Das Wort des Lebens
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Die Beziehung Christi zur Schöpfung

12 Min. Lesezeit

Viele Menschen staunen über die Schönheit der Schöpfung, fragen sich aber, wo Christus darin konkret zu finden ist. Die Bibel zeichnet kein bloß abstraktes Bild von einem fernen Schöpfer, sondern offenbart Christus selbst als den Mittelpunkt, in dem alles geschaffen wurde, durch den alles zusammengehalten wird und auf den alles hinzielt. Wer diese Linie versteht, beginnt sowohl die Welt um sich herum als auch die Gemeinde und das eigene Leben in einem neuen Licht zu sehen.

Christus – das Bild des unsichtbaren Gottes in der Schöpfung

Wenn Paulus sagt, Christus sei „das Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene aller Schöpfung“ (Kol. 1:15), öffnet sich ein weiter Horizont. Unsichtbar heißt hier nicht fern oder untätig, sondern verborgene Fülle. Gott entzieht sich unseren Augen, aber nicht unserer Welt. Er hat sich ein Bild gegeben – nicht ein Standbild, sondern eine lebendige Person. In Christus tritt Gott aus der Unzugänglichkeit seiner Unsichtbarkeit in einen erkennbaren Ausdruck ein. Entscheidender Punkt bei Paulus ist: Dieser Christus ist nicht erst mit Bethlehem in die Geschichte getreten, sondern stand am Anfang aller Dinge als inneres Zentrum und Maß der Schöpfung. Nach Kolosser 1:16 ist alles „in ihm“, „durch ihn“ und „für ihn“ geschaffen worden. Damit ist die Schöpfung von Grund auf christologisch geprägt, auch dort, wo man seinen Namen nie nennt.

In 1:15 sagt Paulus, dass Christus das Bild des unsichtbaren Gottes ist. Das bedeutet, dass Christus der Ausdruck des unsichtbaren Gottes ist. Nun müssen wir fragen, auf welche Weise Christus Gott ausdrückt. Die Antwort ist: Er drückt Gott in der Schöpfung aus. Christus drückt Gott in der Schöpfung jedoch nicht einfach dadurch aus, dass Er alle Dinge in objektiver Weise erschafft. Wäre Christus nur ein objektiver Schöpfer, nicht aber das subjektive Mittel der Schöpfung, könnte Er Gott in der Schöpfung nicht ausdrücken. Behalte im Sinn, dass alle Dinge nicht von Christus, sondern durch Christus geschaffen wurden. Das weist auf einen Vorgang hin, der in Christus selbst stattfand. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft zehn, S. 82)

„In ihm“ weist darauf hin, dass die Schöpfung im inneren Machtbereich seiner Person entstanden ist. Die Idee, die Weisheit, der Plan und die lebendige Kraft der Welt liegen in Christus. „Durch ihn“ sagt, dass er nicht nur der Ursprungsgedanke, sondern auch das wirksame Mittel der Schöpfung ist: „Alle Dinge sind durch ihn entstanden, und ohne ihn ist nicht eines entstanden von dem, was entstanden ist“ (Johannes 1:3). Und „für ihn“ bedeutet, dass die Schöpfung ihr Ziel nicht in sich selbst trägt. Sie ist auf ihn hin ausgerichtet, wie eine Melodie, die auf eine bestimmte Harmonie zuläuft. Darum bezeugt die Welt nicht nur irgendeine anonyme Macht, sondern, wie Paulus formuliert, Gottes „ewige Kraft und Göttlichkeit“ (Röm. 1:20), so wie sie in Christus Gestalt gewonnen haben. In der Ordnung der Natur, in der Transparenz des Lichts, in der Treue der Rhythmen spiegelt sich etwas vom Sohn, der das vollkommene Ebenbild des Vaters ist.

