Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit
Viele Christen kennen den Satz, dass Christus in uns lebt, aber nur wenige verbinden damit eine konkrete Hoffnung für ihr heutiges Leben und ihre zukünftige Herrlichkeit. Der Kolosserbrief zeichnet ein überwältigendes Bild von Christus: Er ist das Zentrum von Gottes Plan, der Sinn der Schöpfung, die Fülle Gottes – und genau dieser Christus wohnt in den Glaubenden. Wer diesen Christus erkennt, entdeckt eine Hoffnung, die weit über religiöse Pflichterfüllung hinausgeht und den Alltag wie auch die Ewigkeit umspannt.
Der allumfassende Christus, unsere Portion und Gottes Ausdruck
Wenn Paulus von dem „Anteil am zugelosten Anteil der Heiligen im Licht“ spricht, lenkt er den Blick weg von allen religiösen Dingen hin auf eine Person. In Kolosser 1:12 heißt es, wir sollen dem Vater Dank sagen, „der euch qualifiziert hat zu einem Anteil am zugelosten Anteil der Heiligen im Licht“. Hinter dem Wort „Anteil“ steht das Bild des guten Landes, in das Israel geführt wurde: ein Land, auf dem man wohnen, von dem man leben, in dem man arbeiten konnte. Was dieses Land für Israel war, ist Christus für die Glaubenden. Er ist nicht nur ein Retter, der uns aus etwas herausbringt, sondern ein Land, in das wir hineingestellt sind. Auf Ihm „stehen“ wir, aus Ihm werden wir innerlich genährt, in Ihm entdecken wir, dass jede geistliche „Frucht“, die Gott sucht, bereits in seiner Fülle angelegt ist.
Der Christus ist der Anteil der Heiligen. In Kolosser 1:12 heißt es: „Danksagend dem Vater, der euch tüchtig gemacht hat zu dem Anteil am Erbe der Heiligen im Licht.“ Dies ist der erste Aspekt des Christus, der in diesem Brief vorgestellt wird. Das Wort Anteil bezeichnet den Christus als das Los der Heiligen im guten Land, das von Milch und Honig fließt. Der Christus, der in uns wohnt, ist ein solches gutes Land. Er ist der allumfassende Christus zu unserem Genuss. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft fünfzehn, S. 124)
Darum stellt Paulus Christus zugleich als den Ausdruck Gottes vor. In Kolosser 1:15 heißt es von Ihm: „der das Bild des unsichtbaren Gottes ist, der Erstgeborene aller Schöpfung“. Der unsichtbare Gott lässt sich nicht greifen; Er bleibt dem natürlichen Menschen verborgen. In Christus aber bekommt Gott ein Gesicht, eine Stimme, eine Geschichte. Dass Er der Erstgeborene aller Schöpfung genannt wird, bedeutet nicht, dass Er ein geschaffenes Wesen wäre, sondern dass in Ihm die ganze Schöpfung ihren Ursprung, ihr Ziel und ihren Sinn hat. In Ihm hat Gott die alte Schöpfung hervorgebracht, und in Ihm beginnt Gott eine neue Menschheit, die Gemeinde, als neuen Menschen. So ist Christus sowohl unser weites Erbteil als auch Gottes klare Selbstmitteilung.
Je weiter Paulus in diesem Kapitel geht, desto dichter wird die Aussage: „denn es gefiel der ganzen Fülle, in ihm zu wohnen“ (Kolosser 1:19). Alles, was Gott ist, alles, was Er offenbaren und mitteilen möchte, hat seinen Wohnsitz in Christus gefunden. Wer wissen will, wie Gott denkt, fühlt, handelt, braucht sich nicht in abstrakten Spekulationen zu verlieren, sondern darf auf Christus schauen. Als Jesus dem Philippus antwortet: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (Johannes 14:9), öffnet Er dieses Geheimnis: Gottes Fülle ist nicht hinter einem Schleier der Theorie verborgen, sondern in einer Person, die spricht, liebt, vergibt, leidet und herrscht.
