Das Wort des Lebens
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Christus – Erstgeborener aus den Toten

12 Min. Lesezeit

Viele Christen wissen, dass Jesus für unsere Sünden gestorben und auferstanden ist, aber nur wenige haben vor Augen, welche gewaltige Stellung Ihm dadurch im ganzen Universum und in der Gemeinde zukommt. Wer entdeckt, was es bedeutet, dass Christus der Erstgeborene aus den Toten ist, gewinnt eine neue Sicht auf Gott, auf sich selbst und auf das Leben der Gemeinde.

Christus – Erstgeborener der alten und der neuen Schöpfung

Wenn der Kolosserbrief Christus als den „Erstgeborenen aller Schöpfung“ und zugleich als den „Erstgeborenen von den Toten“ bezeichnet, öffnet sich ein weiter Horizont. Wir begegnen nicht zwei verschiedenen Christussen – einem Schöpfer-Christus und einem Erlöser-Christus –, sondern dem einen Sohn, der beide Schöpfungen umfasst. Von der ersten Schöpfung heißt es, sie sei in Ihm, durch Ihn und zu Ihm hin geschaffen worden; Er ist ihr innerer Ursprung, ihr tragender Sinn und ihr Ziel. Darum schreibt Paulus, Christus sei „das Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene aller Schöpfung“ (Kolosser 1:15). In Ihm wird sichtbar, was in Gott von Ewigkeit her gedacht war: eine von Ihm abhängige, auf Ihn hin geordnete Welt. In diesem Sinn steht Er an der Spitze der alten Schöpfung, nicht als eines der Geschöpfe, sondern als der Sohn, in dem Gott alles ins Dasein ruft und zusammenhält.

Gott hat zwei Schöpfungen hervorgebracht: die alte Schöpfung und die neue Schöpfung. Zur alten Schöpfung gehören Himmel, Erde, die Menschheit und unzählige andere Dinge. Die neue Schöpfung ist die Gemeinde, der Leib Christi. Die Verse 15 bis 17 offenbaren Christus als den Ersten in der ursprünglichen Schöpfung, als den, der unter allen Geschöpfen den Vorrang hat. Vers 18 zeigt Christus als den Ersten in der Auferstehung, als das Haupt des Leibes. Er ist derjenige, der in der Gemeinde den ersten Platz einnimmt. Die erste Schöpfung kam durch das Sprechen Gottes ins Dasein. In den Worten von Römer 4:17 rief Gott „die Dinge, die nicht sind, als wären sie da“. Die neue Schöpfung hingegen kam durch die Auferstehung ins Dasein, durch den Tod und die Auferstehung der alten Schöpfung. In dieser neuen Schöpfung, der Gemeinde, ist Christus der Erstgeborene aus den Toten. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft neun, S. 73)

Doch derselbe Christus, der am Anfang aller Dinge steht, tritt in eine gefallene Schöpfung hinein, nimmt die Folgen der Sünde auf sich und geht in den Tod. Die Auferstehung ist deshalb nicht bloß eine Rückkehr zum Vorherigen, sondern der Anbruch von etwas Neuem: Die alte Schöpfung wird durch das Kreuz hindurchgeführt und in der Auferstehung erneuert. Hier setzt Kolosser 1:18 an: „und Er ist das Haupt des Leibes, der Gemeinde; Er ist der Anfang, der Erstgeborene von den Toten, damit Er Selbst in allen Dingen den ersten Platz einnehme“. Die neue Schöpfung beginnt nicht mit einem neuen Kosmos, sondern mit einem neuen Menschen: dem auferstandenen Christus als Haupt eines neuen Leibes. In Ihm ist schon gegenwärtig, was Gott mit allem vorhat: die Versöhnung und Zusammenfassung aller Dinge in einer von der Auferstehung gekennzeichneten Wirklichkeit. Wer sich diesem Christus anvertraut, steht nicht mehr nur in der alten Schöpfung, die vergeht, sondern wird in die neue Schöpfung hineingenommen, in der Christus den ersten Platz hat. Daraus wächst eine stille Zuversicht: Unser Leben hängt nicht an den brüchigen Ordnungen dieser Welt, sondern an dem, der Anfang und Erstgeborener ist – in der ersten wie in der neuen, auferstandenen Schöpfung.

