Gewurzelt und auferbaut in Christus mit dem verarbeiteten Gott
Viele Gläubige wissen, dass Christus in ihnen lebt, und doch bleibt die Frage, wie diese Wahrheit ihren Alltag wirklich durchdringt. Zwischen biblischer Lehre und gelebter Erfahrung klafft oft eine Lücke: Wir bekennen den allumfassenden Christus mit den Lippen, aber im Inneren fühlen wir uns oft trocken, getrieben von Gedanken, Gefühlen und Entscheidungen, die wenig mit ihm zu tun haben. Die Botschaft hilft, die biblische Linie von der Offenbarung des verarbeiteten Dreieinen Gottes hin zur praktischen Erfahrung zu sehen und lädt ein, Christus als die lebendige Quelle im eigenen Geist tiefer zu erkennen.
Christus – der Allumfassende und das Geheimnis Gottes in unserem Geist
Christus begegnet uns in der Schrift nicht als eine blasse religiöse Gestalt, sondern als der Allumfassende, in dem Gott selbst sich uns auslegt und zugänglich macht. Wenn der Kolosserbrief von der „völligen Erkenntnis des Geheimnisses Gottes, Christus“ spricht, dann heißt es in Kolosser 2:2, Christus sei dieses Geheimnis. Gott ist nicht bloß ein fernes Prinzip über den Himmeln; er hat sich in Christus sichtbar, hörbar und greifbar gemacht. In Ihm verdichten sich alle Linien der Schrift: Er ist der Schöpfer, von dem 1. Mose 1:1 sagt: „Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde.“ Derselbe, der im Anfang Himmel und Erde ins Dasein rief, tritt in der Fülle der Zeit in unsere Geschichte ein, wird Mensch, lebt ein verborgenes menschliches Leben, geht ans Kreuz, durchschreitet den Tod, steht auf und wird erhöht. So bekommt Gott eine „Geschichte“, und diese Geschichte kulminiert darin, dass Christus heute als allumfassender, lebengebender Geist gegenwärtig ist.
Wir, die wir Christus erfahren, haben eine enge, tiefe, innige und subjektive Beziehung zu Ihm. Dennoch müssen wir drei Fragen stellen: Wer ist Christus? Was ist Christus? Wo ist Christus? Weil Christus so viel umfasst, ist es schwer, angemessen auszudrücken, wer Er ist und was Er ist. Zunächst ist Christus der eigentliche Gott. Nach dem Kolosserbrief ist Er der Erstgeborene aller Schöpfung. Die Bibel macht deutlich, dass Christus die Wirklichkeit vieler verschiedener Arten von Bäumen ist: des Feigenbaums, des Ölbaums, des Weinstocks und der Zeder. Christus ist auch der wirkliche Ochse, das Lamm, der Löwe, der Adler und die Taube. Außerdem ist Christus unsere wirkliche Speise, unser Wasser, unsere Milch, unser Honig, unsere Luft, unser Sonnenschein, unser Regen, unser Tau und unser Schnee. Schließlich wird Christus zu unserem allumfassenden Land, einem Land, in dem wir Berge, Hügel, Täler, Quellen, Bäche, Ströme, Steine, Eisen und Erz haben. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft siebenundvierzig, S. 421)
Damit berührt die Frage nach dem „Wer“ Christi unmittelbar das „Wo“. Christus bleibt nicht in einer fernen Vergangenheit stehen, sondern ist als der verarbeitete Dreieine Gott dem Menschen näher gekommen, als irgendein anderer es je sein könnte. Die Schrift bezeugt, dass Er als lebengebender Geist in unserem Geist wohnt. Dort, im innersten Zentrum unseres Wesens, verbindet er sich unlöslich mit uns, nicht nur, damit wir von Ihm wissen, sondern damit wir Ihn erfahren. Wenn Kolosser 2:2 von „Herzen“ spricht, die getröstet werden, und von einem Verknüpftwerden in Liebe, zeigt sich darin bereits der Raum dieser Begegnung: Christus beschenkt uns nicht von außen, sondern von innen her. Das macht unser Verhältnis zu Ihm zugleich ehrfürchtig und zart. Er ist der Schöpfer, der Herr der Geschichte, und doch wohnt Er in unserem Geist – zugänglich in jedem Seufzer, jeder stillen Hinwendung. In dieser Nähe liegt eine stille Ermutigung: Unser Weg mit Ihm hängt nicht von äußeren Umständen oder besonderen Orten ab; der Ort Seiner Gegenwart ist bereits in uns gelegt. Dort darf Christus Schritt für Schritt alles ausfüllen, was wir sind, und wir dürfen lernen, aus dieser verborgenen Gemeinschaft zu leben.
