Den neuen Menschen anziehen
Viele Menschen spüren, dass ihr äußeres Leben und ihr inneres Verlangen nach Gott nicht zueinander passen: Man glaubt an Christus, und doch schleppen sich alte Gewohnheiten, Prägungen und Denkmuster hartnäckig weiter. Die Bibel spricht davon, den alten Menschen auszuziehen und den neuen Menschen anzuziehen – ein Bild, das leicht missverstanden wird, wenn man nur an äußere Veränderungen denkt. Entscheidend ist zu sehen, was Gott in Christus bereits vollbracht hat und wie dieses neue Werk nach und nach alle Bereiche unseres Lebens durchdringen darf.
Der neue Mensch: geschaffen und zugleich erneuert
Wenn das Neue Testament vom neuen Menschen spricht, spannt es einen weiten Bogen zwischen bereits vollendetem Werk und andauernder Bewegung. In Epheser 2:15 heißt es, dass Christus „in seinem Fleisch die Feindschaft, das Gesetz der Gebote in Satzungen, abgetan“ hat, „damit er die zwei in sich selbst zu einem neuen Menschen schaffe“. In der Auferstehung Christi ist dieser neue Mensch kein Entwurf geblieben, sondern Wirklichkeit geworden: Gott hat alle trennenden Satzungen, alle religiösen und kulturellen Unterschiede am Kreuz gerichtet und in Christus einen neuen Anfang gesetzt. Für Gott ist diese Schöpfung abgeschlossen; sie hängt nicht mehr an unserer Leistung, sondern ruht in dem, was der Sohn vollbracht hat. Durch die Wiedergeburt ist dieser neue Mensch in unseren Geist hineingelegt worden – nicht als unfertiges Stück Stoff, sondern wie ein fertiges Gewand, das uns voraus ist und auf uns wartet.
Nach 4:24 ist der neue Mensch in Gerechtigkeit und Heiligkeit der Wahrheit geschaffen, nach Kolosser 3:10 wird der neue Mensch jedoch erneuert. Wie kann der neue Mensch sowohl geschaffen sein – was nichts mit etwas Altem zu tun hat – als auch erneuert werden, was sich auf etwas Altes bezieht? Die Erschaffung des neuen Menschen ist das eine, die Erfahrung des neuen Menschen ist etwas anderes. Von der Seite Christi her ist der neue Mensch bereits geschaffen worden. Von unserer Seite her, in unserer Erfahrung, wird der neue Mensch jedoch erneuert. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft fünfundzwanzig, S. 219)
Gerade deshalb spricht die Schrift zugleich von einem Prozess. Über denselben neuen Menschen heißt es in Kolosser 3:10, er sei „angezogen, der erneuert wird zur Erkenntnis nach dem Bild dessen, der ihn geschaffen hat“. Was in unserem Geist schon da ist, drängt danach, unsere Gedanken, Gefühle und Entscheidungen zu durchdringen. Die Spannung zwischen „geschaffen“ und „wird erneuert“ löst sich, wenn man Schöpfung und Erfahrung unterscheidet: In unserem innersten Wesen, in der neuen Schöpfung, ist der neue Mensch voll da; in unserer Seele – in Denken, Fühlen und Wollen – ist er unterwegs. Der lebengebende Geist, der in unseren Geist gekommen ist, arbeitet still, aber beharrlich an dieser inneren Angleichung. Je mehr er Raum gewinnt, desto weniger bleibt der neue Mensch ein theologischer Begriff und desto mehr wird er zum wiedererkennbaren Lebensstil. So bleibt die Grundlage unseres Lebens immer das fertige Werk Christi, während unsere Erfahrung Tag für Tag nachzieht und wir staunend entdecken, wie viel von diesem neuen Gewand uns tatsächlich schon passt.
In dieser Verbindung von Vollendung und Erneuerung liegt Trost und Herausforderung zugleich. Niemand muss den neuen Menschen erst hervorbringen – er ist gegeben. Und doch ist niemand von dem Weg der Erneuerung ausgenommen – er will gelebt werden. Jede Phase, in der das eigene Denken infrage gestellt, Gewohntes aufgeweicht oder alte Sicherheiten relativiert werden, kann in diesem Licht gelesen werden: Der Schöpfer des neuen Menschen ist am Werk, damit das, was in Christus schon wahr ist, auch in unserem Innern Gestalt gewinnt. Daraus erwächst eine stille Zuversicht: Kein Tag, an dem der Geist nicht weiter webt an diesem Gewand, und keine Schwäche, in der Christus nicht dennoch der bleibende Maßstab und Inhalt unseres wahren Menschseins bleibt.
Er hat in seinem Fleisch die Feindschaft, das Gesetz der Gebote in Satzungen, abgetan, damit er die zwei in sich selbst zu einem neuen Menschen schaffe und Frieden mache. (Epheser 2:15)
Und den neuen Menschen angezogen habt, der erneuert wird zur Erkenntnis nach dem Bild dessen, der ihn geschaffen hat. (Kolosser 3:10)
Die Erkenntnis, dass der neue Mensch bereits in Christus geschaffen ist und zugleich in uns erneuert wird, lädt zu einem Leben in gelassener Entschiedenheit ein: gelassen, weil das Fundament nicht mehr wankt, und entschieden, weil jeder Schritt innerer Erneuerung ein Einverständnis mit Gottes bereits vollendetem Werk ist.