Wer diese Sicht ernst nimmt, trennt die Schöpfung nicht von Christus ab wie ein Uhrwerk von einem fernen Uhrmacher. Die Welt wird dann nicht mehr bloß als neutrale Bühne für unser religiöses Leben wahrgenommen, sondern als Raum seines Ausdrucks. Nichts von dem, was wirklich schön, wahr und gut ist, steht letztlich außerhalb seiner Spur. Das bewahrt vor Vergötzung der Natur und vor Verachtung der Welt zugleich. Man lernt, staunend zu schauen: Die Dinge sind nicht Gott, aber sie verweisen auf den, der alles trägt und erfüllt. Und in dieser Haltung wächst stille Anbetung – nicht erst im Gottesdienst, sondern mitten im Alltag, wenn hinter den sichtbaren Dingen der Unsichtbare aufscheint, dessen Bild Christus ist.

der das Bild des unsichtbaren Gottes ist, der Erstgeborene aller Schöpfung, (Kol. 1:15)

Denn in ihm ist alles in den Himmeln und auf der Erde geschaffen worden, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Gewalten oder Mächte: alles ist durch ihn und für ihn geschaffen; (Kol. 1:16)

Aus dieser Sicht erwächst eine versöhnte Wahrnehmung der Wirklichkeit. Die Welt verliert ihren kalten, zufälligen Charakter und wird zur geschichteten Zeichenwelt, in der sich etwas von Christus widerspiegelt. Wer so schaut, muss nicht aus der Schöpfung fliehen, um Gott zu begegnen, sondern lernt, mitten in ihr die leise Handschrift des Sohnes zu erkennen. Das schenkt zugleich Ehrfurcht vor der geschaffenen Welt und Vertrauen in ihren Herrn: Was in ihm, durch ihn und für ihn geschaffen ist, bleibt letztlich in seiner Hand. In dieser Gewissheit kann das Herz ruhiger werden und der Blick freier, um im Sichtbaren die Spur des Unsichtbaren zu entdecken.

Alle Dinge subsistieren in Christus

Kolosser 1:17 zieht die Linie weiter: „Und er ist vor allen Dingen, und alle Dinge werden in ihm zusammengehalten.“ Paulus wählt ein Wort, das mehr meint als bloßes Dasein. Dinge können existieren, sie können aus bestimmten Elementen bestehen – doch hier geht es um ihr Zusammengehaltenwerden. Subsistieren heißt: Es gibt ein Zentrum, in dem alle Fäden zusammenlaufen, einen Punkt, von dem her alles seinen Halt, seine Ordnung und seinen Zusammenhang empfängt. Dieses Zentrum ist eine Person. Christus steht nicht am Rand der Welt als beobachtender Gott; er ist die unsichtbare Nabe, um die sich das Rad der Schöpfung dreht.

In Vers 17 fährt Paulus fort: „Alle Dinge werden in Ihm zusammengehalten.“ Das bedeutet, dass alle Dinge durch Christus als das haltende Zentrum gemeinsam existieren. Dass die Schöpfung in Christus zusammengehalten wird, ist ein weiterer Hinweis darauf, dass Christus in subjektiver Weise mit der Schöpfung verbunden ist. Es ist wichtig, zwischen den Wörtern existieren, bestehen und subsistieren zu unterscheiden. Kolosser 1:17 sagt nicht, dass alle Dinge in Christus existieren oder in Ihm bestehen; es heißt, dass alle Dinge in Ihm subsistieren. Existieren heißt sein, bestehen heißt zusammengesetzt oder konstituiert sein, und subsistieren heißt, für die Existenz zusammengehalten zu werden. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft zehn, S. 84)

Man kann sich das vorstellen wie Speichen, die in einer Nabe verankert sind. Die Speichen definieren nicht die Nabe, aber ohne Nabe verlieren sie ihre Funktion und das Rad bricht auseinander. So ist es mit den Dingen dieser Welt. Sie haben ihre eigene Struktur, ihre physikalischen Gesetze, ihre Geschichte – und doch sind sie innerlich auf Christus hin gebunden. „Alle Dinge werden in ihm zusammengehalten“ (Kol. 1:17) bedeutet, dass ihre Möglichkeit zu bleiben, ihre innere Kohärenz, an ihm hängt. Dieser Halt ist nicht auf die sichtbare Schöpfung beschränkt. Paulus fügt unmittelbar hinzu: „und er ist das Haupt des Leibes, der Gemeinde“ (Kol. 1:18). Die alte Schöpfung und die neue Schöpfung haben denselben Mittelpunkt; die ganze Wirklichkeit – Natur, Geschichte und Gemeinde – findet ihren Zusammenhang in Christus.