damit ihre Herzen getröstet werden und sie in Liebe und zu allem Reichtum der völligen Gewissheit des Verständnisses miteinander verknüpft werden, zur völligen Erkenntnis des Geheimnisses Gottes, Christus, (Kol. 2:2)
Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde. (1.Mose 1:1)
Wenn Christus als das Geheimnis Gottes in unserem Geist wohnt, wird unser Glaubensleben von innen her getragen. Er ist nicht zuerst ein Gegenstand unseres Nachdenkens, sondern eine lebendige Person, die in unser Inneres eingetreten ist. Mitten in den Spannungen des Alltags bleibt dieser unscheinbare, aber reale Mittelpunkt: In unserem Geist wohnt der, durch den Gott sich vollkommen mitgeteilt hat. Aus dieser Gewissheit erwächst Ruhe – wir stehen nicht vor einer ständigen Aufgabe, etwas zu „erreichen“, sondern vor der Einladung, den in uns wohnenden Christus wahrzunehmen, Ihm Raum zu geben und uns von Ihm führen zu lassen. Gerade dort, wo wir uns selbst begrenzt und arm erleben, wird sein Reichtum erfahrbar, weil Er näher ist als unsere eigenen Gefühle.
Der verarbeitete Dreieine Gott – unsere Wurzel und unsere Quelle
Das Bild des Baumes, der tief in einen reichen Boden eingesenkt ist, hilft zu verstehen, was es bedeutet, in Christus verwurzelt zu sein. Der Boden, in dem ein Baum steht, ist mehr als eine Unterlage; er enthält Wasser, Mineralien und all die unsichtbaren Stoffe, aus denen der Baum lebt. Ähnlich entfaltet sich in der Geschichte Gottes das, was Christus heute für uns ist. Der Gott, von dem 1. Mose 1:1 spricht, ist derselbe, in dessen Namen – des Vaters, des Sohnes und des Geistes – wir hineingetauft werden. Zwischen diesen beiden Punkten liegen Menschwerdung, verborgenes menschliches Leben, Kreuz, Auferstehung und Himmelfahrt. All diese „Phasen“ sind keine bloßen Stationen der Heilsgeschichte, sondern werden zu Bestandteilen des Reichtums Christi. In diesem Sinn ist der verarbeitete Dreieine Gott ein geistlicher Boden, der die Elemente der Gottheit, des Menschseins, des Kreuzes, der Auferstehung und der Erhöhung in sich trägt.
Gottes Geschichte bezieht sich auf den Prozess, durch den Er hindurchgegangen ist, damit Er in den Menschen hineinkommen kann und der Mensch in Ihn hineingebracht werden kann. 1. Mose 1:1 sagt uns: „Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde.“ Matthäus 28:19 spricht jedoch davon, die Gläubigen in den Namen des Vaters und des Sohnes und des Geistes zu taufen. Wir wissen, dass der Vater, der Sohn und der Geist der Gott sind, von dem in 1. Mose 1:1 die Rede ist. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass Gott zur Zeit von 1. Mose 1:1 noch nicht den Prozess der Fleischwerdung, des menschlichen Lebens, der Kreuzigung, der Auferstehung und der Auffahrt durchlaufen hatte. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft siebenundvierzig, S. 424)
Wenn Kolosser 2:7 sagt: „nachdem ihr in Ihm verwurzelt worden seid und in Ihm aufgebaut“, wird deutlich: Unser Wachstum entspringt nicht der Anstrengung, uns selbst geistlich zu verbessern, sondern einem stillen, beständigen Aufnehmen. So wie ein Baum nicht sichtbar arbeitet, um zu wachsen, sondern Tag und Nacht aus der Erde absorbiert, so nehmen auch wir aus Christus auf – häufig unbemerkt. Das geschieht, wenn unser Inneres sich Ihm zuwendet, wenn inmitten von Druck ein leises Vertrauen zu Ihm aufsteigt, wenn wir sein Wort nicht nur lesen, sondern im Herzen bewegen. Dann wird erfahrbar, was in Kolosser 2:19 beschrieben ist: Aus dem Haupt heraus wird der ganze Leib „reichlich versorgt“, und es entsteht „das Wachstum Gottes“. So entsteht geistliche Statur: nicht als stolze Selbstleistung, sondern als Frucht eines Lebens, das seine Wurzel und Quelle im verarbeiteten Dreieinen Gott hat. Wer so verwurzelt ist, findet auch in trockenen Zeiten verborgenes Wasser und trägt schließlich zum Aufbau des Leibes Christi bei, weil das, was in ihm gewachsen ist, nicht bei ihm bleibt, sondern anderen zur Nahrung wird.
