Das Wort des Lebens
lebensstudium

Christus als unsere Person für das Gemeindeleben nehmen

11 Min. Lesezeit

Viele Christinnen und Christen sehnen sich nach einem echten, lebendigen Gemeindeleben und merken zugleich: Trotz guter Lehre und richtiger Formate fehlt etwas in der Tiefe. Wir sprechen vom Leib Christi, von Diensten und geistlichem Wachstum, stehen aber oft unter dem Einfluss von Traditionen, kulturellen Prägungen und eigenen Vorstellungen. Die Frage ist: Was macht die Gemeinde wirklich neu, und was verändert unser Miteinander nicht nur äußerlich, sondern im Innersten?

Die Gemeinde als der eine neue Mensch

Wenn der Epheserbrief sagt, dass Christus in Sich Selbst die zwei zu einem neuen Menschen geschaffen hat, berührt er das innerste Geheimnis der Gemeinde. Es geht nicht um eine besonders engagierte Gruppe innerhalb des Christentums, nicht um ein geistliches Eliteprojekt, sondern um eine neue Menschheit, die in Christus schon geschaffen ist. “Indem Er in Seinem Fleisch das Gesetz der Gebote in Verordnungen außer Kraft setzte, damit Er in Sich Selbst die zwei zu einem neuen Menschen schaffe und so Frieden stifte” (Eph. 2:15-16). Der alte Mensch ist geprägt von Trennung: Juden und Heiden, fromm und gottlos, gebildet und ungebildet, jede Gruppe mit eigenen Ordnungen, über die sie sich definiert. Diese Ordnungen können religiös, kulturell oder moralisch sein; sie geben Zugehörigkeit, sie stiften Identität – und gerade dadurch grenzen sie ab. Am Kreuz hat Christus nicht nur die Sünde getragen, sondern auch dieses dicht gewebte Netz von trennenden Ordnungen in Seinem Fleisch gerichtet. Die Wurzel der Feindschaft liegt tiefer als einzelne Konflikte: Sie liegt darin, dass Menschen sich über ihre Ordnungen sichern und absetzen. Darum musste Er das ganze System antasten, nicht nur seine Auswüchse.

Die Tatsache, dass Juden und Heiden zu einem neuen Menschen geschaffen worden sind, zeigt, dass dieser neue Mensch ein gemeinschaftliches und universales Wesen ist. Es gibt viele Gläubige, aber nur einen neuen Menschen. Alle Gläubigen gehören zu diesem einen gemeinschaftlichen und universalen neuen Menschen. Die höchste Offenbarung über die Gemeinde im Epheserbrief ist die Offenbarung des neuen Menschen. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft achtundsiebzig, S. 663)

Der neue Mensch, von dem Paulus spricht, ist deshalb kein frommes Idealbild einzelner besonders gelungener Christen, sondern ein gemeinschaftliches Wesen. Viele Glaubende, ein neuer Mensch. In dieser neuen Menschheit verliert alles, was uns bislang definierte, seine letzte Geltung: kein Vorrang der einen Kultur vor der anderen, kein geistliches Prestige aus Tradition, Stil oder Frömmigkeitsform. Was bleibt, ist Christus als Inhalt und Mittelpunkt. In Ihm verbindet sich, was menschlich unvereinbar scheint. Regeneration bedeutet darum mehr als persönliche Vergebung; sie bedeutet Hineingeborenwerden in diese neue Menschheit, in der Christus unser Leben und unsere Person ist. Wo das Herzen erreicht, wird Gemeinde nicht mehr als Zusammenschluss Gleichgesinnter erlebt, sondern als Ausdruck eines neuen Menschen, den Gott schon in Christus geschaffen hat. Das schenkt eine tiefe Entlastung: Nicht wir müssen Einheit produzieren, sondern wir dürfen lernen, in dem zu leben, was Er bereits gewirkt hat – und entdecken, wie viel weiter und größer dieser eine neue Mensch ist als alle unsere bisherigen Maßstäbe.

indem Er in Seinem Fleisch das Gesetz der Gebote in Verordnungen außer Kraft setzte, damit Er in Sich Selbst die zwei zu einem neuen Menschen schaffe und so Frieden stifte (Eph. 2:15-16)

