Das Wort des Lebens
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Nicht von Christus wegbetrogen und weggeführt werden

11 Min. Lesezeit

Manche Christen lassen sich von beeindruckenden Lehren, frommen Traditionen oder besonders geistlich wirkenden Personen faszinieren – und merken erst spät, dass sie innerlich von Christus weggerückt sind. Die Bibel beschreibt eine geistliche Entwicklung vom ersten Erleben der Erlösung bis hin zu einem gefestigten Leben in der Fülle Christi. Gerade dort, wo das Leben mit dem Herrn reifer und stabiler wird, ist die Gefahr groß, durch scheinbar biblische oder ethisch hochstehende Lehren von der Mitte, Christus selbst, abgezogen zu werden.

Christus als unser gutes Land – Ziel und Schutz unseres Glaubens

Wenn die Schrift Christus mit dem guten Land verbindet, öffnet sich ein weiter Horizont. Erlösung ist nicht der Schlusspunkt, sondern der Anfang eines großen Betretens. In Ägypten stand das Passahlamm am Anfang des Weges: das Blut schützte vor dem Gericht, das Fleisch stärkte für den Auszug. In der Wüste war Manna die tägliche, zarte Zuwendung Gottes, die Sein Volk durch einen kargen Zwischenraum trug. Doch das Ziel blieb das gute Land – nicht nur ein sicherer Ort, sondern ein Raum überfließender Fruchtbarkeit, aus dem der Tempel gebaut wurde, ein festes Haus Gottes mitten unter Seinem Volk. So zeichnet Gott einen Bogen: vom rettenden Blut über die tragende Speise hin zu einem bewohnten Raum, in dem Seine Gegenwart eine bleibende Gestalt gewinnt.

Nach der Typologie genossen die Kinder Israels Christus in drei Stufen: in Ägypten, in der Wüste und im guten Land. Das in Ägypten genossene Passah diente nicht nur zu ihrer Erlösung, sondern stärkte sie auch, damit sie aus Ägypten ausziehen konnten. In der Wüste wurde Gottes Volk durch Manna erhalten; das befähigte sie, die Stiftshütte Gottes zu bauen und sie als Zeugnis zu tragen. Nachdem die Kinder Israels in das gute Land gekommen waren, begannen sie, den reichen Ertrag des Landes zu genießen. Dieser Ertrag machte es ihnen möglich, den Tempel für ein festeres Zeugnis zu bauen. Nach dem Typus gesprochen ist der Tempel im guten Land der Mittelpunkt von Gottes Vorsatz auf der Erde. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft einundzwanzig, S. 175)

Im Licht des Neuen Testaments wird Christus in dieser Bewegung zu unserem ganzen Lebensraum. Paulus spricht davon, dass der Vater uns „tüchtig gemacht [hat] zum Anteil am Erbe der Heiligen im Licht“ (Kol. 1:12). Christus ist nicht nur das Opfer, das wir empfingen, und nicht nur die Speise, die wir täglich brauchen; Er ist das „Erbe“, das Land, in das wir versetzt wurden. Wenn es heißt: „Wie ihr den Christus, Jesus, den Herrn, empfangen habt, so wandelt in Ihm“ (Kol. 2:6), dann wird deutlich: Wir gehen nicht neben Ihm her, wir bewegen uns in Ihm, wie jemand, der in einem Land lebt – atmend, arbeitend, ruhend innerhalb seiner Grenzen.

Für eine Gemeinde bedeutet das einen Unterschied wie zwischen einem Zelt und einem Tempel. Wo Christus fast ausschließlich als Vergebung der Sünden und als gelegentliche Hilfe in der Not bekannt ist, gleicht das geistliche Leben einem provisorischen Lager. Gott ist da, aber vieles bleibt improvisiert, leicht verschiebbar, abhängig von Stimmungen und äußeren Umständen. Wenn Christus jedoch als gutes Land erfahren wird, entsteht etwas Tempelartiges: eine klare Mitte, eine tragfähige Ordnung, ein Zusammenklang vieler Glieder, die aus demselben Reichtum leben. Dann ist Christus nicht nur Thema von Predigten, sondern Boden unter den Füßen und Luft zum Atmen.

