Christus, die Kraft Seiner Auferstehung und die Gemeinschaft Seiner Leiden erkennen suchen
Viele Christen kennen Jesus als Retter und als Quelle von Trost, Frieden und Freude. Und doch merken wir im Alltag, wie schnell wir in unsere Gewohnheiten, unsere Kultur oder unsere eigenen Vorstellungen zurückfallen, statt wirklich in Christus gefunden zu werden. Paulus öffnet in Philipper 3.einen Blick in sein Herz: Er war von der Größe und Kostbarkeit Christi so ergriffen, dass alles andere für ihn an Bedeutung verlor – und gerade dadurch lernte er die Kraft der Auferstehung und die Gemeinschaft der Leiden Christi kennen.
Die überragende Erkenntnis Christi als Anfangspunkt
Am Anfang eines vertieften Erkennens Christi steht nicht unsere Anstrengung, sondern eine durchdringende neue Sicht auf Seine unvergleichliche Kostbarkeit. Paulus beschreibt diesen Wendepunkt mit den klaren Worten: „Doch noch mehr, ich sehe auch alle Dinge als Verlust an wegen der Vortrefflichkeit der Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn“ (Phil. 3:8). Er bekam nicht nur neue Informationen, sondern eine innere Schau: Christus ist mehr wert als alles, was er besaß, war oder erreichen konnte. Die Erkenntnis, von der Paulus spricht, ist ein Sehen mit dem inneren Menschen – ein Licht, das auf Christus fällt und zugleich unsere bisherigen Sicherheiten in ein anderes Licht stellt. So verschiebt sich die innere Werteskala: Was früher glänzte, verliert seine Anziehungskraft, nicht weil es äußerlich verschwindet, sondern weil im Licht der Herrlichkeit Christi sichtbar wird, wie begrenzt und brüchig es ist.
Nur wenn wir die Vortrefflichkeit der Erkenntnis Christi haben, wenn wir eine Vision von der höchsten Kostbarkeit und dem überragenden Wert Christi haben, werden wir bereit sein, alles andere loszulassen und all das als Unrat zu betrachten. Dann werden wir Christus gewinnen und in Ihm erfunden werden. Wir werden solche sein, die in Christus leben und von anderen in Christus erfunden werden. Wenn wir in Ihm erfunden werden, werden wir Ihn gewiss erkennen. (Witness Lee, Life-Study of Philippians, Botschaft einundzwanzig, S. 175)
Diese Sicht auf Christus führt Paulus zu einer radikalen Konsequenz: „um Seinetwillen habe ich den Verlust aller Dinge erlitten und sehe sie als Abfall an, damit ich Christus gewinne“ (Phil. 3:8). Das ist nicht Verachtung der Schöpfung, sondern die Befreiung von falscher Bindung. Christus wird zur entscheidenden Mitte, in der sich alles ordnet. Wer so von Ihm ergriffen ist, braucht seine Identität nicht mehr aus Leistung, Frömmigkeit oder Anerkennung zu beziehen. Paulus fährt fort und sagt, er wolle „in Ihm angetroffen werden“ (Phil. 3:9) – sein Ort, seine Gerechtigkeit, seine Sicherheit liegt in Christus selbst. Unsere praktische Erfahrung mit Christus steigt nie höher als unsere innere Erkenntnis von Ihm. Darum ist jede vom Geist gewirkte Vertiefung dieser Erkenntnis ein stilles, aber machtvolles Werk der Erneuerung: Christus wird groß, wir selbst werden frei, und das Herz nimmt eine neue Richtung. In solchen Momenten der geistlichen Klärung wächst die leise Bereitschaft, loszulassen, was uns fesselt, und zu vertrauen, dass in Christus mehr zu finden ist, als wir durch eigenes Festhalten je sichern könnten.
Doch noch mehr, ich sehe auch alle Dinge als Verlust an wegen der Vortrefflichkeit der Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn; um Seinetwillen habe ich den Verlust aller Dinge erlitten und sehe sie als Abfall an, damit ich Christus gewinne (Phil. 3:8)
und in Ihm angetroffen werde, wobei ich nicht meine eigene Gerechtigkeit habe, die aus dem Gesetz ist, sondern die, die durch den Glauben an Christus ist, die Gerechtigkeit, die aus Gott und aufgrund des Glaubens ist, (Phil. 3:9)
Wo Christus vor den Augen des Herzens größer wird, verliert das Festhalten an Ersatzsicherheiten seine Macht, und ein stiller Mut wächst, Schritt für Schritt mehr in Ihm gefunden zu werden.