der das Bild des unsichtbaren Gottes ist, der Erstgeborene aller Schöpfung, (Kol. 1:15)

und Er ist das Haupt des Leibes, der Gemeinde; Er ist der Anfang, der Erstgeborene von den Toten, damit Er Selbst in allen Dingen den ersten Platz einnehme; (Kol. 1:18)

Christus als Erstgeborener der alten und der neuen Schöpfung rückt das eigene Leben in einen größeren Zusammenhang. Wo Er Anfang und Ziel ist, verlieren Zufälligkeiten und Brüche nicht ihre Schwere, aber ihre letzte Deutungshoheit. Der Glaube lernt, die eigene Geschichte nicht nur unter dem Vorzeichen der „alten Schöpfung“ – des Begrenzten, Vergänglichen, Verletzlichen – zu sehen, sondern unter dem Vorzeichen der Auferstehungsschöpfung, die in Christus schon Realität ist. Das schenkt Raum für eine gelassene Verantwortlichkeit: Man nimmt seine Aufgaben in dieser Welt ernst, ohne sie zu verabsolutieren, und öffnet sich zugleich der leisen, aber mächtigen Wirklichkeit, dass in Christus bereits jetzt etwas Neues begonnen hat. Wo diese Sicht sich einprägt, entsteht eine Hoffnung, die nicht in Weltflucht mündet, sondern mitten im Alltag von dem lebt, der „der Anfang, der Erstgeborene von den Toten“ ist.

Die zwei Geburten Christi und unser Einssein mit Gott

Die Schrift spricht in einer erstaunlichen Dichte von zwei Geburten Christi. In der Ewigkeit ist der Sohn aus dem Vater hervorgegangen, wahrer Gott aus wahrem Gott. In der Zeit tritt Er dann in unsere Geschichte ein. Johannes fasst dieses Geheimnis nüchtern und doch überwältigend: „Und das Wort wurde Fleisch und stiftshüttete unter uns“ (Johannes 1:14). In dieser Geburt aus Maria kommt Gott in unsere menschliche Natur hinein, nimmt Leib, Seele und Geist an, ohne aufzuhören, Gott zu sein. Die erste Geburt Christi ist deshalb die große Bewegung Gottes zu uns: Der Unendliche macht sich endlich, der Heilige betritt den Boden der gefallenen Welt, um uns dort abzuholen, wo wir stehen. In Ihm werden Gott und Mensch untrennbar, aber doch ohne Vermischung, verbunden.

Als der Sohn Gottes ist Christus durch zwei Geburten hindurchgegangen. Die erste Geburt fand bei Seiner Menschwerdung statt, die zweite in Seiner Auferstehung. Apostelgeschichte 13:33 zeigt, dass Christus in der Auferstehung gezeugt, das heißt geboren, wurde. Durch die Auferstehung wurde Er als der Sohn Gottes gezeugt. Doch schon vor Seiner Menschwerdung war Er in der Ewigkeit der Sohn Gottes. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft neun, S. 74)

Nach Kreuz und Grab klingt im Neuen Testament eine zweite Geburt an, die zunächst irritiert: „Du bist Mein Sohn; heute habe Ich Dich gezeugt“ (Apostelgeschichte 13:33). Diese Zeugung in der Auferstehung bedeutet nicht, dass Christus erst jetzt Sohn würde; sie meint, dass seine angenommene Menschheit in die Stellung des Sohnes hineingenommen wird. Der einziggeborene Sohn des Vaters wird in der Auferstehung „der Erstgeborene unter vielen Brüdern“ (Römer 8:29). Nun ist nicht nur Gott in den Menschen herabgestiegen, sondern der Mensch – in der Person Christi – in Gott aufgenommen. Wenn der Auferstandene seine Jünger anhaucht und spricht: „Empfangt den Heiligen Geist“ (Johannes 20:22), wird diese doppelte Bewegung zur erfahrbaren Wirklichkeit: Der Leben gebende Geist wohnt in uns und verbindet uns mit dem Sohn, der im Vater ist. So entsteht eine lebendige Gemeinschaft, in der Gott nicht fern über uns steht und wir nicht außerhalb Gottes bleiben, sondern in Christus eine reale Teilhabe am Leben Gottes geschenkt bekommen. Aus dieser Verbundenheit wächst eine stille Freiheit: Wir müssen uns vor Gott nicht hocharbeiten, weil Er selbst in Christus zu uns gekommen ist; und wir sind nicht auf uns selbst zurückgeworfen, weil wir in Christus in Gott geborgen sind.

