Das Wort des Lebens
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Selbstgemachte und selbstauferlegte Kultur als Ersatz für Christus

12 Min. Lesezeit

Viele Christen würden sofort widersprechen, wenn man ihnen vorwirft, Christus durch etwas anderes zu ersetzen. Wir wissen um Sein Erlösungswerk, wir bekennen Ihn als Herrn und erwarten Seine Wiederkunft. Und doch prägen uns unbewusst kulturelle Muster, Traditionen und sogar geistlich aussehende Gewohnheiten so stark, dass sie unsere eigentliche Orientierung verschieben. Die Frage ist nicht, ob wir an Christus glauben, sondern wovon wir in unserem Alltag tatsächlich geleitet sind: von Ihm selbst oder von einer fein religiös lackierten Kultur.

Christus – die allumfassende Mitte statt enger Vorstellungen

Wenn der Kolosserbrief von Christus spricht, öffnet sich ein Horizont, der unsere gewohnten Bilder weit hinter sich lässt. Christus wird nicht nur als der vorgestellt, der unsere persönliche Schuld trägt, sondern als der Ursprung, Träger und Ziel der gesamten Schöpfung: „Denn in Ihm ist alles erschaffen worden, was in den Himmeln und was auf der Erde ist, das Sichtbare und das Unsichtbare …; alles ist durch Ihn und zu Ihm hin geschaffen; und Er ist vor allem, und alles besteht in Ihm“ (Kolosser 1:16–17). Diese Sätze sprengen jede enge, nur innerlich‑religiöse Sicht. Sie verbinden Christus mit dem Ganzen der Wirklichkeit – mit Geschichte und Natur, mit sichtbarer und unsichtbarer Welt. Wo Er so gesehen wird, können weder fromme Systeme noch geistliche Kurzformeln Ihn auf einzelne Funktionen reduzieren, etwa auf „Retter meiner Seele“ oder „Helfer in Nöten“. Er ist der Halt des Universums, und deshalb steht Ihm auch das Zentrum unseres Denkens und Lebens zu.

Nach der Bibel ist Christus umfassend, und ebenso umfassend ist die Offenbarung Christi. Wie das Universum ist Christus unermesslich. Deshalb ist die Offenbarung über Christus grenzenlos. In Epheser 3 spricht Paulus von der Breite, Länge, Höhe und Tiefe. Christus ist die Breite, Länge, Höhe und Tiefe des Universums. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft einundvierzig, S. 360)

Diese Weite macht sichtbar, wie schmal unsere kulturell geprägten Raster sind. Wir ordnen Jesus häufig in unsere vorhandenen Kategorien ein: Er wird zum Garanten eines bestimmten Lebensstils, zur Bestätigung unserer Frömmigkeitsprägung oder zur Krone unserer theologischen Position. Doch die Schrift spricht von „dem unerforschlichen Reichtum Christi“ (Epheser 3:8) und davon, dass „die ganze Fülle Gottes in Ihm wohnt“ (Kolosser 1:19). Wo wir diese Fülle im Wort wahrnehmen, merken wir, wie viel von unserem „christlichen“ Denken eher von Kultur, Milieu und Gewöhnung bestimmt ist als von der Offenbarung Gottes. Die Entdeckung des allumfassenden Christus ist darum zugleich eine stille, aber radikale Befreiung: Je klarer Er als die Breite, Länge, Höhe und Tiefe unserer Wirklichkeit vor uns steht, desto weniger sind wir gezwungen, Ihn in unsere engen Vorstellungen einzusperren. Das Herz wird weit, und im Inneren wächst die Sehnsucht, Ihn nicht als Ergänzung zu tragen, sondern Ihn als lebendige Mitte zu kennen, in der alle Dinge ihren Sinn und Halt finden.

Wer Christus so sieht, beginnt auch sich selbst und seine Umgebung anders zu betrachten. Das Materielle verliert nicht seinen Wert, aber es hört auf, ein Gegenspieler des Geistlichen zu sein; vielmehr wird es Raum, in dem der Christus, in dem alles besteht, sich ausdrückt. Geistliche Erkenntnis ist dann nicht mehr das Beherrschen eines Systems, sondern Teilhabe an einer Person, in der alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen sind. Wo diese Sicht in uns Wurzeln schlägt, entsteht eine leise, aber tragfähige Zuversicht: Wir leben nicht von kulturellen Sicherheiten oder frommen Mustern, sondern von einem Herrn, dessen Reichtum unerforschlich ist und dessen Gegenwart unsere eigentliche Mitte bildet.

