Vollgemacht und beschnitten in Christus
Viele Gläubige empfinden ihr Glaubensleben als Mangelverwaltung: zu wenig Kraft, zu wenig Liebe, zu wenig Sieg über alte Muster. Gleichzeitig klammern sich Christen immer wieder an zusätzliche Stützen – besondere Regeln, strenge Formen, geistliche „Extras“. Der Kolosserbrief zeichnet ein anderes Bild: Wer mit Christus verbunden ist, ist in Ihm bereits erfüllt und innerlich beschnitten. Die Frage ist nicht, ob noch etwas außerhalb von Christus fehlt, sondern ob wir im Glauben erfassen, was Gott uns in Christus schon gegeben hat.
In Christus vollkommen erfüllt
Wenn Paulus schreibt: „Denn in Ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig“ (Kolosser 2:9), nimmt er uns mit in das innere Herz Gottes. Der unsichtbare, unergründliche Gott hat sich nicht in Ideen, Programmen oder Systemen, sondern in einer Person zusammengefasst. In Christus ist der Dreieine Gott berührbar geworden – seine Liebe, seine Heiligkeit, seine Macht, seine Sanftmut, seine Treue, alles, was Gott ist, nimmt in diesem einen Menschen Gestalt an. Leibhaftig heißt: konkret, mitten in der Geschichte, mitten in unserer Wirklichkeit. Gott hat sich nicht nur offenbart; Er hat sich gebunden, festgelegt, hineingegeben in Jesus Christus. Wer Christus sieht, sieht den Vater; wer Christus hört, hört die Stimme des ewigen Gottes.
Weil die ganze Fülle der Gottheit in Christus ist und wir in Ihn hineinversetzt worden sind (1.Kor. 1:30), sind wir in Ihm zur Fülle gebracht worden. Das Neue Testament macht deutlich, dass alle, die an Christus glauben, in Christus hineingestellt worden sind. Daher sind wir mit Ihm identifiziert und eins mit Ihm. Das bedeutet, dass alles, was Er ist, und alles, was Er hat, uns gehört und dass alles, was Er erfahren hat, unsere Geschichte ist. Wir erben alles, was Christus erfahren und durchschritten hat. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft zweiundzwanzig, S. 186)
Mit derselben Entschiedenheit sagt das Wort weiter: „und ihr seid erfüllt worden in Ihm“ (Kolosser 2:10). Das ist mehr als eine fromme Ermutigung, es ist eine göttliche Tatsachenbehauptung. Wer an Christus glaubt, wird nicht nur von Ihm beschenkt, sondern in Ihn hineingestellt. „Von Ihm aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott zur Weisheit geworden ist: sowohl zur Gerechtigkeit als auch zur Heiligung und zur Erlösung“ (1. Korinther 1:30). Gott betrachtet unser Leben nicht mehr isoliert, sondern in der Einheit mit seinem Sohn. Alles, was Christus durchlebt, gelitten, errungen und erlangt hat, steht unter unserem Namen, wie das Vermögen eines reichen Bräutigams, das mit der Hochzeit der armen Braut gehört. Wenn Paulus sagt, ihm sei die Gnade gegeben, „den Heiden den unerforschlichen Reichtum Christi als das Evangelium zu verkünden“ (Epheser 3:8), dann liegt darin: Dieser Reichtum ist kein Schaubild, sondern unser Erbteil.
Damit wird eine leise, aber hartnäckige Lüge entlarvt, die viele Gläubige innerlich begleitet: das Bewusstsein, immer zu kurz zu kommen, geistlich „zu wenig“ zu sein, noch nicht genug zu haben. Gefühle sagen: arm, schwach, unfähig. Das Evangelium sagt: In Christus fehlt dir nichts. Unser größter Mangel ist oft nicht die fehlende geistliche Wirklichkeit, sondern die fehlende Glaubensgewissheit. Solange unser Blick vor allem auf uns selbst ruht – unsere Stimmung, unser Scheitern, unsere Lücken – bleiben die Vorratskammern des Himmels für uns wie verschlossen. Wenn wir lernen, im Gebet auszusprechen, wer Christus ist und wer wir in Ihm sind, verschiebt sich der Schwerpunkt: Weg von dem, was wir nicht können, hin zu dem, was Er bereits ist und getan hat.