Wenn dieser Christus unser „Land“ ist, dann bedeutet das: Wir sind nicht auf uns selbst zurückgeworfen, um für Gott etwas zu produzieren. Wir sind hineingestellt in einen Raum der Fülle. In diesem Raum wird Gottes Wesen konkret: Geduld in unserer Ungeduld, Sanftmut in unserem Zorn, Wahrheit in unserer Verstrickung, Hoffnung in unserer Müdigkeit. Christus als unsere Portion heißt, dass nichts, worauf Gott zielt, außerhalb von Ihm zu finden ist. Statt uns an uns selbst abzuarbeiten, werden wir eingeladen, uns innerlich auf Ihn zu stützen und zu entdecken, wie Gott in einem begrenzten, angefochtenen Leben seinen eigenen Reichtum sichtbar macht.
indem ihr dem Vater Dank sagt, der euch qualifiziert hat zu einem Anteil am zugelosten Anteil der Heiligen im Licht, (Kol. 1:12)
der das Bild des unsichtbaren Gottes ist, der Erstgeborene aller Schöpfung, (Kol. 1:15)
Christus als deine Portion meint nicht ein zusätzliches religiöses Extra neben einem ohnehin vollen Leben, sondern das tragende Feld, auf dem dein ganzes Sein steht. Je mehr du innerlich anerkennst, dass in Ihm alles zu finden ist, was du für Gott und für den Alltag brauchst, desto weniger wirst du von der eigenen Knappheit bestimmt und desto freier kann Gottes Fülle durch dich hindurchscheinen – unscheinbar, aber wirklich, mitten in den gewöhnlichen Situationen deines Lebens.
Christus in uns: der verarbeitete Gott als lebensspendender Geist
Die Aussage, dass Christus in uns wohnt, stellt die Frage nach dem Wie. Wie kann der Sohn Gottes, der in der Ewigkeit beim Vater war, in einem begrenzten menschlichen Herzen Wohnung machen? Die Schrift zeichnet dazu den Weg Gottes als einen Weg der „Verarbeitung“: Der ewige Sohn tritt in unsere Geschichte ein, wird Mensch, lebt ein echtes menschliches Leben mit allen Spannungen, wird gekreuzigt, begraben, steht von den Toten auf und wird in die Herrlichkeit erhoben. Jesus selbst spricht davon, wenn Er sagt: „Glaubst du nicht, dass Ich im Vater bin und der Vater in Mir ist? … der Vater aber, der in Mir bleibt, tut Seine Werke“ (Johannes 14:10). Und wenig später fügt Er hinzu: „An jenem Tag werdet ihr erkennen, dass Ich in Meinem Vater bin und ihr in Mir und Ich in euch“ (Johannes 14:20).
Der allumfassende Christus, der in uns wohnt, ist der verarbeitete Gott (Joh. 14:8–11, 16–20; Mt. 28:19). Er ist durch den Prozess der Menschwerdung, des menschlichen Lebens, der Kreuzigung und der Auferstehung gegangen, und jetzt ist Er in der Himmelfahrt. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft fünfzehn, S. 131)
Durch diesen Weg ist Christus heute nicht nur der erhöhte Herr, sondern der lebensspendende Geist geworden. 1. Korinther 15:45 fasst es so zusammen: „Der erste Mensch, Adam, wurde zu einer lebendigen Seele; der letzte Adam wurde zu einem Leben gebenden Geist.“ Das heißt: Der Christus, der Mensch war, der am Kreuz alles getragen hat, der in der Auferstehung die Macht des Todes gebrochen hat, begegnet uns heute nicht äußerlich, sondern innerlich als Geist, der Leben mitteilt. Wenn Matthäus 28:19 von dem Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes spricht, dann zeigt sich darin eine Bewegung: Gott kommt als Vater, Sohn und Geist auf uns zu, bis Er in der verborgensten Tiefe unseres Seins ankommt.
