Das Wort des Lebens
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Das Empfangen Christi

12 Min. Lesezeit

Viele Christen können den Zeitpunkt nennen, an dem sie Christus angenommen haben – aber seitdem wirkt ihr Glaubensleben eher wie ein angehaltener Atemzug als wie ein rhythmisches Atmen. Die Bibel malt jedoch ein viel größeres Bild: Der Christus, den wir empfangen, ist unermesslich reich, die Geschichte Gottes in Person, und wir sollen Ihn nicht nur einmal, sondern fortwährend aufnehmen. Wo liegt der Schlüssel, damit dieser Christus mehr ist als eine einmalige Erfahrung und zu einer lebendigen Wirklichkeit im Alltag wird?

Der Christus, den wir empfangen, ist das Geheimnis und die Geschichte Gottes

Wenn die Schrift sagt: „Darum, wie ihr den Christus, Jesus, den Herrn, empfangen habt, so wandelt in Ihm“ (Kolosser 2:6), öffnet sie uns einen Blick in eine Wirklichkeit, die unser Denken übersteigt. Wer ist dieser Christus, den wir empfangen haben? Nicht eine religiöse Idee, nicht nur der große Lehrer von Nazareth, sondern der in Person gewordene Ratschluss Gottes. In Ihm nimmt die Geschichte Gottes Gestalt an: der Sohn, der in der vergangenen Ewigkeit beim Vater war, durch den „alle Dinge entstanden“ sind (Johannes 1:3), der als wahres Wort Gottes in die Zeit eintrat, Fleisch wurde und unter uns „voller Gnade und Wirklichkeit“ wohnte (Johannes 1:14). Wenn wir Ihn empfangen, nimmt der in der Ewigkeit beschlossene Weg Gottes – Schöpfung, Verheißung, Inkarnation, Kreuz, Auferstehung, Himmelfahrt und Herrschaft – Wohnung in einem menschlichen Herzen.

Der Christus, den wir gemäß 2:1–6 empfangen haben, ist das Geheimnis Gottes, von dem in 2:2 die Rede ist. Dass Christus das Geheimnis Gottes ist, zeigt, dass Er nicht etwas Einfaches ist. Vielmehr ist Er unergründlich und geheimnisvoll. Gewiss ist Gott nicht einfach. Er ist unbegrenzt, unendlich, ewig. Wie könnte dann Christus, das Geheimnis Gottes, etwas Einfaches sein? Als das Geheimnis Gottes ist Christus der unbegrenzte, unendliche und ewige Gott. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft achtundvierzig, S. 430)

In diesem Christus wohnt „die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig“ (vgl. Kolosser 2:9). Gottes Wesen – Liebe, Heiligkeit, Treue, Gerechtigkeit – ist nicht abstrakt, sondern in der Person Jesu sichtbar und greifbar geworden. Zugleich leuchten in Ihm echte menschliche Tugenden: Demut, Sanftmut, Gehorsam, beständige Hingabe im verborgenen Leben. Die Herrlichkeit, die die Jünger sahen, war die einer göttlichen Person, die ganz menschlich und doch ohne Sünde lebte. Wenn Johannes bezeugt: „Denn aus Seiner Fülle haben wir alle empfangen, und zwar Gnade um Gnade“ (Johannes 1:16), beschreibt er nicht einen äußeren Segen, sondern das innere Empfangen dieser göttlich-menschlichen Fülle in unser eigenes Sein hinein. Der Christus, den wir aufnehmen, ist weiter als unsere Begriffe, größer als unsere Geschichte, umfassender als das Universum; Er ist die Wirklichkeit all dessen, was wir zum Leben, zum Lieben, zum Ausharren und zum Hoffen brauchen.

Darum ist das Empfangen Christi nie etwas Kleines oder Nebensächliches. Wer Christus im Glauben aufnimmt, nimmt nicht nur Vergebung oder einen künftigen Himmel an, sondern lässt den, in dem alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen sind (Kolosser 2:3), in das Zentrum seines Lebens einziehen. Dort beginnt Er, unsere engen Horizonte zu weiten, unsere Maßstäbe zu korrigieren und unser inneres Gleichgewicht neu zu ordnen. Schritt für Schritt lernt das Herz, sich nicht mehr um sich selbst zu drehen, sondern sich auf diesen allumfassenden Herrn auszurichten. Gerade darin liegt Trost: Wir müssen uns nicht selbst größer machen, um mit dem Leben fertigzuwerden; wir dürfen den empfangen, der größer ist als alle Situationen, und uns von Seiner Größe tragen lassen.

