Das Wort des Lebens
lebensstudium

Beide in einem Leib mit Gott versöhnt und Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes

10 Min. Lesezeit

Viele Menschen kennen das Gefühl, am Rand zu stehen: nicht dazuzugehören, keinen Platz zu haben und eher Gast als Familienmitglied zu sein. Auch geistlich kann es so wirken, als seien andere „näher bei Gott“, während man selbst sich eher als Beobachter empfindet. Epheser 2:16-19 zeichnet ein völlig anderes Bild: Gott selbst hat durch das Kreuz jede Trennung aufgehoben, uns in einen neuen gemeinsamen Leib hineingestellt und uns nicht nur ein neues Bürgerrecht, sondern einen Platz in seiner eigenen Familie gegeben.

In einem Leib mit Gott versöhnt

Wenn Paulus schreibt, dass Juden und Heiden in einem Leib mit Gott versöhnt wurden, rückt er die Versöhnung aus dem Bereich des rein Individuellen in eine gemeinsame, leibliche Wirklichkeit. Es geht nicht nur darum, dass zwei getrennte Menschen sich mit Gott versöhnen, sondern dass zwei ganze Menschengruppen, mit völlig verschiedener Geschichte, Frömmigkeit und Kultur, in einem Leib an das Kreuz gebunden wurden. Am Kreuz hat Gott nicht eine fromme Elite bestätigt und auch nicht eine „bessere Hälfte“ der Menschheit bevorzugt, sondern beiden Gruppen das gleiche Urteil gesprochen: Alle stehen von Natur aus fern von Gott, alle bedürfen derselben Gnade. Darum heißt es in Epheser 2:16, Christus habe „die beiden in einem Leib mit Gott versöhnt durch das Kreuz, indem er durch dasselbe die Feindschaft tötete“. Die Feindschaft wird nicht zuerst horizontal beschrieben – Juden gegen Heiden –, sondern vertikal: Feindschaft gegen Gott. Und gerade in dem Augenblick, in dem Gott diese Feindschaft an sich selbst richtet, indem der Sohn das Gericht trägt, entsteht etwas Neues: ein Leib, ein neuer Mensch.

Vers 16 sagt, dass Juden und Heiden in einem Leib versöhnt worden sind. Dieser eine Leib, die Gemeinde (1:22–23), ist der eine neue Mensch im vorhergehenden Vers. In diesem Leib wurden sowohl Juden als auch Heiden durch das Kreuz mit Gott versöhnt. Wir, die Gläubigen – sowohl Juden als auch Heiden –, wurden nicht nur um des Leibes Christi willen, sondern auch in dem Leib Christi versöhnt. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft sechsundzwanzig, S. 227)

Dieser Leib Christi ist nicht nur die Folge der Versöhnung, er ist der Raum, in dem Gott versöhnt. In 1. Mose führt Gott die Kinder Israels nicht als einzelne Glaubende, sondern als ein Volk aus Ägypten heraus und verbindet sie am Sinai mit sich. Ähnlich wirkt Gott heute in Christus: Er sammelt Menschen aus den verschiedensten Hintergründen, um sie nicht bloß zu retten und dann wieder zu zerstreuen, sondern um sie in einen Leib hineinzustellen, der mit ihm selbst verbunden ist. Versöhnung bedeutet deshalb nicht nur eine geklärte „Aktenlage im Himmel“, sondern eine neue Gegenwart Gottes mitten in einem sichtbaren, konkreten Miteinander. In Christus gibt es keine Mauern mehr, keine Rangordnung nach Herkunft, Frömmigkeit oder Bildung. Wer an ihn glaubt, steht auf demselben Boden der Gnade. Das kann trösten, wo Vergleiche und Minderwertigkeitsgefühle das Herz beschweren: Vor Gott steht kein „frommeres“ oder „bedeutenderes“ Glied neben einem „schwächeren“, sondern ein Leib, den er in seinem Sohn liebt. In dieser Perspektive darf jede Begegnung mit anderen Gläubigen zu einer stillen Erinnerung werden: Wir gehören zu demselben Leib, wir sind gemeinsam versöhnt, und Gott selbst sieht uns in dieser Einheit an.

und die beiden in einem Leib mit Gott versöhnte durch das Kreuz, indem er durch dasselbe die Feindschaft tötete. (Epheser 2:16)

Die Versöhnung in einem Leib leitet weg von der Frage, wo man sich im Vergleich zu anderen einordnen müsste, hin zu der einfachen, aber tiefen Wirklichkeit: In Christus sind alle Unterschiede vor Gott entmachtet. Daraus kann eine gelassene, dankbare Haltung entstehen, die andere nicht als Konkurrenz oder Bedrohung wahrnimmt, sondern als Mitversöhnte, mit denen man denselben Leib und denselben Herrn teilt. In der Gemeinschaft der Glaubenden wird dadurch Raum für echte Freude aneinander, für Geduld und für ein Miteinander, das den Frieden widerspiegelt, den Gott am Kreuz geschaffen hat.

