Das Wort des Lebens
lebensstudium

Christus in euch

12 Min. Lesezeit

Viele Christinnen und Christen wissen, dass sie „in Christus“ sind, erleben ihren Alltag aber dennoch vor allem geprägt von eigenen Maßstäben, Gewohnheiten und kulturellen Prägungen. Zwischen biblischen Verheißungen und gelebter Realität klafft oft eine schmerzhafte Lücke. Die Botschaft der Schrift geht jedoch weiter: Der Christus, der alles geschaffen, erlöst und überwunden hat, will selbst in uns wohnen und unser Inneres ausfüllen.

Der allumfassende Christus – Gottes Person in uns eingewirkt

Wenn die Schrift von dem Christus spricht, den Gott in uns hineinwirken will, führt sie uns nicht zuerst zu einer Idee, einer Moral oder einer besonderen Lebensform, sondern zu einer Person. Dieser Christus tritt auf den Seiten der Bibel nicht als Randfigur auf, sondern als Mitte von Schöpfung und Geschichte. In 1. Mose beginnt alles mit dem schöpferischen Wort Gottes; der Kolosserbrief legt offen, wer hinter diesem Wort steht: In Christus „ist alles geschaffen, was in den Himmeln und was auf der Erde ist“ und „alles besteht durch Ihn“ (Kol. 1:16–17). Er ist wahrer Gott, der im Fleisch gekommen ist, und wahrer Mensch, der unsere Geschichte, unsere Schwachheit, unsere Versuchung und unser Sterben an sich genommen hat. So wird in Jesaja 9:5 von einem Kind gesprochen, das geboren wird, und zugleich heißt es, Sein Name sei „starker Gott“ und „Vater der Ewigkeit“. In dieser Person berühren sich Ewigkeit und Zeit, Himmel und Erde, Gott und Mensch.

Gottes Ökonomie besteht darin, eine wunderbare Person in unser Wesen hineinzuwirken. Diese Person ist der allumfassende Christus, der die Wirklichkeit aller positiven Dinge im Universum ist. Christus ist der Erstgeborene aller Schöpfung. Er ist sowohl Gott als auch Mensch, denn der ewige Gott ist zu einem bestimmten Zeitpunkt Mensch geworden. Daher ist Christus der wirkliche Gott und der wirkliche Mensch. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft siebenunddreißig, S. 322)

Doch die Größe Christi erschöpft sich nicht darin, dass Er alles geschaffen hat und über allem herrscht. Sein Weg führt durch Menschwerdung, verborgenes menschliches Leben, Kreuz, Erlösung, Auferstehung und Himmelfahrt hindurch zu einem Ziel: dass alles, was Er ist und getan hat, uns innerlich erreicht. Der letzte Adam ist „zu einem Leben gebenden Geist“ geworden (1.Kor 15:45). In Auferstehung ist Christus nicht weniger, sondern näher geworden: derselbe, der in der Ewigkeit beim Vater war und als Mensch auf Erden wandelte, begegnet uns heute als lebengebender Geist. Jesus selbst verbindet dieses Geheimnis mit dem inneren Wohnen: „nämlich den Geist der Wirklichkeit, den die Welt nicht empfangen kann, … ihr aber kennt Ihn, weil Er bei euch bleibt und in euch sein wird“ (Joh. 14:17). Die Dreieinige Gottheit kommt uns nicht als abstrakte Lehre entgegen, sondern indem der Vater im Sohn und der Sohn als Geist der Wirklichkeit in unser Inneres einzieht.

Wenn Gott sich vornimmt, diesen allumfassenden Christus in uns hineinzuwirken, geht es Ihm darum, dass wir Ihn nicht nur bewundern, sondern erfahren. In Christus liegen Schöpfung, Menschwerdung, Kreuz, Auferstehung, Himmelfahrt, Herrschaft und Hauptsein wie in einem reichen Schatz vereint. Als lebengebender Geist bringt Er diesen Schatz in unser Inneres, um unsere Leere mit Seiner Fülle zu füllen, unsere Enge mit Seiner Weite, unsere Unruhe mit Seinem Frieden. Wo wir lernen, Ihn im Inneren zu beachten, Ihm zu vertrauen und uns Ihm zu öffnen, beginnt etwas leise, aber Tiefgreifendes: Gottes eigene Person wird Teil unserer Geschichte, durchdringt unsere Gedanken und Motive, formt unsere Reaktionen. So wird „Christus in euch“ (Kol. 1:27) nicht nur eine Formel, sondern der stille, tragende Grund eines neuen Lebens – und in diesem Bewusstsein darf unser Herz aufatmen, weil der, der alles umfasst, auch in uns Wohnung genommen hat.