In dieser Perspektive verliert das eigene geistliche Vorankommen den Charakter eines unruhigen Wettlaufs. Epheser 4:13 zeichnet das Ziel in ruhigen, weiten Linien: „bis wir alle zur Einheit des Glaubens und der völligen Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, zu einem gereiften Mann, zum Maß des Wuchses der Fülle Christi.“ Reife entsteht dort, wo die Wurzel tief reicht und die Quelle zuverlässig ist. Der verarbeitete Dreieine Gott bleibt in jeder Lebenslage derselbe reichhaltige Boden – auch dann, wenn unser Empfinden schwankt. Daraus erwächst ein stiller Mut: nichts, was Christus in seiner Geschichte durchlaufen hat, ist vergeblich gewesen; alles ist jetzt die verborgene Kraft, aus der unser Leben in Ihm wachsen darf.
nachdem ihr in Ihm verwurzelt worden seid und in Ihm aufgebaut und in dem Glauben gefestigt werdet, so wie ihr gelehrt worden seid, überströmend in Danksagung. (Kol. 2:7)
und nicht am Haupt festhält, aus dem heraus der ganze Leib, der durch die Gelenke und Sehnen reichlich versorgt und miteinander verknüpft wird, mit dem Wachstum Gottes wächst. (Kol. 2:19)
Verwurzelt in Christus zu sein bedeutet, sich von der Vorstellung zu lösen, das eigene geistliche Leben müsse aus sich selbst heraus stark, beständig und erfolgreich sein. Die Stärke liegt in der Wurzel, nicht im Zweig. Wenn der verarbeitete Dreieine Gott unsere Quelle ist, tragen sogar verborgene, unspektakuläre Zeiten dazu bei, dass seine Wirklichkeit tiefer in uns eindringt. Mit der Zeit wird dieses stille Wachstum sichtbar: in einer größeren innere Ruhe, in einem weiteren Herzen für andere, in einer wachsenden Fähigkeit, Leben weiterzugeben. So wird das, was Gott in Christus vorbereitet hat, Schritt für Schritt zur tragenden Wirklichkeit unseres Alltags und zum Baustein für den Leib Christi.
Im Geist leben – Wachstum und Aufbau durch das Üben unseres Geistes
Dass Christus als lebengebender Geist in unserem Geist wohnt, ist eine tiefe objektive Tatsache. Doch die Schrift bleibt nicht bei der Beschreibung dieser Wirklichkeit stehen, sie führt in ein Leben hinein, das ihr entspricht. Epheser 3:16 spricht davon, dass Gott uns „durch Seinen Geist mit Kraft gestärkt“ in den inneren Menschen. Der innere Mensch ist der Raum, in dem Christus Gestalt gewinnt, und der Geist ist das Mittel, durch das diese Kraft wirksam wird. Gerade hier zeigt sich eine Spannung: Wir wissen vielleicht, dass wir „ein Geist mit dem Herrn“ sind, erleben aber, wie unser Alltag vor allem von Gedanken, Gefühlen und spontanen Entscheidungen geprägt ist. Der Herr ist dann zwar in unserem Geist gegenwärtig, bleibt aber gleichsam in einen inneren Bereich eingeschlossen, während wir an der Oberfläche unseres Seins eigenständig handeln.
