Christus lebt in mir
Viele Gläubige tragen eine leise Unzufriedenheit in sich: Sie bemühen sich ehrlich, bessere Christen, Ehepartner oder Gemeindeglieder zu sein – und stoßen doch immer wieder an dieselben Grenzen. Man fasst neue Vorsätze, erlebt kurze Hochphasen nach einer Konferenz oder einem starken Gottesdienst und fällt dann doch in alte Muster zurück. Hinter dieser Erfahrung steht eine grundsätzliche Frage: Beruht Gottes Weg mit uns wirklich auf unserem ständigen Bemühen, oder hat Er in Christus etwas weit Größeres und Tieferes vorgesehen, das unser ganzes Verständnis vom christlichen Leben verändert?
Gottes Ökonomie: Er teilt sich selbst als Leben aus
Wenn die Bibel von Gottes Ökonomie spricht, öffnet sie kein theologisches Spezialfach, sondern beschreibt die innere Ordnung von Gottes Herzen. Der Dreieine Gott ist kein einsamer, abgeschlossener Reichtum. Er ist ein Hausvater, der Sein Haus bestellt, damit das, was Er ist, wirklich bei Seinen Kindern ankommt. Der Vater hat uns aus der Macht der Finsternis herausgenommen und in das Reich des Sohnes Seiner Liebe versetzt, damit wir Anteil an dem Erbteil der Heiligen im Licht haben. Dieser Anteil ist nicht in erster Linie Vergebung, Schutz oder Führung, so kostbar das alles ist, sondern die Person Christi selbst – der, in dem die ganze Fülle der Gottheit wohnt, der Erstgeborene der Schöpfung und der Erstgeborene aus den Toten, in dem und durch den und zu dem hin alles geschaffen wurde. So spannt sich Gottes Ökonomie vom Ursprung aller Dinge bis zu ihrem Ziel: alles soll in Christus seinen Ort finden, alles in Ihm zusammengehalten werden, und Er soll alles in allem sein.
Gottes Ökonomie ist Seine administrative Anordnung, Seine Haushalterschaft, durch die Er Seinen Reichtum in uns hinein austeilt. So wie wohlhabende Familien eine Regelung haben, um den Reichtum der Familie an ihre Mitglieder zu verteilen, so hat Gott in Seiner Ökonomie eine Anordnung, um Seinen Reichtum an Seine Kinder auszuteilen. Lobt den Herrn, dass wir Glieder von Gottes Hausgenossenschaft sind! Gottes Ökonomie besteht darin, den unerforschlichen Reichtum des Christus an alle von Gott Auserwählten auszuteilen, damit sie Seine Kinder und Glieder der universalen, göttlichen Familie werden. Als Kinder Gottes stehen wir unter Seiner administrativen Anordnung, durch die Er Sich Selbst in unser Sein hineinwirkt. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft achtunddreißig, S. 331)
Damit rückt Gottes Ökonomie ganz nahe an das tägliche Leben. Wenn Gott Seine unerforschlichen Reichtümer in uns austeilt, dann geht es nicht nur um unsere persönliche Errettung, sondern darum, dass wir Kinder in Seiner Familie und Glieder an dem einen Leib werden. In Kolosser heißt es, dass Christus in uns die Hoffnung der Herrlichkeit ist; hier wird ein innerer Prozess sichtbar: Christus kommt nicht nur zu uns, Er nimmt Wohnung in uns und wächst in uns, bis Er als Herrlichkeit hervortritt. Wo Er als Leben Raum gewinnt, entsteht praktisch etwas von dem neuen Menschen, in dem „nicht Grieche noch Jude …, sondern alles und in allen Christus“ ist. Jeder unscheinbare Alltagstag, an dem wir innerlich auf Christus als Leben achten, wird so zu einem Baustein an diesem großen Ziel Gottes, dessen letztendliche Vollendung im Neuen Jerusalem sichtbar wird: Gott und das Lamm mitten bei einem durchdrungenen, von innen her verwandelten Volk.