Dieses innere Kommen wird im Alten Testament bildhaft durch das heilige Salböl beschrieben. In 2. Mose 30:23–25 ordnet Gott Mose an, aus Olivenöl und verschiedenen wohlriechenden Gewürzen „ein Öl der heiligen Salbung“ zu bereiten. Das Öl weist auf den Geist Gottes hin, die Gewürze auf das, was Christus in seiner Menschwerdung, in seinem Leiden und in seiner Auferstehung erfahren hat. So entsteht ein „zusammengesetzter“ Geist: nicht ein anderer Geist als der Geist Gottes, sondern der eine Geist, der nun alles in sich trägt, was Christus auf seinem Weg erworben und durchlitten hat. Wenn Paulus von der „überströmenden Versorgung mit dem Geist Jesu Christi“ spricht (Philipper 1:19), meint er genau diesen reichen, allumfassenden Geist.
Darum kann er an anderer Stelle sagen: „Wer aber dem Herrn anhängt, ist ein Geist“ (1. Korinther 6:17), und er betet, „damit Christus durch den Glauben in euren Herzen Wohnung mache“ (Epheser 3:17). Christus wohnt also nicht äußerlich in unseren Gewohnheiten oder in unseren frommen Konzepten, sondern in der tiefsten Mitte unseres Wesens, in unserem Geist, und von dort her prägt Er Schritt für Schritt Denken, Fühlen und Wollen. Er tröstet, wo wir verzweifeln, Er stellt in Frage, was uns versklavt, Er stärkt, wo wir keinen Atem mehr haben. Nicht als starrer Gesetzgeber von außen, sondern als lebendige Person im Inneren.
Glaubst du nicht, dass Ich im Vater bin und der Vater in Mir ist? Die Worte, die Ich zu euch sage, spreche Ich nicht von Mir Selbst aus, der Vater aber, der in Mir bleibt, tut Seine Werke. (Joh. 14:10)
An jenem Tag werdet ihr erkennen, dass Ich in Meinem Vater bin und ihr in Mir und Ich in euch. (Joh. 14:20)
Die Tatsache, dass Christus als lebengebender Geist in dir wohnt, bedeutet, dass du deiner inneren Realität nicht ausgeliefert bist. Inmitten von Schwäche, Verwirrung oder Schuld ist in dir eine andere Quelle gegenwärtig – der Geist Jesu Christi, der schon alles durchschritten hat, was dich überfordert. Aus dieser Wirklichkeit wächst ein stilles Vertrauen: Du musst dich nicht selbst retten, sondern darfst dich innerlich immer wieder an den wenden, der bereits in dir ist und dessen Leben stärker ist als deine Begrenzungen.
Die Hoffnung der Herrlichkeit: wenn Christus unser ganzes Sein durchdringt
Wenn Paulus von „Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit“ spricht, beschreibt er keine vage Stimmung, sondern eine fest verankerte Zukunft. Kolosser 1:27 formuliert es so: Gott wollte den Heiligen „bekannt machen, was der Reichtum der Herrlichkeit dieses Geheimnisses unter den Heiden ist, welches ist: Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit“. Die Gegenwart Christi in uns ist bereits Herrlichkeit, doch sie ist noch verhüllt, noch gebunden an unsere Zerbrechlichkeit, unsere Widersprüche, unsere Sterblichkeit. Eben deshalb ist sie Hoffnung: Was jetzt verborgen in der Tiefe unseres Geistes ist, soll einmal unser ganzes Sein durchdringen.
Wenn Paulus sagt: „Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit“ (1:27), bezieht er Sich auf einen sehr reichen Christus, auf den Christus, der unser gutes Land ist, den Ausdruck des unsichtbaren Gottes, den Erstgeborenen sowohl der alten Schöpfung als auch der neuen Schöpfung und den Einen, in dem die ganze Fülle Wohlgefallen hat, zu wohnen. … Es ist der Christus mit all diesen Aspekten, der in uns wohnt, um unsere Hoffnung der Herrlichkeit zu sein. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft fünfzehn, S. 127)
Diese Linie führt Paulus weiter, wenn er schreibt: „Wenn Christus, unser Leben, offenbar gemacht wird, dann werdet auch ihr zusammen mit Ihm in Herrlichkeit offenbar gemacht werden“ (Kolosser 3:4). Christus ist nicht nur unser Vorbild, Er ist unser Leben. Dieses Leben ist jetzt schon in uns wirksam, aber noch nicht sichtbar in seiner ganzen Kraft. Der Tag, an dem Christus offenbar wird, ist der Tag, an dem sichtbar wird, was Er in den Seinen getan hat. Dann wird deutlich, wie viel Geduld, Treue und Gnade verborgen durch Jahre hindurch gewirkt haben, während nach außen vielleicht wenig Spektakuläres zu sehen war.