Zugang zum Vater in einem Geist

Versöhnt zu sein ist ein gewaltiger Anfang, doch das Herz Gottes bleibt damit nicht stehen. Er will nicht nur ein gerechtes Verhältnis, sondern lebendige Nähe. Darum ergänzt Paulus die Versöhnung mit der Aussage: „Denn durch ihn haben wir beide den Zugang durch einen Geist zum Vater“ (Epheser 2:18). Der Weg ist durch das Kreuz ein für alle Mal freigemacht, die Schuldfrage ist durch das Blut Christi endgültig beantwortet. Aber wie wird diese geöffnete Tür zu einem Ort, den man nicht nur kennt, sondern betritt? Das Neue Testament spricht hier von der Wirklichkeit des Geistes: Was Christus vollbracht hat, wird durch den Heiligen Geist in das konkrete Erleben der Glaubenden hineingetragen. Hebräer 10:19 fasst das so: „Darum, Brüder, weil wir in dem Blut Jesu Freimut haben zum Eintritt in das Allerheiligste“. Der Zutritt ist begründet im Blut, doch der, der uns in diese Nähe hineinzieht und darin erhält, ist der Geist.

Die Predigt des Evangeliums ist lediglich eine objektive Tatsache; sie ist nicht die Erfahrung selbst. Daher brauchen wir nach dem Empfangen dieser Predigt die Erfahrung, nämlich den Zugang zum Vater in dem einen Geist. Dieser Zugang ist aus dem Kreuz Christi und Seinem Blut zusammengesetzt (Hebr. 10:19). (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft sechsundzwanzig, S. 229)

Der Leib beschreibt unsere Stellung: Wir sind eingegliedert in eine lebendige Gemeinschaft, die mit Christus verbunden ist. Der Geist beschreibt unsere Bewegung: In ihm treten wir tatsächlich vor den Vater, empfangen Trost, Korrektur und Freude. Dieser Zugang ist nichts Äußerliches, kein Ritus, der von außen aufgelegt werden müsste. Er geschieht dort, wo ein Mensch innerlich stiller wird, sich von eigenen Sicherheiten löst und sich in seinem inneren Menschen Gott zuwendet. Oft geschieht das unspektakulär: ein leises Gebet mitten im Alltag, ein Aufmerken für das Wort, ein Aufatmen im Bewusstsein, dass der Vater gegenwärtig ist. In solchen Momenten wird das, was objektiv gilt, subjektiv kostbar. Die Versöhnung bleibt Grundlage; der Zugang im Geist macht sie zu gelebter Gemeinschaft. Daraus kann eine stille Zuversicht wachsen, dass Gott nicht nur „für uns“ ist, sondern uns als Vater nahe ist, erreichbar, ansprechbar, auch dort, wo Worte fehlen. Die Versöhnung wird dann nicht bloß als vergangenes Ereignis erinnert, sondern als geöffnete Tür, durch die man wieder und wieder hineingeholt wird.

Denn durch ihn haben wir beide den Zugang durch einen Geist zum Vater. (Epheser 2:18)

Darum, Brüder, weil wir in dem Blut Jesu Freimut haben zum Eintritt in das Allerheiligste, (Hebräer 10:19)

Wer den Zugang zum Vater im Geist wahrnimmt, wird auf Dauer nicht bei einem distanzierten Glauben stehen bleiben. Das Bewusstsein, dass der Weg zum Allerheiligsten offen ist und der Vater sich nicht verschließt, kann einen sanften Mut nähren: Mut, sich mit der eigenen Not, mit Schuld und mit Freude an ihn zu wenden, ohne Maske und ohne fromme Fassade. In dieser gelebten Nähe klärt sich vieles, was äußerlich unübersichtlich bleibt, und das Herz findet Schritt für Schritt in eine Ruhe, die nicht aus den Umständen, sondern aus der Gegenwart des Vaters kommt.

Mitbürger im Reich und Hausgenossen in Gottes Familie

Mit der Versöhnung endet die Bewegung Gottes nicht, sie schlägt sich in einer neuen Identität nieder. Paulus beschreibt diese Identität in Epheser 2:19 mit doppelter Sprache: „So seid ihr nun nicht mehr Fremdlinge und ohne Bürgerrecht, sondern ihr seid Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes.“ Zuerst fällt das Bild des Königreichs ins Auge. Mitbürger der Heiligen sein heißt, ein gemeinsames Bürgerrecht im Königreich Gottes zu tragen. Wer früher Fremdling war, ohne Rechte, ohne Schutz, ohne feste Zugehörigkeit, ist nun im Raum der göttlichen Herrschaft verortet. Dort gelten andere Maßstäbe als in den Reichen dieser Welt: Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist. Als Mitbürger stehen Juden und Heiden, Menschen aus allen Völkern, Seite an Seite unter derselben Herrschaft Christi. Es ist ein Reich, in dem nicht Stärke und Einfluss die Ordnung bestimmen, sondern das, was vom König selbst herkommt.