Christus erkennen in der Kraft Seiner Auferstehung
Wenn Paulus davon spricht, Christus zu erkennen „und die Kraft Seiner Auferstehung“ (Phil. 3:10), denkt er nicht an ein fernes Datum in der Heilsgeschichte, sondern an eine gegenwärtige Wirklichkeit. Auferstehung ist in der Schrift nicht nur ein Ereignis, sondern ein Leben, eine göttliche Kraft, die in Christus wirksam wurde und nun in den Glaubenden gegenwärtig ist. In Epheser 1.heißt es, Gott habe an uns „die überragende Größe Seiner Kraft“ wirksam werden lassen, „die Er in Christus wirken ließ, als Er Ihn von den Toten auferweckte“ (Eph. 1:19–20). Die gleiche Kraft, die den toten Christus aus dem Grab rief, ist das unsichtbare Fundament für jeden Schritt eines Lebens im Glauben. Sie richtet auf, wo wir innerlich zusammengebrochen sind, sie trägt durch, wo unsere natürlichen Möglichkeiten erschöpft sind, und sie bewahrt vor Resignation, wenn Wege verschlossen scheinen.
In Vers 10 sagt Paulus: „um Ihn zu erkennen und die Kraft Seiner Auferstehung und die Gemeinschaft Seiner Leiden, indem ich Seinem Tod gleichgestaltet werde“. Nach diesem Vers strebte Paulus nicht nur danach, Christus zu erkennen, sondern auch die Kraft der Auferstehung Christi und die Gemeinschaft Seiner Leiden zu erkennen. Die Kraft der Auferstehung Christi ist Sein Auferstehungsleben, das Ihn aus den Toten auferweckte (Eph. 1:19–20). Die Wirklichkeit der Kraft der Auferstehung Christi ist der Geist (Röm. 1:4). (Witness Lee, Life-Study of Philippians, Botschaft einundzwanzig, S. 179)
Diese Auferstehungskraft ist nicht unpersönliche Energie, sondern an die Gegenwart des Geistes gebunden: „der dem Geist der Heiligkeit nach aus der Auferstehung der Toten in Kraft als Sohn Gottes bestimmt wurde“ (Röm. 1:4). Wo wir auf den lebengebenden Geist achten, lernen wir, nicht mehr aus dem natürlichen Leben zu reagieren – aus gekränkter Ehre, ängstlicher Selbstbehauptung oder stolzer Selbstsicherheit –, sondern aus einem stillen Vertrauen, das seiner Quelle bewusst ist. In der Kraft der Auferstehung wird Gehorsam möglich, wo der eigene Wille sich sperrt; Versöhnung wird denkbar, wo alte Verletzungen tief sitzen; ein leiser Friede regiert, wo äußere Umstände keine Entspannung bieten. So entsteht ein Lebensstil, in dem Christus selbst handelnd gegenwärtig wird. In allen Spannungen und Begrenzungen bleibt eine tröstliche Gewissheit: Die Kraft, die Ihn aus dem Tod führte, ist derselbe Grundton, auf dem unser alltäglicher Weg mit Ihm ruht.
Darum ist das Erkennen der Auferstehungskraft nicht nur ein theologischer Gedanke, sondern ein stilles Staunen mitten im Alltag: Es gibt eine andere Wirklichkeit als die Summe meiner Ressourcen. Wo dieser Blick wächst, verliert die Angst, zu kurz zu kommen oder zu versagen, an Gewicht, und an ihrer Stelle entsteht eine schlichte Erwartung: Christus lebt, und Er wird in Seiner Auferstehungskraft auch in meinen begrenzten Möglichkeiten etwas von Seinem Leben hervortreten lassen.
um Ihn zu erkennen und die Kraft Seiner Auferstehung und die Gemeinschaft Seiner Leiden, indem ich Seinem Tod gleichgestaltet werde, (Phil. 3:10)
und was die überragende Größe Seiner Kraft an uns ist, die wir glauben, nach der Wirksamkeit der Macht Seiner Stärke, die Er in Christus wirken ließ, als Er Ihn von den Toten auferweckte und Ihn zu Seiner Rechten niedersetzte im Himmlischen, (Eph. 1:19-20)
Wer lernt, im Verborgenen mit der Auferstehungskraft Christi zu rechnen, entdeckt nach und nach, dass selbst schwache Schritte des Vertrauens von einer anderen, größeren Wirklichkeit getragen werden, als das eigene Herz fassen kann.
