Das Wort des Lebens
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Die Ökonomie von Gottes Errettung

12 Min. Lesezeit

Viele Christen leben mit einem vagen Gefühl, sie müssten Gottes Gesetz noch ein Stück besser erfüllen oder sich an geistlichen „Hilfswesen“ orientieren, um Gott nahe zu sein. Gleichzeitig spricht das Neue Testament von einer gewaltigen Wende am Kreuz, durch die Gott selbst alles aus dem Weg geräumt hat, was zwischen ihm und seinen Auserwählten steht. Wer diese Linie nicht erkennt, bleibt leicht in religiösen Anforderungen oder einer frommen Bewunderung des Übernatürlichen stecken, statt die Freiheit von Gottes Errettung zu schmecken.

Mit Christus lebendig gemacht

Wenn Paulus schreibt: „Und euch, obwohl ihr in euren Verfehlungen und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches tot wart, hat Er zusammen mit Ihm lebendig gemacht“ (Kol. 2:13), beschreibt er keinen äußerlichen Mangel, sondern einen Zustand im Innersten des Menschen. Tot sein in den Verfehlungen heißt: getrennt von Gott, ohne Resonanz für Ihn, innerlich stumpf gegenüber Seinem Reden. Vielleicht ist nach außen hin vieles in Bewegung, Entscheidungen, Aktivitäten, sogar Religiosität – aber im Geist ist es wie in einem dunklen, verschlossenen Raum. Gottes Errettung setzt genau dort an. Er beginnt nicht an der Oberfläche, indem Er den Toten bessere Gewohnheiten beibringt, sondern Er weckt den Toten auf. Was in der Auferstehung Jesu objektiv geschehen ist, wird persönlich, wenn Gott Sein eigenes Leben in einen Menschen hineinlegt. Darum preist Petrus Gott: „der uns nach Seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten“ (1.Petr. 1:3). Wiedergeburt ist kein frommer Aufbruch zu neuen Vorsätzen, sondern das Einbrechen einer anderen Lebensqualität in ein bisher von Tod geprägtes Inneres.

Das Wort „tot“ bezieht sich hier auf das Totsein im Geist aufgrund der Sünde. Wir, die wir einst tot waren in den Vergehungen und in der Unbeschnittenheit des Fleisches, sind zusammen mit Christus lebendig gemacht worden. Das bedeutet, dass Gott uns in der Auferstehung Christi mit dem göttlichen Leben belebt hat. Was in der Auferstehung Christi vollbracht wurde (1.Petr. 1:3), erfahren wir durch unseren Glauben. Der erste Aspekt in der Ökonomie von Gottes Errettung ist, dass Er uns zusammen mit dem auferstandenen Christus lebendig gemacht hat. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft dreiundzwanzig, S. 196)

Mit Christus lebendig gemacht zu werden bedeutet, in die Wirklichkeit Seiner Auferstehung hineingezogen zu werden. Der lebengebende Geist nimmt Wohnung im Menschen, der an Christus glaubt, und plötzlich meldet sich im Herzen etwas, das vorher nicht da war: ein Verlangen nach Gott, ein Schmerz über Sünde, aber zugleich ein Trost in Seiner Nähe. Wo früher nur Starre, Zynismus oder eine dumpfe Schuldatmosphäre war, beginnt ein neues Pulsieren – still, oft unspektakulär, aber real. Aus dieser inneren Lebendigmachung entspringt alles Weitere: Wachstum im Leben bis zur Reife, Nachfolge, Dienst, Bereitschaft zum Gehorsam. In der Ökonomie von Gottes Errettung ist dieser erste Schritt nicht nur der Anfang, sondern das tragende Zentrum: Gott vereint uns mit dem auferstandenen Christus, damit Sein Leben unser Leben wird. Wer das im Glauben ergreift, darf sich immer wieder daran erinnern: Das Entscheidende in meinem Christsein ist nicht, was ich aus mir mache, sondern dass ich mit Christus lebendig gemacht bin. Aus dieser geschenkten Lebendigkeit erwächst die stille Zuversicht, dass Gott mit dem begonnenen Werk auch weitergehen und es vollenden wird.