Weil die zwei Geburten Christi uns so tief betreffen, gewinnt der Glaube eine neue Farbe. Wer staunend wahrnimmt, dass Gott durch die Menschwerdung in unsere Tiefe hinabgestiegen ist und durch die Auferstehung unsere Menschheit in Seine Herrlichkeit hineingenommen hat, beginnt, das eigene Leben anders zu deuten. Versagen, Schuld und Begrenzung bleiben real, aber sie stehen nicht mehr am Rand eines leeren Himmels, sondern im Licht eines Gottes, der sich nicht zu schade war, Fleisch zu werden und den Tod zu durchschreiten. Zugleich ist das eigene Menschsein nicht mehr nur Last, sondern Berufung: In Christus ist Menschsein für immer an Gott gebunden. Wer sich von dieser Wahrheit prägen lässt, wird innerlich weit – für Gott, der in uns Wohnung nimmt, und für Menschen, die in derselben Bewegung der Gnade mit hineingenommen sind. So wird das Geheimnis der zwei Geburten Christi zur stillen Quelle einer Hoffnung, die trägt, wenn vieles andere zerbricht.

Und das Wort wurde Fleisch und stiftshüttete unter uns (und wir haben Seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als des Einziggeborenen vom Vater), voller Gnade und Wirklichkeit. (Joh. 1:14)

dass Gott diese Verheißung an uns, ihren Kindern, völlig erfüllt hat, indem Er Jesus hat auferstehen lassen, wie auch im zweiten Psalm geschrieben steht: „Du bist Mein Sohn; heute habe Ich Dich gezeugt.“ (Apg. 13:33)

Die zwei Geburten Christi zeichnen einen Weg, auf dem Gott uns entgegenkommt und uns zugleich in sich hineinzieht. In der Menschwerdung respektiert Er unsere Wirklichkeit so sehr, dass Er sie annimmt; in der Auferstehung erhöht Er sie so sehr, dass Er sie in die Stellung des Sohnes mitaufnimmt. Wer sich diesem Weg anvertraut, lernt, sein Leben nicht mehr nur im Spiegel der eigenen Gefühle, Leistungen oder Misserfolge zu sehen, sondern im Licht dessen, was in Christus schon geschehen ist. Gott ist nicht nur nahe, Er wohnt in uns; wir sind nicht nur angesprochen, sondern in Christus in Gottes eigene Geschichte hineingenommen. Aus dieser Gewissheit erwächst ein stiller Mut, das eigene Menschsein nicht zu verachten, sondern als Ort der Begegnung mit dem dreieinen Gott zu verstehen.

Der allumfassende Christus in unserem Alltag und in der Gemeinde

Wenn Christus als der Erstgeborene der alten und der neuen Schöpfung erkannt wird, verliert vieles von dem, woran wir uns sonst festmachen, seine scheinbare Größe. Der Kolosserbrief richtet den Blick nicht zuerst auf unsere geistlichen Leistungen, sondern auf den, in dem die ganze Fülle Gottes Wohnung genommen hat: „denn es gefiel der ganzen Fülle, in ihm zu wohnen“ (Kolosser 1:19). Der allumfassende Christus ist nicht ein Zusatz zu unserem ohnehin schon dichten religiösen Leben, sondern der Mittelpunkt, von dem her alles andere seinen Platz findet. Wo Er den Vorrang hat, werden menschliche Philosophien, religiöse Systeme und auch unsere subtilen Versuche, uns vor Gott zu profilieren, relativiert. An ihre Stelle tritt die schlichte, aber alles verändernde Einsicht: In Christus selbst schenkt Gott uns, was wir brauchen – Versöhnung, Orientierung, Kraft und Gnade.

