Das Wort des Lebens
lebensstudium

Alle aufbauenden Glieder ohne Rang

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Viele Christen erleben Gemeinde entweder als frommen Verein mit klaren Positionen oder als lockere Gemeinschaft ohne klare Verantwortung. Die Bibel zeichnet jedoch ein anderes Bild: Die Gemeinde ist ein lebendiger Leib, in dem Christus selbst das Haupt ist und jedes Glied seinen Platz und seine Aufgabe hat. Wo menschliche Rangordnungen und Titel das Denken prägen, verliert dieser Leib an Lebendigkeit – doch dort, wo alle Glieder in Liebe zusammenwirken, wird etwas von der Fülle Christi sichtbar.

Der Leib Christi: Organismus statt Hierarchie

Wenn das Neue Testament von der Gemeinde spricht, wählt es ein durch und durch lebendiges Bild: den Leib Christi. Dieses Bild sprengt jede Vorstellung von religiöser Hierarchie. Ein Leib hat Organe, keine Karriereleiter; Glieder, keine Ränge. In unserem physischen Leib hat jedes Glied seinen festen Platz, doch dieser Platz ist keine Auszeichnung, sondern Ausdruck einer bestimmten Funktion. Die Nase sitzt höher als der Mund, aber sie ist dem Mund nicht überlegen; sie ist anders gestaltet, um anders zu dienen. So beschreibt Paulus die Gemeinde: „Denn wie wir in einem Leib viele Glieder haben, aber die Glieder nicht alle dieselbe Aufgabe haben, so sind wir, die vielen, ein Leib in Christus, einzeln aber Glieder voneinander“ (Römer 12:4–5). Der Leib lebt nicht von Konkurrenz, sondern von Ergänzung; nicht von Ordnung durch Rang, sondern von Ordnung durch Leben.

Tatsächlich ist die Gemeinde keine Organisation. Wie Paulus in seinen Briefen sagt, ist die Gemeinde der Leib Christi. Unser physischer Leib, der ein Bild des mystischen Leibes Christi ist, ist keine Organisation, sondern ein Organismus. Als Organismus ist er ganz und gar vom Leben abhängig. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft zweiundvierzig, S. 358)

Daraus folgt etwas sehr Konkretes für das Gemeindeleben. Apostel, Propheten, Älteste und Diakone haben Aufgaben, ja, oft auch eine sichtbare Verantwortung – aber daraus erwächst kein Vorrang vor den anderen Heiligen. Christus allein ist das Haupt, der einzigartige Leiter des Leibes. Sobald Titeldenken, Machtstreben oder menschliche Beherrschung Raum gewinnen, wird das Bild des Leibes verdunkelt und eine religiöse Hierarchie schiebt sich an die Stelle des lebendigen Organismus. Die Schrift zeichnet ein anderes Bild: „Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn einer ist euer Lehrer, ihr alle aber seid Brüder“ (Matthäus 23:8). In der gesunden Realität der Gemeinde sind auch die Verantwortlichen Glieder unter Gliedern, Sklaven unter Sklaven, Verwalter der Gnade Gottes und nicht Herren über die Herde.

Gerade diese Sicht bewahrt vor Entmutigung und Überhöhung zugleich. Wer meint, bedeutungslos zu sein, weil er keine offizielle Aufgabe trägt, übersieht, dass im Leib Christi jedes unscheinbare Glied unverzichtbar ist. Und wer versucht ist, aus sichtbarer Verantwortung einen Rang abzuleiten, wird daran erinnert, dass alle Versorgung und alle Autorität nur aus dem Haupt, Christus, fließt. „Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich brauche dich nicht“ (1. Korinther 12:21), heißt es; genauso wenig kann ein begabter Diener sagen: Ich stehe über euch. In dieser Atmosphäre werden auch müde Herzen neu gestärkt: Es ist nicht nötig, einen Rang zu erreichen, um kostbar zu sein. Es genügt, von Christus her an dem Platz zu leben, den er zugewiesen hat. Dort, in der Treue im Kleinen, wächst ein stiller, aber wirklicher Beitrag zum Aufbau des ganzen Leibes heran.