Denn in Ihm ist alles erschaffen worden, was in den Himmeln und was auf der Erde ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, seien es Throne oder Herrschaften oder Fürstentümer oder Gewalten; alles ist durch Ihn und zu Ihm hin geschaffen; und Er ist vor allem, und alles besteht in Ihm. (Kol. 1:16-17)

Mir, dem Allergeringsten von allen Heiligen, ist diese Gnade gegeben worden, den Heiden den unerforschlichen Reichtum Christi als das Evangelium zu verkünden (Eph. 3:8)

In der Begegnung mit dem allumfassenden Christus werden unsere inneren Maßstäbe verschoben. Statt uns an engen kulturellen oder theologischen Formen festzuhalten, lernen wir, unser Denken und Empfinden an Ihm auszurichten, der in allem den ersten Platz hat. Diese Ausrichtung befreit von der Angst, etwas verlieren zu müssen, wenn liebgewordene Vorstellungen korrigiert werden. Sie führt hinein in ein Leben, das sich mutig auf die Weite Christi einlässt und zugleich tief gegründet ist in Ihm, in dem alles besteht.

Kultur als versteckter Ersatz für Christus

Im Kolosserbrief wird deutlich, wie fein Kultur sich an die Stelle von Christus schieben kann. Die Gemeinde in Kolossä lebte umgeben von jüdischer Religiosität und griechischer Philosophie; beides war nicht einfach gottlos, sondern trug ein beeindruckendes religiöses und intellektuelles Gewicht. Gerade darin lag die Gefahr. Paulus schreibt: „Hütet euch, dass niemand euch als Beute wegführe durch seine Philosophie und leeren Betrug gemäß der Überlieferung der Menschen, gemäß den Elementen der Welt und nicht Christus gemäß“ (Kolosser 2:8). Was hier bedroht ist, ist nicht bloß eine Lehre, sondern die innere Ausrichtung: Man konnte durchaus „christlich“ reden und zugleich von Denkmustern geleitet sein, die nicht mehr aus der lebendigen Beziehung zu Christus kamen, sondern aus Tradition, Gruppendruck oder dem Bedürfnis, dazuzugehören.

Die Gemeinde in Kolossä war wie eine Insel im Ozean der jüdischen und griechischen Kultur. Mit der Zeit schwappte die kulturelle Flut in die Gemeinde hinein und durchdrang das Gemeindeleben. So wurde die Gemeinde von jüdischen Vorstellungen und griechischen philosophischen Ideen durchtränkt. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft einundvierzig, S. 362)

Eine solche Kultur wirkt selten grob. Sie formt Erwartungen, wie ein „guter Christ“ zu reden, zu fühlen, zu feiern oder zu leiden hat. Sie prägt, was als geistlich gilt und was als fragwürdig. So entstehen ungeschriebene Regeln: bestimmte Formen von Musik, eine typische Art, in Versammlungen zu beten, unantastbare Rituale oder ein bestimmter Tonfall, der als „geistlich“ empfunden wird. Nichts davon ist zwingend böse; problematisch wird es, wenn diese Muster unbemerkt den Platz einnehmen, an dem Christus selbst unser Maßstabsgeber sein will. Dann wird nicht mehr gefragt, wie Er als Gegenwärtiger uns jetzt führen will, sondern ob etwas in unser kulturelles Raster passt. Eine selbstgemachte und selbstauferlegte Kultur kann freundlich, moralisch und beeindruckend fromm erscheinen und doch verhindern, dass Christus real erfahren und aus Ihm gelebt wird.

Paulus stellt dem die Wirklichkeit des neuen Menschen gegenüber: „… den neuen Menschen angezogen habt, der zur völligen Erkenntnis nach dem Bild dessen erneuert wird, der ihn geschaffen hat, wo es nicht geben kann Grieche und Jude, Beschneidung und Unbeschnittenheit, Barbar, Skythe, Sklave, Freier, sondern Christus ist alles und in allen“ (Kolosser 3:10–11). Hier werden nicht nur nationale und religiöse Unterschiede benannt, sondern zugleich ihre Relativierung im Licht Christi ausgesprochen. Im neuen Menschen ist kein Raum mehr für eine Identität, die sich aus kultureller Überlegenheit, frommer Tradition oder gruppenspezifischen Stilen nährt. Stattdessen entsteht ein Raum, in dem Christus selbst „alles und in allen“ ist – die Mitte, aus der Identität, Einheit und Führung erwachsen. Wo das geschieht, bekommen auch sehr unterschiedliche kulturelle Prägungen ihren Platz, ohne zum Maßstab zu werden.