Gemeinschaft Seiner Leiden und Gleichgestaltung mit Seinem Tod
Das Erkennen Christi in der Kraft Seiner Auferstehung ist untrennbar mit einem anderen Wort verbunden, das zunächst schwerer klingt: „die Gemeinschaft Seiner Leiden“ (Phil. 3:10). Paulus trennt beides nicht: Wer in der Auferstehung lebt, wird in einen Weg geführt, der dem Weg Christi ähnlich ist. Jesus selbst spricht zu den Seinen vom Kelch, den Er zu trinken hat, und sagt zu ihnen: „Meinen Kelch werdet ihr zwar trinken“ (Mt. 20:23). Leiden gehören nicht am Rand, sondern mitten in die Nachfolge. Doch sie bekommen in der Gemeinschaft mit Christus eine neue Gestalt. Paulus kann sagen: „Jetzt freue ich mich in meinen Leiden für euch und fülle meinerseits das aus, was an den Bedrängnissen Christi noch fehlt, in meinem Fleisch für Seinen Leib, der die Gemeinde ist“ (Kolosser 1:24). Seine Trübsale sind nicht sinnlose Schläge, sondern werden Teil der Geschichte, in der Christus Seinen Leib aufbaut.
Die Teilnahme an Christi Leiden – „die Gemeinschaft Seiner Leiden“ – (Mt. 20:22–23; Kol. 1:24) ist eine notwendige Voraussetzung dafür, die Kraft Seiner Auferstehung zu erfahren (2.Tim. 2:11), indem wir Seinem Tod gleichgestaltet werden. (Witness Lee, Life-Study of Philippians, Botschaft einundzwanzig, S. 179)
„Gleichgestaltet werden mit Seinem Tod“ (Phil. 3:10) bedeutet, dass das selbstbezogene Leben Schritt für Schritt in die Wirklichkeit des Kreuzes hineingezogen wird. Es geht darum, dass alte Sicherungsstrategien, Rechtfertigungen, Forderungen und verborgene Ansprüche der Wahrheit des Kreuzes ausgesetzt werden. In solchen Zeiten kann das Herz versucht sein, zu verbittern oder zu verzweifeln. Doch gerade dort erweist sich die Auferstehungskraft als tragende Realität: „Denn wenn wir zusammen mit Ihm gestorben sind, werden wir auch zusammen mit Ihm leben“ (2. Timotheus 2:11). Leiden werden dann nicht zum dunklen Gegenpol des Evangeliums, sondern zu Orten, an denen Christus tiefer geteilt wird – mit Ihm, der den Kelch bereits bis zum Grund getrunken hat, und mit Seinem Leib, der aus der Treue Einzelner Trost und Stärkung empfängt.
So entsteht auf dem Weg durch Leiden eine stille Verwandlung. Nicht jede Frage wird beantwortet, nicht jeder Schmerz sofort gelindert, aber inmitten der Spannungen reift ein anderes Vertrauen. Christus wird nicht nur als Helfer von außen erfahren, sondern als der, der seinen Weg in uns weitergeht. In dieser Gemeinschaft mit Seinen Leiden verliert Hoffnungslosigkeit ihren letzten Anspruch; an ihre Stelle tritt die leise Gewissheit, dass kein Tränentropfen vor Ihm verloren ist und dass jeder Schritt, der Seinem Tod gleichgestaltet wird, zugleich Raum schafft, damit Sein Auferstehungsleben sichtbarer wird.
um Ihn zu erkennen und die Kraft Seiner Auferstehung und die Gemeinschaft Seiner Leiden, indem ich Seinem Tod gleichgestaltet werde, (Phil. 3:10)
Er spricht zu ihnen: Meinen Kelch werdet ihr zwar trinken, aber das Sitzen zu meiner Rechten und zu (meiner) Linken zu vergeben, steht nicht bei mir, sondern (ist für die), denen es von meinem Vater bereitet ist. (Mt. 20:23)
Wo Leiden nicht mehr nur als sinnlose Last, sondern als geheimnisvolle Teilhabe am Weg Christi gesehen werden, kann selbst in dunklen Phasen ein leiser, tragender Trost aufleuchten: Er geht nicht nur mit, Er teilt gerade dort Sein eigenes Leben tiefer mit uns.
Herr Jesus Christus, Du bist von überragender Kostbarkeit, weit größer als alles, was diese Welt geben kann. Öffne unsere Augen für die Exzellenz Deiner Erkenntnis, damit unsere Herzen von Dir neu gewonnen werden und wir in Dir gefunden werden. Lass die Kraft Deiner Auferstehung in unserem inneren Menschen lebendig wirken, wo wir uns schwach, leer oder gefangen in alten Mustern erleben. In allen Formen von Leiden, Unverständnis und Druck halte Du uns in der Gemeinschaft mit Dir fest und präge uns Deinem Tod gleich, damit Dein Leben sichtbar wird. Stärke in uns die Gewissheit, dass kein Weg mit Dir vergeblich ist und dass Du alles zu Deiner Herrlichkeit und zu unserem endgültigen Heil führst. Erfülle uns mit stiller Freude und fester Hoffnung, bis wir Dich in Deiner Herrlichkeit schauen. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Philippians, Chapter 21