Das Wort des Lebens
lebensstudium

Christus leben

9 Min. Lesezeit

Viele Christen sehnen sich nach einem echten, kraftvollen Leben mit Gott und merken doch, wie stark sie von Gewohnheiten, Prägungen und frommen Mustern bestimmt sind. Man kann jahrelang glauben, biblische Lehren kennen, sich charakterlich verbessern – und dennoch bleibt Christus selbst oft erstaunlich weit weg vom Alltag. Die Frage ist nicht nur, wie wir besser leben können, sondern wovon wir überhaupt leben: von unserer natürlichen, wenn auch religiös verfeinerten Art – oder von der Person Christi, die in uns wohnt.

Christus – der Sohn, der den Vater lebte, wird unser Leben

Wenn der Herr Jesus von sich sagt: „Wie Mich der lebendige Vater gesandt hat und Ich um des Vaters willen lebe, so wird auch der, der Mich isst, um Meinetwillen leben“ (Johannes 6:57), gibt Er einen Einblick in das innerste Geheimnis seines Erdenlebens. Er lebte nicht aus einem besonders edlen, ausgeglichenen, menschlichen Wesen – obwohl Er als Mensch vollkommen war –, sondern aus dem Leben des Vaters. Zwischen Ihm und dem Vater bestand ein einziges Leben und ein einziges Wohnen; was die Jünger sahen, war der unsichtbare Gott in menschlicher Gestalt. Sein Reden, Sein Schweigen, Sein Zorn, Seine Tränen, Seine Barmherzigkeit – alles floss aus dieser unsichtbaren Quelle. So wurde Er, wie Paulus sagt, „das Bild des unsichtbaren Gottes“ (Kolosser 1:15), die sichtbare Darstellung dessen, den niemand sehen kann und doch alle erkennen sollen.

Als der Herr Jesus auf der Erde war, lebte Er nicht aus Seinem menschlichen Leben. Obwohl Er als Mensch eine vollkommene und vollständige Person mit einem eigenen Leben war, lebte Er aus dem Leben des Vaters und nicht aus Seinem menschlichen Leben. Da das Leben des Vaters göttlich und ewig ist, lebte der Herr Jesus aus dem göttlichen Leben. Er und der Vater hatten ein Leben und ein gemeinsames Lebenausleben. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft neununddreißig, S. 338)

Wenn derselbe Christus nun für die Glaubenden „unser Leben“ genannt wird, geht es um weit mehr als um eine fromme Metapher. Es heißt in Kolosser 3:4: „Wenn Christus, unser Leben, offenbar gemacht wird, dann werdet auch ihr zusammen mit Ihm in Herrlichkeit offenbar gemacht werden.“ Das Leben, aus dem der Sohn den Vater lebte, ist durch sein Sterben und Auferstehen wie ein Weizenkorn in viele hineingefallen (vgl. Johannes 12:24). Sein eigenes göttlich-menschliches Leben wurde in unser Inneres hineingepflanzt; wir wurden mit Ihm lebendig gemacht, wie es heißt: „Und euch, obwohl ihr in euren Verfehlungen und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches tot wart, hat Er zusammen mit Ihm lebendig gemacht, nachdem Er uns all unsere Verfehlungen vergeben hat“ (Kolosser 2:13). Dadurch ist Gottes Ziel nicht, unser natürliches Leben zu veredeln, sondern Christus selbst in uns zu verankern, damit Er zur verborgenen Quelle, zur inneren Kraft und zum eigentlichen Inhalt unseres täglichen Lebens wird. Wo dieser Christus unser Leben ist, müssen wir uns nicht mehr ständig selbst inszenieren oder verbessern; dann beginnt ein anderes Leben, leise und stark, aus der Tiefe unseres Geistes aufzusteigen und sich in unserem Menschsein auszudrücken.

