Das Wort des Lebens
lebensstudium

Objektive Offenbarung, subjektischer Dienst und praktische Erfahrung

11 Min. Lesezeit

Manche Christen kennen viele biblische Wahrheiten über Jesus, finden aber im Alltag wenig Zugang zu einer lebendigen Erfahrung mit Ihm. Zwischen hoher Offenbarung, theoretischer Lehre und gelebter Nachfolge klafft oft eine Lücke. Der Kolosserbrief verbindet diese Ebenen auf einzigartige Weise: Er zeichnet ein überwältigendes Bild des allumfassenden Christus, zeigt den Dienst, durch den dieser Christus in die Gläubigen hineinkommt, und deckt zugleich die verborgenen Hindernisse auf, die unser Erleben Christi verdunkeln.

Der allumfassende Christus – die höchste Offenbarung

Wenn der Kolosserbrief Christus vor unsere Augen stellt, betreten wir einen Raum, in dem vertraute Worte wie „Retter“ und „Herr“ plötzlich eine unermessliche Tiefe bekommen. Paulus spricht von Ihm als dem „Bild des unsichtbaren Gottes“ und als dem, „in dem alles in den Himmeln und auf der Erde geschaffen worden“ ist (Kol. 1:15–16). In Christus nimmt der unsichtbare Gott Gestalt an, ohne seine Unsichtbarkeit zu verlieren. Gott legt sich selbst aus, indem Er uns den Sohn zeigt; was sonst verborgen bliebe, wird in einer Person anschaulich. Damit ist Christus mehr als der, der unsere persönliche Schuld trägt. Er ist das Sichtbarwerden Gottes in Raum und Zeit, die lebendige Auslegung des unsichtbaren Wesens des Vaters.

Nach dem Kolosserbrief ist der Christus, den wir als unseren Erretter und als unser Leben empfangen haben, das Bild des unsichtbaren Gottes. Außerdem ist der, der das Bild Gottes ist, der Erstgeborene aller Schöpfung, weil in Ihm, durch Ihn und zu Ihm hin alle Dinge geschaffen worden sind. Weiter sehen wir aus 1:17, dass Christus vor allen Dingen ist und dass alle Dinge in Ihm zusammenbestehen. Dieses Wort weist auf die ewige Präexistenz Christi hin und auf die Tatsache, dass alle Dinge durch Christus als das haltende Zentrum zusammenbestehen, so wie die Speichen eines Rades durch die Nabe in seiner Mitte zusammengehalten werden. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft vierzig, S. 348)

Mit dieser Sicht weitet der Geist Gottes unseren Horizont über alles rein Innerliche hinaus. Der Christus, der uns liebt und uns persönlich kennt, ist derselbe, „der vor allen Dingen ist, und alle Dinge werden in Ihm zusammengehalten“ (Kol. 1:17). Nichts im Universum läuft an Ihm vorbei, nichts trägt sich selbst. So wie die Speichen eines Rades von der Nabe her zusammengehalten werden, so hängt alles Geschaffene an Ihm – nicht nur unser geistliches Leben, sondern Geschichte, Strukturen, Mächte, das Sichtbare und das Unsichtbare. Wenn wir das hören, merken wir, wie klein unser inneres Bild von Christus oft ist: ein Helfer in Nöten, ein Tröster für die Seele, aber zu wenig der kosmische Mittelpunkt, in dem alles seinen Ort hat.

Der Kolosserbrief bleibt jedoch nicht bei der Schöpfung stehen. Er nennt Christus „das Haupt des Leibes, der Gemeinde; Er ist der Anfang, der Erstgeborene von den Toten, damit Er Selbst in allen Dingen den ersten Platz einnehme“ (Kol. 1:18). Der, durch den alle Dinge geschaffen wurden, ist derselbe, der durch die Auferstehung ein völlig neues Kapitel eröffnet hat. In Ihm beginnt eine neue Schöpfung, in der Tod und Schuld nicht das letzte Wort haben. Christus ist der Ursprung dieser neuen Wirklichkeit, und als Haupt der Gemeinde verbindet Er die universale Größe seiner Person mit dem konkreten Leben eines Leibes auf der Erde. So werden Schöpfung, Erlösung und Gemeindeleben nicht getrennte Themen, sondern Facetten derselben Person.

