bild. Ein Gegenstand aus Holz kann man in die Erde stecken, aber er wird dadurch nicht verwurzelt. Verwurzelt ist nur, was lebt, was eine verborgene Verbindung zu einer Quelle hat, aus der es ständig empfängt. So beschreibt Paulus unser Sein in Christus: Wir sind lebendige Organismen, in Ihn hineingepflanzt, und Christus selbst ist der Boden, der unsere Wurzeln trägt. Seine Liebe, seine Gnade, seine Treue und seine Kraft sind nicht nur Eigenschaften, die wir bewundern, sondern der unsichtbare Nährboden, in dem unser neues Leben steht. In der Sprache der Bibel ist Christus das „gute Land“, reich an allem, was das Volk Gottes braucht; in Ihm fehlt nichts, aber ohne echte Verwurzelung nehmen wir von diesem Reichtum kaum etwas wahr.
Als Gläubige sind wir in Christus verwurzelt worden. Das bedeutet, dass wir lebendige Organismen sind und nicht leblose, wurzellose Stöcke, die einfach in den Boden gesteckt wurden. Weil wir in Christus verwurzelt sind, können wir jetzt die Reichtümer Christi in uns hinein absorbieren. Diese Reichtümer, die wir aus Christus als unserem Boden absorbieren, werden zu dem Element, das uns befähigt zu wachsen. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft zweiundfünfzig, S. 465)
Wurzeln haben eine einzige Aufgabe: Sie nehmen Tag für Tag Wasser und Nährstoffe aus dem Boden auf und lagern sie im Baum ein. So geschieht stille, aber wirkliche Zunahme. Ähnlich ist unser Leben in Christus angelegt. Wir sind dazu gesetzt, seine Reichtümer in unser Inneres zu absorbieren – nicht nur Gedanken über Ihn, sondern Ihn selbst als Leben. Jesus sagt über seine Worte: „Die Worte, die Ich zu euch geredet habe, sind Geist und sind Leben“ (Johannes 6:63); wenn wir sein Wort im Herzen bewegen, wenn wir in schlichter, aufrichtiger Gemeinschaft mit Ihm stehen, geschieht innerlich etwas: Christus wird mehr als unser Thema, Er wird unser innerer Bestandteil. Was aus Ihm in uns hineinkommt, baut uns auf, wie eingelagertes Holz und Saft den Baum aufbauen. So wird verständlich, warum Paulus Wachstum und Aufbau untrennbar zusammen sieht. Wo wir in Christus verwurzelt bleiben und seine Reichtümer beständig aufnehmen, wächst in uns kein äußerer Schein, sondern Leben. Und dieses Wachsen ist schon der Aufbau: unser Wesen wird geformt, gefestigt, gekräftigt. In dieser stillen Bewegung nach unten, hinein in Christus, liegt eine große Ermutigung: Auch wenn nach außen wenig spektakulär erscheint, kann innerlich viel geschehen. Jeder Tag, an dem wir von seinem Wort, seiner Gnade, seiner Nähe „leben“, lässt unsere Wurzeln tiefer gehen und unseren inneren Menschen tragfähiger werden. So wird der Aufbau unseres Lebens in Ihm zu einer leisen, aber sicheren Wirklichkeit, die Bestand hat.
nachdem ihr in Ihm verwurzelt worden seid und in Ihm aufgebaut und in dem Glauben gefestigt werdet, so wie ihr gelehrt worden seid, überströmend in Danksagung. (Kol. 2:7)
Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass Er Seinen einziggeborenen Sohn hingab, damit jeder, der in Ihn hineinglaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe. (Joh. 3:16)
In Christus verwurzelt zu sein, bedeutet, sich nicht von sichtbaren Erfolgen oder Stimmungen her zu definieren, sondern von der verborgenen, beständigen Aufnahme seiner Reichtümer. Wo sein Wort Raum bekommt, wo wir ihm im Glauben unser tatsächliches Inneres öffnen, da wirkt Er in der Tiefe, oft jenseits unserer Gefühle. Dieses stille Wachsen entlastet: nicht wir müssen uns selbst aufbauen, sondern der Herr füllt uns mit sich selbst, Schritt für Schritt. In dieser Gewissheit dürfen wir unser Leben lesen wie den Jahresring eines Baumes: Manches Jahr war stürmisch, manches trocken, aber durch alles hindurch hat der Boden getragen. Gerade so will Christus unser Untergrund sein, auf dem wir sicher stehen und aus dem wir Tag für Tag neues Leben schöpfen.