Je klarer wir erkennen, wen wir empfangen haben, desto einfacher wird es, uns Ihm neu zu öffnen. Dann wird der Glaube nicht mehr nur zur Zustimmung zu Sätzen über Christus, sondern zur stillen, zugleich mutigen Bewegung der Seele hin zu Ihm: zu dem, der unsere Vorgeschichte kennt, unsere Gegenwart durchdringt und unsere Zukunft in Händen hält. Wer sich immer wieder diesem Christus anvertraut, erfährt, wie die langen Linien von Gottes Geschichte in das eigene Leben hineinreichen: Schuld wird nicht mehr das letzte Wort haben, Vergangenes nicht mehr das Maß aller Dinge sein, und die Gegenwart nicht mehr ohne Horizont erscheinen. So wird das Empfangen Christi zur Quelle einer Hoffnung, die nicht aus uns selbst stammt, sondern aus dem Herzen dessen, der von Ewigkeit her derselbe ist und bleibt.

Darum, wie ihr den Christus, Jesus, den Herrn, empfangen habt, so wandelt in Ihm, (Kol. 2:6)

Alle Dinge sind durch Ihn entstanden, und ohne Ihn ist nicht eines entstanden von dem, was entstanden ist. (Joh. 1:3)

Wenn Christus das Geheimnis und die Geschichte Gottes in Person ist, bedeutet sein Empfangen, dass Gottes eigene Fülle in unsere begrenzte Lebensgeschichte eintritt. Im Alltag kann das sehr schlicht aussehen: ein inneres Sich-Anlehnen an Ihn, wenn eigene Kräfte und Einsichten an Grenzen kommen; ein bewusstes Vertrauen darauf, dass Er größer ist als aktuelle Verwirrung, als unaufgearbeitete Vergangenheit oder unklare Zukunft. So wird das Empfangen Christi zu einer stillen, aber tiefen Bewegungsrichtung unseres Lebens: weg von dem Zwang, alles selbst erklären, halten und rechtfertigen zu müssen, hin zu dem, in dem Gottes Wege, Gottes Geduld und Gottes Treue Gestalt gewonnen haben. Wer so lebt, beginnt zu erfahren, dass die eigene Geschichte nicht mehr nur von dem bestimmt wird, was Menschen getan oder gelassen haben, sondern von dem, was der empfangene Christus in der Tiefe des Herzens wirkt.

Der Mensch mit einem Geist als Empfänger Gottes

Die Größe dessen, was Gott in Christus schenkt, wirft eine leise, aber entscheidende Frage auf: Wo im Menschen gibt es überhaupt Raum für einen solchen Christus? Die Bibel zeichnet den Menschen nicht nur als „Krone der Schöpfung“, sondern als ein Wesen, das innerlich auf Gott hin geöffnet ist. Der Schöpfungsbericht deutet dies an, wenn Gott dem Menschen den Odem des Lebens einhaucht (1. Mose 2:7): mehr als bloße Biologie, ein inneres Prinzip, das den Menschen für die Gemeinschaft mit Gott fähig macht. Später heißt es schlicht und tief: „Der Geist des Menschen ist eine Leuchte des HERRN“ (Sprüche 20:27). In dieser Leuchte, in diesem innersten Zentrum, berührt Gott den Menschen.

Das Zentrum von Gottes Schöpfung ist der Mensch, der mit einem Empfänger geschaffen wurde: dem menschlichen Geist. So wie ein Radioempfänger die Fähigkeit hat, Radiowellen aufzunehmen, so hat unser Geist die Fähigkeit, Gott zu empfangen. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft achtundvierzig, S. 430)

Dieses innere Zentrum nennt die Schrift unseren menschlichen Geist. Er ist nicht identisch mit Gefühl, Verstand oder Willenskraft, sondern die tiefste Schicht der Person, in der der Mensch Gott wahrnehmen, anreden und empfangen kann. So wie ein Radio nur dann einen Sender wiedergibt, wenn sein Empfänger intakt und auf die richtige Frequenz eingestellt ist, so kann der Mensch Gottes Gegenwart nur wahrnehmen, wenn sein Geist lebendig ist und auf Gott ausgerichtet wird. Johannes beschreibt das Wunder der Wiedergeburt mit den Worten: „So viele Ihn aber aufnahmen, denen gab Er die Vollmacht, Kinder Gottes zu werden, denen, die in Seinen Namen hineinglauben“ (Johannes 1:12). Im selben Zusammenhang wird deutlich, dass diese Geburt „aus Gott“ geschieht (Johannes 1:13) – sie betrifft unseren Geist und macht ihn fähig, Christus in sich aufzunehmen.