Nun kommen wir zu Vers 19: „So seid ihr nun nicht mehr Fremdlinge und ohne Bürgerrecht, sondern ihr seid Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes.“ Dieser Vers umfasst zwei Aspekte der Gemeinde: das Königreich, angedeutet durch den Ausdruck „Mitbürger“, und die Familie Gottes, angedeutet durch die Wendung „Hausgenossen Gottes“. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft sechsundzwanzig, S. 232)

Doch Paulus bleibt nicht beim Bild des Reiches. Er geht noch näher heran und spricht von „Hausgenossen Gottes“. Hier verschiebt sich der Blick vom rechtlichen Status hin zur familiären Nähe. Im Reich kann man Bürger sein, ohne den König je persönlich zu sehen. Im Haus ist das anders. Hausgenosse bedeutet: unter demselben Dach, mit Zugang zu denselben Räumen, getragen von derselben Fürsorge. Gott beschreibt diese Beziehung an anderer Stelle mit den Worten: „Ich werde euch Vater sein, und ihr sollt mir Söhne und Töchter sein“ (2. Korinther 6:18). Es geht um Geburt, Wachstum, Erbe – um ein Leben, das aus Gott kommt und zu ihm hin reift. In diesem Haus sind Menschen nicht mehr Besucher, die sich unsicher fragen, ob sie willkommen sind, sondern Angehörige, deren Platz nicht von Laune oder Leistung abhängt. Übertragen auf die Gemeinschaft der Glaubenden bedeutet das: Wir stehen einander nicht nur als Mitbürger gegenüber, die zufällig im gleichen Reich leben, sondern als Geschwister, die denselben Vater, dieselbe Gnade und dieselbe Hoffnung teilen. Wo diese doppelte Perspektive – Reich und Familie – das Denken prägt, können Konkurrenz, Misstrauen und Abgrenzung Schritt für Schritt an Gewicht verlieren. An ihre Stelle tritt die leise, aber tragfähige Gewissheit: Wir gehören zusammen, weil Gott uns zusammengehört.

In diesem Licht erhält auch das eigene Leben eine neue Färbung. Wer sich als Mitbürger der Heiligen weiß, verliert nicht den Blick für Verantwortung: Bürgerrecht und Auftrag gehören zusammen. Wer sich zugleich als Hausgenosse Gottes erfährt, verliert nicht den Trost: Das Zuhause bei Gott bleibt kein Titel, sondern eine gelebte Wirklichkeit. Zwischen diesen beiden Polen – königliche Würde und kindliche Nähe – darf sich der Alltag des Glaubens bewegen. Darin liegt eine große Ermutigung: Die eigene Identität hängt weder an wechselnden Gefühlen noch an äußeren Erfolgsgeschichten, sondern an dem, was Gott in Christus zugesprochen hat. Inmitten eines oft zerrissenen Lebensraums bleibt dieses eine verlässliche Wort stehen: Fremdlinge seid ihr nicht mehr, sondern ihr gehört zu seinem Reich und zu seinem Haus.

So seid ihr nun nicht mehr Fremdlinge und ohne Bürgerrecht, sondern ihr seid Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes. (Epheser 2:19)

und ich werde euch Vater sein, und ihr sollt mir Söhne und Töchter sein, spricht der Herr, der Allmächtige. (2. Korinther 6:18)

Die doppelte Zusage, Mitbürger im Königreich und Hausgenossen in Gottes Familie zu sein, kann ein inneres Fundament legen, das auch in unsicheren Zeiten trägt. Wer sich von dieser Identität prägen lässt, muss Zugehörigkeit nicht mehr ständig beweisen oder verteidigen, sondern kann aus einer geschenkten Sicherheit heraus leben. Daraus wächst die Freiheit, andere nicht zu kontrollieren oder zu beurteilen, sondern sie als Menschen zu sehen, die vor demselben König stehen und vom selben Vater geliebt sind. So kann das Bewusstsein des gemeinsamen Bürgerrechts und der gemeinsamen Familie Gottes leise, aber beständig die Atmosphäre in der Gemeinde und im eigenen Herzen verändern.


Vater, wir danken dir, dass du durch das Kreuz deines Sohnes jede Trennung abgebrochen und uns in einem Leib mit dir versöhnt hast. Du hast uns nicht als Fremde stehen lassen, sondern uns Zugang zu dir geschenkt und uns zu Mitbürgern deines Reiches und Hausgenossen in deiner Familie gemacht. Stärke in uns die Gewissheit, dass wir in Christus wirklich angenommen, geborgen und Teil deines ewigen Hauses sind, unabhängig von Herkunft, Vergangenheit oder eigener Leistung. Lass uns im Geist leben, damit wir die Gemeinschaft mit dir als unserem Vater tiefer erfahren und die Geschwister als deine geliebten Kinder sehen. Erfülle dein Haus mit deinem Frieden und deiner Herrlichkeit, bis deine Familie vollendet vor dir steht. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Ephesians, Chapter 26

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