Das Wort des Lebens
lebensstudium

Zu drei Dingen gelangen

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Viele Christen spüren, dass Gott mit seiner Gemeinde ein Ziel verfolgt, und doch erleben sie zugleich Zersplitterung, Unreife und Frust über scheinbar wirkungslose Gemeindearbeit. Paulus zeichnet in Epheser 4 ein anderes Bild: Christus selbst beschenkt seine Gemeinde, damit alle Gläubigen gemeinsam zu etwas Bestimmtem „gelangen“. Diese Perspektive nimmt uns aus einem engen Blick auf einzelne Dienste heraus und öffnet den Horizont für Gottes großen Plan mit dem Leib Christi.

Zur gelebten Einheit im Glauben und in der Erkenntnis Christi gelangen

Wenn Paulus von der „Einheit des Geistes“ und der „Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes“ spricht, öffnet er uns zwei Ebenen derselben Wirklichkeit. Durch den Heiligen Geist sind alle, die an Christus glauben, bereits innerlich miteinander verbunden; unabhängig von Herkunft, Tradition oder geistlicher Prägung teilen sie ein und dasselbe göttliche Leben. Diese Einheit ist nicht das Ergebnis unserer Bemühungen, sondern ein Geschenk, das in Christus bereits geschaffen ist. Sie ist gewissermaßen die unsichtbare Wurzel, aus der alles wächst. Darauf weist auch Judas hin, wenn es über den Glauben heißt, er sei „ein für allemal den Heiligen überliefert“ (Jud. 1:3): Es gibt einen gemeinsamen, objektiven Inhalt – die Person des Sohnes Gottes und sein Erlösungswerk –, in den wir hineingestellt wurden.

Die Einheit des Geistes in Vers 3 ist die Einheit des göttlichen Lebens in Wirklichkeit, während die Einheit in Vers 13 die Einheit unseres praktischen Lebenswandels ist. Die Einheit des göttlichen Lebens in Wirklichkeit besitzen wir bereits; wir müssen sie nur bewahren. Doch wir müssen weitergehen, bis wir zur Einheit unseres Lebenswandels in der Praxis gelangen. Dieser Aspekt der Einheit betrifft zwei Dinge: den Glauben und die volle Erkenntnis des Sohnes Gottes. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft dreiundvierzig, S. 369)

Neben dieser geschenkten Wirklichkeit steht jedoch unsere gelebte Praxis. Im Alltag zeigt sich die Einheit oft brüchig, weil andere Dinge als Christus das Zentrum einnehmen: geerbte Traditionen, Lieblingslehren, persönliche Empfindlichkeiten oder Verletzungen. Die „Einheit des Glaubens“ meint nicht, dass alle gleich stark glauben, sondern dass alle sich von demselben Inhalt bestimmen lassen: von der Herrlichkeit des Sohnes Gottes, von der Gnade seines Kreuzes, von der Kraft seiner Auferstehung. Und die „volle Erkenntnis des Sohnes Gottes“ geht über richtige Information hinaus. Sie ist ein Erkennen, das uns verwandelt, weil wir Christus als gegenwärtigen Herrn, als unser Leben und als Mittelpunkt der Gemeinde erfahren. Wo er so in den Vordergrund rückt, verlieren Nebenthemen ihre Schärfe. Streitfragen, die uns einst trennten, verlieren an Gewicht, wenn seine Person und sein Wille wichtiger werden als das Recht behalten. Dann beginnt das, was wir im Geist schon sind, sichtbar zu werden – in Anbetung, im gemeinsamen Dienst und im brüderlichen Umgang. Hebräer 6:1. drückt genau diese Bewegung aus: „Darum wollen wir das Wort des Anfangs über Christus beiseite lassen und uns zur Reife bringen lassen, ohne dabei wieder ein Fundament zu legen … mit dem Glauben an Gott.“ Je mehr unser Blick von den Anfängen weg auf die Fülle Christi gelenkt wird, desto mehr wächst eine stille, tragfähige Einheit, die nicht aus Gleichmacherei besteht, sondern aus gemeinsamem Schauen auf denselben Herrn.