Wie Mich der lebendige Vater gesandt hat und Ich um des Vaters willen lebe, so wird auch der, der Mich isst, um Meinetwillen leben. (Joh. 6:57)

Er ist das Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene aller Schöpfung. (Kol. 1:15)

Wer erkennt, dass Christus nicht nur ein Vorbild, sondern sein Leben ist, darf aufhören, sich selbst religiös zu perfektionieren, und lernt, sich im Alltag innerlich an Ihn anzulehnen: in Stillen wie in stürmischen Stunden aus demselben Leben zu leben, aus dem der Sohn den Vater lebte.

Kultur und verfeinertes Ich versus Christus

Menschen können kaum leben, ohne sich eine Kultur zu schaffen: Muster des Denkens und Handelns, Werte, Regeln, Geschmack. Das gilt nicht nur für Völker und Milieus, sondern ebenso für christliche Umfelder. Auch Frömmigkeit kann zur Kultur werden – zu einem Gefüge von Gewohnheiten, Verständnissen, Moralvorstellungen und Traditionen, das unser Verhalten prägt. Vieles daran mag achtbar und hilfreich sein; manches ist sogar von der Schrift inspiriert. Doch sobald diese Formen zur eigentlichen Orientierung werden, schieben sie Christus selbst leise zur Seite. Dann leben wir nicht mehr aus Ihm, sondern aus einem verfeinerten natürlichen Leben, das sich christlich kleidet.

Wir haben darauf hingewiesen, dass Christus im Gegensatz zu unserer Kultur steht. Unsere selbstgemachte und selbstauferlegte Kultur ebenso wie die Kultur, die wir geerbt haben, mag ausgezeichnet sein, aber solange sie nicht Christus Selbst ist, ist sie ein Hindernis für unsere Erfahrung von Christus, für unseren Genuss von Christus und dafür, dass wir aus Christus leben. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft neununddreißig, S. 339)

Die Bibel zeigt eine andere Linie. Paulus spricht von „Christus in euch, der Hoffnung der Herrlichkeit“ (Kolosser 1:27) und nicht von einem überlegenen religiösen Stil in euch. Der Herr möchte nicht, dass nur unser Temperament gezügelt, unsere Ehe harmonisiert oder unsere Gemeindeordnung optimiert wird, während das alte Leben im Kern unangetastet bleibt. Poliertes Kupfer kann glänzen wie Gold, wird aber nie Gold – so kann ein kultiviertes, religiös geprägtes Ich beeindruckend erscheinen und doch nicht Christus sein. Wo hingegen Er selbst zur inneren Quelle wird, verlieren auch die besten kulturellen oder frommen Maßstäbe ihren Status als letzte Instanz. Sie ordnen sich einem lebendigen Herrn unter, der in seinem Geist in uns wohnt und unser Inneres führt. Das macht frei: nicht zu einer Gesetzlosigkeit, sondern zu einem Leben, in dem das Maß nicht mehr Kultur ist, sondern eine Person, die uns kennt, liebt und aus unserem Inneren heraus Gestalt gewinnt.

In dieser Sichtweise wird das Evangelium größer als jede Tradition, und zugleich werden unsere Tugenden tiefer als jede bloße Selbstdisziplin. Wo Christus selbst der Inhalt ist, werden Worte und Formen stimmig, ohne dass sie uns beherrschen. Es entsteht ein stiller Mut, sich nicht mehr von fremden Erwartungen treiben zu lassen, sondern von dem Leben, das Gott in uns gelegt hat. So kann auch eine reiche geistliche Kultur – biblische Lehre, Lieder, Gewohnheiten – zur Hülle werden, in der Christus selbst leuchtet, statt Ihn zu ersetzen.

Ihnen wollte Gott kundtun, was der Reichtum der Herrlichkeit dieses Geheimnisses unter den Nationen ist, welches ist Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit. (Kol. 1:27)

Wer wagt, auch die feinsten religiösen Gewohnheiten vor Christus zu halten, erlebt, wie Er das Echte vom Polierten trennt und uns Schritt für Schritt in eine Freiheit führt, in der nicht Kultur, sondern Christus der lebendige Maßstab und die verborgene Kraft des Lebens ist.