Denn in Ihm ist alles geschaffen worden, was in den Himmeln und was auf der Erde ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Fürstentümer oder Gewalten: alles ist durch Ihn und zu Ihm hin geschaffen; und Er ist vor allem, und alles besteht durch Ihn. (Kol. 1:16-17)

Denn ein Kind ist uns geboren, ein Sohn uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und man nennt seinen Namen: Wunderbarer Ratgeber, starker Gott, Vater der Ewigkeit, Fürst des Friedens. (Jes. 9:5)

Wer sich diesem allumfassenden Christus anvertraut, steht nicht mehr allein mit seinen Grenzen. Die gleiche Person, in der alles geschaffen wurde und in der alles zusammengehalten wird, trägt nun auch das persönliche Leben im Inneren. Daraus erwächst eine stille Zuversicht: Es kommt nicht mehr alles auf die eigene Stärke an, sondern auf den, der in uns wohnt und sein eigenes Leben in uns zur Entfaltung bringt.

In Christus und Christus in uns – von der Stellung zur Erfahrung

Die Schrift spricht in zwei Bewegungen von unserem Verhältnis zu Christus: Wir sind in Ihm, und Er ist in uns. Beides gehört zusammen, doch es sind verschiedene Seiten einer Wirklichkeit. Von Gottes Seite her hat ein endgültiger Wechsel stattgefunden: „Von Ihm aber seid ihr in Christus Jesus“ (1.Kor 1:30). Früher war unsere Existenz durch Adam bestimmt, durch Fall, Fremdheit und Sterblichkeit. Durch den Glauben an den Herrn Jesus hat Gott uns aus dieser alten Sphäre herausgenommen und in Christus hineingestellt. Paulus beschreibt diese Veränderung mit dem Bild der Taufe: „dass alle von uns, die in Christus Jesus hineingetauft worden sind, in Seinen Tod hineingetauft worden sind“ (Röm. 6:3). „In Christus sein“ bezeichnet unsere neue Stellung, unser sicheres Umfeld vor Gott, in dem wir angenommen, gerechtfertigt und mit allem geistlichen Segen beschenkt sind.

1. Korinther 1:30 sagt uns, dass wir aus Gott in Christus Jesus sind. Früher waren wir von Geburt an in Adam. Aber Gott, der Vater, hat uns aus Adam heraus in Christus hineinversetzt. Als wir an den Herrn Jesus glaubten und Seinen Namen anriefen, wurden wir aus Adam heraus in Christus hineinversetzt. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft siebenunddreißig, S. 323)

Doch die Bibel lässt es nicht bei der Beschreibung dieser Stellung. Der Herr selbst spricht davon, in uns zu bleiben und in uns zu wohnen: „Bleibt in Mir, und Ich in euch“ (Joh. 15:4). Paulus fragt die Gläubigen in Korinth eindringlich: „Oder erkennt ihr euch selbst nicht, daß Jesus Christus in euch ist?“ (2.Kor 13:5). Hier geht es nicht nur um unsere objektive Position, sondern um gelebte Gemeinschaft, um Erfahrung und Genuss. „In Christus“ ist der Raum, in den wir gestellt sind; „Christus in uns“ ist das Leben, das diesen Raum erfüllt. Alle Reichtümer, die Er ist – Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung (1.Kor 1:30) – wollen von innen her wirksam werden, unser Empfinden, unser Denken, unsere Entscheidungen und Beziehungen prägen.

Wie weit diese innere Wirksamkeit reicht, ist nicht beliebig, aber sehr konkret: Gott hat Christus ganz in uns gegeben, und doch wird Er oft nur teilweise erkennbar, weil so vieles in uns besetzt ist mit eigenen Plänen, Sorgen, Verletzungen und Vorstellungen. Wenn Paulus schreibt: „Ihr aber seid nicht im Fleisch, sondern im Geist, wenn der Geist Gottes wirklich in euch wohnt“ (Röm. 8:9), öffnet er uns einen anderen Blick auf den Alltag. Der Geist Christi wohnt in uns, auch wenn wir Ihn nicht immer beachten. Wo wir lernen, auf Ihn zu hören und Ihm Antwort zu geben, beginnt Christus, aus unserem Inneren heraus Gestalt zu gewinnen. So wird aus einer Lehre eine innere Geschichte: Die Tatsache, dass wir in Christus sind, bleibt der sichere Grund; das Erleben, dass Christus in uns lebt, wird zur Quelle einer neuen, still wachsenden Freiheit.