Kolosser 1:19 sagt, dass die ganze Fülle Wohlgefallen daran hatte, in Christus zu wohnen, und 2:9 erklärt, dass in Christus die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig wohnt. In 2:10 fährt Paulus fort und sagt, dass wir in Christus zur Fülle gebracht worden sind. Weil die ganze Fülle in Christus wohnt und weil wir in Christus hineingebracht worden sind, sind wir zur Fülle gebracht worden und mit den göttlichen Reichtümern erfüllt. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft neun, S. 75)

Diese Sicht bleibt nicht theoretisch. Sie trifft das persönliche Leben ebenso wie das Miteinander der Gemeinde. Im eigenen Alltag nimmt der Druck ab, sich über Leistung, besondere Erfahrungen oder äußere Frömmigkeit zu definieren. Wenn der Glaube sich daran erinnert, dass „in Christus die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig wohnt“ und wir in Ihm „zur Fülle gebracht worden“ sind (vgl. Kolosser 2:9–10), wird die Frage wichtiger, ob wir aus dieser Fülle leben, als ob wir vor Menschen etwas vorzuweisen haben. Im Gemeindeleben heißt das, dass nicht Herkunft, Bildung, Temperament oder geistliche Prägungen den Ausschlag geben, sondern Christus, der in jedem Gläubigen wohnt. Er ist die Mitte, in der Unterschiede nicht geleugnet, aber getragen werden. Wo Er „alles in allem“ ist (vgl. Kolosser 3:11), verliert das Vergleichen an Macht, und an seine Stelle tritt eine dankbare Vielfalt, die von einem gemeinsamen Herrn zusammengehalten wird.

So wird der allumfassende Christus im Alltag tastbar. Nicht in spektakulären Momenten allein, sondern in den vielen kleinen Bewegungen, in denen sich der Blick weg von sich selbst hin zu Ihm klärt. Wer lernt, Entscheidungen, Konflikte und auch die unscheinbaren Routinen im Licht dessen zu sehen, der das Haupt des Leibes ist, wird nach und nach innerlich geordnet. Die eigene Schwachheit schreckt nicht mehr so sehr, weil sie in Beziehung zu dem steht, der die Fülle ist; die Stärke wird relativiert, weil sie nicht mehr Zentrum sein muss. Aus dieser Perspektive wächst eine stille Freude: Christus ist nicht nur Gegenstand unseres Bekenntnisses, sondern die lebendige Mitte, aus der Glaube, Liebe und Hoffnung genährt werden – persönlich wie gemeinsam als Gemeinde.

Gerade in Zeiten der Verunsicherung gewinnt diese Sicht besonderes Gewicht. Wenn vieles wankt, bleibt der Erstgeborene aus den Toten derselbe. Sein Vorrang ist nicht bedroht durch unsere Begrenztheit oder die Unübersichtlichkeit der Welt. Wer sich an Ihm ausrichtet, findet keine einfachen Lösungen, aber einen festen Bezugspunkt. In Ihm ist das Ganze unseres Lebens aufgehoben – die alte Schöpfung mit ihren Wunden und die neue Schöpfung mit ihrer noch verborgenen Herrlichkeit. Daraus erwächst ein leiser, aber tragfähiger Mut, Schritt für Schritt weiterzugehen, im Vertrauen auf den, der „das Haupt des Leibes, der Gemeinde“ ist und der auch unser persönliches Leben durch seine Gegenwart ordnet und erfüllt.

denn es gefiel der ganzen Fülle, in ihm zu wohnen (Kol. 1:19)

und durch ihn alles mit sich zu versöhnen (Kol. 1:20)

Den allumfassenden Christus im Alltag ernst zu nehmen bedeutet, die eigene Mitte zu verlagern. Nicht mehr die eigene Leistungsbilanz, nicht die Zustimmung anderer, nicht die Angst vor dem Versagen sollen das Herz bestimmen, sondern der, in dem Gottes Fülle wohnt und der als Erstgeborener aus den Toten den Weg vorausgegangen ist. In der Gemeinde wird diese Verlagerung sichtbar, wo Christus mehr Gewicht bekommt als persönliche Vorlieben, Traditionen oder Konflikte. Dort, wo Er alles in allem sein darf, wird das Miteinander zugleich realistischer und hoffnungsvoller: Fehlbarkeit wird nicht romantisiert, aber auch nicht zum letzten Wort erhoben, weil über allem einer steht, der versöhnt, ordnet und erfüllt. Wer sich von dieser Mitte her prägen lässt, entdeckt nach und nach, dass das eigene Leben – bei allem Fragmentarischen – in eine größere Geschichte eingebettet ist: die Geschichte des Erstgeborenen, der seine Fülle nicht für sich behält, sondern sie mit den Seinen teilt.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Colossians, Chapter 9

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