Die Sicht des einen neuen Menschen lädt dazu ein, vertraute Grenzziehungen innerlich loszulassen. Wenn Christus die Ordnungen, mit denen wir uns voneinander abgrenzen, am Kreuz außer Kraft gesetzt hat, dann verliert unsere Selbstsicherung über Herkunft, Stil oder geistliche Prägung ihren Anspruch. Das schenkt Freiheit, Geschwister nicht mehr zuerst durch die Brille der Unterschiede zu sehen, sondern in ihnen Glieder desselben neuen Menschen zu erkennen. Aus dieser Sicht erwächst ein stiller Mut, sich aufeinander einzulassen, Fremdes nicht vorschnell abzuwehren und den Reichtum Christi in den anderen gelten zu lassen. Je mehr diese Wirklichkeit unser inneres Bild von Gemeinde prägt, desto erfahrbarer wird, dass Gottes Werk größer ist als unsere Kultur und unsere Vorstellungen – und dass wir hineingenommen sind in eine Menschheit, in der Christus selbst unser gemeinsames Leben ist.

Christus als unsere Person statt religiöser Praxis

Zwischen einem religiös geprägten Christenleben und einem Leben, in dem Christus unsere Person ist, liegt oft ein feiner, aber entscheidender Unterschied. Im Religiösen stehen Inhalte, Begriffe und Formen im Vordergrund: Man kann die Rechtfertigung erklären, den Himmel beschreiben, das Evangelium korrekt wiedergeben – und doch vor allem ein System weiterreichen. Christus bleibt dann leicht die große Lehre, nicht die lebendige Person. Das Neue Testament zeichnet jedoch ein anderes Bild: “Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig” (2. Korinther 3:6). Alles, was Gott uns schenkt, fasst Er in Christus zusammen; wer Ihn empfängt, empfängt mit Ihm Vergebung, Rechtfertigung, Heiligung und Hoffnung. Der Blick verschiebt sich: Nicht die Gaben stehen im Mittelpunkt, sondern der Geber in Person. Ein Glaube, der Christus als Person ergreift, ist weniger mit dem Verwalten richtiger Vorstellungen beschäftigt, sondern mit dem inneren Umgang mit dem Herrn selbst.

Was wir heute brauchen, ist nicht lehrmäßiges Wissen, sondern die praktische, tägliche Erfahrung, Christus als unsere Person zu nehmen. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft achtundsiebzig, S. 665)

Auch nach einer klaren Bekehrung kann das Leben still in religiöse Bahnen zurückgleiten. Ungeschriebene Regeln entstehen: So hat man sich als Christ zu verhalten, so sieht geistlicher Erfolg aus, diese Gewohnheiten gelten als “normal”. Das sind die modernen Satzungen, die unser Miteinander prägen. Wenn Christus unsere Person ist, verschiebt sich der Schwerpunkt. Dann zählt nicht zuerst, was “man” erwarten könnte, sondern was der Herr in einer konkreten Situation innerlich bezeugt. Ein solches Leben ist nicht formlos oder beliebig; es ist im Gegenteil tief gebunden – aber an eine Person, nicht an ein System. “Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott vorher bereitet hat” (Epheser 2:10). Gute Werke entspringen dann nicht der Anstrengung, ein bestimmtes Bild zu erfüllen, sondern dem leisen Gehorsam gegenüber dem inwohnenden Herrn. So wird das Christsein weniger ein Projekt, das zu gelingen hat, und mehr ein gemeinsamer Weg mit Christus, der in uns denken, fühlen und handeln will.

Wo Christus an die Stelle religiöser Selbststeuerung tritt, entsteht ein anderes Klima, auch im Gemeindeleben. Man misst sich weniger an geistlichen Kennzahlen, vergleicht weniger Frömmigkeitsstile und achtet mehr auf das verborgene Werk des Herrn im Inneren. Das nimmt Druck und öffnet Raum für Echtheit. Grenzen und Schwächen verschwinden nicht, aber sie verlieren ihren Charakter als Makel, die es zu verstecken gilt. Entscheidend ist nicht mehr: Bin ich fromm genug?, sondern: Darf Christus in dieser Sache wirklich mein Inneres bestimmen? Damit wächst eine stille Gelassenheit, weil nicht die eigene Leistung das letzte Wort hat, sondern die Treue des Herrn. In dieser Gelassenheit liegt eine tiefe Ermutigung: Der, der uns sich selbst geschenkt hat, wird auch nicht müde, uns Schritt für Schritt in ein Leben hineinzuführen, in dem Er selbst unsere Person ist.

Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott vorher bereitet hat, damit wir in ihnen wandeln sollen. (Eph. 2:10)

der uns auch tüchtig gemacht hat zu Dienern des neuen Bundes, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes; denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig. (2.Kor 3:6)

Der Unterschied zwischen religiöser Betriebsamkeit und einem Leben aus Christus wird oft erst spürbar, wenn innere Spannungen auftreten: Erwartungen prallen aufeinander, eigene Maßstäbe geraten ins Wanken, Gewohnheiten tragen nicht mehr. Gerade dort zeigt sich, worauf wir wirklich bauen. Ein Leben, das Christus als Person ernst nimmt, darf in solchen Momenten ehrlich werden, ohne gleich am eigenen Glauben zu verzweifeln. Es kennt die Freiheit, sich innerlich an den Herrn zu wenden, statt reflexhaft auf äußere Normen zurückzugreifen. Daraus erwächst ein stiller Mut, der nicht aus Härte, sondern aus Vertrauen besteht: Christus in mir ist größer als mein Versagen, größer auch als die stummen Forderungen meines Umfelds. Diese Gewissheit macht das Christenleben nicht spektakulär, aber tief – und lässt nach und nach spürbar werden, dass nicht mehr die Frömmigkeit, sondern Christus selbst die Mitte ist.

Christus macht Wohnung in unseren Herzen – die Quelle des Gemeindelebens

Die Schaffung des einen neuen Menschen in Christus bleibt für uns blass, solange sie nicht die inneren Räume unseres Herzens erreicht. Darum mündet die hohe Sicht von Epheser 2.in ein Gebet in Epheser 3. Paulus bittet nicht um mehr Erkenntnis allein, sondern darum, “damit Christus durch den Glauben in euren Herzen Wohnung mache, damit ihr, indem ihr in der Liebe verwurzelt und gegründet werdet” (Epheser 3:17). Christus ist in jedem Glaubenden gegenwärtig, aber Wohnung machen bedeutet mehr als bloße Gegenwart: Es meint, dass Er sich ausbreitet, dass Er vertraut wird in allen Zimmern unseres Inneren – in Gedanken, Gefühlen, Motiven, Entscheidungen. Solange bestimmte Bereiche bewusst oder unbewusst verschlossen bleiben, bleibt Christus dort Gast, nicht Hausherr. Dann sprechen wir vielleicht von Einheit und Leib Christi, aber unsere Reaktionen in konkreten Situationen werden noch stark von alten Mustern bestimmt.

Ohne Epheser 3 wäre Epheser 2 für uns nur Lehre. Es ist Tatsache, dass Christus die Satzungen abgeschafft hat, um Juden und Heiden zu einem neuen Menschen zu schaffen. Damit dies jedoch in unserer täglichen Erfahrung Wirklichkeit wird, müssen wir Christus erlauben, in unseren Herzen Wohnung zu machen (3:17). (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft achtundsiebzig, S. 666)

Wo Christus wirklich Wohnung macht, verändert sich das Miteinander sichtbar. In Epheser 4 ist die Rede davon, dass wir “in allen Dingen hineinwachsen in Ihn, der das Haupt ist, Christus” (Epheser 4:15) und dass wir “den alten Menschen ablegt” und “den neuen Menschen anzieht” (Epheser 4:22-24). Dieses An- und Ausziehen geschieht nicht zuerst an den äußeren Rändern unseres Verhaltens, sondern im Geist unseres Verstandes. Christus beginnt, unser Denken zu erneuern, unsere spontanen Bewertungen, unsere Empfindlichkeiten. Wo früher Verletzung oder Stolz den Ton angaben, meldet sich nun das leise Zeugnis des Herrn: Sein Friede, Seine Liebe, Sein Licht. So wachsen nicht wir aus eigener Kraft in eine ideale Gemeinschaft hinein, sondern Christus gewinnt Schritt für Schritt Gestalt in vielen Herzen. Das Gemeindeleben wird dann nicht primär durch Programme, Absprachen und Strukturen getragen, sondern durch die verborgene, aber reale Tatsache, dass derselbe Christus in vielen Menschen Wohnung macht.

