Der Weg, zurüstet zu werden
Viele Christen haben das Empfinden, dass geistlicher Dienst etwas für besonders Begabte oder offiziell eingesetzte Leiter sei, während sie selbst eher zuhören, mitlaufen und unterstützen. Doch das Neue Testament zeichnet ein ganz anderes Bild: Der auferstandene Christus teilt seine Gnade an alle Glieder aus, damit der ganze Leib mitwirkt und aufgebaut wird. Wo dieses Bild verlorengeht und ein Klerus-Laien-Denken entsteht, bleibt das eigentliche Anliegen Gottes verborgen: dass jede und jeder im Glauben heranwächst, zugerüstet wird und in der eigenen Umgebung als lebendiges Werkzeug Christi dienen kann.
Gnade und Gaben für alle Glieder
Wenn Paulus sagt: „Jedem einzelnen von uns aber ist die Gnade gegeben worden nach dem Maß der Gabe des Christus“ (Epheser 4:7), öffnet sich ein weiter Blick. Er spricht nicht von einer ausgesuchten Gruppe, sondern von „uns“ – sich selbst eingeschlossen. Vor Gott gibt es im Leib Christi keine Galerie von Spitzenchristen, die in einer höheren Liga dienen, und daneben die große Menge derer, die nur zuhören und konsumieren. Wie im menschlichen Körper jede Zelle vom selben Blut versorgt wird, so strömt dieselbe Gnade durch alle, die zu Christus gehören, nur mit unterschiedlichem Maß und unterschiedlicher Funktion. Schulter und Ohr tragen nicht dieselbe Last, aber sie leben aus derselben Quelle. In dieser Perspektive verliert geistliche Bewunderung ihre Romantik: Was einen Bruder oder eine Schwester in der Realität trägt, ist nicht eine Sonderausstattung, sondern dieselbe Gnade, die in verborgenem Maß auch anderen geschenkt ist.
Epheser 4:7 sagt: „Jedem einzelnen von uns aber ist die Gnade gegeben worden nach dem Maß der Gabe des Christus.“ Beachte, dass Paulus in diesem Vers nicht sagt: „jedem einzelnen von euch“, sondern „jedem einzelnen von uns“. Das zeigt, dass Paulus sich selbst mit einschloss. Er stellte sich nicht in eine besondere Kategorie, getrennt von den anderen Heiligen. Jedem einzelnen von uns ist Gnade gegeben worden nach dem Maß der Gabe des Christus. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft einundvierzig, S. 348)
Der Herr Jesus widerspricht jeder religiösen Rangordnung, wenn Er sagt: „Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn einer ist euer Lehrer, ihr alle aber seid Geschwister. Und ihr sollt niemand euren Vater nennen auf der Erde; denn einer ist euer Vater, der in den Himmeln ist. Auch sollt ihr euch nicht Leiter nennen lassen; denn einer ist euer Leiter: der Christus“ (Matthäus 23:8-10). Er stellt nicht einige wenige hoch, sondern senkt alle auf denselben Boden der Geschwisterlichkeit und erhöht nur sich selbst als Haupt. In der Apostelgeschichte setzt sich das fort: Am Pfingsttag wird der Geist nicht nur auf die Zwölf, sondern auf etwa hundertzwanzig Jünger ausgegossen, und später heißt es über die Verfolgung in Jerusalem, dass die Zerstreuten „das Wort des Evangeliums verkündigten“ (Apostelgeschichte 8:4). Das Bild ist klar: Christus als Haupt gibt Leben, Gnade und Gaben in seinen ganzen Leib hinein. Daraus erwächst eine stille, aber kräftige Ermutigung: Wer in Ihm ist, ist nicht Zuschauer, sondern lebendiges Glied. Auch wenn das eigene Maß klein erscheinen mag, trägt es das gleiche göttliche Leben. In dieser Gewissheit kann das Misstrauen gegen sich selbst nachlassen, und das Vertrauen auf die Gnade Christi in uns darf wachsen – Er selbst hat kein nutzloses Glied an seinem Leib geschaffen.
Jedem einzelnen von uns aber ist die Gnade gegeben worden nach dem Maß der Gabe des Christus. (Epheser 4:7)
Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn einer ist euer Lehrer, ihr alle aber seid Geschwister. Und ihr sollt niemand euren Vater nennen auf der Erde; denn einer ist euer Vater, der in den Himmeln ist. Auch sollt ihr euch nicht Leiter nennen lassen; denn einer ist euer Leiter: der Christus. (Matthäus 23:8-10)
Die Erkenntnis, dass jedem einzelnen Gnade nach dem Maß der Gabe des Christus gegeben ist, löst den Druck, sich mit anderen vergleichen zu müssen, und nimmt zugleich jede Entschuldigung für Passivität. Vor dem Herrn zählt nicht, wie groß unser Maß ist, sondern ob wir es im Glauben annehmen und im Leib Christi zur Verfügung stellen. Wer sich als von demselben Blut der Gnade durchströmt erkennt, kann seine eigene Kleinheit nicht mehr als Argument gegen Gottes Ruf nutzen, sondern beginnt, die eigene Funktion – sei sie sichtbar oder verborgen – als gewollten Teil des Ganzen zu ehren.