Darüber hinaus heißt es: „Denn es gefiel der ganzen Fülle, in ihm zu wohnen“ (Kol. 1:19). Die Fülle Gottes ist nicht irgendwo verstreut in vielen Wegen und Erfahrungen, sie ist konzentriert in Christus. In Ihm ist Gott nicht stückweise da, sondern in seiner ganzen Fülle, und diese Fülle ist nicht abstrakt, sondern personal. Damit wird klar, dass jede Verkürzung Christi – etwa auf moralisches Vorbild, religiösen Lehrer oder bloße innere Kraft – an der Mitte der Offenbarung vorbeigeht. Die objektive Größe Christi, wie sie Kolosser entfaltet, ist keine theologische Zierde, sondern die tragende Grundlage, auf der unser Glaube steht: Wenn alles in Ihm geschaffen und in Ihm gehalten wird, dann ruht auch unsere persönliche Geschichte nicht auf Zufällen oder eigener Stärke, sondern auf diesem gewaltigen Mittelpunkt.

der das Bild des unsichtbaren Gottes ist, der Erstgeborene aller Schöpfung, (Kol. 1:15)

Denn in ihm ist alles in den Himmeln und auf der Erde geschaffen worden, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Gewalten oder Mächte: alles ist durch ihn und für ihn geschaffen; (Kol. 1:16)

Die objektive Größe Christi, wie sie Kolosser zeichnet, möchte unser Denken still erweitern: Wir dürfen Ihn nicht auf das Maß unserer Stimmungen oder bisherigen Erfahrungen begrenzen, sondern lernen, unser Leben unter den zu stellen, in dem alle Dinge geschaffen und zusammengehalten werden, und so inmitten von Alltag und Unsicherheit einen tragenden Mittelpunkt zu gewinnen.

Subjektiver Dienst – Christus wird in uns hineingedient

Die Höhe der Offenbarung im Kolosserbrief wäre bedrückend, wenn sie neben uns stehenbliebe wie ein unerreichbarer Berg. Doch Gott verbindet diese Offenbarung mit einem Dienst, der nicht beim Erklären stehenbleibt, sondern Christus selbst in Menschen hineinträgt. Paulus beschreibt seine Aufgabe so: Er ist „Diener […] nach der Haushalterschaft Gottes, die mir für euch gegeben worden ist, um das Wort Gottes zu vervollständigen“ (Kol. 1:25). Dieses „Vervollständigen“ bedeutet nicht, dass dem Wort Gottes etwas gefehlt hätte, sondern dass dessen inneres Geheimnis offen ans Licht kommen sollte: der allumfassende Christus nicht nur für uns, sondern in uns.

Die Offenbarung Christi, die bisher im Kolosserbrief gegeben wurde, ist durch und durch objektiv. Christus ist zum Beispiel objektiv das Bild Gottes und der Erstgeborene aller Schöpfung. In den Versen 24 bis 29 jedoch haben wir die Haushalterschaft, die Ökonomie, die Dispensation, durch die der objektive Christus in uns hinein ausgeteilt wird. Der Christus, der in den Versen 15 bis 19 objektiv offenbart wird, wird in den Versen 25 bis 29 durch den Dienst von Gottes Haushalter in subjektiver Weise in uns hinein gedient. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft vierzig, S. 350)

Darum spricht Paulus gleich anschließend von einem Geheimnis, „das von den Zeitaltern und von den Generationen her verborgen gewesen ist, jetzt aber Seinen Heiligen offenbar gemacht worden ist“ (Kol. 1:26). Dieses Geheimnis fasst er in einem schlichten, aber überwältigenden Satz zusammen: „Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit“ (Kol. 1:27). Nicht nur Christus über uns als Herrscher, nicht nur Christus vor uns als Vorbild, sondern Christus in uns als innere Quelle und Zukunft. In dieser Formulierung berührt sich die objektive Größe des Christus aus den Versen 15–19 mit der subjektiven Erfahrung der Gläubigen: Der, in dem alles geschaffen ist, will als inneres Leben in Menschen Wohnung machen.

