Jeden Menschen vollreif in Christus darstellen
Viele Gläubige verbinden Glauben vor allem mit Vergebung und einem neuen Anfang, bleiben innerlich aber oft auf einem geistlichen Kinderstadium stehen. Paulus jedoch lebte und diente mit einem viel weiter reichenden Ziel: Menschen sollten nicht nur gerettet, sondern in Christus zur ganzen Reife geführt werden. Wer dieses Ziel erfasst, sieht Evangelisation, Lehre und Gemeindeleben mit neuen Augen und erkennt, dass Gottes Herz viel mehr sucht als nur fromme Einzelne – er sehnt sich nach einem ausgereiften Leib Christi.
Christus als Anteil der Heiligen – Reife aus gelebter Gemeinschaft
Wenn Paulus von Christus als dem Anteil der Heiligen spricht, zeichnet er kein abstraktes Bild, sondern beschreibt eine Lebenswirklichkeit. In Kolosser 1 heißt es, Gott wolle bekannt machen, „was der Reichtum der Herrlichkeit dieses Geheimnisses unter den Heiden ist, welches ist: Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit“ (Kol. 1:27). Christus ist nicht nur ein Beispiel vor uns, sondern eine Person in uns, unser inneres Feld, unser „gutes Land“. So wie Israel nicht schon dadurch genährt wurde, dass es vom Land Kanaan hörte, werden wir nicht reif, indem wir nur über Christus reden. Reife wächst dort, wo wir dieses Land tatsächlich betreten: wenn wir lernen, aus Christus zu leben, uns von ihm bestimmen zu lassen, unsere Entscheidungen, Reaktionen und Prioritäten in seinem Licht zu treffen.
Wenn wir nicht erfahren, was es heißt, durch Christus zu leben, können wir niemand anderem helfen, durch Christus zu leben. Wenn wir jedoch in unserem täglichen Leben Christus leben, Christus wachsen lassen und Christus hervorbringen, werden wir, sobald wir mit anderen in Berührung kommen, ganz spontan Christus in sie hinein einflößen. Je mehr wir Christus als unser Leben und als unsere Person nehmen, desto mehr werden wir fähig sein, anderen Christus darzureichen. Wenn wir solche geworden sind, die Christus erfahren und durch Ihn leben, werden wir andere dazu beeinflussen, dasselbe zu tun. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft sechzehn, S. 134)
Dieses Leben aus Christus geschieht unscheinbar und alltäglich. Paulus sagt in Galater 2:20, „nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir“. In dieser Spannung lebt jeder Glaubende: natürlich erleben wir unser eigenes Denken und Fühlen, und zugleich ist in diesem menschlichen Gefäß ein anderes Leben wirksam. Wenn wir in Situationen hineinhorchen, was der inwohnende Christus meint, wenn wir uns seinem Frieden fügen, statt nur spontan zu reagieren, beginnt unser Inneres, von ihm gesättigt zu werden. Dann wird Christus nicht nur unser Retter, sondern unsere Person. In einer solchen Atmosphäre, die von Christus durchdrungen ist, werden Begegnungen mit anderen zu unscheinbaren Kanälen, durch die er selbst hindurchströmt.
Wer Christus so als Anteil empfängt, wird mit der Zeit geistlich transparent. Das Leben wird weniger von Selbstbehauptung und mehr von innerer Abhängigkeit geprägt. Es ist bemerkenswert, wie unscheinbar Paulus von seinem Dienst spricht: „Mir, dem Allergeringsten von allen Heiligen, ist diese Gnade gegeben worden“ (Eph. 3:8). Je mehr jemand aus Christus lebt, desto weniger muss er sich selbst inszenieren. In Gesprächen, im gemeinsamen Gebet, in Konflikten ist dann spürbar: Hier arbeitet nicht bloß ein starker Wille, sondern hier trägt eine andere, stille Kraft. In solch gelebter Gemeinschaft mit Christus reifen Menschen, ohne ständig an ihrer Reife zu messen – sie wachsen, weil sie essen, nicht weil sie ihren Wuchs kontrollieren.