Wer diesen Blick auf Gottes Ökonomie gewinnt, beginnt sein eigenes Leben anders zu deuten. Es geht nicht mehr nur darum, die richtige Richtung zu wählen, die richtigen Entscheidungen zu treffen oder geistlich „auf der Höhe“ zu sein, sondern darum, inmitten all dessen offen zu bleiben für den Fluss des göttlichen Lebens. Die Spannungen in der Familie, die Anforderungen im Beruf, die Unvollkommenheiten der Gemeinde – sie werden nicht mehr nur als Störungen wahrgenommen, sondern als Gelegenheiten, in denen Christus in uns mehr Gestalt gewinnt. Dann wird der Satz „Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit“ zu einer stillen, tragenden Gewissheit: Gott hat eine weite, ewige Ökonomie – und mitten darin mein konkretes Leben, in dem Er sich selbst mitteilt, bis Christus sichtbar wird.
denen Gott bekannt machen wollte, was der Reichtum der Herrlichkeit dieses Geheimnisses unter den Heiden ist, welches ist: Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit, (Kol. 1:27)
Wo du lernst, deinen Tag als Teil von Gottes großer Haushalterschaft zu sehen, verliert der Druck, dich selbst verwalten zu müssen, an Macht; du darfst inmitten aller Aufgaben darauf vertrauen, dass der Vater als eigentlicher Hausvater beständig daran arbeitet, Christus als dein Leben in dir auszuteilen und wachsen zu lassen.
Nicht Anstrengung, sondern Wachstum des Lebens
Viele Erfahrungen im christlichen Leben tragen die gleiche Spur: Vorsätze werden gefasst, Ideale formuliert, neue Anläufe genommen – und nach einiger Zeit liegt das Bemühen erschöpft am Boden. Man erkennt klare Maßstäbe, will geduldiger, liebevoller, konsequenter sein, und doch bleibt zwischen Erkenntnis und Realität eine schmerzliche Lücke. Der Apostel nennt Christus unser Leben; er spricht nicht davon, dass Christus uns ein neues Anstrengungsprogramm gibt, sondern dass eine neue Lebensquelle in uns eingezogen ist. Ein Tisch könnte Jahrhunderte lang „entschlossen“ dastehen und würde doch keinen Millimeter wachsen; ihm fehlt Leben. Eine Pflanze dagegen wächst, ohne darüber zu beraten, weil in ihr eine verborgene Kraft wirkt. Darum setzte Gott den Menschen von Anfang an nicht in eine Schule der Selbstverbesserung, sondern in einen Garten, in die Umgebung des Baumes des Lebens. Damit macht Er deutlich: Der Weg mit Ihm ist kein asketisches Gelingen, sondern ein göttliches Wachsen.
Meine Last in dieser Botschaft ist, aufzuzeigen, dass die Erfüllung von Gottes Ökonomie nicht von unserer Anstrengung abhängt, sondern vom Wachstum des Lebens. Der Brennpunkt von Gottes Ökonomie ist nicht unser Tun, sondern das wachsende Leben. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft achtunddreißig, S. 331)
Trotzdem sind viele Christen innerlich von Kultur, Erziehung und frommen Idealen stärker geprägt als von Christus als Leben. Man entwickelt Bilder vom „guten Ehemann“, von der „geistlichen Ehefrau“, vom „vorbildlichen Gemeindemitglied“ und versucht, sich an ihnen hochzuziehen. Solche Programme können geordnet, fleißig und beeindruckend aussehen – und doch laufen sie an Gottes Ökonomie vorbei. Denn der Brennpunkt Gottes ist nicht unsere religiöse Leistungsfähigkeit, sondern der Raum, den das in uns geschenkte Leben bekommt. Je mehr wir auf unsere eigene Kraft setzen, desto mehr überdecken wir die leise, aber reale Wirksamkeit Christi in uns. Wenn hingegen die innere Last, uns selbst beweisen zu müssen, nachlässt, wird Platz frei: Platz dafür, dass Christus, „unser Leben“, seine Geduld, seine Liebe, seine Ausdauer in uns entfaltet. Dann wird aus fixten Vorsätzen ein stilles Wachsen, und inmitten unvollkommener Situationen beginnt etwas zu grünen, das nicht aus uns ist und doch durch uns hindurch sichtbar wird.