Diese Sicht lädt dazu ein, die eigene Tradition nüchtern und zugleich dankbar zu betrachten. Vieles, was unser Gemeindeleben prägt, ist Geschenk: Lieder, Formen der Gemeinschaft, vertraute Worte. Doch sie bleiben gesund, wenn sie Diener bleiben und nicht heimliche Herren werden. Ermutigend ist, dass Paulus nicht einen kulturfreien Raum fordert, sondern eine Christus‑Mitte, die alle kulturellen und religiösen Schichten durchdringt und relativiert. Je stärker Er als der lebendige Herr im Mittelpunkt steht, desto weniger müssen wir uns über kulturelle Unterschiede definieren. Statt Abgrenzung wächst eine stille Freiheit: Wir dürfen unsere Prägung behalten, aber wir müssen sie nicht verteidigen – denn unsere eigentliche Identität liegt in Christus, der alles und in allen ist.

Hütet euch, dass niemand euch als Beute wegführe durch seine Philosophie und leeren Betrug gemäß der Überlieferung der Menschen, gemäß den Elementen der Welt und nicht Christus gemäß; (Kol. 2:8)

und den neuen Menschen angezogen habt, der zur völligen Erkenntnis nach dem Bild dessen erneuert wird, der ihn geschaffen hat, wo es nicht geben kann Grieche und Jude, Beschneidung und Unbeschnittenheit, Barbar, Skythe, Sklave, Freier, sondern Christus ist alles und in allen. (Kol. 3:10-11)

Wer wahrnimmt, wie stark Kultur – auch eine „fromme“ – das Glaubensleben prägen kann, muss nicht in Unsicherheit zurückbleiben. Die Schrift lenkt den Blick nicht zuerst auf das Zerlegen aller Formen, sondern auf den Christus, in dem wir den neuen Menschen angezogen haben. Aus dieser Perspektive werden kulturelle Muster durchsichtig: Was zu Ihm hinführt, darf dankbar genutzt werden; was Ihn verdeckt, verliert seinen Anspruch. So wird das Herz frei, Christus als eigentliche Mitte zu ehren und mit anderen Gläubigen eine Einheit zu leben, die tiefer reicht als jede gemeinsame Kultur.

Christus im Geist leben statt Kultur pflegen

Die Befreiung aus einer selbstgemachten Kultur beginnt nicht damit, alle äußeren Formen zu bekämpfen. Auch der Widerstand gegen Kultur kann schnell selbst zur Kultur werden – mit eigenen Abzeichen, eigenen Worten, eigenen unausgesprochenen Regeln. Das Neue Testament führt auf einen anderen Weg: „Darum, wie ihr den Christus, Jesus, den Herrn, empfangen habt, so wandelt in Ihm, nachdem ihr in Ihm verwurzelt worden seid und in Ihm aufgebaut und in dem Glauben gefestigt werdet, so wie ihr gelehrt worden seid, überströmend in Danksagung“ (Kolosser 2:6–7). Das Empfangen Christi und das Wandeln in Ihm gehören untrennbar zusammen. Christus bleibt nicht bei der Bekehrung auf einen einmaligen Akt beschränkt; Er will zur alltäglichen Atmosphäre werden, in der wir denken, entscheiden und handeln. Entscheidend ist nicht ein äußerlich „kulturfreier“ Stil, sondern eine innere Lebensverbindung mit Ihm.

Manche bezeugen vielleicht, dass sie gewisse Dinge tun, weil sie Christus und die Gemeinde lieben. Doch es ist das eine, Christus zu lieben, und etwas anderes, Christus zu leben. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft einundvierzig, S. 365)

Diese Verbindung ist real, weil Christus als lebengebender Geist in unserem Geist wohnt. Paulus fasst sein eigenes Leben mit den knappen Worten zusammen: „Denn zu leben ist für mich Christus“ (Philipper 1:21). Das ist mehr als eine fromme Parole. Es beschreibt eine Lebensweise, in der die innere Gemeinschaft mit dem Herrn zur ersten Bezugsgröße geworden ist. Statt sich von Erwartungen, Prägungen oder Stimmungen treiben zu lassen, lernt der Mensch, aus der stillen Gegenwart Christi in seinem Inneren zu leben. In dieser Gemeinschaft wird vieles relativ: Der Druck, einer bestimmten Frömmigkeitsschablone entsprechen zu müssen, nimmt ab. Entscheidungen werden nicht mehr primär danach bewertet, ob sie einer Gruppe gefallen, sondern ob sie dem entsprechen, was der Herr im Geist bezeugt. So verlieren kulturelle Muster ihren absoluten Anspruch, ohne dass alles Äußere verachtet werden müsste.