Das Bild vom guten Land aus 5. Mose ist hier tröstlich. Israel lernte dieses Land Schritt für Schritt kennen: zunächst als Verheißung, dann als Kampfgebiet, schließlich als Quelle von Nahrung und Ruhe. Ebenso führen uns die Wege Gottes in Situationen, in denen Christus unser Trost, unsere Weisheit, unsere Geduld, unsere Freude sein will. Wenn wir uns in diesen Situationen auf ihn stützen, wird etwas in uns gefestigt. Unser inneres Klima verändert sich: Statt innerer Trockenheit wird da ein Vorrat an Gnade, statt nervöser Hast eine verborgene Ruhe. Und aus dieser Atmosphäre heraus geschieht das, wovon Kolosser 1:28 spricht: „den wir verkünden, indem wir jeden Menschen zurechtweisen und jeden Menschen in aller Weisheit lehren, damit wir jeden Menschen gereift in Christus darstellen“ – wir werden Menschen, durch die andere einen lebendigen Christus berühren.
denen Gott bekannt machen wollte, was der Reichtum der Herrlichkeit dieses Geheimnisses unter den Heiden ist, welches ist: Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit, (Kol. 1:27)
Ich bin mit Christus gekreuzigt; und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir; und das Leben, das ich jetzt im Fleisch lebe, das lebe ich im Glauben, in dem Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebt und Sich Selbst für mich hingegeben hat. (Gal. 2:20)
Wo Christus nicht bloß ein Thema, sondern unser täglicher Anteil und unsere innere Person wird, beginnt eine stille, aber tiefgreifende Verwandlung: wir werden von innen her von ihm gesättigt, und aus dieser verborgenen Gemeinschaft erwächst eine natürliche Fähigkeit, anderen eben diesen Christus zu vermitteln; so entsteht Reife nicht aus Anstrengung, sondern aus gelebter Gemeinschaft mit ihm.
Die unausforschlichen Reichtümer Christi und der Aufbau der Gemeinde
In Epheser 3 entfaltet Paulus ein erstaunliches Panorama: „Mir, dem Allergeringsten von allen Heiligen, ist diese Gnade gegeben worden, den Heiden den unerforschlichen Reichtum Christi als das Evangelium zu verkünden“ (Eph. 3:8). Er verkündigt nicht nur Vergebung oder eine neue Moral, sondern Reichtum – Christus in seiner Vielfalt als Gnade, Licht, Kraft, Liebe, Weisheit. Diese Reichtümer machen einen Menschen innerlich weit. Er wird nicht kompliziert, sondern klar, nicht arm an inneren Ressourcen, sondern fähig, auch unter Druck aus dem Vorrat Christi zu schöpfen. Man kann freundlich, korrekt und religiös engagiert sein und doch innerlich arm an Christus bleiben; Paulus sieht Reife dort, wo Christus selbst den inneren Raum füllt.
Zweitens: Um jeden Menschen vollgewachsen in Christus darzustellen, müssen wir den unerforschlichen Reichtum Christi für den Aufbau der Gemeinde darreichen, um den ewigen Vorsatz Gottes zu erfüllen (Eph. 3:8–11). Es ist möglich, jemand zu sein, den alle für einen guten Bruder oder eine gute Schwester halten, und dennoch am Reichtum Christi Mangel zu haben. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft sechzehn, S. 134)
Diese Reichtümer sind untrennbar mit der Gemeinde verbunden. Paulus fährt fort, dass durch die Gemeinde „den Fürsten und Gewalten im Himmlischen die mannigfaltige Weisheit Gottes kundgetan werde, nach dem ewigen Vorsatz, den Er in Christus Jesus, unserem Herrn, gefasst hat“ (Eph. 3:10–11). Christus ist reich, aber seine Reichtümer sollen nicht in Einzelbiografien versprengt bleiben; Gott zielt auf einen Leib, auf eine Fülle (Eph. 1:23). In der gelebten Gemeinschaft der Heiligen, im gegenseitigen Teilen, Tragen und Ertragen, gewinnt der Reichtum Christi Gestalt. Was einer im Leiden als Trost Christi erfährt, wird Trost für andere; was eine andere als Weisheit Christi empfängt, wird Licht im Rat der Geschwister. So wird das Leben der Einzelnen in den Aufbau des Ganzen hineingezogen.