Und euch, obwohl ihr in euren Verfehlungen und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches tot wart, hat Er zusammen mit Ihm lebendig gemacht, nachdem Er uns all unsere Verfehlungen vergeben hat (Kol. 2:13)

auch uns, als wir in den Verfehlungen tot waren, zusammen mit Christus lebendig gemacht (durch Gnade seid ihr gerettet worden) (Eph. 2:5)

Wenn Gottes Errettung damit beginnt, dass Er uns mit Christus lebendig macht, dann liegt die Würde und Ruhe unseres Glaubenslebens darin, dieses geschenkte Leben zu achten. Nicht der Druck, uns selbst zu verändern, steht im Vordergrund, sondern die Aufmerksamkeit für das, was der lebengebende Geist in uns regt. In Erschöpfung, Versagen oder innerer Trockenheit dürfen wir uns darauf besinnen: Ich bin nicht mehr in den Verfehlungen tot, ich bin in Christus lebendig gemacht. Diese Erinnerung löst nicht alle Fragen, aber sie schenkt einen tragenden Grund unter den Füßen und ermutigt, immer wieder aus der Vereinigung mit dem auferstandenen Herrn zu leben – im Vertrauen, dass Sein inwendiges Leben mehr Ausdauer, mehr Kraft und mehr Zukunft hat als unsere wechselhaften Gefühle.

Das Gesetz ans Kreuz genagelt

Paulus zeichnet in wenigen Worten eine gewaltige Szene: „und die gegen uns gerichtete Handschrift in Verordnungen, die gegen uns sprach, ausgelöscht hat; und Er hat sie aus dem Weg geräumt, indem Er sie ans Kreuz nagelte“ (Kol. 2:14). Hinter der „Handschrift“ steht das geschriebene Gesetz als Rechtsdokument – ein System von Geboten, Ritualen und Formen, das uns unablässig spiegelte, was wir sein sollten, ohne uns die Kraft zu geben, es zu werden. Die Verordnungen des Gesetzes sprachen gegen uns: Sie machten Schuld sichtbar, aber sie konnten sie nicht wegnehmen. In der Ökonomie von Gottes Errettung bleibt Gott nicht bei einer Diagnose stehen, so präzise sie auch sein mag; Er schafft das ganze System der Anklage rechtlich beiseite, indem Er es mit Christus ans Kreuz bringt. Das, was uns mit Recht verurteilte, wird an Christus vollstreckt, damit der Schuldbrief nicht mehr in unseren Händen, sondern am Kreuz hängt.

In Vers 14 fährt Paulus fort: „Wischend aus die Handschrift in Satzungen, die gegen uns war, die gegen uns war; und Er hat sie aus der Mitte weggenommen, indem Er sie ans Kreuz nagelte.“ Das gr. Wort, das mit „wischend aus“ wiedergegeben wird, kann auch mit auslöschend, vernichtend, tilgend oder aufhebend (einen Gesetzesbeschluss) übersetzt werden. Das gr. Wort, das mit „Handschrift“ wiedergegeben wird, bezeichnet ein Rechtsdokument, eine Schuldurkunde. Hier bezieht es sich auf das geschriebene Gesetz. Die Satzungen, oder Verordnungen, beziehen sich auf das zeremonielle Gesetz mit seinen Ritualen, den Formen oder Weisen des Lebens und der Anbetung. Diese Satzungen hat Gott aus dem Weg geräumt, indem Er sie ans Kreuz nagelte. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft dreiundzwanzig, S. 196)

Damit wird eine Form von Frömmigkeit entlarvt, die auf subtile Weise immer wieder zurückkehrt: die Hoffnung, durch das gewissenhafte Einhalten bestimmter Tage, Regeln oder religiöser Formen vor Gott besser dazustehen. Paulus nennt im selben Zusammenhang Verordnungen wie „Berühre nicht, koste nicht, betaste nicht!“ (Kol. 2:21) und zeigt, dass sie zu Dingen gehören, „die alle zur Zerstörung durch den Gebrauch bestimmt sind nach den Geboten und Lehren der Menschen“ (Kol. 2:22). Gottes Ziel ist nicht, uns aus einem alten Gesetzessystem in ein neues, frommeres zu versetzen, sondern uns in eine Beziehung zu führen, die vom inwendigen Leben geprägt ist. So heißt es über Christus, dass Er „in Seinem Fleisch das Gesetz der Gebote in Verordnungen außer Kraft setzte“ (Eph. 2:15), um einen neuen Menschen zu schaffen. Frömmigkeit im Sinne des Evangeliums ist darum nicht das angespannte Bemühen, Anforderungen zu erfüllen, sondern das vertrauensvolle Leben aus der Freiheit derer, deren Schuldbrief vernichtet wurde. Wer so vor Gott steht, ist eingeladen, nicht mehr unter dem drohenden Blick eines Gesetzes zu leben, sondern unter dem gütigen Blick des Vaters, der uns in Christus angenommen hat.