Die Zunahme Gottes in uns – Christus als alles im neuen Menschen
Wenn Paulus sagt, dass der Leib „mit dem Wachstum Gottes wächst“ (Kol. 2:19), spricht er von etwas, das uns zunächst paradox erscheinen kann. Gott ist vollkommen; Er braucht keine Entwicklung, keine Reifung. Und doch gibt es ein Wachstum, das von Ihm herkommt: Er fügt sich selbst seinem Volk hinzu. Mehr von Gott in uns – das ist die Zunahme, von der Paulus spricht. Er beschreibt, wie der ganze Leib aus Christus als dem Haupt heraus „reichlich versorgt und miteinander verknüpft“ wird und so wächst. Je mehr Gnade, Licht, Leben und Liebe Gottes den Raum in unserem Inneren einnehmen, desto mehr geschieht wahres Wachstum. Es ist bemerkenswert, dass Paulus dieses Wachstum ausdrücklich an das Festhalten am Haupt bindet. Wachsen heißt für ihn nicht zuerst, Einfluss zu gewinnen oder Projekte voranzutreiben, sondern im lebendigen Bezug zu Christus zu bleiben, sodass seine Fülle tatsächlich in unsere Gedanken, Motivationen und Entscheidungen hineinreicht.
In 2:19 sagt Paulus, dass der Leib „mit dem Wachstum Gottes wächst“. Bei Gott selbst kann es kein Wachstum geben, denn Er ist ewig vollkommen und vollständig. Dennoch muss der Leib weiterhin mit dem Wachstum, der Zunahme Gottes in uns wachsen. Je mehr Gott in uns hinzugefügt wird, desto mehr wachsen wir. Das bedeutet, mit dem Wachstum Gottes zu wachsen. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft zweiundfünfzig, S. 466)
Dieses innere Mehr an Gott zielt auf eine konkrete Gestalt: den neuen Menschen. In Kolosser 3:10 heißt es, wir hätten „den neuen Menschen angezogen, der zur völligen Erkenntnis nach dem Bild dessen erneuert wird, der ihn geschaffen hat“, und unmittelbar danach: „Christus ist alles und in allen“ (Kolosser 3:11). Der neue Mensch ist keine abstrakte Idee, sondern die Gemeinschaft, in der Christus den eigentlichen Inhalt bildet. Ethnische, kulturelle oder soziale Unterschiede werden dadurch nicht ausgelöscht, aber sie verlieren ihr Recht, uns letztlich zu bestimmen. Was Bestand hat, ist das, was Christus in uns eingeprägt hat. Wo seine Gesinnung unsere spontansten Reaktionen prägt, wo seine Liebe unsere Bewertungsmaßstäbe korrigiert, da nimmt der neue Mensch Gestalt an. Das ist ein organischer Vorgang: Schicht um Schicht dringt Christus in unser Inneres vor, bis das, was von Natur aus in uns dominiert, zurücktritt. Gerade darin liegt große Hoffnung für unsere Beziehungen im Leib Christi. Gottes Ziel ist nicht, unsere Eigenart gewaltsam zu überformen, sondern sie von innen her zu durchdringen, sodass Christus als Inhalt sichtbar wird. Die Zunahme Gottes in uns bedeutet darum immer auch Befreiung: Weniger Gefangensein im Alten, mehr Raum für die Wirklichkeit dessen, der in uns lebt.
application_de”: “Die Zunahme Gottes in uns macht das christliche Leben weit und tief. Sie nimmt den Druck, uns aus eigener Kraft verändern zu müssen, und lenkt den Blick auf das, was Gott in uns hinzufügen will. Wo wir im Alltag innerlich beim Haupt bleiben, mit Ihm rechnen, Ihn einbeziehen, öffnet sich ein Raum, in dem Er seine Gnade vermehren kann. Diese Zunahme bleibt nicht privat: Sie wirkt sich aus in einer neuen Sicht auf andere, in versöhnlicheren Urteilen, in einem wachsenden Miteinander im neuen Menschen. So wird die Erfahrung, dass „die Gnade zunehme“ (2.Kor 4:15), zu einer leisen, aber spürbaren Spur Gottes in unserem Umfeld – zur Ehre dessen, der in uns wohnt.
und nicht am Haupt festhält, aus dem heraus der ganze Leib, der durch die Gelenke und Sehnen reichlich versorgt und miteinander verknüpft wird, mit dem Wachstum Gottes wächst. (Kol. 2:19)
Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie Sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.