Geistliche Reife ist darum nie nur ein persönliches Projekt. Sie steht immer in Beziehung zum Aufbau der Gemeinde. Ein Herz, das mit Christus gesättigt ist, kann nicht dauerhaft isoliert bleiben, ohne zu verarmen. Die Reichtümer Christi werden gerade darin bewahrt und vermehrt, dass sie im Leib weitergegeben werden. Wenn ein Gläubiger eine neue Seite der Gnade Christi entdeckt und diese Erfahrung in der Gemeinde verschlossen hält, trocknet sie mit der Zeit aus. Wird diese Gnade aber im gemeinsamen Leben geteilt, in Gebet, im Gespräch, im praktischen Dienst, beginnen diese Reichtümer zu zirkulieren – und das wird zu einem Schutz gegen Einseitigkeit und Selbsttäuschung.
Dieses Miteinander macht die Gemeinde zur „Fülle dessen, der alles in allem erfüllt“ (Eph. 1:23). Dort, wo viele Gläubige Christus kennen, aber jede und jeder nur seine eigene Spur verfolgt, entsteht kein klarer Ausdruck des Leibes. Doch wo die Reichtümer Christi bewusst auf den Aufbau der Gemeinde hin gelebt werden, verdichten sich die einzelnen Erfahrungen zu einem gemeinsamen Zeugnis. Der Glaube wird nicht nur in Lehrformeln bewahrt, sondern in einem realen Gemeindeleben, in dem Christus der Mittelpunkt ist. Die unausforschlichen Reichtümer Christi und der konkrete Aufbau der Gemeinde gehören so eng zusammen, dass man sie nicht auseinanderreißen kann, ohne den „ewigen Vorsatz Gottes“ zu verfehlen.
Mir, dem Allergeringsten von allen Heiligen, ist diese Gnade gegeben worden, den Heiden den unerforschlichen Reichtum Christi als das Evangelium zu verkünden (Eph. 3:8)
damit jetzt durch die Gemeinde den Fürsten und Gewalten im Himmlischen die mannigfaltige Weisheit Gottes kundgetan werde, nach dem ewigen Vorsatz , den Er in Christus Jesus, unserem Herrn, gefasst hat, (Eph. 3:10-11)
Geistliche Reife bleibt arm, wo sie auf die eigene Biografie begrenzt bleibt; sie entfaltet sich dort, wo die unausforschlichen Reichtümer Christi im gemeinsamen Leben der Gemeinde zirkulieren und in den Aufbau des Leibes hineinfließen – so wird der Einzelne genährt, während Gott zugleich seinem ewigen Vorsatz näherkommt, Christus in einem lebendigen Leib sichtbar zu machen.
Christus und die Gemeinde – das Geheimnis Gottes und das Geheimnis Christi
Paulus spricht von einem „Geheimnis Christi“, das er erkannt und verkündigt hat. In Epheser 3:4 heißt es, dass wir an seinem Brief „mein Verständnis im Geheimnis Christi merken“ können. Dieses Geheimnis ist nicht rätselhaft im Sinne von unverständlich, sondern verborgen und nun enthüllt: der Dreieine Gott hat sich in Christus verkörpert, und in diesem Christus wohnt „die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig“ (Kol. 2:9). Reife beginnt dort, wo Christus nicht mehr nur Gegenstand unseres Denkens ist, sondern Gegenwart, in der wir leben. Wenn ein Mensch lernt, seine Pläne, seine Ängste, seine Schuld nicht mehr allein zu tragen, sondern sie in der Bewusstheit dieser Gegenwart vor Gott zu bewegen, wird seine Beziehung zu Christus persönlich, konkret, tragfähig.