Die Sünde hat diesen inneren Empfänger getrübt. Wo der Mensch sich aus der Beziehung zum Schöpfer löst, verliert sein Geist die Klarheit, für die er geschaffen wurde. Gott erscheint dann fern oder stumm, und das Leben reduziert sich auf das, was Augen sehen und Hände greifen können. Das Evangelium setzt genau hier an: Gott ruft nicht nur zu einer moralischen Besserung, sondern schenkt durch den gekreuzigten und auferstandenen Christus neues Leben in unseren Geist. Wenn der Mensch auf Christus vertraut, reinigt Gott diesen inneren Empfänger, macht ihn lebendig und richtet ihn neu auf sich selbst aus. Der Mensch bleibt in seiner Schwachheit derselbe und ist doch im tiefsten Punkt seines Seins neu geworden.

Von hier aus beginnt sich Gottes Absicht zu entfalten. Er wollte nie einen Kosmos ohne Gegenüber, sondern eine Menschheit, die Ihn kennt, empfängt und widerspiegelt. „Niemand hat Gott je gesehen; der einziggeborene Sohn, der in der Brust des Vaters ist, Er hat Ihn kundgetan“ (Johannes 1:18). Dieser Sohn macht nicht nur Gott sichtbar, sondern teilt Sein eigenes Leben mit Menschen, deren Geist Er neu belebt. Wo einzelne und schließlich viele so leben – im Stillen mit ihrem Geist auf Gott ausgerichtet –, entsteht etwas von dem, was Gott sich von Anfang an vorgenommen hat: eine Gemeinschaft von Menschen, in denen Sein Wesen aufleuchtet. Für den Einzelnen bedeutet das eine stille Würde: Das eigene Leben, mit all seiner Begrenzung, wird zum Ort, an dem der lebendige Gott sich mitteilt und Gestalt gewinnt.

Da bildete der HERR, Gott, den Menschen aus Staub vom Erdboden und hauchte in seine Nase den Odem des Lebens; und der Mensch wurde eine lebende Seele. (1. Mose 2:7)

Leuchte des HERRN ist der Geist des Menschen; er durchforscht alle Kammern des Leibes. (Spr. 20:27)

Wenn der menschliche Geist Gottes „Empfänger“ in uns ist, verschiebt sich der Schwerpunkt unseres geistlichen Lebens: weg von bloßer Betriebsamkeit, hin zu der Frage, was in der Tiefe unseres Inneren geschieht. Momente der Sammlung, der stillen Hinwendung zu Gott und der ehrlichen Aussprache vor Ihm sind dann keine fromme Zugabe, sondern Ausdruck dessen, wozu wir geschaffen und neu geboren wurden. Im Alltag kann der Blick auf äußere Erfolge, Spannungen oder Schwierigkeiten leicht übermächtig werden; die Wahrheit, dass unser Geist eine Leuchte des HERRN ist, erinnert daran, dass Gottes eigentliche Arbeit oft unsichtbar und still im Inneren geschieht. Wer das beherzigt, darf lernen, sein Leben nicht nur nach dem zu beurteilen, was nach außen gelingt, sondern nach der Tatsache, dass Christus in einem erneuerten Geist Wohnung genommen hat – und dass darin eine Würde und ein Reichtum liegt, den keine äußere Lage aufheben kann.

Christus beständig empfangen durch Gebet und geübten Geist

Die Schrift verbindet das anfängliche Empfangen Christi untrennbar mit einem Weg, der weitergeht. „Darum, wie ihr den Christus, Jesus, den Herrn, empfangen habt, so wandelt in Ihm“ (Kolosser 2:6). Empfangen und Wandeln gehören zusammen wie Atmen und Leben. Am Anfang stand vielleicht ein klarer Moment: eine bewusste Hinwendung zu Christus, ein Gebet, ein inneres Ja zu Seinem Ruf. Doch das Neue Testament zeichnet das Bild eines fortlaufenden Empfangens: so wie der Leib ohne stetiges Einatmen nicht leben kann, so bleibt der innere Mensch ohne das stetige Aufnehmen Christi kraftlos. Der Christus, den wir empfangen haben, ist unerschöpflich; darum erschöpft sich auch das Empfangen nicht in einem vergangenen Ereignis.