Vom persönlichen Wachstum zum Aufbau des Leibes
Wo Gott Wachstum gibt, bleibt dieses Wachstum nie beim Einzelnen stehen. Paulus beschreibt die Gläubigen als „Gottes Ackerfeld, Gottes Bau“ (1.Kor 3:9). Er selbst hat gepflanzt, Apollos hat begossen, „Gott aber hat das Wachstum gegeben“ (1.Kor 3:6). Das Bild ist klar: Wo Gott in einem Menschen sein Leben vermehrt, entsteht ein Reservoir an geistlicher Substanz, das nicht nur für ihn selbst, sondern für andere bestimmt ist. Ein Baum, der tief verwurzelt ist und reichlich Saft in sich trägt, bringt Frucht und Schatten für seine Umgebung hervor. So werden auch wir, je mehr Christus in uns Gestalt gewinnt, zu einer Quelle von Trost, Ermutigung, Weisung und Korrektur für andere Glieder. Dieses Weiterfließen ist kein Programm, sondern die natürliche Folge, wenn das, was Christus in uns gewirkt hat, im Miteinander hörbar, sichtbar, spürbar wird.
Obwohl Paulus pflanzte und Apollos begoss, war es Gott, der das Wachstum gab. Nun müssen wir weiter fragen, auf welche Weise Gott das Wachstum gibt. Er gibt das Wachstum, indem Er in uns hineinkommt. Je mehr Gott uns hinzugefügt wird, desto mehr Wachstum gibt Er. Wie wir gesehen haben, kann es ohne die Zunahme Gottes in uns keinerlei Wachstum geben. Das Wachstum des Leibes hängt vom Wachstum Gottes, vom Hinzufügen Gottes, von der Zunahme Gottes in uns ab. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft zweiundfünfzig, S. 469)
Epheser 4 beschreibt diese Bewegung vom persönlichen Wachstum zum gemeinsamen Aufbau sehr nüchtern und zugleich hoch. Der Leib wächst, „indem er durch jedes Gelenk der reichen Versorgung und durch die Wirksamkeit in dem Maß jedes einzelnen Teils zusammengefügt und verknüpft wird“, und so bewirkt er „das Wachstum des Leibes … zum Aufbau seiner selbst in Liebe“ (Epheser 4:16). Nicht einige besonders begabte Personen tragen den Aufbau, sondern jedes Glied mit seinem Maß. Was Christus in mir gewachsen ist, bestimmt, was durch mich an Versorgung fließen kann. Wo Er in mir Geduld geformt hat, wird mein Umgang mit schwierigen Menschen milder. Wo Er mir Vergebung geschenkt hat, verliert nachtragende Bitterkeit die Macht. Wo Er mich in seiner Dienergesinnung geprägt hat, wird das Streben nach Anerkennung leiser. Auf diese Weise werden Konflikte im Gemeindeleben nicht primär durch neue Strukturen gelöst, sondern dadurch, dass mehr von Christus in den Herzen Raum gewinnt. So wächst die Gemeinde „in welchem der ganze Bau, zusammengefügt, zu einem heiligen Tempel im Herrn wächst“ (Epheser 2:21). Das persönliche Wachstum in Christus ist daher nie Nebenschauplatz, sondern der Weg, auf dem Gott den Leib aufbaut.
Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, Gott aber hat das Wachstum gegeben. (1.Cor. 3:6: 9)
in welchem der ganze Bau, zusammengefügt, zu einem heiligen Tempel im Herrn wächst, (Eph. 2:21)
Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie Sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.
Herr Jesus Christus, danke, dass du uns nicht an der Oberfläche lässt, sondern uns tief in dich hinein gepflanzt hast wie eine Pflanze in guten Boden. Wo wir unsere Begrenzungen, unser altes Wesen und die Spannungen untereinander spüren, bitten wir dich, dass du selbst in uns zunimmst, unsere inneren Räume mit deinem Leben, deiner Liebe und deiner Sanftmut füllst. Lass dein lebendiges Wort in uns Wurzel fassen und unsere Gedanken, Entscheidungen und Beziehungen durchdringen, sodass immer weniger von uns selbst und immer mehr von dir sichtbar wird. Baue aus unserem persönlichen Wachstum ein gemeinsames Zeugnis, in dem deine Gemeinde wie ein lebendiger Leib zusammengefügt ist und deine Herrlichkeit widerspiegelt. Stärke jeden, der sich schwach oder trocken fühlt, durch die Gewissheit, dass du selbst die Quelle des Wachstums bist und dein gutes Werk nicht aufgibst, sondern vollendest. In dir wollen wir verwurzelt bleiben und in dir auferbaut werden, bis du alles in allem bist. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Colossians, Chapter 52