Diese Sicht relativiert vieles, was sich groß macht. Politische Macht, wirtschaftliche Systeme, geistige Strömungen erscheinen leicht als letzte Instanzen. Wer aber Christus als das haltende Zentrum der Schöpfung versteht, sieht sie in einem anderen Licht: Wichtig in ihrer Zeit, begrenzt in ihrer Reichweite, Christus unterstellt in ihrem Bestehen. Hebräer 1:3 heißt es, der Sohn „trägt alle Dinge durch das Wort seiner Kraft“. Nichts läuft letztlich aus dem Ruder, ohne dass es an ihm vorbeimüsste. Für Glaubende bedeutet das nicht, dass jede Erfahrung leicht oder durchschaubar wird, wohl aber, dass der Grund unter allem tragfähig ist. Der, der als Schöpfer alles zusammenhält, ist derselbe, der als Erlöser unser Leben umfasst.

Aus dieser Gewissheit kann eine stille Ruhe wachsen, die nicht mit Gleichgültigkeit zu verwechseln ist. Wer weiß, dass Christus die Dinge zusammenhält, muss sich nicht an alles klammern, was zerbrechlich ist, und muss sich nicht von jeder Erschütterung definieren lassen. Die Welt ist nicht sich selbst überlassen, auch nicht den dunklen Kräften oder menschlicher Willkür. Sie steht unter dem Wort dessen, der sie ins Dasein rief und sie zum Ziel führt. So wird Vertrauen möglich – nicht weil die Verhältnisse stabil wären, sondern weil der Haltende treu ist. In dieser Perspektive bekommen auch die unscheinbaren Fäden des eigenen Lebens ihren Platz im großen Gewebe, das in Christus Bestand hat.

Und Er ist vor allen Dingen, und alle Dinge werden in Ihm zusammengehalten; (Kol. 1:17)

und Er ist das Haupt des Leibes, der Gemeinde; Er ist der Anfang, der Erstgeborene von den Toten, damit Er Selbst in allen Dingen den ersten Platz einnehme; (Kol. 1:18)

Wer Christus als das haltende Zentrum aller Dinge erkennt, kann die Spannungen der Gegenwart nüchtern wahrnehmen, ohne innerlich zu zerbrechen. Die scheinbare Macht der Umstände verliert ihren absoluten Anspruch. Es entsteht ein Vertrauen, das tiefer reicht als kurzfristige Sicherheiten, weil es an die Person gebunden ist, in der alles subsistiert. Dieses Vertrauen macht nicht passiv, sondern frei: frei zum verantwortlichen Handeln, ohne den Anspruch, die Welt selbst tragen zu müssen; frei zum Danken mitten im Unübersichtlichen, weil der Sohn, der die Schöpfung trägt, derselbe ist, der uns mit seinem Leben umfasst.

Die Fülle Gottes in Christus und die Versöhnung aller Dinge

Nachdem Paulus Christus als Bild des unsichtbaren Gottes und als Zentrum der Schöpfung gezeichnet hat, konzentriert er den Blick: „Denn es gefiel der ganzen Fülle, in ihm zu wohnen und durch ihn alles mit sich zu versöhnen“ (vgl. Kol. 1:19–20). Mit „Fülle“ ist nicht eine unpersönliche Macht gemeint, sondern Gott selbst in der Ganzheit seines Wesens. Alles, was Gott ist und ausdrücken will, wohnt in Christus. So wie das Bild in Kolosser 1:15 den sichtbaren Ausdruck Gottes bezeichnet, so benennt die Fülle in Vers 19 die innere Vollständigkeit dieses Ausdrucks. Gott hält nichts von sich zurück, wenn er sich in Christus gibt. In ihm wohnt nicht ein Teil Gottes, sondern die ganze Fülle.

In 1:19 sagt Paulus: „Denn es war das Wohlgefallen der ganzen Fülle, in Ihm zu wohnen.“ Die Fülle hier ist praktisch gleichbedeutend mit dem Bild in Vers 15. Das Bild des unsichtbaren Gottes ist der volle Ausdruck des unsichtbaren Gottes. Dass die Fülle in Christus wohnt, bedeutet, dass der ganze Ausdruck Gottes, Sein ganzes Bild, es für gut befand, in Ihm zu wohnen. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft zehn, S. 85)