Der Auftrag: Aufbau des Leibes statt kirchliche Hierarchie
Im Zentrum des neutestamentlichen Dienstes steht kein System, sondern ein Auftrag: der Aufbau des Leibes Christi. Epheser 4 beschreibt, wie Christus selbst der Gemeinde Gaben schenkt – Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer – und begründet ihr Dasein mit den Worten: „zur Zurüstung der Heiligen für das Werk des Dienstes, für den Aufbau des Leibes Christi“ (Epheser 4:12). Die Gaben sollen nicht anstelle der Heiligen dienen, sondern sie so zurüsten, dass sie selbst das Werk des Dienstes tun. Grammatik und Inhalt weisen in dieselbe Richtung: „Werk des Dienstes“ und „Aufbau des Leibes Christi“ bezeichnen ein und dieselbe Realität. Der Dienst ist also nicht primär ein Amt, das wenige ausüben, sondern eine gemeinsame Bewegung des ganzen Leibes, in der alle zugerüsteten Glieder mitwirken.
Wie Vers 12 deutlich macht, sind diese gegeben worden „zur Vollendung der Heiligen, für das Werk des Dienstes, für den Aufbau des Leibes Christi“. Grammatikalisch steht der Ausdruck „für den Aufbau des Leibes Christi“ in Apposition zu dem Ausdruck „für das Werk des Dienstes“. Das zeigt, dass beide Ausdrücke sich auf dasselbe beziehen. Daher ist das Werk des Dienstes der Aufbau des Leibes Christi. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft einundvierzig, S. 349)
Wenn das Neue Testament die Gemeinde als Leib, Haus und Herde beschreibt, ist nirgendwo ein Bild von einer Pyramide mit wenigen an der Spitze und vielen an der Basis zu finden. Die spätere Entwicklung zu einem scharf getrennten Klerus-Laien-Modell entspringt eher politischen, kulturellen und philosophischen Mustern als der apostolischen Verkündigung. Paulus kennt keine „Sonderzeit“ des Apostolats, die nach ihm abgeschlossen wäre; er beschreibt das ganze Zeitalter des Neuen Bundes als eine Zeit, in der Christus seinen Leib durch verschiedene Dienste aufbaut. In der Verfolgung, von der Apostelgeschichte 8 berichtet, werden die Gläubigen zerstreut – und gerade so handeln sie gewissermaßen „apostolisch“: Sie gehen hinaus, verkündigen das Evangelium, sammeln Menschen, lehren sie und kümmern sich um sie. Der Auftrag, der dahinter steht, bleibt bis heute derselbe. Wo der Blick auf Christus als einziges Haupt klar wird, verliert geistliche Rangordnung ihre Faszination. Stattdessen wächst der Wunsch, Teil einer Gemeinde zu sein, in der die Gaben nicht Distanz schaffen, sondern Nähe, nicht Abhängigkeit von einigen wenigen, sondern gegenseitige Abhängigkeit aller Glieder. Eine solche Sicht schenkt Trost und Herausforderung zugleich: Niemand ist zu gering, um am Aufbau mitzuwirken, und niemand ist so begabt, dass er über dem gemeinsamen Werk der Geschwister stünde.
Darum liegt in diesem Verständnis des Dienstes eine tiefe Motivation. Wer erkennt, dass das eigentliche Werk nicht darin besteht, Strukturen zu verwalten, sondern den Leib Christi durch Leben, Wort und Liebe aufzubauen, findet neu Sinn im eigenen Dienst, wie unscheinbar er auch sein mag. Und wo Gaben eingesetzt werden, um andere zu befähigen statt zu binden, entsteht Raum für eine geistliche Kultur, in der Christus wirklich allein erhöht ist und alle Glieder in ihrer jeweiligen Funktion geehrt werden.
Und er hat die einen als Apostel gegeben und andere als Propheten und andere als Evangelisten und andere als Hirten und Lehrer, zur Zurüstung der Heiligen für das Werk des Dienstes, für den Aufbau des Leibes Christi. (Epheser 4:11-12)
Ihr aber seid Christi Leib, und einzeln genommen Glieder. (1. Korinther 12:27)
Der Dienst im Neuen Bund lädt dazu ein, Gemeinde nicht als Bühne für wenige, sondern als Organismus vieler miteinander verbundenen Glieder zu verstehen. Wer sich von der Vorstellung löst, dass geistliche Verantwortung auf einige Beauftragte beschränkt ist, kann den eigenen Platz im Aufbau des Leibes freier entdecken. Zugleich gewinnt auch jede Form von Leiterschaft ein anderes Gesicht: Sie zeigt sich weniger in Titel und Distanz, sondern darin, dass Menschen befähigt, freigesetzt und in ihrer Gott gegebenen Funktion gestärkt werden, damit das eigentliche Ziel – ein in Liebe aufgebauter Leib – sichtbar wird.