Der Dienst des Paulus ist damit mehr als Vermittlung theologischer Inhalte. Er verkündet Christus so, dass dieser Christus in Menschen Raum gewinnt. „Den wir verkünden, indem wir jeden Menschen zurechtweisen und jeden Menschen in aller Weisheit lehren, damit wir jeden Menschen gereift in Christus darstellen“ (Kol. 1:28). Das Ziel ist nicht nur, dass Menschen informiert, sondern dass sie innerlich geformt werden, bis Christus ihre eigentliche Reife darstellt. Zurechtweisung und Lehre sind dabei nicht Selbstzweck, sondern Werkzeuge, mit denen das Wort zur Stätte wird, durch die Christus sich in Herz und Denken hineindient.

Es fällt auf, wie persönlich und ringend Paulus diesen Dienst beschreibt: „wofür ich mich auch abmühe, indem ich kämpfe, gemäß Seiner Wirksamkeit, die in mir wirkt in Kraft“ (Kol. 1:29). Der Dienst, durch den Christus in andere hineinkommt, ist kein distanziertes Vortragen, sondern ein Mittragen im Gebet, im Leiden, in der inneren Arbeit. Zugleich ist er nicht menschliches Machwerk, sondern Ausdruck der „Wirksamkeit“ Christi, die in Paulus selbst wirkt. Der, der in anderen Wohnung nehmen soll, wirkt zunächst im Diener, prägt seine Liebe, seine Ausdauer, seine Art zu reden. So entsteht eine Bewegung: Christus in seinem Diener wird Christus in den Hörenden.

deren Diener ich nach der Haushalterschaft Gottes geworden bin, die mir für euch gegeben worden ist, um das Wort Gottes zu vervollständigen, (Kol. 1:25)

das Geheimnis, das von den Zeitaltern und von den Generationen her verborgen gewesen ist, jetzt aber Seinen Heiligen offenbar gemacht worden ist, (Kol. 1:26)

Der subjektive Dienst, wie Paulus ihn beschreibt, lädt ein, Gemeinde und Dienst am Wort als den Raum wahrzunehmen, in dem Christus selbst sich in uns hinein teilt – nicht bloß als Information, sondern als inneres Leben, das uns zur Reife führt und unsere Hoffnung auf Herrlichkeit prägt.

Praktische Erfahrung – Christus statt Kultur, Religion und eigener Maßstäbe

Die Höhe der Offenbarung und der Reichtum des Dienstes führen im Kolosserbrief in ein sehr konkretes Feld: die Frage, wie Christus im Alltag tatsächlich erlebt wird. Paulus beginnt hier überraschend nicht mit Aktivitäten, sondern mit dem Zustand des Herzens: Es soll „getröstet“ werden und „in Liebe […] miteinander verknüpft werden, zur völligen Erkenntnis des Geheimnisses Gottes, Christus“ (Kol. 2:2). Ein aufgewühltes, hart gewordenes oder vereinsamtes Herz hat es schwer, Christus als lebendige Gegenwart zu schmecken. Wo Trost und Liebe fehlen, gewinnt leicht etwas anderes Gestalt: Misstrauen, Kontrolle, Rückzug – Haltungen, in denen Christus zwar geglaubt, aber kaum erfahren wird.