Diese innere Wohnstatt Christi ist die Quelle eines Gemeindelebens, das zugleich klar und milde, entschieden und barmherzig ist. “Denn die Frucht des Lichts erweist sich in lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit” (Epheser 5:9). Wo Christus die innere Person ist, geht Güte nicht zulasten der Wahrheit, und Gerechtigkeit wird nicht hart, weil sie von Liebe umfangen ist. In einem solchen Umfeld können Menschen reifen, weil sie weder in Beliebigkeit noch in Gesetzlichkeit festgehalten werden. Der Weg dorthin verläuft still: oft durch kleine, unscheinbare Entscheidungen, in denen Christus ein wenig mehr Raum erhält. Gerade darin liegt die Ermutigung dieses Gebets aus Epheser 3. Die Last, Gemeinde zu “machen”, liegt nicht auf unseren Schultern. Gefragt ist, dass wir Christus nicht nur im Glauben zustimmen, sondern Ihn in unserem Herzen ankommen lassen. Wo dieses Ankommen geschieht, wird der Leib Christi aufgebaut – nicht als Projekt, sondern als Frucht eines Lebens, in dem Christus wirklich zuhause ist.

application_de”: “Wenn Christus Wohnung in unseren Herzen macht, verschiebt sich unser Blick auf das Gemeindeleben. Schwierigkeiten und Spannungen verlieren ihren Charakter als unüberwindbare Störungen und werden zu Orten, an denen sich zeigt, wie tief Seine Gegenwart schon in uns verwurzelt ist. Das nimmt nicht den Schmerz, aber es nimmt die Hoffnungslosigkeit. In jeder inneren Bewegung – ob Freude, Widerstand oder Müdigkeit – darf die leise Gewissheit mitgehen: Hier ist ein Ort, an dem Christus mehr Raum gewinnen kann. Aus dieser Gewissheit erwächst eine stille Hoffnung für die Gemeinde: Nicht unsere Perfektion, sondern Seine wohnende Treue trägt. Und je mehr diese Treue unser Inneres prägt, desto deutlicher wird inmitten aller Unvollkommenheit sichtbar, dass die Gemeinde tatsächlich der Ort ist, an dem Christus lebt, liebt und handelt.

damit Christus durch den Glauben in euren Herzen Wohnung mache, damit ihr, indem ihr in der Liebe verwurzelt und gegründet werdet, (Eph. 3:17)

bis wir alle zur Einheit des Glaubens und der völligen Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, zu einem gereiften Mann, zum Maß des Wuchses der Fülle Christi, (Eph. 4:13-15: 22-24)

Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie Sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.


Herr Jesus Christus, danke, dass Du am Kreuz alles beseitigt hast, was uns voneinander trennt, und dass Du uns in Dir zu einem neuen Menschen gemacht hast. Du kennst alle verborgenen Ordnungen, Vorstellungen und Sicherheiten, an denen unser Herz festhält, und Du weißt, wie sehr wir Dich als unsere lebendige Person brauchen. Wir öffnen Dir neu unser inneres Wesen und bitten Dich, dass Du in unseren Herzen wirklich Wohnung machst und jeden Raum mit Deinem Leben erfüllst. Lass unser persönliches Leben und unser Gemeindeleben von Deiner Gegenwart geprägt sein, damit nicht unsere Kultur, unsere Frömmigkeit oder unsere Kraft sichtbar werden, sondern Du selbst. Stärke in uns das Vertrauen, dass Du genügst, und schenke uns die Freude, aus Dir zu leben und in Dir zusammengefügt zu sein als der eine neue Mensch. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Ephesians, Chapter 78

Diesen Artikel teilen

Wenn er hilfreich war, kannst du ihn einfach weitergeben.

E-Mail WhatsApp