Gerade diese Fülle wird handelnd: Sie bleibt nicht bei sich, sondern geht den Weg der Versöhnung. „…und durch ihn, Frieden gemacht habend durch das Blut seines Kreuzes, alles mit sich zu versöhnen“ (Kol. 1:20). Der, in dem alle Dinge geschaffen sind und in dem alles zusammengehalten wird, tritt in die zerrissene Geschichte ein und trägt am Kreuz die Entfremdung der Schöpfung. Versöhnung bleibt so nicht im Inneren des Menschen stehen. Sie umfasst „alles“ – die sichtbare und die unsichtbare Welt, das, was im Himmel ist, und das, was auf Erden ist. Der Schöpfer wird zum Versöhner, und der Versöhner ist derselbe, in dem die Schöpfung ihre Ordnung findet. In Epheser 1:10 heißt es, Gott habe sich vorgenommen, „für die Verwaltung der Fülle der Zeiten alles unter einem Haupt zusammenzufassen in Christus, das, was in den Himmeln, und das, was auf der Erde ist“. Die alte Schöpfung und die neue Schöpfung, die Gemeinde als Leib Christi, sind so auf ein einziges Zentrum hin unterwegs.

Wer an diesen Christus glaubt, ist nicht nur individuell mit Gott versöhnt, sondern wird in dieses große Ziel hineingenommen. Persönliche Versöhnung ist Teil einer umfassenden Erneuerung, in der Gott seine Herrlichkeit in der ganzen Schöpfung sichtbar machen will. Was heute oft gebrochen, widersprüchlich oder dunkel erscheint, steht unter dem Vorzeichen dieses kommenden Zusammenfassens. Aus dem Kreuz erwächst darum eine Hoffnung, die größer ist als die eigene Lebensgeschichte. Die Geschichte der Welt steuert nicht auf einen sinnlosen Zerfall zu, sondern auf den hin, in dem die Fülle Gottes wohnt und der alle Dinge unter sein Haupt bringt.

Diese Hoffnung möchte sich im Herzen festigen, ohne die Schwere der Welt zu leugnen. Gerade wer die Wunden der Schöpfung sieht – ökologisch, gesellschaftlich, persönlich –, braucht mehr als Optimismus: eine verankerte Zuversicht in den, der durch sein Blut Frieden gemacht hat. In Christus verbinden sich Schöpfungsmacht und Kreuzesliebe. Wer sich von ihm prägen lässt, wird nicht zynisch angesichts des Zerbruchs, sondern darf innerlich aufrecht bleiben. Das ermutigt, die Welt nicht preiszugeben, sondern sie im Licht der kommenden Versöhnung zu betrachten – als Raum, in den Gott seine Fülle bringen und in dem er durch Christus alles neu ordnen will.

denn es gefiel der ganzen Fülle, in ihm zu wohnen (Kol. 1:19)

und durch ihn, Frieden gemacht habend durch das Blut seines Kreuzes, alles mit sich zu versöhnen, durch ihn, es sei, was auf der Erde, oder was in den Himmeln ist. (Kol. 1:20)

Die Gewissheit, dass in Christus die Fülle Gottes wohnt und dass Gott beschlossen hat, in ihm alles mit sich zu versöhnen, schenkt einen langen Atem. Der Blick löst sich von kurzfristigen Erfolgen oder Rückschlägen und richtet sich auf Gottes großes Ziel in Christus. So kann das eigene Leben – mit seinen Brüchen, seinen Umwegen, seinen kleinen Anfängen – als Teil einer größeren Bewegung verstanden werden: hin zu dem Tag, an dem Christus als Haupt sichtbar alles ordnen wird. Diese Perspektive nährt leisen Mut: Nicht die Dunkelheiten haben das letzte Wort, sondern der, der als Bild des unsichtbaren Gottes die Fülle in sich trägt und durch sein Kreuz den Frieden eröffnet hat.


Herr Jesus Christus, Bild des unsichtbaren Gottes, wir staunen darüber, dass in Dir alles geschaffen ist, durch Dich alles zusammengehalten wird und auf Dich alles hinzielt. Inmitten einer Welt voller Brüche und Unsicherheit vertrauen wir uns Dir an als dem, der nicht nur der Herr der Schöpfung, sondern auch der Versöhner und Erneuerer aller Dinge ist. Lass uns in der Schönheit und Ordnung der Schöpfung, in der Gemeinschaft der Gemeinde und in den Wegen unseres persönlichen Lebens Deine Gegenwart erkennen und von Deiner Hoffnung erfüllt werden. Stärke in uns die Gewissheit, dass unsere Geschichte und die Geschichte dieser Welt in Deinen treuen Händen liegt und auf Deine herrliche Vollendung zugeht. Dir sei Ehre in deiner Gemeinde und in der ganzen Schöpfung, heute und in Ewigkeit. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Colossians, Chapter 10

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