Wir stellen andere vollgewachsen in Christus dar, indem wir das Wort Gottes mit der vollen Offenbarung von Christus und der Gemeinde vollenden (1:25–27). Um andere reif in Christus darzustellen, müssen wir ihnen helfen, die Vollendung des Wortes Gottes in Bezug auf Christus als das Geheimnis Gottes und die Gemeinde als das Geheimnis Christi zu haben. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft sechzehn, S. 136)
Dieser Christus bleibt aber nicht als isolierte Erfahrung in der Einzelperson stehen. Kolosser 1 beschreibt, wie Paulus „nach der Haushalterschaft Gottes … das Wort Gottes … vervollständigen“ soll, nämlich mit der Offenbarung, dass „Christus in euch“ die Hoffnung der Herrlichkeit ist (Kol. 1:25–27). Zugleich zeigt das Neue Testament die Gemeinde als das „Geheimnis Christi“, als seine Ausdrucksgestalt in Raum und Zeit. Christus ist das Geheimnis Gottes – Gott in Menschengestalt; die Gemeinde ist das Geheimnis Christi – Christus im Leib vieler Glieder. Wer Christus erkannt hat, ohne sein Herz zugleich für die Gemeinde zu öffnen, kennt ihn nur halb. Der Herr selbst bindet seine Gegenwart an das Miteinander seiner Jünger: „wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen“ (Matthäus 18:20).
Zwischen innerem Christus-Erkennen und äußerem Gemeindeleben gibt es daher eine innere Wechselwirkung. In der Stille mit Gott lernen wir seine Stimme kennen, seine Korrekturen, seinen Trost. Im Leben der Gemeinde wird geprüft und vertieft, was wir zu hören meinen. Die anderen Glieder des Leibes werden zum Spiegel, zum Korrektiv, zum Mitzeugen der Führung Christi. So bewahrt Gott uns davor, unser subjektives Empfinden mit seinem Willen zu verwechseln. Gleichzeitig wird im gemeinsamen Leben sichtbar, was Christus in Einzelnen gewirkt hat: Geduld, die im Konflikt Bestand hat; Freigebigkeit, die nicht nach Applaus fragt; Versöhnungsbereitschaft, die über Verletzungen hinausgeht. Ohne diesen Raum der Gemeinde bliebe vieles nur fromme Idee.
Der Widersacher Gottes versucht genau diese Verbindung zu lösen. Entweder lenkt er die Aufmerksamkeit allein auf das „Ich und Jesus“, so dass Gemeinde zur Randnotiz wird, oder er macht aus der Gemeinde einen organisatorischen Rahmen ohne inneren Christus-Bezug. In beiden Fällen wird Reife blockiert. Echte Reife entsteht, wenn ein Mensch lernt, mit Christus zu leben und dieses Leben mit Geschwistern zu teilen, die denselben Herrn kennen. Dann wird aus individuellem Wachstum ein gemeinsamer Weg, aus privater Erkenntnis ein geteiltes Licht. Paulus beschreibt das Ziel so: „an der Wahrheit in Liebe festhaltend, in allen Dingen hineinwachsen in Ihn, der das Haupt ist, Christus“ (Eph. 4:15) – hineingewachsen wird in ein Haupt nur, wenn es einen Leib gibt.
woran ihr, wenn ihr es lest, mein Verständnis im Geheimnis Christi merken könnt, (Eph. 3:4)
denn in Ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig, (Kol. 2:9)
Je tiefer Christus als das Geheimnis Gottes das eigene Herz erfüllt und je enger dieses Herz zugleich in das konkrete Leben der Gemeinde hineingestellt wird, desto mehr wächst eine Reife, die nicht auf privater Frömmigkeit oder äußerer Religiosität beruht, sondern auf der lebendigen Verbindung mit dem Haupt und seinem Leib – ein Weg, auf dem niemand allein gehen muss und auf dem Christus selbst die Vollendung unseres Werdens in ihm trägt.
Herr Jesus Christus, danke, dass du nicht nur unsere Schuld getragen hast, sondern in uns wohnst als Hoffnung der Herrlichkeit und Ziel unseres Wachstums. Vertiefe in uns das Verlangen, dich als unseren täglichen Anteil zu kennen, dich zu genießen und dir Raum zu geben, bis dein Leben in uns zur Reife heranwächst. Fülle dein Volk mit den Reichtümern deiner Gnade und baue daraus einen klaren, transparenten Leib, der dich auf dieser Erde sichtbar macht. Schenke, dass unsere Liebe zu dir immer mehr mit der Liebe zu deiner Gemeinde verbunden ist, damit dein ewiger Vorsatz in dieser Zeit Gestalt gewinnt. Stärke die Müden, richte die Entmutigten auf und lass in vielen Herzen neu die Zuversicht aufgehen, dass du dein gutes Werk vollenden wirst, bis du uns vollreif in dir darstellst. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Colossians, Chapter 16