Dieser Weg ist kein psychologischer Trick, sondern die Art, wie der Heilige Geist die Fülle Christi in unserem Alltag wirksam macht. „Uns aber hat Gott diese offenbart durch den Geist, denn der Geist erforscht alle Dinge, sogar die Tiefen Gottes“ (1. Korinther 2:10). Der Geist nimmt aus der Fülle Christi und macht sie uns innerlich groß. Je mehr der innere Blick auf den verherrlichten Herrn gerichtet ist, desto stiller werden die Anklagen des Mangels und desto freier fließt sein Reichtum durch unser begrenztes Leben. So wächst eine ruhige Zuversicht: In mir ist vieles unvollständig, aber in Christus bin ich vollgemacht; meine Geschichte ist brüchig, aber in Ihm ist mir eine vollendete Geschichte zugerechnet. Diese Gewissheit erniedrigt nicht andere, sondern macht dankbar und weit. Sie schafft Raum, in dem Gnade nicht Theorie bleibt, sondern gelebte Wirklichkeit wird.
denn in Ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig, (Kol. 2:9)
und ihr seid erfüllt worden in Ihm, der das Haupt jeder Herrschaft und Gewalt ist. (Kol. 2:10)
Wenn der Blick auf Christus zur inneren Gewohnheit wird, verliert die Stimme des Mangels ihre Deutungshoheit über dein Leben; dann beginnt die Fülle Gottes, die in Ihm wohnt, Schritt für Schritt deine Wahrnehmung, deine Entscheidungen und deine Beziehungen zu durchdringen.
Christus, das Haupt aller Engel und Mächte
Die Gemeinde in Kolossä lebte in einem Umfeld, in dem Engelverehrung und der Blick auf unsichtbare Mächte eine große Rolle spielten. Man hielt Gott für so erhaben und furchteinflößend, dass man meinte, ihn nur über himmlische Zwischenwesen erreichen zu können. In eine solche Atmosphäre hinein schreibt Paulus, dass Christus „das Haupt jeder Herrschaft und Gewalt“ ist (Kolosser 2:10). Alle unsichtbaren Mächte – treue Engel ebenso wie gefallene Mächte der Finsternis – sind geschaffen, begrenzt und Christus unterstellt. Wer Christus begegnet, steht nicht am Rand der himmlischen Ordnung, sondern bei ihrem Zentrum.
Christus aber ist das Haupt jeder Herrschaft und Gewalt. Da Christus unsere Vollkommenheit und Vollendung ist, brauchen wir keine anderen Herrschaften und Gewalten als Gegenstände der Anbetung, denn Er ist das Haupt über sie alle. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft zweiundzwanzig, S. 189)
Damit wird auch geklärt, wie unser Zugang zu Gott gestaltet ist. Die Schrift fasst es knapp: „Denn einer ist Gott, und einer ist Mittler zwischen Gott und Menschen, der Mensch Christus Jesus“ (1. Timotheus 2:5). Es gibt nur einen, der Gott und Mensch wirklich in sich vereint und deshalb Mittler sein kann. Engel haben einen Dienst: Sie sind Boten, Beschützer, Diener im Auftrag Gottes. Sie freuen sich über einen Sünder, der umkehrt. Aber sie sind niemals die Grundlage unserer Zuversicht und nie Adressaten unserer Anbetung. Wenn in der Apostelgeschichte die Jünger meinen, Petrus stehe vor der Tür, und dann sagen: „Es ist sein Engel“ (Apostelgeschichte 12:15), dann zeigt das, wie selbstverständlich man mit der Realität der Engel rechnete – und doch weiß das Neue Testament nichts von einer geistlichen Praxis, die sich an Engel klammert.