Schließlich hat diese doppelte Bewegung – wir in Christus, Christus in uns – eine zutiefst tröstliche Konsequenz. Wir müssen nicht erst eine bestimmte Höhe geistlicher Leistung erreichen, um von Ihm bewohnt zu werden; Er ist gekommen, bevor wir gereift sind. „An jenem Tag werdet ihr erkennen, dass Ich in Meinem Vater bin und ihr in Mir und Ich in euch“ (Joh. 14:20). Das Erkennen kommt nach, das Wohnen ist bereits geschehen. Gerade darin liegt eine leise Ermutigung: Unser Weg mit Gott ist nicht der Versuch, aus eigener Kraft zu Christus hinaufzuklettern, sondern das langsame Entdecken dessen, was uns bereits geschenkt wurde. In dieser Erkenntnis darf unser Herz ruhiger werden, denn der, in dem wir geborgen sind, hat beschlossen, sich selbst in uns zum Ausdruck zu bringen.

Von Ihm aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott zur Weisheit geworden ist: sowohl zur Gerechtigkeit als auch zur Heiligung und zur Erlösung, (1.Kor 1:30)

Oder wisst ihr nicht, dass alle von uns, die in Christus Jesus hineingetauft worden sind, in Seinen Tod hineingetauft worden sind? (Röm. 6:3)

Wer den Unterschied zwischen Stellung und Erfahrung sieht, gerät nicht in Unruhe, wenn das eigene Leben Christus noch nicht klar widerspiegelt. Die Gewissheit, in Christus zu sein, bleibt der tragende Grund, auch wenn die Erfahrung von „Christus in mir“ noch wächst. Aus dieser Sicherheit heraus kann Vertrauen, Offenheit und Mut entstehen, dem inneren Wirken des Herrn mehr Raum zu geben, ohne sich von jeder Schwäche verurteilen zu lassen.

Christus statt Kultur – leben aus dem gemischten Geist

Kaum etwas prägt unser Verhalten so unauffällig wie die Maßstäbe, mit denen wir uns selbst und andere messen. Sie entstehen aus Herkunft, Kultur, religiöser Prägung, persönlichen Idealen – oft ehrbar, häufig streng, nicht selten schwer zu tragen. Man kann lernen, ein „guter Christ“ nach diesen Parametern zu sein, und dabei doch am Eigentlichen vorbeileben. Im Kolosserbrief warnt Paulus vor Philosophien und religiösen Praktiken, die die Gläubigen von Christus wegziehen (Kol. 2:18–19). Auch heute können Vorstellungen darüber, wie eine perfekte Ehe, Familie, Gemeinde oder Dienstaufgabe auszusehen hat, so dominant werden, dass der Blick für den lebendigen Herrn im Inneren verdeckt wird. Der Maßstab mag christlich klingen, aber er bleibt etwas anderes als Christus selbst.

Nach demselben Prinzip sind wir zwar absolut in Christus, aber Er ist nur relativ und unter bestimmten Bedingungen in uns. Unserer Erfahrung nach haben wir tatsächlich nicht sehr viel von Christus in uns. In sehr hohem Maß sind wir immer noch von unserer Kultur eingenommen und beherrscht. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft siebenunddreißig, S. 325)

Gottes Weg ist überraschend anders. Er setzt nicht einfach höhere oder strengere Normen, sondern gibt uns eine Person, die in uns wohnt. „Wer aber dem Herrn anhängt, ist ein Geist“ (1.Kor 6:17). Der Herr als lebengebender Geist verbindet sich mit unserem menschlichen Geist, sodass eine innere Einheit entsteht, in der Seine Gegenwart zugänglich wird. In diesem gemischten Geist – dem Einssein unseres Geistes mit dem Geist des Herrn – liegt die neue Norm unseres Lebens. Nicht mehr Kultur, Tradition oder eigene Entwürfe sollen das letzte Wort haben, sondern das stille Empfinden des inwohnenden Christus. „Ihr aber seid nicht im Fleisch, sondern im Geist, wenn der Geist Gottes wirklich in euch wohnt“ (Röm. 8:9). Wo dieses Bewusstsein wächst, beginnt ein leiser Austausch: Unsere geerbten und selbstgemachten Standards verlieren an Gewicht, weil die lebendige Person Christi an Gewicht gewinnt.