Christus leben in einer Atmosphäre des Gebets

Es gibt Augenblicke im Gebet, in denen alles schweigt: die Vorwürfe des Gewissens, der Lärm äußerer Anforderungen, die Unruhe der eigenen Pläne. In solchen Momenten wird die Gegenwart des Herrn dicht, beinahe tastbar. Nicht, weil wir uns besonders angestrengt hätten, sondern weil der lebengebende Geist, in dem Christus gekommen ist, unseren Geist erfüllt. Dann ist Geduld nicht mehr mühsam angeeignet, Demut nicht mehr kalkulierte Zurückhaltung; wir staunen eher darüber, wie ruhig und klar unser Inneres geworden ist. In Wirklichkeit leben wir in solchen Stunden schon Christus – nicht als Theorie, sondern als gegenwärtiges Leben. Darum kann Paulus sagen: „Wenn Christus, unser Leben, offenbar gemacht wird, dann werdet auch ihr zusammen mit Ihm in Herrlichkeit offenbar gemacht werden“ (Kolosser 3:4). Was verborgen in uns wirkt, drängt nach Ausdruck.

Wenn wir Christus erfahren und Ihn leben wollen, müssen wir in einer Atmosphäre des Gebets bleiben. Viele von uns können bezeugen, dass wir durch das Gebet in den Geist hineingebracht werden, wo wir eins sind mit dem Herrn und Ihn als unser Leben nehmen. Diese Erfahrung ist so kostbar, dass wir, wenn wir sie genießen, nicht wollen, dass sie aufhört. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft neununddreißig, S. 343)

Oft ist diese Erfahrung jedoch an formale Gebetszeiten gebunden. Sobald wir „Amen“ sagen, scheint der Faden zu reißen; der Alltag reißt uns in alte Muster zurück, und wir versuchen, aus eigener Kraft geistlich zu sein. Die Schrift zeigt einen anderen Weg: „Betet ohne Unterlass“ (1. Thessalonicher 5:17) beschreibt keine endlose Folge gesprochener Gebete, sondern eine innere Atmosphäre beständiger Hinwendung. Wenn Christus als lebengebender Geist in unserem Geist wohnt, dann führt uns jedes leise Aufschauen, jeder kurze Herzensruf zurück in diese Atmosphäre. So wird Gebet weniger zur Tätigkeit neben dem Leben, sondern zum Atem des Lebens selbst. In diesem stillen, beständigen Umgang wird Christus unser Maßstab, unsere Sanftmut, unsere Entschlossenheit, ohne dass wir uns fortwährend selbst regulieren müssten. Wir erfahren in kleinen Situationen, was der Herr gesagt hat: „Bleibt in Mir, und Ich in euch … denn ohne Mich könnt ihr nichts tun“ (Johannes 15:4–5).

Wer langsam darin wächst, in einem solchen Gebetsklima zu leben, entdeckt, dass Christus nicht nur in besonderen Stunden, sondern mitten in Terminen, Konflikten und Müdigkeit das eigentliche Leben in ihm ist. Die Umstände bleiben dieselben, doch der innere Träger ist ein anderer: nicht das angespannte Ich, sondern der Herr in seinem Geist. So wird das, was wir im Gebet kosten, Schritt für Schritt zur gelebten Wirklichkeit – unscheinbar vielleicht vor Menschen, aber kostbar vor Gott und voller Frucht, die aus dem Weinstock kommt und nicht aus der Rebe selbst.

Wenn Christus, unser Leben, offenbar gemacht wird, dann werdet auch ihr zusammen mit Ihm in Herrlichkeit offenbar gemacht werden. (Kol. 3:4)

Betet ohne Unterlass. (1. Thess. 5:17)

Wer seinen Alltag zunehmend in eine leise, innere Hinwendung zum Herrn stellt, erfährt, wie das Gebet vom Rand in die Mitte des Lebens rückt und Christus selbst in den kleinen Bewegungen des Tages zum gelebten Inhalt wird.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Colossians, Chapter 39

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