Gerade hier gewinnt der Alltag an Leichtigkeit. Wenn der Maßstab des Gesetzes nicht länger wie eine ständige Forderung über uns hängt, kann Liebe reifen, die nicht aus Angst vor Strafe, sondern aus Dankbarkeit und Antwort auf Gnade entspringt. Dann werden auch geistliche Übungen – Gebet, Schriftlesung, gemeinschaftliches Leben – nicht zu Mitteln der Selbstrechtfertigung, sondern zu Räumen, in denen das bereits geschenkte Leben sich entfalten darf. In der Erinnerung daran, dass der Schuldbrief ans Kreuz genagelt ist, liegt eine stille Befreiung: Wir sind nicht mehr die Angeklagten vor einem unnahbaren Richter, sondern Kinder im Haus des Vaters. Diese Gewissheit nimmt dem Herzen die Härte und öffnet es für eine Frömmigkeit, die warm, wahrhaftig und von innen her getragen ist.

und die gegen uns gerichtete Handschrift in Verordnungen, die gegen uns sprach, ausgelöscht hat; und Er hat sie aus dem Weg geräumt, indem Er sie ans Kreuz nagelte. (Kol. 2:14)

Berühre nicht, koste nicht, betaste nicht! (Kol. 2:21)

Wenn Gott das Gesetz als System der Anklage ans Kreuz genagelt hat, darf auch unser innerer Umgang mit uns selbst und mit anderen verändert werden. Der Ton der permanenten Selbstverurteilung, das heimliche Messen mit starren Maßstäben, verliert seine scheinbare Berechtigung, weil der wahre Schuldbrief nicht mehr in unserer Hand liegt. Das macht nicht leichtfertig gegenüber Sünde, sondern tiefer dankbar für Vergebung und hungriger nach einem Leben, das aus Gnade geformt ist. Aus dieser Perspektive kann Frömmigkeit zu einer freieren, freudigeren Wirklichkeit werden: Wir leben nicht länger, um uns vor Gott zu beweisen, sondern weil wir in Christus schon angenommen sind. Diese Annahme schafft Raum zum Atmen, zum Wachsen und zum Neuanfang – auch dort, wo wir immer wieder an unsere Grenzen stoßen.

Die Mächte entwaffnet – Raum für Gottes Leben

Über der Szene des Kreuzes lag menschlich gesehen Schmach und Ohnmacht. Paulus aber öffnet den Blick für das Unsichtbare: „Indem Er die Fürsten und die Gewalten abstreifte, stellte Er sie öffentlich zur Schau und triumphierte in ihm über sie“ (Kol. 2:15). Die „Fürsten und Gewalten“ sind jene unsichtbaren Herrschaften, die Menschen binden, ängstigen und von Gott wegziehen wollen. In der Kreuzigung Jesu versuchen sie, Gottes Heilsplan zu stoppen; Gott aber benutzt gerade diesen Ort äußerster Schwachheit als Bühne Seines Sieges. Das Bild des „Abstreifens“ beschreibt, wie Christus die feindlichen Mächte gleichsam wie ein Kleid von sich löst und entwaffnet. Was uns einschüchtern, knechten oder in okkulte Faszination ziehen möchte, hat am Kreuz seine entscheidende Niederlage erlitten.

In Vers 15 fährt Paulus fort: „Indem Er die Herrschaften und die Gewalten auszog, stellte Er sie öffentlich zur Schau, indem Er durch dasselbe über sie triumphierte.“ … Die Herrschaften und Gewalten, von denen in diesem Vers gesprochen wird, sind die Engelherrschaften und -gewalten. Wegen der häretischen Lehre des Engelgottesdienstes in Kolossä bezieht sich die Stelle hier auf die bösen Engel. … Dadurch blieb Christus als der einzige Mittler, der das Haupt jeder Herrschaft und Gewalt ist (V. 10). Dies tötet die Irrlehre des Engelgottesdienstes. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft dreiundzwanzig, S. 197)