Denn wie wir in einem Leib viele Glieder haben, aber die Glieder nicht alle dieselbe Aufgabe haben, so sind wir, die vielen, ein Leib in Christus, einzeln aber Glieder voneinander. (Römer 12:4–5)

Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn einer ist euer Lehrer, ihr alle aber seid Brüder. (Matthäus 23:8)

Wo die Gemeinde als Leib Christi verstanden wird, verliert das Ringen um Titel und Position seinen Reiz. Die Augen richten sich auf das Haupt, nicht auf die Hierarchie, und jeder Dienst – ob sichtbar oder verborgen – gewinnt Gewicht, weil er Ausdruck des einen Lebens ist, das in allen Gliedern wirkt. In einem solchen Klima lernen die Heiligen, sich weder zu überhöhen noch sich abzuwerten, sondern in Ruhe die eigene von Gott gegebene Funktion zu entdecken und auszuleben. So entsteht ein Gemeindeleben, das nicht von Rangordnungen, sondern von der Kraft des göttlichen Lebens durchdrungen ist, und in dem Christus ungeteilt als Haupt geehrt wird.

Alle Heiligen als aufbauende Glieder

Die Schrift zeichnet ein kraftvolles Bild davon, wie aus scheinbar einfachen Gliedern des Leibes aktive Mitbauer werden. Im Epheserbrief heißt es von Christus: „Und er hat die einen als Apostel gegeben und andere als Propheten und andere als Evangelisten und andere als Hirten und Lehrer, zur Zurüstung der Heiligen für das Werk des Dienstes, für die Erbauung des Leibes Christi“ (Epheser 4:11–12). Die Begabten sind also nicht dazu bestimmt, die ganze Arbeit anstelle der Gemeinde zu tragen, sondern die Heiligen auszurüsten, damit die gesamte Gemeinde in das Werk des Dienstes hineinwächst. Ihr Dienst ist nicht Stellvertretung, sondern Multiplikation: Sie nähren, schulen und begleiten, damit viele andere zu Trägern und Spendern derselben Gnade werden.

Epheser 4:11 sagt: „Und Er gab die einen als Apostel und andere als Propheten und andere als Evangelisten und andere als Hirten und Lehrer.“ Diese Begabten sind keine hohen Amtsträger mit besonderem Rang. Vielmehr sind sie gegeben zur Vollendung der Heiligen (V. 12). Die Heiligen müssen zurüstet, ausgerüstet und ausgestattet werden zu dem Werk des Dienstes. Dieses Werk des Dienstes ist der Aufbau des Leibes Christi. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft zweiundvierzig, S. 360)

Dieses Ausrüsten geschieht auf zwei Ebenen, die sich gegenseitig durchdringen. Zum einen geht es um Wachstum im Leben: um das innere Reifen in der persönlichen Gemeinschaft mit Christus, um ein tieferes Verwurzeltsein in seiner Liebe, um eine zunehmende Empfindsamkeit für das Wirken des Geistes. Zum anderen geht es um geistliche „Fertigkeiten“: das Evangelium klar und schlicht weiterzugeben, das Wort verständlich auszulegen, andere im Glauben zu ermutigen, zu ermahnen und zu trösten, ein wachsames Herz für die Herde zu entwickeln. Wenn jedes Glied in seinem Maß wirkt, erfüllt sich, was Paulus beschreibt: „Von ihm aus wird der ganze Leib zusammengefügt und gefestigt durch jedes der Unterstützung dienende Gelenk, entsprechend der Wirksamkeit in dem Maß jedes einzelnen Teils; so bewirkt er das Wachstum des Leibes zu seiner Auferbauung in Liebe“ (Epheser 4:16). Der Aufbau des Leibes geschieht nicht durch einige wenige Spezialisten, sondern durch das Zusammenspiel vieler zugerüsteter Glieder.