Damit ist keine plötzliche Entwertung allen Bisherigen gemeint. Vieles, was unsere Kultur hervorgebracht hat, kann ehrenwert und hilfreich sein. Aber das Zentrum verschiebt sich. Dort, wo früher die Frage herrschte, ob wir einem bestimmten Bild genügen, tritt nun die Frage in den Vordergrund, ob Christus innerlich Raum hat, sich zu entfalten. Der Herr wohnt „mit deinem Geist“ (2.Tim. 4:22) und begleitet unser Ringen um Entscheidungen, Reaktionen, Worte. Manchmal geht dieser Prozess unscheinbar vor sich: Eine scharfe Bemerkung bleibt unausgesprochen, weil ein leiser innerer Widerspruch spürbar ist; eine vermeintliche Pflicht wird losgelassen, weil sie mehr aus Angst vor Menschen als aus dem Frieden Christi geboren ist. So ersetzt Er schrittweise das starre Gerüst unserer Maßstäbe durch die bewegliche, lebendige Führung Seines Geistes.

Die Hoffnung dieses Weges liegt darin, dass der Maßstab nicht mehr außerhalb von uns gesucht werden muss. „Wenn aber Christus in euch ist, ist zwar der Leib der Sünde wegen tot, der Geist aber ist Leben der Gerechtigkeit wegen“ (Röm. 8:10). Das Leben, das in uns Wohnung genommen hat, trägt bereits alles in sich, was Gott wohlgefällt. Je mehr wir uns dieser inneren Gegenwart bewusst werden, desto weniger müssen wir uns überfordern, einem Bild von Vollkommenheit zu entsprechen. Stattdessen dürfen wir lernen, aus dem gemischten Geist zu leben, in dem unser menschlicher Geist und der Geist des Herrn untrennbar verbunden sind. Darin liegt eine stille Befreiung: Unser Leben muss nicht mehr die eigene Kultur vergöttern oder bekämpfen; es darf Schritt für Schritt von Christus durchzogen werden, bis Er selbst in unserem Alltag erkennbar wird.

Niemand bringe euch um den Kampfpreis, der seinen eigenen Willen tut in Demut und Verehrung der Engel, wobei er Dinge betritt, die er nicht gesehen hat, grundlos aufgeblasen von dem Sinn seines Fleisches, und nicht festhaltend das Haupt, aus dem der ganze Leib, durch Gelenke und Bänder unterstützt und zusammengefügt, das Wachstum Gottes wächst. (Kol. 2:18-19)

Wer aber dem Herrn anhängt, ist ein Geist. (1.Kor 6:17)

Wenn der inwohnende Christus Schritt für Schritt unsere Maßstäbe ersetzt, verliert das dauernde Vergleichen an Macht. Statt sich an äußeren Idealen zu erschöpfen, entsteht eine innere Freiheit, die aus der Gegenwart des Herrn lebt. Diese Freiheit bleibt nicht vage, sondern zeigt sich darin, dass Frieden, Sanftmut und Mut im Alltag wachsen – nicht weil wir unsere Kultur perfektionieren, sondern weil Christus selbst zunehmend zum Maß unseres Lebens wird.


Herr Jesus Christus, du allumfassender, lebengebender Geist, danke, dass du nicht fern geblieben bist, sondern in uns Wohnung genommen hast. Du kennst alle sichtbaren und verborgenen Maßstäbe, nach denen wir uns richten, und du liebst uns mitten in unserer Zerrissenheit. Lass dein Licht auf unsere Herzen scheinen, damit alles, was uns von dir ablenkt – auch das vermeintlich Gute – offenbar wird und seine Macht verliert. Erfülle unseren Geist, unsere Gedanken und unsere Entscheidungen mit deiner Gegenwart, sodass dein Leben unsere Kultur, unsere Gewohnheiten und unsere eigenen Pläne sanft ersetzt. Stärke in uns das Vertrauen, dass du selbst genügsam und vollkommen bist, und dass dein Leben in uns reicher ist als alles, was wir aus eigener Kraft hervorbringen könnten. Lass uns erfahren, dass „Christus in uns“ Hoffnung, Freiheit und Freude bedeutet, und bewahre uns darin, aus dieser Hoffnung zu leben. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Colossians, Chapter 37

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