Der Weg, den Maßstab zu erreichen
Viele Christen spüren, dass Gottes Ruf höher ist als ihr tatsächlicher Alltag – aber zwischen der biblischen Beschreibung und der eigenen Erfahrung scheint oft eine große Lücke zu liegen. Im Epheserbrief wird Paulus nicht nur als außergewöhnlicher Apostel sichtbar, sondern als ein Muster dafür, was ein normaler Gläubiger in Christus sein kann. Wer diesem Muster ins Auge schaut, entdeckt: Gott hat nicht nur einen hohen Maßstab, Er zeigt auch einen konkreten Weg, auf dem dieser Maßstab in unserem ganz gewöhnlichen Leben erreichbar wird.
Leben als Verwalter der Gnade
Wenn Paulus in Epheser 3.von sich spricht, stellt er sich nicht als geistlicher Held dar, sondern als „Gefangener Christi Jesu für euch, die Nationen“ und als jemand, dem die Haushalterschaft der Gnade anvertraut wurde. Hinter diesen schlichten Worten steht ein völlig neuer Blick auf das eigene Leben: Paulus versteht sich nicht primär als Empfänger geistlicher Leistungen, sondern als Verwalter eines anvertrauten Schatzes. Die Gnade Gottes ist für ihn nicht ein Vorrat, den er für schwere Tage hortet, sondern ein Reichtum, der in Umlauf kommen soll. Darum beschreibt er seinen Dienst als eine Verwaltung, in der die unerforschlichen Reichtümer Christi ausgeteilt werden. In diesem Licht ist kein Gläubiger nur „Privatperson“ des Glaubens; jedes Leben wird zu einem Teil der großen göttlichen Haushaltung, in der Christus zu Menschen kommt.
Ist dir bewusst, dass du nicht einfach nur ein Gläubiger bist, jemand, der dem Herrn zur Errettung vertraut? Und hast du gesehen, dass du nicht nur ein Jünger bist, jemand, der gezüchtigt und geschult wird? Hast du erkannt, dass du ein Verwalter bist, jemand, der anderen mit den Reichtümern Christi dient? Wir alle müssen uns selbst als Verwalter sehen. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft vierzig, S. 341)
Damit diese Verwaltung nicht leerläuft, muss unser eigenes Inneres ständig aus der Quelle versorgt werden. Johannes 1:16 fasst dies mit einem einfachen Satz zusammen: „Denn aus Seiner Fülle haben wir alle empfangen, und zwar Gnade um Gnade.“ Gnade ist hier kein einmaliges Ereignis, sondern eine Welle, die auf die nächste folgt. Wo das Wort Gottes in uns nicht nur als Information, sondern im Gebet als Nahrung aufgenommen wird, beginnt dieser Strom konkret zu fließen: Gedanken werden aus verengten Mustern gelöst, das Herz wird weich für Gottes Bewegungen, der Blick auf andere wird weiter und milder. Aus der Gemeinde als Ort der Gegenwart Christi wird so etwas wie eine Küche, in der sein Reichtum zubereitet wird, und unsere Rolle gleicht der eines Dienenden, der weiterreicht, was er selbst gekostet hat. Der Maßstab unseres Wandels steigt dann nicht durch krampfhafte Anstrengung, sondern durch die innere Fülle; „Gnade um Gnade“ übersetzt sich in Geduld, in Bereitschaft zum Vergeben, in stille Treue im Verborgenen. In dieser leisen Verwandlung wird spürbar, dass der gleiche Herr, der Paulus zum Verwalter seiner Gnade gemacht hat, auch unser gewöhnliches Leben in seinen Dienst stellt – und dass gerade darin eine tiefe Würde und Freude liegt.
application_de: In jedem Abschnitt unseres Alltags, ob sichtbar oder verborgen, darf der Gedanke Raum gewinnen, dass wir Träger und Verwalter empfangener Gnade sind; aus der Fülle Christi, aus der wir Gnade um Gnade empfangen, erwächst dann ganz natürlich ein Maßstab des Lebens, der nicht drückt, sondern erfüllt und uns frei macht, anderen etwas von dieser empfangenen Fülle weiterzugeben.