Gerade darin liegt ein tiefer Schutz vor Täuschung. Täuschung setzt am Rand an: sie will den Blick von der Mitte wegziehen, Nebenwege interessant machen, Schwärmereien oder Ängste schüren. Wer aber innerlich verwurzelt und gegründet ist, wer wie ein Baum in diesem Land nach unten wurzelt und nach oben Frucht trägt, lässt sich nicht so leicht versetzen. Es heißt: „damit ihre Herzen getröstet werden und sie in Liebe und zu allem Reichtum der völligen Gewissheit des Verständnisses miteinander verknüpft werden, zur völligen Erkenntnis des Geheimnisses Gottes, Christus“ (Kol. 2:2). Wo Christus so erkannt wird, verliert das Fremde seine Faszination, weil der eigene Boden reich und tragfähig ist.

danksagend dem Vater, der euch tüchtig gemacht hat zum Anteil am Erbe der Heiligen im Licht. (Kol. 1:12)

Darum, wie ihr den Christus, Jesus, den Herrn, empfangen habt, so wandelt in Ihm, (Kol. 2:6)

Wer Christus als gutes Land entdeckt, findet eine innere Stabilität, die nicht von Argumentationskunst, sondern von gelebter Fülle getragen ist. Je mehr der Alltag in Ihm verankert wird – in Seinen Zusagen, Seiner Gegenwart, Seinem Reichtum –, desto weniger Raum bekommen Verunsicherung und religiöse Moden. Das stärkt die eigene Seele und macht zugleich die Gemeinde zu einem Ort, an dem andere erfahren können, wie tragfähig Christus wirklich ist.

Nicht durch nahe liegende Fälschungen von Christus weggeführt werden

Täuschung arbeitet selten mit groben Lügen, sondern mit feinen Ähnlichkeiten. Paulus schreibt: „Dies sage ich aber, damit niemand euch verführe durch überredende Worte“ (Kol. 2:4). Überredende Worte klingen plausibel, sie greifen Sehnsüchte, Ängste und Hoffnungen auf und kleiden sie in religiöse Sprache. Vieles daran wirkt bibelnah, ehrwürdig, moralisch beeindruckend. Gerade darin liegt ihre Kraft: Man meint, der Wahrheit näherzukommen, und merkt nicht, dass man unmerklich von Christus als Mitte wegrückt.

Damit Gläubige verführt werden können, muss etwas benutzt werden, das der Wahrheit sehr nahekommt, um sie zu täuschen. So sind zum Beispiel Falschgeld oder gefälschte Schecks betrügerisch, weil ihr Aussehen dem der echten Dinge sehr ähnlich ist. Menschen würden niemals durch Geld oder Schecks getäuscht werden, die offensichtlich falsch sind. In gleicher Weise wurden die Kolosser durch Beobachtungen und Praktiken getäuscht, die der Erfahrung von Christus sehr nahe waren. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft einundzwanzig, S. 176)

So können asketische Praktiken, ethische Programme oder traditionelle Bräuche dem äußeren Anschein nach sehr geistlich wirken. Auch biblische Themen – Sabbat, Speisegebote, bestimmte Formen von Gottesdienst oder Taufauslegung – können aus ihrem Verhältnis zu Christus herausgelöst und zu Prüfsteinen gemacht werden. Paulus sagt über Feste, Neumonde und Sabbate: „die ein Schatten der zukünftigen Dinge sind, der Körper aber ist des Christus“ (Kol. 2:17). Sobald der Schatten die Aufmerksamkeit stärker bindet als der Körper, ist die Reihenfolge vertauscht. Dann dient Christus nicht mehr als lebendige Mitte, sondern wird zu einem Randbegriff in einem System von Forderungen und Leistungen.