In dieser Spannung zwischen bereits geschenkter Einheit und noch unvollständig gelebter Einheit liegt eine große Ermutigung. Gott fordert nicht etwas von uns, was er uns nicht zuvor gewirkt hätte. Er ruft uns vielmehr hinein in das, was in Christus schon wahr ist. Die Unstimmigkeiten, die wir erleben, sind nicht das letzte Wort über die Gemeinde; sie zeigen, wo Christus noch mehr Raum gewinnen möchte. Wo sein Wort „lebendig und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert“ ist, wie es in Hebräer 4:12 heißt, dort trennt er auch in unseren Herzen zwischen dem, was aus eigenem Eifer kommt, und dem, was aus seinem Geist geboren ist. Gerade so bahnt er den Weg zu einer Einheit, die nicht aus Druck entsteht, sondern aus gewachsener Erkenntnis. Darin liegt Trost und Hoffnung: Christus selbst führt seine Gemeinde näher an sich heran, und auf diesem Weg werden wir einander neu begegnen – nicht zuerst als Vertreter verschiedener Standpunkte, sondern als Menschen, die ihre Mitte im Sohn Gottes gefunden haben.

GELIEBTE, da ich allen Fleiß anwandte, euch über unser gemeinsames Heil zu schreiben, war ich genötigt, euch zu schreiben und zu ermahnen, für den ein für allemal den Heiligen überlieferten Glauben zu kämpfen. (Jud. 1:3)

Darum wollen wir das Wort des Anfangs über Christus beiseite lassen und uns zur Reife bringen lassen, ohne dabei wieder ein Fundament zu legen mit der Buße von toten Werken und mit dem Glauben an Gott, (Hebr. 6:1)

Die gelebte Einheit wächst dort, wo der gemeinsame Inhalt des Glaubens – die Person und das Werk Christi – das Maß unserer Beziehungen wird. Je mehr sein Wort unsere inneren Maßstäbe ordnet, desto leiser werden die Stimmen der Nebensachen, und desto hörbarer wird die leise, aber tragfähige Harmonie des Geistes, die Gott bereits in seine Gemeinde gelegt hat.

Zu geistlicher Reife als voll erwachsener Mensch in Christus gelangen

Geistliches Leben beginnt schwach und verletzlich, wie ein Neugeborenes. Durch die Neugeburt sind wir „Unmündige in Christus“ geworden, wie Paulus sagt: „Und ich, Brüder, konnte nicht zu euch reden als zu Geistlichen, sondern als zu Fleischlichen, als zu Unmündigen in Christus“ (1.Kor 3:1). Darin liegt kein Vorwurf, sondern eine nüchterne Beschreibung des Anfangs. Ein Kind ist kostbar, aber noch nicht belastbar. Solange die Gemeinde überwiegend aus Unmündigen besteht, ist sie leicht zu bewegen: begeisterungsfähig, aber auch leicht zu irritieren; beeindruckbar von starken Persönlichkeiten oder neuen Lehrströmungen und zugleich schnell verletzt, wenn Erwartungen nicht erfüllt werden. In diesem Zustand klammern wir uns gern an geistliche „Spielzeuge“ – bevorzugte Themen, Kennzeichen, Zugehörigkeiten –, über die wir uns definieren.

Vers 13 sagt auch, dass wir zu einem voll ausgewachsenen Mann gelangen müssen. Ein voll ausgewachsener Mann ist ein reifer Mann. Durch die Wiedergeburt sind die Heiligen zu Unmündigen in Christus geworden (1.Kor. 3:1). Jetzt müssen die Heiligen in die Reife hineinwachsen (1.Kor. 3:6; Hebr. 6:1). Eine solche Reife im Leben ist für die praktische Einheit notwendig. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft dreiundvierzig, S. 372)

Paulus stellt dem das Bild des „voll erwachsenen Menschen“ entgegen, zu dem die Gemeinde hingeführt werden soll. Hebräer 6:1. beschreibt denselben Weg: vom Anfang des Christus hin zur Reife. Geistliche Reife zeigt sich nicht zuerst in auffälligen Gaben oder großen Erfolgen, sondern darin, dass Christus selbst zum inneren Maßstab geworden ist. Seine Gesinnung, sein Umgang mit Schwachen, sein Gehorsam, seine Freiheit von selbstbezogenem Ehrgeiz prägen Denken, Reden und Handeln. Wer reift, verliert den Geschmack an dem, was trennt, weil das, was Christus ehrt, wichtiger wird als das eigene Hervortreten. 1.Korinther 3:6 fasst dieses Wachstum schlicht zusammen: „Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, Gott aber hat das Wachstum gegeben.“ Reife ist Frucht göttlichen Wirkens an Menschen, die sich ihm nicht verschließen.