Es ist jedoch das eine, dies zu erkennen, und etwas anderes, es tatsächlich zu praktizieren. Wir mögen wissen, dass wir ein Geist mit dem Herrn sind, aber in unserem täglichen Leben praktizieren wir es vielleicht nicht, in einem Geist mit Ihm zu leben. Stattdessen beschränken wir den Herrn vielleicht auf unseren Geist und leben gemäß unserem Denken, unserem Empfinden und unserer Wahl. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft siebenundvierzig, S. 423)
Die Schrift lädt dazu ein, diese Trennung schrittweise zu überwinden, indem wir unseren Geist gebrauchen. Kolosser 4:2 beschreibt ein Leben, das „beharrlich im Gebet“ ist und „mit Danksagung“ wacht. Gebet ist in diesem Zusammenhang mehr als das Formulieren von Bitten; es ist das bewusste Sich-Hinwenden zu dem, der in uns wohnt – mitten in Gesprächen, Entscheidungen, Spannungen. In solchen Momenten öffnen sich gleichsam Kanäle in unserem Inneren: Aus dem Geist strömt Kraft in unseren inneren Menschen, und Christus gewinnt Raum in unserem Denken, Fühlen und Wollen. Dort, wo wir sonst impulsiv reagieren würden, entsteht ein neuer Spielraum: das, was aus uns selbst kommt, verliert an Dominanz, und das, was aus Christus stammt, beginnt sich auszudrücken. Dieser Prozess ist leise, aber folgenreich. Das Wachstum Gottes in uns ist nicht spektakulär, aber real; und wo es stattfindet, wächst zugleich etwas im Leib Christi.
So wird deutlich, dass der Aufbau des Leibes Christi mit einem verborgenen Aufbau in jedem Einzelnen beginnt. Wenn Christus in unserem inneren Menschen mehr Gestalt gewinnt, verändert sich unser Blick auf andere, auf die Gemeinde, auf Konflikte und Schwächen. Wir werden zu Kanälen seines Lebens; nicht, weil wir eine besondere Ausstrahlung entwickeln müssten, sondern weil sein Leben durch einen geübten, geöffneten Geist leichter fließen kann. Aus dieser Perspektive bekommt selbst der unscheinbare Alltag ein anderes Gewicht: jeder kleine Moment, in dem wir uns innerlich zum Herrn wenden, trägt dazu bei, dass seine Gegenwart nicht nur in uns bleibt, sondern sich durch uns ausdrückt. Das ist ein stiller, aber kostbarer Trost: Der Aufbau, den Gott sucht, geschieht nicht über unsere Köpfe hinweg, sondern durch ein Leben, in dem der in uns wohnende Christus Tag für Tag ein wenig mehr Raum bekommt.
Seid beharrlich im Gebet und wacht darin mit Danksagung, (Kol. 4:2)
dass Er euch gebe, nach dem Reichtum Seiner Herrlichkeit, durch Seinen Geist mit Kraft gestärkt zu werden hinein in den inneren Menschen, (Eph. 3:16)
Im Geist zu leben ist kein Sonderzustand für besonders Geübte, sondern die einfache, tiefe Art, wie Christus sein Leben in uns entfalten möchte. Dort, wo wir uns an Ihn wenden, während wir unsere ganz gewöhnlichen Wege gehen, verbindet sich die objektive Wahrheit seiner Gegenwart mit einem erfahrbaren Wandel. Daraus erwächst ein nüchterner, fröhlicher Mut: Unser Anteil am Aufbau des Leibes Christi besteht nicht zuerst in großen Leistungen, sondern darin, dass Christus in unserem inneren Menschen wächst und sich durch uns mitteilen kann. So wird der unsichtbare Reichtum des verarbeiteten Dreieinen Gottes Schritt für Schritt in sichtbare Wirklichkeit unter den Menschen verwandelt.
Herr Jesus Christus, danke, dass du als der verarbeitete Dreieine Gott in meinem Geist wohnst und mir mit all deinen Reichtümern ganz nahe bist. Du bist meine Wurzel, meine Quelle und mein wahres Leben, selbst wenn meine Gefühle trocken sind und meine Gedanken zerstreut. Stärke den inneren Menschen durch deinen Geist, damit dein Leben in mir wachsen und Gestalt gewinnen kann. Lass mich in allen Situationen mehr aus dir schöpfen als aus meiner eigenen Kraft, damit dein Friede, deine Liebe und deine Weisheit meinen Alltag durchdringen. Baue mich in dir auf und füge mich tiefer in den Leib Christi ein, sodass dein Name in deiner Gemeinde verherrlicht wird. Dir vertraue ich mein weiteres Leben an, in der Gewissheit, dass du das gute Werk in mir vollenden wirst. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Colossians, Chapter 47