Zurüstung durch Wachstum im Leben und praktische Schulung
Zurüstung im Sinn des Neuen Testaments ist ein lebendiger Prozess. Das Wort, das Paulus in Epheser 4 für „Zurüstung“ verwendet, trägt den Gedanken von Vervollständigung, Ausrüstung, Einrichten in sich. Es geht nicht zuerst darum, dass Menschen viele Inhalte kennen, sondern dass sie innerlich so werden, dass sie tragen, dienen und mitbauen können. Paulus verbindet dies mit einer klaren Bewegung: „bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum erwachsenen Mann, zum Maß des vollen Wuchses der Fülle des Christus“ (Epheser 4:13). Zurüstung geschieht, wenn Christus als Leben in uns an Raum gewinnt, wenn der innere Mensch gestärkt wird und wir mehr aus dem leben, was Er in uns ist. So wird aus einem geistlichen „Kind“ nach und nach jemand, der anderen Stütze sein kann.
Um vollendet zu werden, müssen wir auf das Leben und auf die Funktion achten. Der Weg, vollendet zu werden, besteht darin, im Leben zu wachsen und in der Funktion geschickt zu werden. Das griechische Wort, das hier mit „Vollendung“ wiedergegeben wird, bedeutet auch Vervollständigung, Ausrüstung, Zurüstung. Einen Heiligen zu vollenden bedeutet, ihn zu vervollständigen, ihn auszurüsten und ihn zuzurüsten. Nur indem wir im Leben wachsen, können wir vervollständigt werden. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft einundvierzig, S. 355)
Gleichzeitig zeichnet das Neue Testament ein sehr praktisches Bild der Zurüstung. In Epheser 4:15-16 heißt es, dass der Leib „aus dem ganzen Leib wohl zusammengefügt und verbunden durch jedes Gelenk der reichlichen Versorgung … das Wachstum des Leibes zu seiner Auferbauung in Liebe“ bewirkt. Wachstum im Leben und praktische Funktion gehören untrennbar zusammen. Ein Gläubiger, der innerlich am Herrn festhält und in der Liebe verwurzelt wird, braucht ebenso Übung: im einfachen Sprechen des Evangeliums, im gemeinsamen Gebet, in der Begleitung jüngerer Geschwister, im Teilen von Wort und Erfahrung in kleinen Zusammenkünften. Wie Kinder durch Speise wachsen und durch Übung lernen, sich in ihrer Umgebung zu bewegen, werden auch Gläubige durch geistliche Nahrung und durch konkrete Mitarbeit zugerüstet. Diese Schulung ist nicht in erster Linie Sache spezialisierter Institutionen, sondern reift mitten im Gemeindeleben, wo ein Dienst gegenwärtig ist, der Christus austeilt und andere hineinnimmt in das, was er selbst empfangen hat.
Darum trägt jede Form von Zurüstung einen zweifachen Duft: die Innenseite des Wachstums im Leben und die Außenseite der eingeübten Funktion. Wo jemand sich dem inneren Werk Christi öffnet und zugleich nicht zurückscheut, in kleinen Schritten mitzudienen, wächst eine reale Befähigung. Die Aussicht, auf diesem Weg reifer und tauglicher für den Herrn zu werden, soll nicht belasten, sondern ermutigen: Niemand wird über Nacht „vollendet“, aber jeder Schritt, in dem Christus mehr Gestalt gewinnt und in dem der Dienst an anderen ausprobiert und verfeinert wird, ist Teil seines treuen Zurüstens.
application_de”: “Zurüstung durch Wachstum im Leben und praktische Schulung nimmt Hektik und Perfektionismus den Stachel. Sie erinnert daran, dass Christus selbst derjenige ist, der innerlich wachsen lässt und äußerlich trainiert. Dort, wo Gläubige bereit sind, ihr geistliches Leben nicht nur privat zu pflegen, sondern es in einfachen Diensten im Leib einzubringen, verbindet sich persönliche Reife mit gemeinschaftlichem Aufbau. So wird der Weg, zugerüstet zu werden, zu einem Weg der stillen Hoffnung: Der Herr, der das gute Werk begonnen hat, führt es durch sein Leben in uns und durch unsere Übung im Dienst zum Ziel.
Relevante Schriftstellen: Eph. 4:12-15, Eph. 3:16-19, Hebr. 5:12-14, Kol. 1:28-29, 2.Tim. 2:2.
Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie Sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.
Herr Jesus Christus, danke, dass du keiner kleinen geistlichen Elite deine Gnade gibst, sondern jedem deiner Glieder einen Anteil an deinem Leben und an deinem Dienst schenkst. Wo unser Denken von Hierarchie, Vergleich und Passivität geprägt ist, berühre unser Herz neu mit dem Licht deines Wortes und befreie uns von allem, was deinen Leib schwächt. Stärke in uns das innere Leben, lass uns in dir heranreifen und erfülle uns mit dem Heiligen Geist, damit aus unserem Alltag ein stilles, aber wirksames Zeugnis deiner Gnade wird. Segne deine Gemeinde, dass sie als lebendiger Leib zusammenwächst, und gebrauche auch uns, damit dein Haus aufgebaut und deine Wiederkunft vorbereitet wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Ephesians, Chapter 41