Die Antwort des Apostels ist nicht eine neue, ausgefeiltere Lehre, sondern der Hinweis auf die Fülle, die in Christus selbst ruht. Er möchte die Gläubigen führen „zur völligen Erkenntnis des Geheimnisses Gottes, Christus, in welchem alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen sind“ (Kol. 2:2–3). Es gibt keine geistliche Einsicht, keine echte Reife, keinen bleibenden Trost außerhalb dieser Person. Alle Themen, alle Auslegungen, alle Formen von Spiritualität stehen unter dieser Frage: führen sie tiefer in die Begegnung mit Christus hinein, oder werden sie zu einer Ersatzmitte, die subtil die Aufmerksamkeit auf sich selbst zieht?

Wer Christus so kennenlernt, gewinnt einen feinen inneren Maßstab. Nicht jede eindrucksvolle Predigt, nicht jede „neue Entdeckung“ in der Bibel, nicht jede strenge Praxis trägt den Duft der Gegenwart des Herrn. Man spürt, ob etwas dazu dient, Christus als Leben, als Gnade, als lebendiges Haupt zu vermitteln, oder ob es unterschwellig den Menschen, seine Leistung, sein Sonderwissen in den Mittelpunkt rückt. Dieses Unterscheidungsvermögen wächst nicht in der Distanz, sondern in der Nähe: je vertrauter Christus wird, desto fremder wirkt das, was Ihn ersetzt.

Dies sage ich aber, damit niemand euch verführe durch überredende Worte. (Kol. 2:4)

die ein Schatten der zukünftigen Dinge sind, der Körper aber ist des Christus. (Kol. 2:17)

Je klarer Christus als Mitte des Glaubens vor Augen steht, desto weniger Raum bleibt für scheinbar fromme Ersatzmitten. Ein Herz, das sich an Ihm orientiert und seine Schätze in Ihm sucht, wird nicht so leicht von eindrucksvollen, aber hohlen Lehren eingefangen. Statt in Angst vor Täuschung zu leben, darf es in der Dankbarkeit ruhen, dass alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis in Christus zu finden sind – und dass dieser Christus uns nahe gekommen ist.

Bewahrt vor Gefangenschaft: nach Christus und nicht nach Menschenordnung leben

Wo Täuschung nicht erkannt und abgewiesen wird, führt sie weiter. Paulus zeichnet diesen Weg nüchtern nach: „Hütet euch, dass niemand euch als Beute wegführe durch seine Philosophie und leeren Betrug gemäß der Überlieferung der Menschen, gemäß den Elementen der Welt und nicht Christus gemäß“ (Kol. 2:8). Das Bild ist drastisch: Menschen, die einst frei gemacht wurden, werden wie Beute weggetragen, eingefangen in gedanklichen Systemen und religiösen Mustern, die eine eigene Logik besitzen, aber nicht von der Offenbarung Gottes ausgehen. Philosophie, Überlieferung, Elemente der Welt – sie können geordnet, respektabel, altbewährt erscheinen und doch eine Gefangenschaft begründen.

In Vers 8 fährt Paulus fort: „Seht zu, dass niemand euch als Beute wegführe durch die Philosophie und leeren Betrug.“ Der erste Schritt, wie in Vers 4 zu sehen, ist, verführt zu werden; der zweite Schritt, wie in Vers 8 zu sehen, ist, als Beute weggeführt zu werden. Das Wort „Beute“ bedeutet hier nicht, Schaden zuzufügen, sondern eine Beute oder ein Gefangener zu sein. Diejenigen, die als Beute weggeführt werden, werden in die Gefangenschaft weggeführt. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft einundzwanzig, S. 182)

Der entscheidende Prüfstein liegt in der kleinen Wendung „nicht Christus gemäß“. Viele Dinge sind „christlich angehaucht“, greifen biblische Begriffe auf, berufen sich auf Tradition und Erfahrung, und doch sind sie nicht Christus gemäß, weil sie an Ihm vorbeigehen oder Ihn funktionalisieren. „Christus gemäß“ leben heißt mehr, als sich auf Sein Vorbild zu berufen. Es bedeutet, Ihn in der Tiefe des eigenen Daseins als Leben zu kennen. Paulus spricht schlicht, aber gewichtig: „Wenn Christus, unser Leben, offenbar gemacht wird, dann werdet auch ihr zusammen mit Ihm in Herrlichkeit offenbar gemacht werden“ (Kol. 3:4). Nicht eine Idee, nicht ein System, sondern eine lebendige Person ist die Quelle.