Wenn Christus als das Haupt aller Mächte erkannt wird, verliert die Faszination an „zusätzlichen“ geistlichen Autoritäten ihre Kraft. Jede Lehre, die besondere Vermittler, besondere „Kanäle“ oder geheime Wege zu Gott verspricht, verschiebt den Schwerpunkt weg von der Einzigartigkeit Christi. Statt das fertige Werk und die Gegenwart des Herrn zu ehren, baut sie ein System von Abstufungen, in dem man sich nach ranghöheren Gestalten sehnt. Das kann sehr fromm aussehen – mit betonter Demut, ausführlichen Visionserzählungen oder beeindruckenden Engelserfahrungen – und doch den inneren Blick schleichend von Christus wegziehen. Darum warnt Paulus vor jedem, „der seinen eigenen Willen tut in Demut und Anbetung der Engel, der auf Dinge eingeht, die er (in Visionen) gesehen hat, ohne Ursache aufgeblasen von dem Sinn seines Fleisches“ (Kolosser 2:18).
Positiv gewendet liegt in der Herrschaft Christi über alle Mächte ein großer Trost. Wer in Christus ist, ist mit dem Haupt aller Engel verbunden und muss keiner unsichtbaren Macht ausgeliefert leben. Die unsichtbare Welt ist real, aber sie ist nicht chaotisch. Über allem steht der verherrlichte Herr, der „das Haupt jeder Herrschaft und Gewalt ist“ (Kolosser 2:10). Das macht frei von der Angst, irgendetwas Geistliches zu verpassen, weil man nicht die richtige Person aufsucht oder nicht die spektakuläre Erfahrung gemacht hat. Die Tür zum Vaterhaus steht in Christus offen, nicht an vielen Stellen, sondern an einer. In Ihm haben wir unmittelbaren Zugang; in Ihm wird der Weg zu Gott nicht durch zusätzliche Instanzen verlängert, sondern durch seine Gnade radikal verkürzt.
und ihr seid erfüllt worden in Ihm, der das Haupt jeder Herrschaft und Gewalt ist. (Kol. 2:10)
Denn einer ist Gott, und einer ist Mittler zwischen Gott und Menschen, der Mensch Christus Jesus, (1.Tim. 2:5)
Je deutlicher Christus als das alleinige Haupt aller sichtbaren und unsichtbaren Mächte vor Augen steht, desto ruhiger wird das Herz: Zwischen dir und Gott steht keine Kette von Vermittlern, sondern nur eine geöffnete Tür – die Person Jesu Christi selbst.
In Christus beschnitten: das alte Leben abgelegt
Neben der Fülle, mit der Christus uns erfüllt, beschreibt Paulus die radikale Weise, wie Gott mit unserem alten Leben umgegangen ist. „In Ihm seid ihr auch beschnitten worden mit einer Beschneidung, die nicht mit Händen gemacht ist, in dem Ausziehen des Leibes des Fleisches, in der Beschneidung Christi“ (Kolosser 2:11). Die alttestamentliche Beschneidung war ein äußeres Zeichen: ein kleines Stück Fleisch wurde entfernt, um die Zugehörigkeit zu Gottes Volk zu markieren. In Christus ist dieses Bild zur Wirklichkeit geworden. Seine Kreuzigung war, wie es ein Ausleger ausdrückt, die wirkliche, universale Beschneidung: Am Kreuz hat Gott alles abgeschnitten, was dem Leben Gottes widerspricht – unser Fleisch, den natürlichen Menschen, das selbstbezogene Ich.
Als Christus am Kreuz gekreuzigt wurde, war Seine Kreuzigung die wirkliche, praktische und universale Beschneidung. Durch Seine Kreuzigung wurden alle negativen Dinge abgeschnitten. Zu diesen negativen Dingen gehören unser Fleisch, unser natürlicher Mensch und das Selbst. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft zweiundzwanzig, S. 191)
Diese Beschneidung ist nicht ein zusätzlicher frommer Schritt, den wir irgendwann einmal leisten müssten, sondern ein vollzogenes Ereignis in Christus. Sie wurde in unsere Geschichte hineingetragen, als wir mit Ihm verbunden wurden. „Da ihr zusammen mit Ihm begraben wurdet in der Taufe, in der ihr auch zusammen mit Ihm auferweckt wurdet durch den Glauben an die Wirkkraft Gottes, der Ihn von den Toten auferweckt hat“ (Kolosser 2:12). Die Taufe ist mehr als ein symbolischer Akt: Sie ist das sichtbare Zeichen, dass Gott unser altes Leben an das Kreuz Christi gebunden hat. Begraben mit Christus – das heißt: das alte Ich hat sein Recht verloren. Auferweckt mit Christus – das heißt: ein neues Leben, das nicht aus eigener Kraft, sondern aus der Auferstehungskraft Gottes lebt, ist begonnen.