So wird das Versagen der eigenen Vorsätze nicht zum Ende, sondern zum Wendepunkt. Wer erkennt, dass Gottes Plan sich nicht auf die Steigerung persönlicher Disziplin stützt, sondern auf das Wachstum des eingepflanzten Lebens, darf innerlich entspannen, ohne gleichgültig zu werden. Der Blick verschiebt sich von der Frage „Wie weit bin ich?“ hin zu der Frage „Wie viel Raum hat Christus in mir?“. Genau dort entsteht eine neue Motivation: nicht mehr die fiebrige Energie des Perfektionismus, sondern das stille Verlangen, dass der in uns wohnende Christus sich ungehindert ausdrücken kann.
Wenn Christus, unser Leben, offenbar gemacht wird, verlieren unsere eigenen Maßstäbe ihre tyrannische Macht. Sie werden ersetzt durch die sanfte, aber bestimmte Führung des inwohnenden Herrn, der uns nicht antreibt, besser zu funktionieren, sondern uns hineinzieht in Sein Wachsen. Wer so lebt, entdeckt mitten im Alltag eine Freiheit: Scheitern wird nicht mehr zur endgültigen Anklage, sondern zur Einladung, sich tiefer auf das Leben Christi zu stützen. Daraus erwächst eine Hoffnung, die nicht aus der Stärke des eigenen Willens kommt, sondern aus der Gewissheit, dass der, der in uns begonnen hat, auch vollenden wird, indem Er als Leben in uns weiterwächst.
Wenn Christus, unser Leben, offenbar gemacht wird, dann werdet auch ihr zusammen mit Ihm in Herrlichkeit offenbar gemacht werden. (Kol. 3:4)
Dort, wo du innerlich von der Idee Abschied nimmst, dich selbst mit geistlichen Vorsätzen retten zu müssen, und beginnst, im Glauben auf Christus als dein gegenwärtiges Leben zu setzen, verwandelt sich das Wechselspiel von Vorsatz und Versagen in einen Weg des stillen, echten Wachstums, auf dem Christus zunehmend sichtbar wird.
Christus in mir: ein Leben, in dem nur einer lebt
Das Neue Testament beschreibt Christus nicht nur als den Herrn, der für uns gestorben ist, sondern als den, der in uns lebt. Damit verschiebt sich der Schwerpunkt des Glaubens radikal: von einem Christus außerhalb von uns zu einem Christus in uns. Paulus fasst diese Wirklichkeit in ein einziges, verdichtetes Zeugnis: Er ist mit Christus gekreuzigt, und doch lebt er – aber das Leben, das er lebt, ist nicht mehr sein eigenes, sondern das des Sohnes Gottes in ihm. Hier wird kein mystischer Sonderzustand beschrieben, sondern die normale Form christlichen Lebens: Ein Mensch lebt, arbeitet, entscheidet, und inmitten all dessen ist eine andere Person die innere Quelle. Wenn Christus sagt: „Weil Ich lebe, sollt auch ihr leben“, öffnet Er genau diesen Raum: Sein Auferstehungsleben wird zur Lebensader unserer Tage.
Nach diesem Buch ist Christus die Fülle Gottes, das Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene aller Schöpfung, der Erstgeborene aus den Toten, derjenige, in dem die ganze Fülle Wohlgefallen hat zu wohnen, das Geheimnis von Gottes Ökonomie, das Geheimnis Gottes, die Wirklichkeit aller positiven Dinge und das konstituierende Element des neuen Menschen. Kurz gesagt, der Christus, der unser Leben ist, ist alles – die Wirklichkeit jeder positiven Sache im Universum. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft achtunddreißig, S. 332)
Wer so auf Christus in sich schaut, beginnt die Eigenschaften des christlichen Lebens anders zu verstehen. Geduld, Liebe, Sanftmut, Heiligkeit, Demut sind nicht zuerst Tugenden, die sich trainieren lassen, sondern Ausdrucksformen der Person, die in uns wohnt. Der Kolosserbrief entfaltet, wie reich diese Person ist: Christus ist die Fülle Gottes, das Bild des unsichtbaren Gottes, das Geheimnis Gottes, die Wirklichkeit aller positiven Dinge und das konstituierende Element des neuen Menschen. Wenn Er unser Leben ist, dann ist Er selbst unsere wahre Gerechtigkeit, unsere echte Heiligkeit, unsere tragfähige Demut. Versuchen wir, diese Dinge losgelöst von Ihm zu produzieren, schaffen wir Kopien ohne Quelle. Lassen wir Ihn selbst leben, werden sie als Sein eigener Ausdruck in unserem konkreten Alltag sichtbar.