Gerade darin liegt eine große Ermutigung. Niemand bleibt für immer ein passiver Zuhörer von Diensten anderer, sondern ist eingeladen – und befähigt –, Mitschwingender im lebendigen Organismus des Leibes Christi zu werden. Manches beginnt unscheinbar: ein Gebet mit einem Bruder, ein tröstendes Wort, ein kleiner Dienst an den Bedürftigen, ein erstes öffentliches Zeugnis. Doch in der Hand des Herrn wächst aus diesen Schritten ein Beitrag, der weit über das eigene Maß hinausreicht. Die Begabten, die der Herr der Gemeinde gibt, stehen dabei nicht über den Heiligen, sondern an ihrer Seite, um sie zu stärken und freizusetzen. So wird das Gemeindeleben zu einem Raum, in dem Christus selbst seine Glieder formt, ausrüstet und aussendet – und in dem jeder, der bereit ist, sich von ihm berühren zu lassen, zu einem lebendigen Baustein seiner Wohnung wird.

Und er hat die einen als Apostel gegeben und andere als Propheten und andere als Evangelisten und andere als Hirten und Lehrer, zur Zurüstung der Heiligen für das Werk des Dienstes, für die Erbauung des Leibes Christi. (Epheser 4:11–12)

Von ihm aus wird der ganze Leib zusammengefügt und gefestigt durch jedes der Unterstützung dienende Gelenk, entsprechend der Wirksamkeit in dem Maß jedes einzelnen Teils; so bewirkt er das Wachstum des Leibes zu seiner Auferbauung in Liebe. (Epheser 4:16)

Wo die Heiligen sich als aufbauende Glieder verstehen und die Gaben des Herrn nicht als Ersatz, sondern als Hilfe zur eigenen Zurüstung annehmen, verändert sich die Atmosphäre der Gemeinde. Aus einer Zuschauerhaltung entsteht ein gemeinsames Tragen; aus dem Eindruck, dass nur wenige „etwas zu geben haben“, wächst die Erfahrung, dass Christus durch viele unterschiedliche Stimmen, Hände und Herzen wirkt. In diesem Miteinander reift eine Freude, die nicht an sichtbare Erfolge gebunden ist, sondern an die stille Gewissheit: Der Herr selbst baut seinen Leib, und jeder, der in ihm wächst, darf ein Werkzeug in seiner Hand sein.

Demütige Leiterschaft und gegenseitige Unterordnung

Wenn Leiterschaft im Licht des Leibes verstanden wird, verliert sie den Charakter einer übergeordneten Rangstufe und gewinnt den Charakter eines dienenden Vorangehens. Im Reich Gottes ist das Wort „vorne“ untrennbar mit „unten“ verbunden. Jesus macht dies seinen Jüngern deutlich: „Ihr wisst, dass die, die als Regenten der Nationen gelten, sie beherrschen und ihre Großen Gewalt über sie ausüben. Unter euch aber soll es nicht so sein; sondern wer unter euch groß werden will, soll euer Diener sein, und wer unter euch der Erste sein will, soll aller Sklave sein“ (Markus 10:42–44). Älteste und andere Verantwortungsträger werden in der Schrift nicht als Besitzer der Gemeinde beschrieben, sondern als Mitverwalter dessen, was Christus gehört. Sie leiten, indem sie im Gebet vorangehen, im Wort verwurzelt sind und in ihrem Lebenswandel zeigen, wie Vertrauen auf den Herrn in Alltagssituationen aussieht.

So sollten alle Heiligen, nicht nur die Apostel, Verwalter sein. Die Ältesten sollten sich nicht in eine besondere Kategorie einordnen, sondern sich als Verwalter sehen, genauso wie alle Heiligen Verwalter sind. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft zweiundvierzig, S. 365)

Petrus fasst diese Haltung in wenigen, dichten Sätzen: „Hütet die Herde Gottes bei euch, nicht aus Zwang, sondern freiwillig, wie Gott es will; nicht aus schändlicher Gewinnsucht, sondern bereitwillig; nicht als solche, die über das ihnen zugewiesene Teil herrschen, sondern indem ihr Vorbilder der Herde seid“ (1. Petrus 5:2–3). Leiterschaft ohne Rangdenken bedeutet, dass Autorität nicht eingefordert, sondern durch ein glaubwürdiges Leben gewonnen wird. Gleichzeitig betont derselbe Abschnitt die gegenseitige Unterordnung: „Genauso, ihr Jüngeren, ordnet euch den Älteren unter! Alle aber umkleidet euch mit Demut im Umgang miteinander“ (1. Petrus 5:5). Die Älteren ordnen sich den Jüngeren, indem sie lernbereit bleiben, ihre eigene Begrenztheit anerkennen und die Gaben der anderen achten. So entsteht ein Geflecht von Beziehungen, in denen nicht die Frage dominiert, wer das letzte Wort hat, sondern wie Christus gemeinsam erkannt und geehrt werden kann.