Gerade hier wird deutlich, warum asketische Wege nie die Tiefe des Evangeliums erreichen. Paulus beschreibt in demselben Kapitel Menschen, die sich Verordnungen auferlegen: „Berühre nicht, koste nicht, betaste nicht!“ (Kolosser 2:21), „Dinge, die alle zur Zerstörung durch den Gebrauch bestimmt sind nach den Geboten und Lehren der Menschen“ (Kolosser 2:22). Solche Strenge kann beeindruckend wirken, sie kann von außen sehr geistlich aussehen. Aber sie bleibt an der Oberfläche. Sie behandelt den Leib hart, ohne das Zentrum des Problems zu erreichen. Der alte Mensch lässt sich nicht umerziehen; er braucht das Urteil und die „Beschneidung Christi“. Darum sagt das Evangelium nicht: Strenge dich stärker an, um frommer zu werden, sondern: Glaube, dass dein altes Ich mit Christus gekreuzigt, begraben und beiseitegesetzt ist.
Dieser Glaube ist kein passives Sich-Abfinden, sondern eine neue Art, sich selbst zu verstehen. Wenn das Wort bezeugt, dass wir „zusammen mit Christus gestorben“ sind, „los von den Elementen der Welt“ (Kolosser 2:20), beschreibt es eine Realität, die tiefer ist als unsere wechselnden Erfahrungen. In manchen Momenten spüren wir den alten Menschen sehr stark; seine Begierden, sein Stolz, seine Angst melden sich laut. Doch vor Gott hat dieses alte Leben sein gesetzliches Recht verloren. Glauben heißt, sich diesem Urteil anzuschließen. „Denn durch Gnade seid ihr gerettet worden, durch den Glauben, und dies nicht aus euch; Gottes Gabe ist es“ (Epheser 2:8). Was aus Gnade geschenkt ist, darf nicht wieder in ein Programm asketischer Selbstverbesserung zurückverwandelt werden.
In Ihm seid ihr auch beschnitten worden mit einer Beschneidung, die nicht mit Händen gemacht ist, in dem Ausziehen des Leibes des Fleisches, in der Beschneidung Christi, (Kol. 2:11)
da ihr zusammen mit Ihm begraben wurdet in der Taufe, in der ihr auch zusammen mit Ihm auferweckt wurdet durch den Glauben an die Wirkkraft Gottes, der Ihn von den Toten auferweckt hat. (Kol. 2:12)
Wo das Herz sich daran erinnert, dass die entscheidende Beschneidung am Kreuz bereits geschehen ist, verlieren fromme Selbstquälerei und asketischer Druck ihren Glanz – an ihre Stelle tritt eine dankbare Bereitschaft, im Vertrauen auf das vollbrachte Werk Christi im neuen Leben zu gehen.
Herr Jesus Christus, Du bist die Fülle der Gottheit in Menschengestalt und in Dir hast Du uns bis zum Rand erfüllt. Danke, dass in Dir nichts mehr fehlt und dass Dein vollbrachtes Werk stärker ist als unsere wechselnden Gefühle und Erfahrungen. Vater, Du hast unser altes Leben am Kreuz in Christus beschnitten und beiseitegesetzt und uns in seiner Auferstehung ein neues, göttliches Leben geschenkt. Lass diese Wahrheit in unseren Herzen tiefer wurzeln, damit Angst, Minderwertigkeit und religiöser Leistungsdruck ihre Macht verlieren und Vertrauen, Ruhe und Freude an Dir wachsen. Heiliger Geist, stärke den Glauben, der sich an Christus festhält, und erinnere uns daran, dass wir in Ihm reich, sicher und endgültig angenommen sind. Aus Deiner Fülle wollen wir leben, bis Deine Freiheit und Heiligkeit in unserem Alltag sichtbar wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Colossians, Chapter 22