Vers 6 lautet: „Wie ihr nun den Christus Jesus, den Herrn, empfangen habt, so wandelt in Ihm.“ Um Christus in praktischer Weise zu erfahren, müssen wir Ihn zuerst empfangen und dann in Ihm wandeln. In Vers 7 fährt Paulus fort: „In Ihm gewurzelt und in Ihm auferbaut und im Glauben gefestigt, so wie ihr gelehrt worden seid, indem ihr überreich seid im Danksagen.“ Obwohl wir in Christus gewurzelt worden sind, müssen wir weitergehen, um in Ihm auferbaut und im Glauben gefestigt zu werden. Alle diese Dinge, einschließlich des Überreichseins im Danksagen, stehen mit der praktischen Erfahrung in Verbindung. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft vierzig, S. 352)

An dieser Stelle verbindet Paulus die einmalige Tatsache unserer Bekehrung mit einem Lebensstil: „Darum, wie ihr den Christus, Jesus, den Herrn, empfangen habt, so wandelt in Ihm“ (Kol. 2:6). Christus empfangen – das ist ein geschehenes Ereignis. In Ihm wandeln – das ist ein andauernder Weg. Er beschreibt diesen Weg weiter: „In Ihm gewurzelt und in Ihm auferbaut und im Glauben gefestigt, so wie ihr gelehrt worden seid, indem ihr überreich seid im Danksagen“ (Kol. 2:7). Wurzeln gehen nach unten: Christus wird zur verborgenen Quelle, aus der wir Kraft und Orientierung absorbieren. Aufbau geht nach oben: unser Denken, unsere Entscheidungen, unser Umgang mit anderen nehmen Gestalt an, die von Ihm geprägt ist. Dankbarkeit schließlich hält den Blick auf den Geber gerichtet und schützt davor, in der eigenen Frömmigkeit zu kreisen.

Parallel dazu enthüllt Paulus die feinen Kräfte, die diese Erfahrung untergraben. Er warnt vor Philosophie und „leeren Betrug“, die „der Überlieferung der Menschen“ und „den Elementen der Welt“ entsprechen, aber nicht Christus (vgl. Kol. 2:8). Dahinter steht nicht nur akademische Philosophie, sondern jedes System von Denkmustern und Werten, das sich absolut setzt und dabei an Christus vorbeigeht. Ebenso zeigt er religiöse Formen, die eindrucksvoll wirken, aber am Ziel vorbeiführen: „demut“ und „Anbetung der Engel“ (Kol. 2:18), ein eigenwilliger Gottesdienst, strenge Askese und Nichterschonen des Leibes (Kol. 2:23). All das kann einen „Schein von Weisheit“ haben, aber es trägt nicht die Kraft, die in Christus gegeben ist.

Besonders ernst ist, dass Paulus solche Dinge als Gefahr bezeichnet, uns „um den Kampfpreis“ zu bringen (Kol. 2:18). Es geht nicht darum, ob wir Christus objektiv verlieren, sondern darum, ob wir Ihn praktisch genießen. Kultur, religiöse Muster, selbstgewählte Demutsideale oder strikte Regeln können uns das Gefühl geben, geistlich stabil zu sein, und zugleich den inneren Zugang zu Christus verdecken. Die eigentliche Konkurrenz zu einem Leben in Christus ist nicht immer die grobe Sünde, sondern oft ein fein gestrickter, von uns selbst entwickelter Maßstab, nach dem wir uns und andere beurteilen. Dieser Maßstab kann zutiefst kulturell geprägt sein – durch Familie, Tradition, Frömmigkeitsstil – und dennoch unbemerkt an die Stelle des lebendigen Christus treten.

damit ihre Herzen getröstet werden und sie in Liebe und zu allem Reichtum der völligen Gewissheit des Verständnisses miteinander verknüpft werden, zur völligen Erkenntnis des Geheimnisses Gottes, Christus, (Kol. 2:2)

Darum, wie ihr den Christus, Jesus, den Herrn, empfangen habt, so wandelt in Ihm, (Kol. 2:6)

Praktische Erfahrung des allumfassenden Christus heißt, sich von Ihm selbst innerlich prägen zu lassen, so dass Kultur, religiöse Formen und eigene Maßstäbe nicht mehr das Letztgültige sind, sondern in den Hintergrund treten gegenüber einem Leben, das in Ihm verwurzelt, in Ihm auferbaut und im Danksagen reich ist.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Colossians, Chapter 40

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