Die Notwendigkeit geistlicher Reife für die Einheit liegt darin, dass unreife Herzen sich leicht um Nebensachen drehen, während reifere Herzen vom Ganzen her denken: vom Leib Christi, von der Ehre des Herrn, von seinem Willen in dieser Zeit. Wo Reife wächst, wächst auch die Fähigkeit, Spannungen auszuhalten, ohne sich innerlich zu verabschieden; zu unterscheiden, ohne zu verurteilen; zu ermahnen, ohne zu brechen. Eine solche Reife trägt eine Gemeinde durch Zeiten der Prüfung, ohne dass sie an tausend Stellen aufreißt. Darin liegt eine leise, aber starke Hoffnung: Gott lässt seine Kinder nicht auf ewig im Kleinkindstatus. Er selbst wirkt das „Wachstum im Leben bis zur Reife“, und er verwendet dazu sowohl den Trost seiner Nähe als auch die Reibung des Miteinanders. Wer auf diesem Weg bleibt, entdeckt nach und nach, dass hinter manchem schmerzlichen Lernprozess ein großes Ziel steht: eine Gemeinde, in der Christus durch gereifte Menschen sichtbar wird, die nicht mehr von jeder Welle hin- und hergeworfen werden, sondern in ihm verwurzelt und füreinander tragfähig geworden sind.

Gerade deshalb ist geistliche Reife keine Last, die auf wenige „Starke“ gelegt wird, sondern ein Geschenk, das der Herr seiner ganzen Gemeinde machen will. Unmündigkeit mag lauter wirken, doch Reife ist es, die Frieden stiftet und Raum schafft, damit viele ihren Platz im Leib finden. Wo Christen nicht mehr primär aus der Unsicherheit des eigenen Standes heraus handeln, sondern aus der Gewissheit, in Christus angenommen zu sein, verliert der Kampf um geistliches Prestige an Bedeutung. Dann kann echte Wertschätzung wachsen, und ein Klima, in dem auch Schwächere lernen können, ohne sich ständig messen zu müssen. So wird erfahrbar, dass Reife nicht Distanz schafft, sondern Nähe, nicht Härte, sondern Geduld. In einer solchen Atmosphäre fällt es leichter, gemeinsam voranzugehen – nicht getrieben, sondern gezogen von dem Ziel, das Gott gesetzt hat.

Und ich, Brüder, konnte nicht zu euch reden als zu Geistlichen, sondern als zu Fleischlichen, als zu Unmündigen in Christus. (1.Kor 3:1)

Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, Gott aber hat das Wachstum gegeben. (1.Kor 3:6)

Geistliche Reife befreit den Glauben aus der Enge des eigenen Ichs und öffnet ihn für den Blick auf Christus und seinen Leib. Je mehr er unser innerer Maßstab wird, desto weniger bestimmen verletzte Empfindlichkeiten und geistliche „Spielzeuge“ den Ton, und desto mehr gewinnt eine stille, tragende Liebe Gestalt, die der Gemeinde Stabilität schenkt.

Zum Maß der Fülle Christi im Aufbau des Leibes gelangen

Wenn Paulus von dem „Maß des Wuchses der Fülle Christi“ spricht, öffnet er den Blick für das große Ziel, auf das Einheit und Reife zulaufen. Die Fülle Christi ist nach Epheser 1:23 der Leib Christi selbst – die Gemeinde als Ausdruck seiner Person in Raum und Zeit. Christus ist unendlich reich, doch er will seine Herrlichkeit nicht als isolierter Einzelner zeigen, sondern in einer Vielzahl von Gliedern, die zusammen ein Ganzes bilden. Diese Fülle hat eine Gestalt und ein Maß: Es geht nicht nur darum, dass jedes einzelne Glied wächst, sondern dass der ganze Leib eine bestimmte „Statur“ erreicht, in der Christus erkennbar wird. Diese Perspektive löst uns von einer rein individuellen Sicht des Glaubens. Persönliche Reife ist wichtig, aber sie steht im Dienst eines gemeinsamen Ziels: des Aufbaus des Leibes.

Nach Vers 13 sollen wir auch zum Maß des Wuchses der Fülle Christi gelangen. Die Fülle Christi ist der Leib Christi (1:23), der einen Wuchs mit einem Maß hat. Zum Maß des Wuchses der Fülle Christi zu gelangen, ist ebenfalls eine Voraussetzung für die praktische Einheit. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft dreiundvierzig, S. 373)

Um dieses Ziel zu erreichen, gibt Christus seiner Gemeinde Begabte – Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer –, doch ihr Dienst besteht nicht darin, alles für die anderen zu tun. Epheser 4 beschreibt ihre Aufgabe als ein Zugerüstetsein der Heiligen „zum Werk des Dienstes, zum Aufbau des Leibes Christi“. Die eigentlichen „Baumeister“ sind nicht einige wenige Spezialisten, sondern die vielen Glieder, die zubereitet werden, Christus zu verkörpern und weiterzugeben. In diesem Sinn wird jedes Glied zu einem Kanal, durch den das Auferstehungsleben Christi fließen kann. Der Scripture-Pool fasst diese Bewegung treffend zusammen: „Für den Aufbau des Leibes Christi müssen wir Leben darreichen; wir erfahren und genießen das Auferstehungsleben innerlich und reichen dann dieses Leben dar, indem wir ein Kanal sind, durch den dieses Leben in andere Glieder des Leibes hineinfließen kann.“ So wächst der Leib nicht durch äußere Organisation, sondern durch inneren Lebensfluss.