Denn aus Seiner Fülle haben wir alle empfangen, und zwar Gnade um Gnade. (Joh. 1:16)
Im Licht von Epheser 3.wandelt sich das Selbstbild des Gläubigen: nicht Konsument geistlicher Angebote, sondern Verwalter anvertrauter Gnade. Je mehr wir innerlich aus der Fülle Christi leben, desto natürlicher wird es, dass unsere Worte, Entscheidungen und Beziehungen etwas von dem Reichtum ausstrahlen, den wir selbst empfangen haben, und unser Lebensmaß dem entspricht, was Gott in Christus für uns gedacht hat.
Offenbarung über den unerforschlichen Christus empfangen
Wer Epheser 3.aufmerksam liest, spürt, wie sehr das Leben des Paulus von einem inneren Sehen getragen ist. Er spricht davon, dass ihm das Geheimnis Christi „durch Offenbarung“ kundgetan wurde und dass dieses Geheimnis nun „seinen heiligen Aposteln und Propheten im Geist offenbart“ ist. Damit wird ein entscheidender Unterschied berührt: Zwischen dem Kennen biblischer Begriffe und dem inneren Erfasstwerden durch Licht. Begriffe kann man weitergeben, ohne sich selbst zu verlieren; Offenbarung dagegen bindet das Herz an eine Person. Wo Christus uns aufleuchtet, verliert das Evangelium den Charakter einer bloßen Lehre und gewinnt die Gestalt einer Begegnung. Ein Mensch, der solche Begegnung erfahren hat, trägt in sich eine innere Dringlichkeit zu sprechen – nicht, weil er etwas leisten müsste, sondern weil er etwas gesehen hat, das ihn nicht mehr loslässt.
Ein Prophet ist jemand, der voller Licht ist, jemand, der sieht, was andere nicht sehen. Diejenigen, die in der Finsternis sind, haben nichts zu sagen, aber diejenigen, die im Licht sind, haben sehr viel zu sagen. Immer wenn wir etwas durch Offenbarung sehen, haben wir automatisch etwas, worüber wir sprechen können. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft vierzig, S. 343)
Der Weg in dieses Sehen führt nicht an der Schrift vorbei, sondern mitten durch sie hindurch. Paulus war jahrelang mit den Schriften des Alten Bundes vertraut, aber erst als Christus ihm begegnete, fiel der Schleier von seinem Verständnis. Seitdem liest er die gleiche Schrift im Licht des Gekreuzigten und Auferstandenen. Etwas Ähnliches geschieht, wenn wir mit offenen Fragen vor Gott an sein Wort herantreten: Was verbirgt sich hinter dem „Geheimnis Christi“? Was meinen die „unerforschlichen Reichtümer Christi“? Was bedeutet es, Miterben, Mitgenossen des Leibes und Mitteilhaber der Verheißung in Christus zu sein? Während solche Fragen in uns leben, kann der Geist Gottes in einzelnen Worten eine Tiefe eröffnen, die über bloße Erklärung hinausgeht. Wo dieses Licht unser Inneres berührt, entsteht nicht nur Erkenntnis, sondern auch eine Last für Menschen in unserer Umgebung. Dann wird unser Reden vom Evangelium weit und reich: Es bleibt nicht bei der Frage, ob jemand einmal in den Himmel kommt, sondern lädt in eine gemeinsame Teilhabe an Christus, an seinem Leib und an seinen Verheißungen ein. So wird Offenbarung nicht zum privaten Besitz, sondern zur Quelle eines Dienstes, der die Horizonte anderer weitet und sie in die Geschichte Gottes mit hineinzieht.
application_de: Je mehr Gottes Licht unsere vertrauten biblischen Worte durchdringt, desto weniger bleiben wir bei einem schmalen Evangelium stehen und desto mehr werden wir innerlich gedrängt, von dem Christus zu sprechen, den wir gesehen haben; so wächst in uns ein Maß des Lebens und Dienstes, das nicht aus Pflicht, sondern aus geschauter Wirklichkeit schöpft und andere in die Fülle seiner Verheißungen hineinruft.
wer aber die Wahrheit tut, kommt zu dem Licht, damit seine Werke offenbar werden, daß sie in Gott gewirkt sind. (Joh. 3:21)
Offenbarung ist kein Privileg weniger, sondern Teil des Erbes aller Heiligen; wo wir das Wort mit einem offenen, fragenden Herzen bewegen und dem Geist Gottes Raum geben, werden uns Stück für Stück die Augen geöffnet, und unser Leben gewinnt eine Tiefe und Weite, in der wir ganz natürlich zu Zeugen eines reichen, auf Christus zentrierten Evangeliums werden.