Obwohl wir Christus empfangen haben, erschöpft Sich unser Empfangen von Ihm nicht in einem anfänglichen, einmaligen Akt. Im Gegenteil, wir werden Ihn in Ewigkeit weiter empfangen. Das Empfangen Christi lässt sich mit dem Atmen vergleichen. So wie das Atmen ein fortwährender Vorgang ist, so sollte auch unser Empfangen Christi unaufhörlich sein. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft achtundvierzig, S. 429)

Der Schlüssel zu diesem beständigen Empfangen liegt im geübten Geist, und dieser Geist wird vor allem im Gebet wach gehalten. Gebet ist hier mehr als das Vorbringen von Anliegen; es ist das bewusste Zuwenden zu Christus, das Anrufen Seines Namens, das Danken für Seine Gegenwart und das Öffnen des Herzens vor Ihm. Im Johannesevangelium wird erzählt, wie bei der Hochzeit zu Kana der Wein ausgeht und Maria schlicht sagt: „Sie haben keinen Wein“ (Johannes 2:3). Auf der Oberfläche ist das ein Mangel, in der Tiefe aber wird dieser Mangel zum Anlass, dass Christus Seine Herrlichkeit offenbart und Wasser in Wein verwandelt. So können unsere Alltagslagen – Erschöpfung, Ratlosigkeit, innere Leere – in einfachen, ehrlichen Gebeten vor Christus ausgesprochen werden. Gerade darin öffnet sich der Raum, in dem Er sein Leben, seine Freude, seine Kraft in uns hinein gießt.

Ein geübter Geist ist kein angespanntes Dauererleben, sondern eine gewohnte Richtung des Inneren. Wie ein Baum sein Wasser nicht nur über eine große Wurzel, sondern durch unzählige feine Wurzelhaare aufnimmt, so empfängt der Gläubige Christus nicht nur in seltenen großen Momenten, sondern in vielen kleinen Wendungen des Herzens: ein kurzer Dank, ein stilles „Herr Jesus“, ein ehrliches Aussprechen der eigenen Enge. Johannes fasst das so: „In Ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen“ (Johannes 1:4). Wo dieses Leben aufgenommen wird, beginnt es, unser Inneres zu erhellen: unsere Gedanken werden korrigiert, unsere Maßstäbe geordnet, unsere Reaktionen verwandelt. Das geschieht oft unbemerkt, wie eine langsame Sättigung des Bodens, und doch trägt es in der Zeit sichtbare Frucht.

Wenn Christus so beständig empfangen wird, bleibt der Glaube nicht auf einzelne geistliche Erfahrungen beschränkt. Er durchdringt allmählich die Alltagswege: Beziehungen, Entscheidungen, Umgang mit Arbeit und Ruhe. Die Reichtümer Christi – Seine Geduld, Seine Wahrheit, Seine Reinheit, Sein Mitgefühl – werden nicht nur bewundert, sondern innerlich aufgenommen, bis sie unsere eigenen Beweggründe und Reaktionen prägen. So wird das „Wandeln in Ihm“ konkret: nicht in spektakulären Taten, sondern in einer stillen Stabilität, in der Christus mitgeht und durch einen gewöhnlichen Tag hindurch seine Wirklichkeit ausstrahlt. Wer sich dieser Weise des Lebens anvertraut, darf erfahren, dass Christus nicht nur am Anfang des Glaubenswegs da war, sondern sich im unauffälligen, treuen Alltag immer neu schenkt.

Relevante Schriftstellen: Kol. 2:6-7, Kol. 2:9-10, Joh. 6:57, Joh. 6:63, Joh. 1:16, Eph. 6:17-18.

Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie Sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.


Herr Jesus Christus, Du allumfassender und unergründlich reicher Herr, danke, dass Du als das Geheimnis Gottes zu uns gekommen bist und Dich selbst in unsere Herzen hineingeschenkt hast. Öffne unseren Geist neu für Dich, reinige und richte ihn aus, damit nichts Deine himmlische Übertragung in unserem Inneren stört. Lass uns Dich nicht nur als einmaligen Retter kennen, sondern als den lebendigen Christus, den wir Tag für Tag, Augenblick für Augenblick aufnehmen dürfen wie die Luft, die wir atmen. Fülle unsere Leere mit Deiner Fülle, unsere Schwachheit mit Deiner Kraft und unsere Unruhe mit Deinem Frieden, sodass unser ganzes Leben zu einer Geschichte mit Dir wird, die Deine Treue, Deine Liebe und Deine Herrlichkeit widerspiegelt. Bewahre uns in der tiefen Gewissheit, dass Deine Gnade niemals aufgebraucht ist und Deine Gegenwart uns durch alle Umstände trägt. In Dir allein finden wir, was unser Herz wirklich sucht; darum vertrauen wir uns Deiner mächtigen, gütigen Hand an. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Colossians, Chapter 48

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