Das verändert die Art, wie wir auf unsere Reaktionen schauen. In einer angespannten Situation etwa meldet sich spontan das alte Ich mit seiner Ungeduld; zugleich wohnt da der lebengebende Geist, der Christus in uns ist. Christliches Leben besteht dann nicht darin, dass wir mit zusammengebissenen Zähnen „geduldig sind“, sondern darin, dass wir innerlich die Hand von unseren eigenen Bemühungen nehmen und uns auf den inwohnenden Herrn stützen. Dieses stille Sich-Anlehnen an Christus ist keine Passivität, sondern ein anderer Modus von Aktivität: Nicht ich setze meine Maßstäbe durch, sondern ich gebe dem Raum, der in mir Gedanken, Worte und Gesten in Seinem Sinn prägen will.
Wo Christus so praktisch in uns zum Maßstab wird, verlieren die selbstgebastelten Bilder vom „guten Christen“ ihre Macht. Stattdessen wächst eine Beziehung, in der Er selbst unser inneres Prinzip ist. Die Frage „Wie würde ein guter Christ handeln?“ tritt zurück, und an ihre Stelle tritt die stillere Frage „Herr, was bist Du jetzt in mir?“. Antworten darauf kommen oft unscheinbar: ein zurückgehaltener Satz, ein unerwartetes Wort der Gnade, ein neu aufbrechendes Verlangen nach Heiligkeit. Und doch ist es in allem derselbe Christus, der lebt und sich ausdrückt. So wird aus dem Bekenntnis „Christus lebt in mir“ Schritt für Schritt gelebte Wirklichkeit.
Ich bin mit Christus gekreuzigt; und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir; und das Leben, das ich jetzt im Fleisch lebe, das lebe ich im Glauben, in dem Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebt und Sich Selbst für mich hingegeben hat. (Gal. 2:20)
Je mehr du lernst, deine Identität nicht aus deinen Leistungen oder deinen Schwächen, sondern aus der Gegenwart Christi in dir zu verstehen, desto freier wirst du, deine Tage als einen Raum zu sehen, in dem nicht du dich darstellen musst, sondern in dem Christus als dein Leben still, aber wirksam Gestalt gewinnt.
Herr Jesus Christus, danke, dass Du nicht nur für mich gestorben bist, sondern jetzt als lebengebender Geist in mir lebst. Du bist die Fülle Gottes, die Wirklichkeit aller positiven Dinge, und doch bist Du mir ganz nahe und wohnst in meinem Herzen. Du siehst, wie oft ich versucht habe, aus eigener Kraft geistlich zu sein, und wie oft ich an mir selbst gescheitert bin. Heute vertraue ich mich Deiner Ökonomie an: Du bist mein Leben, meine Gerechtigkeit, meine Heiligkeit, meine Liebe und meine Geduld. Stärke in mir die innere Gewissheit, dass Du genügst und dass Du in mir wachsen willst. Fülle die leeren Bereiche meines Herzens mit Deiner Gegenwart, erneuere meine Gedanken und durchdringe mein tägliches Leben mit Deinem Leben. Lass mich mehr und mehr erfahren, dass nicht mehr ich, sondern Du in mir lebst, und dass darin Freiheit, Ruhe und Freude liegen. Möge Dein Leben in mir wachsen, bis Dein Bild in mir deutlich zu erkennen ist und Du in allem verherrlicht wirst. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Colossians, Chapter 38