Gestärkt werden in den inneren Menschen
Im Zentrum von Epheser 3.steht ein Gebet, in dem Paulus den innersten Kern geistlichen Wachstums berührt: „daß er euch nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit gebe, mit Kraft gestärkt zu werden durch seinen Geist an dem inneren Menschen“. Hier wird deutlich, dass der Maßstab Gottes sich nicht zuerst in äußeren Leistungen zeigt, sondern in einem inneren Raum, den der Geist Gottes in uns befestigt. Der „innere Mensch“ ist mehr als unser Gewissen oder unsere frommen Gefühle; er ist jener Bereich, in dem der auferstandene Christus durch den Geist Wohnung nimmt. Wenn Paulus weiterbetet, Christus möge „durch den Glauben in euren Herzen wohnen“, ist damit mehr gemeint als seine bloße Gegenwart: Es geht darum, dass Er sich zuhause fühlt, dass Er nicht nur Gast, sondern Hausherr wird. Je mehr unser Denken, unsere Wünsche und Motive mit diesem inneren Wohnen Christi in Einklang gebracht werden, desto stärker werden wir von innen heraus getragen.
Wenn wir den Maßstab erreichen wollen, den der Apostel Paulus aufgestellt hat, muss unser ganzes Sein in den inneren Menschen hineingestärkt werden. Indem wir in den inneren Menschen hineingestärkt werden, werden wir in Liebe gewurzelt und gegründet sein und stark werden, um die Ausmaße Christi zu erfassen, die alle Erkenntnis übersteigende Liebe Christi zu erkennen und erfüllt zu werden zur ganzen Fülle Gottes (3:16–19). (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft vierzig, S. 345)
Aus dieser Stärkung resultiert ein Wachstumsweg, der auf Liebe gegründet ist: „damit ihr in Liebe gewurzelt und gegründet seid und dazu fähig seid, mit allen Heiligen völlig zu erfassen, was die Breite und Länge und Höhe und Tiefe ist, und die die Erkenntnis übersteigende Liebe Christi zu erkennen, damit ihr erfüllt werdet zur ganzen Fülle Gottes“ (Eph. 3:17–19). Paulus verbindet hier die Stärke des inneren Menschen mit der Erfahrung einer Liebe, die alle Begriffe sprengt. Wer in dieser Liebe wurzelt, reagiert anders auf Widerstand, trägt Lasten anders und lernt, Menschen aus Gottes Blickwinkel zu sehen. So wächst der Maßstab unseres Lebens nicht in erster Linie an dem, was wir nach außen vorweisen können, sondern daran, wie tief Christus in uns hineinreichen darf. Dass dies kein Sonderweg für Paulus war, zeigt sein Hinweis auf die „überwältigende Größe seiner Kraft an uns, den Glaubenden“ (vgl. Eph. 1:19): Die gleiche Kraft, die ihn formte, steht jedem offen, der sich innerlich ihr öffnet. Darin liegt eine leise, aber tiefgehende Ermutigung: Der Weg zu einem höheren Maßstab ist nicht der Weg der Verkrampfung, sondern der der inneren Stärkung; wo Christus mehr Heimat in uns gewinnt, wächst ganz von selbst ein Leben heran, das etwas von der Fülle Gottes widerspiegelt.
application_de: Wenn unser Blick von äußeren Maßstäben weg auf das innere Werk des Geistes gelenkt wird, entsteht ein neues Vertrauen: Gott selbst ist es, der unseren inneren Menschen stärkt, Christus in unseren Herzen heimisch macht und uns in seiner Liebe verwurzelt; aus dieser verborgenen Wirklichkeit erwächst Schritt für Schritt ein Lebensmaß, das nicht auf Selbstdarstellung, sondern auf der stillen Fülle der Gegenwart Gottes beruht.
Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geist geboren ist, ist Geist. (Joh. 3:6)
Die Bitte des Paulus, im inneren Menschen gestärkt zu werden, öffnet einen Weg, auf dem selbst brüchige und müde Herzen neu hoffen können: Nicht wir tragen die Last eines hohen Maßstabes, sondern Christus entfaltet in uns seine Gegenwart, verwurzelt uns in seiner Liebe und führt uns hinein in eine Fülle, in der unser Leben mehr und mehr zu einem leisen Echo seiner eigenen Gestalt wird.
Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Ephesians, Chapter 40