Ein solches Miteinander ist anspruchsvoll, aber reich an Segen. Wo Verantwortliche sich nicht in eine besondere Kategorie über die übrigen Heiligen einordnen, sondern sich selbst als Verwalter unter Verwaltern sehen, entsteht Raum für Vertrauen, Offenheit und gemeinsames Lernen. Entscheidungen werden nicht von oben durchgedrückt, sondern im gemeinsamen Suchen vor dem Herrn getragen. Für die Gemeinde bedeutet dies Entlastung: Es muss nicht auf unfehlbare Leiter vertraut werden, sondern auf den einen Herrn, der durch schwache Menschen führt. Und für diejenigen, die Verantwortung tragen, liegt darin Trost und Schutz: Sie müssen nicht eine Rolle spielen, die größer ist als ihr Maß, sondern dürfen als Brüder unter Brüdern dienen. In diesem Wechselspiel von Dienerschaft und gegenseitiger Unterordnung wird der Leib Christi gestärkt – und Christus als der wahre Hirte und Aufseher der Seelen sichtbar geehrt.

Jesus aber rief sie zu sich und sagt zu ihnen: Ihr wisst, dass die, die als Regenten der Nationen gelten, sie beherrschen und ihre Großen Gewalt über sie ausüben. Unter euch aber soll es nicht so sein; sondern wer unter euch groß werden will, soll euer Diener sein, und wer unter euch der Erste sein will, soll aller Sklave sein. (Markus 10:42–44)

Hütet die Herde Gottes bei euch, nicht aus Zwang, sondern freiwillig, wie Gott es will; nicht aus schändlicher Gewinnsucht, sondern bereitwillig; nicht als solche, die über das ihnen zugewiesene Teil herrschen, sondern indem ihr Vorbilder der Herde seid. (1. Petrus 5:2–3)

Geistliche Leiterschaft ohne Rangdenken lädt die Gemeinde ein, gemeinsam unter dem einen Haupt zu leben. Wo Demut und gegenseitige Unterordnung das Miteinander prägen, verlieren Machtkämpfe und Misstrauen ihre Kraft. Stattdessen wächst eine Kultur des Hörens auf den Herrn und des Respekts voreinander, in der Verantwortungsträger entlastet und die übrigen Heiligen ermutigt werden, ihre Gaben einzubringen. So wird die Gemeinde zu einem Ort, an dem Leiterschaft nicht bedroht, sondern schützt, und an dem Christus selbst als der sanfte und zugleich mächtige Leiter seiner Herde erfahrbar wird.


Herr Jesus Christus, danke, dass Du das Haupt Deines Leibes bist und dass in Dir kein Platz für menschliche Rangordnung, sondern Raum für dienende Liebe ist. Erneuere unser Denken, wo wir in Kategorien von Macht, Titel und Position gefangen sind, und pflanze in uns die Gesinnung Deiner Demut. Lass uns in Deinem Leben wachsen, damit wir nicht nur aufgebaut werden, sondern selbst zu aufbauenden Gliedern werden, durch die Deine Gnade andere erreicht. Stärke besonders alle, die in der Gemeinde vorangehen, dass sie als Vorbilder im Dienst, in der Hingabe und in der Sanftmut leuchten. Fülle unsere Gemeinschaften so mit Deiner Liebe, dass gegenseitige Wertschätzung und Unterordnung selbstverständlich werden und Dein Leib in Einheit und Reife heranwächst. Richte unseren Blick auf Dich als unseren einzigartigen Leiter und schenke uns Frieden und Freude darin, gemeinsam unter Deiner Herrschaft zu leben. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Ephesians, Chapter 42

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