Dieses Wachstum hin zu „ihm, der das Haupt ist, Christus“ ist kein anonymes Programm, sondern vollzieht sich in konkreten Beziehungen: im Evangelium, das weitergegeben wird, im tröstenden Wort, im Hirtendienst, im gemeinsamen Tragen von Lasten. Manche Glieder sind sichtbar, andere wirken im Verborgenen; doch für das Maß der Fülle Christi sind alle unentbehrlich. Wo das Evangelium Herzen erreicht, wo Vergebung gewährt und empfangen wird, wo Menschen in Christus Wurzeln schlagen und Frucht bringen, da wird die Gestalt des Leibes dichter. Der Blick auf dieses Ziel schützt auch davor, dass viele einzelne Werke nebeneinander herlaufen, ohne inneren Zusammenhang. In Gottes Sicht gibt es letztlich nur ein Werk: dass seine Gemeinde als Braut für Christus bereitet wird, „damit er sie sich selbst darstelle, die Gemeinde, herrlich …“ (Eph. 5:27).

Die Aussicht auf dieses Ziel ist zutiefst tröstlich. Vieles, was im Alltag der Gemeinde klein und unscheinbar wirkt, gewinnt in diesem Licht Gewicht: Ein leises Gebet, eine unspektakuläre Treue, ein Wort der Ermutigung – all dies fließt ein in den Aufbau des Leibes. Nichts, was aus Christus geschieht, ist verloren. Gleichzeitig relativiert diese Perspektive manch lautes, aber nicht eingebettetes Tun. Wo der Maßstab die Fülle Christi ist, verliert die Frage an Macht, wer im Vordergrund steht, und gewinnt die Frage an Tiefe, ob Christus wirklich sichtbar wird. So werden Einheit, Reife und Aufbau nicht zu getrennten Themen, sondern zu drei Facetten desselben Weges: Christus füllt nach und nach sein Volk mit sich selbst, bis sein Leib in einer Tiefe und Weite gewachsen ist, die seiner Würde entspricht. In dieser Hoffnung lässt sich geduldig weitergehen, auch wenn das eigene Tun begrenzt scheint, denn der, der wirkt, ist derselbe, der verheißen hat, sein Werk zu vollenden.

Barmherzigkeit und Friede und Liebe werde euch (immer) reichlicher zuteil! (Jud. 1:2)

Wer das Ziel vor Augen hat, dass der Leib Christi das Maß seiner Fülle erreicht, gewinnt einen weiten, hoffnungsvollen Blick auf die Gemeinde. Dann werden auch kleine Dienste bedeutsam, weil sie Teil eines großen Ganzen sind, und das eigene Herz wird frei, sich ohne Vergleich und ohne Bitterkeit in den Aufbau hineinzugeben, den Christus selbst durch seinen Geist vorantreibt.


Herr Jesus Christus, danke, dass du uns nicht als vereinzelte Gläubige, sondern als deinen Leib siehst und uns gemeinsam zu einem Ziel führst. Du kennst unsere Unreife, unsere Neigung zu Streitfragen und unsere Begrenztheit, und doch gibst du uns deinen Geist, damit wir in dir wachsen können. Stärke in uns die Liebe zu dir selbst, damit alles, was uns voneinander trennt, an Bedeutung verliert und deine Person in der Mitte bleibt. Erfülle uns neu mit der Erkenntnis des Sohnes Gottes, damit unser Glaube klar, unser Herz ungeteilt und unsere Gemeinschaft von deiner Gegenwart geprägt ist. Baue uns als Gemeinden so zusammen, dass etwas von der Fülle deiner Schönheit sichtbar wird und Menschen deine rettende Liebe erkennen. Der Gott des Friedens vollende in uns, was er begonnen hat, und bereite sich durch uns eine Braut, auf die du mit Freude schauen kannst. In deinem Namen beten wir und preisen dich, jetzt und für immer. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Ephesians, Chapter 43

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