Damit wird deutlich, warum in der Ökonomie von Gottes Errettung kein Platz für die Verehrung oder Anrufung geistlicher Mächte bleibt. Paulus betont im gleichen Zusammenhang, dass Christus das Haupt jeder Herrschaft und Gewalt ist (Kol. 2:10) und warnt davor, sich „um den Kampfpreis von jemandem bringen zu lassen … in Demut und Anbetung der Engel“ (Kol. 2:18). Alle Vermittlerfiguren, alle Zwischeninstanzen, ob religiös verbrämt oder spirituell verkleidet, werden durch das Kreuz relativiert: Es bleibt der eine Mittler, der gekreuzigte und auferstandene Christus. Gottes Ziel ist nicht, uns in einen ständigen Ausnahmezustand des geistlichen Kampfes zu versetzen, sondern einen freien, friedlichen Raum zu schaffen, in dem Sein Volk ohne lähmende Angst vor unsichtbaren Mächten leben kann. Indem Er das Gesetz als Anklagesystem beseitigt und die feindlichen Kräfte entwaffnet, schafft Er eine Atmosphäre, in der Sein Leben ungehindert fließen darf.

Für den Glaubenden heißt das: Die Mitte des christlichen Lebens liegt nicht im dauernden Kreisen um finstere Mächte, sondern im ruhigen Vertrauen auf den bereits vollbrachten Sieg Christi. Die Wirklichkeit des geistlichen Kampfes wird nicht geleugnet, aber sie verliert ihren Schrecken, weil der Ausgang feststeht. Wer sich unter das Haupt, Christus, stellt, darf damit rechnen, „erfüllt worden in Ihm“ zu sein (Kol. 2:10) und aus dieser Fülle heraus zu leben. Der Raum, den Gott uns in Seiner Errettung bereitet, ist kein enger Käfig, sondern ein weiter Platz: frei von Anklage, frei von der Herrschaft dunkler Mächte, durchzogen vom Wirken des lebengebenden Geistes. In dieser Freiheit kann das Gemeindeleben zu einem Ort werden, an dem nicht Angst oder Druck dominieren, sondern ein stiller Mut und eine wachsende Gelassenheit, gegründet auf den Triumph des Kreuzes.

So bekommt auch unser persönlicher Weg eine neue Farbe. Erfahrungen von Bedrängnis, Versuchung oder innerem Widerstand müssen nicht das letzte Wort behalten. Im Licht des Kreuzes dürfen sie ihren übergroßen Schatten verlieren, weil sie eingebettet sind in den Sieg dessen, der die Mächte entwaffnet hat. Das nimmt der Wirklichkeit des Ringens nichts, aber es schenkt einen anderen Grundton: nicht Panik, sondern Zuversicht; nicht Fixierung auf das Dunkle, sondern Ausrichtung auf das Haupt, das über allen Mächten steht. Wer diesen Raum des Friedens als Geschenk Gottes annimmt, wird entdecken, dass gerade die stille Gewissheit des Sieges am Kreuz neue Kraft weckt, dem Herrn treu zu sein – mitten in einer Welt, in der vieles nach wie vor umkämpft ist.

Indem Er die Fürsten und die Gewalten abstreifte, stellte Er sie öffentlich zur Schau und triumphierte in ihm über sie. (Kol. 2:15)

und ihr seid erfüllt worden in Ihm, der das Haupt jeder Herrschaft und Gewalt ist. (Kol. 2:10)

Wenn Christus die Fürsten und Gewalten entwaffnet hat, dann ist das Herz eingeladen, nicht im Bann der Angst, sondern in der Atmosphäre Seines Sieges zu leben. Das bedeutet nicht, geistliche Herausforderungen zu verharmlosen, wohl aber, ihnen mit erhobenem Haupt zu begegnen – im Bewusstsein, dass der entscheidende Kampf nicht mehr aussteht, sondern entschieden ist. In dieser Gewissheit kann Vertrauen wachsen, das nicht bei Mächten und Bedrohungen stehenbleibt, sondern sich an Christus als dem Haupt jedes Machtbereichs festmacht. Solch ein Vertrauen schenkt Ruhe, auch wenn vieles unruhig ist, und lässt den Alltag zu einem Raum werden, in dem Gottes Leben sich entfalten kann: leise, beharrlich und stärker als jede Kraft, die dagegensteht.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Colossians, Chapter 23

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