Der Kolosserbrief verbindet diese Sicht mit einem starken Bild: „Christus, unser Leben“ (Kolosser 3:4). Wo Er nicht nur Lehre, Vorbild oder Helfer ist, sondern tatsächlich unser Leben, verschiebt sich das Gewicht. Dann ist die Frage nicht mehr zuerst: „Welche Form ist richtig?“, sondern: „Welchen Raum hat Christus selbst in meinem Inneren?“ Wer so fragt, entdeckt, dass manche Formen aufblühen, wenn sie von innen her mit Leben gefüllt werden, während andere trocken werden und abfallen, weil sie nur noch kulturelle Hülle sind. Der Weg aus der Gefangenschaft einer selbstauferlegten Kultur besteht darum nicht in hektischer Veränderung, sondern in einem ruhigen, beständigen Zurückkehren zu Christus im Geist – im Wort, im Gebet, in der stillen Hinwendung zu Ihm mitten im Alltag.

In dieser Bewegung wächst eine tiefe Freiheit. Man darf schätzen, was die eigene Tradition schenkt, und zugleich offen bleiben für das, was Christus in anderen und durch andere wirkt. Die Einheit der Glaubenden wird dann nicht mehr an gleichen Formen gemessen, sondern daran, dass derselbe Herr im Innersten wohnt und gelebt wird. Je stärker wir lernen, Christus im Geist zu leben, desto weniger sind wir auf die Stützen einer Kultur angewiesen, um uns geistlich zu fühlen. Es entsteht ein stilles, aber tragendes Vertrauen: Der, der in uns wohnt, genügt. Er ist unsere Weisheit, unsere Gerechtigkeit, unsere Heiligung und Erlösung – und Er ist fähig, unser Leben so zu prägen, dass Kultur ihren Platz erhält, aber nicht länger den Seinen einnimmt.

Darum, wie ihr den Christus, Jesus, den Herrn, empfangen habt, so wandelt in Ihm, nachdem ihr in Ihm verwurzelt worden seid und in Ihm aufgebaut und in dem Glauben gefestigt werdet, so wie ihr gelehrt worden seid, überströmend in Danksagung. (Kol. 2:6-7)

Denn zu leben ist für mich Christus und zu sterben ist Gewinn. (Phil. 1:21)

Christus im Geist zu leben bedeutet, die innere Gemeinschaft mit Ihm zur bestimmenden Wirklichkeit des eigenen Lebens werden zu lassen. In dieser Gemeinschaft verlieren kulturelle Muster ihren Zwangscharakter; sie dürfen Dienst bleiben, ohne Herrschaft auszuüben. Wer so unterwegs ist, wird nicht über Nacht frei von allen Prägungen, aber er erfährt, wie die Gegenwart des Herrn im Inneren stärker wird als jede selbstgemachte Kultur. In dieser Stärkung liegt eine leise, aber verlässliche Hoffnung: Christus als unser Leben ist fähig, Schritt für Schritt das zu ordnen, was wir aus eigener Kraft weder durchschauen noch verändern können.


Herr Jesus Christus, du bist mehr als alle unsere Vorstellungen, mehr als jede Tradition und jede Kultur, die uns geprägt hat. Du bist die Mitte von allem, der in uns lebt und uns zusammenhält, selbst wenn wir es kaum begreifen. Wir bekennen dir, wie sehr uns oft unsichtbare Maßstäbe, Meinungen und Gewohnheiten leiten, die gut aussehen, aber dich in den Hintergrund drängen. Bitte offenbare uns durch dein Wort deine unerforschlichen Reichtümer und zeige uns, wo Kultur deinen Platz einnimmt. Stärke in uns das Bewusstsein für deinen Geist in unserem Inneren, damit deine Gegenwart realer wird als die Erwartungen anderer Menschen. Lass unser Denken erneuert werden, damit wir im neuen Menschen leben, in dem du alles und in allen bist. Fülle unser persönliches Leben, unsere Familien und unsere Gemeinden mit dir selbst, und schenke uns die Freiheit, in Liebe miteinander verbunden zu sein, jenseits von kulturellen Schranken. Du bist unser Leben und unsere Zukunft – bewahre uns darin, dich als unsere einzige Mitte zu ehren. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Colossians, Chapter 41

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