Diese Hoffnung umfasst auch unseren Körper. Paulus scheut sich nicht, die seufzende Realität unseres jetzigen Lebens zu benennen: „Auch wir selbst seufzen in uns und erwarten sehnlichst die Sohnschaft, die Erlösung unseres Leibes“ (Römer 8:23). Schmerz, Krankheit, Alter, Sterben sind keine Randthemen, sondern Orte, an denen die Begrenztheit der alten Schöpfung scharf spürbar wird. Gerade hier setzt die Hoffnung an: „[Er], der unseren Leib der Erniedrigung umgestalten wird, dass er Seinem Leib der Herrlichkeit gleichgestaltet sei“ (Philipper 3:21). Was Christus jetzt in unserem Inneren ist, soll einmal unseren ganzen Menschen – Geist, Seele und Leib – erfassen.
So entsteht ein weiter Horizont: Die Herrlichkeit, auf die wir zugehen, ist keine fremde Glanzschicht, die von außen über ein unverändertes Inneres gelegt wird. Sie ist die Entfaltung dessen, was Christus durch seinen Geist in uns angelegt hat. 2. Thessalonicher 1:10 beschreibt diesen Tag so: „wenn er kommt, um an jenem Tag in seinen Heiligen verherrlicht und in allen denen bewundert zu werden, die geglaubt haben“. Christus wird in seinen Heiligen verherrlicht – das heißt, die verborgene Gegenwart des Herrn in den Herzen wird zur sichtbaren Ausstrahlung Seiner selbst.
denen Gott bekannt machen wollte, was der Reichtum der Herrlichkeit dieses Geheimnisses unter den Heiden ist, welches ist: Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit, (Kol. 1:27)
Wenn Christus, unser Leben, offenbar gemacht wird, dann werdet auch ihr zusammen mit Ihm in Herrlichkeit offenbar gemacht werden. (Kol. 3:4)
Christus in dir als Hoffnung der Herrlichkeit heißt, dass dein Leben von einem Ziel her verstanden werden darf, das größer ist als jede gegenwärtige Begrenzung. Im Licht dieser Hoffnung verlieren Niederlagen nicht ihre Schwere, aber ihre Endgültigkeit. Der in dir wohnende Christus führt deine Geschichte auf einen Tag zu, an dem sein eigenes Licht durch nichts mehr verdeckt wird – auch nicht durch deine Schwächen. Diese Gewissheit kann deine Schritte leichter machen und deinem Blick einen milden, hoffenden Ton geben, für dich selbst und für andere.
Herr Jesus Christus, Du in uns bist die lebendige Hoffnung, dass Gottes Herrlichkeit unser ganzes Leben erfüllt und verwandelt. Danke, dass Du als der allumfassende Christus, die Fülle Gottes und der lebensspendende Geist in uns wohnst, auch wenn wir es oft nur schwach verstehen. Stärke in uns das Vertrauen, dass Dein Werk in uns nicht auf halbem Weg stehen bleibt, sondern in der Offenbarung Deiner Herrlichkeit vollendet wird. Lass Dein Licht unsere Dunkelheit durchdringen, Deine Liebe unsere Härte schmelzen und Deine Kraft unsere Schwachheit tragen, bis Du in uns und durch uns sichtbar wirst. Bewahre unsere Herzen vor allem, was uns von Dir abziehen will, und vertiefe in uns die Freude, dass unser Leben in Dir verborgen ist und eine herrliche Zukunft hat. Dir sei die Ehre in Deiner Gemeinde, jetzt und in Ewigkeit. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Colossians, Chapter 15