Diese innere Quelle beschreibt er weiter, wenn er von dem Geheimnis spricht, „welches ist: Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit“ (Kol. 1:27). Wo dieser Christus in uns wohnt, entsteht eine andere Art von Orientierung. Entscheidungen, Glaubensüberzeugungen, geistliche Prägungen werden nicht mehr in erster Linie aus dem Druck von außen oder der Autorität menschlicher Überlieferung gestaltet, sondern aus der Gemeinschaft mit Ihm. Dann werden auch kirchliche Traditionen, kulturelle Gewohnheiten und theologische Schulen nicht einfach verworfen, aber sie werden geprüft: dienen sie dazu, den inwohnenden Christus zur Geltung zu bringen, oder stellen sie etwas an Seine Stelle?

Bewahrung geschieht so nicht primär durch scharfe Auseinandersetzung, sondern durch ein Leben, das in Christus verwurzelt ist. Paulus fasst es zusammen: „Wie ihr den Christus, Jesus, den Herrn, empfangen habt, so wandelt in Ihm, gewurzelt und aufgebaut in Ihm und befestigt im Glauben, so wie ihr gelehrt worden seid, indem ihr überreich seid in Danksagung“ (Kol. 2:6–7). Wer in Ihm verwurzelt ist, entwickelt eine geistliche Widerstandskraft gegen Gedankenströme, Moden und Strömungen, ohne bitter oder ängstlich zu werden. Die Wurzeln reichen tiefer als die Wellen hoch schlagen.

Hütet euch, dass niemand euch als Beute wegführe durch seine Philosophie und leeren Betrug gemäß der Überlieferung der Menschen, gemäß den Elementen der Welt und nicht Christus gemäß; (Kol. 2:8)

Wenn Christus, unser Leben, offenbar gemacht wird, dann werdet auch ihr zusammen mit Ihm in Herrlichkeit offenbar gemacht werden. (Kol. 3:4)

Ein Leben „Christus gemäß“ entsteht nicht aus Abgrenzung als Selbstzweck, sondern aus der beständigen Hinwendung zu Ihm als unserem Leben. Wer lernt, Entscheidungen, Überzeugungen und Gewohnheiten vor Ihm zu durchdenken, findet Schritt für Schritt in eine Freiheit, die kein philosophisches System und keine Tradition geben kann. Diese Freiheit bleibt nüchtern, aber sie ist durchzogen von Dankbarkeit: Christus in uns – das ist mehr als genug, um in einer verwirrten Zeit aufrecht und hoffnungsvoll zu bleiben.


Herr Jesus Christus, danke, dass Du nicht nur unser Passahlamm und unser Manna bist, sondern unser gutes Land, in dem wir sicher und reich leben dürfen. Stärke in uns die klare Sicht, dass alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis in Dir verborgen sind, damit keine noch so fromme Tradition und keine noch so kluge Philosophie uns von Dir wegziehen kann. Lehre uns, Dich täglich als unser Leben, unser Haupt und unsere Hoffnung der Herrlichkeit zu erfahren, damit unser inneres Fundament fest wird und wir nicht als Beute weggetragen werden. Fülle unser Denken, unsere Entscheidungen und unser Gemeindeleben so mit Dir selbst, dass jede Täuschung offenbar wird und Deine Wahrheit uns freimacht. Bewahre uns in Deiner Gnade und lass uns in Deinem Frieden und in der Freude an Dir vorangehen. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Colossians, Chapter 21

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