Den alten Lebenswandel begraben
Die Schrift verbindet den alten Menschen eng mit dem, was sie unseren „früheren Lebenswandel“ nennt. In Epheser 4:22 heißt es, wir sollten „im Blick auf euren früheren Lebenswandel den alten Menschen ablegen, der sich nach den Begierden des Betrugs zugrunde richtet“. Damit sind nicht nur offensichtliche Verfehlungen gemeint, sondern ganze Muster, nach denen wir Wirklichkeit einordnen: wie wir über Erfolg denken, wie wir mit Zeit und Geld umgehen, wie wir Beziehungen gestalten, wo wir Sicherheit suchen. Solche Muster sind über Jahre gewachsen, genährt durch Familie, Kultur, Bildungswege, vielleicht auch durch fromme Traditionen. Der alte Mensch hat viele Gesichter; manchmal tritt er grob rebellisch auf, manchmal respektabel und religiös, aber in allen Formen bleibt er von sich selbst her definiert.
Sowohl Epheser 4 als auch Kolosser 3 zeigen, dass wir, um den neuen Menschen anzuziehen, zuerst den alten Menschen ausziehen müssen. Epheser 4:22 sagt: „dass ihr im Blick auf euren früheren Lebenswandel den alten Menschen ablegt“. Das Wort „Lebenswandel“ schließt sehr viel ein. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft fünfundzwanzig, S. 220)
Ein Blick nach 1. Mose 11:1–9 macht die Tragweite dieses Lebenswandels sichtbar. Dort beginnt mit Babel die Geschichte der Zerstreuung: eine einheitliche Menschheit wird in Sprachen und Völker aufgespalten, und damit entstehen unterschiedliche Kulturen, Lebensstile und Systeme von Ehre und Scham. Dieses Erbe zieht sich durch die Geschichte und wirkt bis in unser Gemeindeleben hinein. Kolosser 3:11 bezeugt, dass in Christus „nicht Grieche und Jude ist, Beschneidung und Unbeschnittensein, Barbar, Skythe, Sklave, Freier, sondern Christus alles und in allen“. Das Kreuz hat all diese Unterschiede bereits entmachtet, doch in unseren Gewohnheiten leben sie weiter, solange wir uns an ihnen festhalten. Praktisch zeigt sich das, wenn philosophische Vorlieben, nationale Traditionen, soziale Rollen oder religiöse Sonderregeln zum stillen Maßstab werden, an dem andere – und wir selbst – gemessen werden.
Den alten Menschen abzulegen bedeutet dann, diesen Maßstäben innerlich das letzte Wort zu entziehen. Nicht, weil Kultur, Herkunft oder Prägung an sich verwerflich wären, sondern weil sie uns nicht mehr definieren sollen. Wo Menschen aus verschiedenen Hintergründen im Namen Christi zusammenkommen, tritt diese Frage scharf hervor: Bleibt jeder in seinem gewohnten Lebensstil ein wenig der Maßstab für die anderen, oder verliert unser früherer Lebenswandel sein Vorrecht, uns zu bestimmen? Der Weg des Evangeliums geht durch ein verborgenes Begräbnis: das Eingeständnis, dass kein Lebensstil – so edel er erscheinen mag – das Recht hat, neben Christus unsere Identität zu prägen. Wo dieses Begräbnis geschieht, entsteht Raum, dass Christus selbst unser gemeinsamer Lebensstil wird und der neue Mensch nicht nur eine Wahrheit, sondern eine erfahrbare Atmosphäre unter uns wird.
Aus dieser Perspektive kann selbst der Schmerz, mit vertrauten Mustern zu brechen, eine neue Farbe bekommen. Es ist nicht bloß Verlust, sondern ein Loslösen von dem, was uns voneinander trennt, hin zu dem, der uns in sich vereint. Wo liebgewonnene Gewohnheiten, Rollenbilder oder kulturelle Selbstverständlichkeiten an Bedeutung verlieren, entsteht nicht Leere, sondern eine neue Freiheit, Christus zu gewinnen. In diesem Licht wird das Begraben des alten Lebenswandels nicht ein dunkles Ende, sondern ein Tor, durch das der neue Mensch mehr und mehr sichtbar in unser persönliches und gemeinsames Leben tritt.
Dass ihr im Blick auf euren früheren Lebenswandel den alten Menschen ablegt, der sich nach den Begierden des Betrugs zugrunde richtet. (Epheser 4:22)
Wo nicht Grieche und Jude ist, Beschneidung und Unbeschnittensein, Barbar, Skythe, Sklave, Freier, sondern Christus alles und in allen. (Kolosser 3:11)
Das Begraben des alten Lebenswandels heißt, die stillen Maßstäbe unserer Herkunft, Kultur und Gewohnheiten vor Gott aus der Hand zu geben, damit Christus selbst unser Maß wird – und gerade so entsteht ein Raum, in dem der neue Mensch im Miteinander der Glaubenden erfahrbar wird.
Durch den Geist des Sinnes den neuen Menschen leben
Der neue Mensch wird nicht dadurch sichtbar, dass wir uns einen neuen Verhaltenskodex aneignen, sondern dadurch, dass eine neue innere Quelle unser Denken prägt. Paulus spricht in Epheser 4:23 von einer erstaunlichen Wirklichkeit: „Erneuert werdet im Geist eures Sinnes.“ Unser wiedergeborener Geist ist mit dem Geist Gottes verbunden; doch erst wenn dieser vermischte Geist zum „Geist unseres Sinnes“ wird, beginnt er tatsächlich, unsere Gedanken, Bewertungen und spontanen Reaktionen zu leiten. Dann entsteht ein Leben, das nicht mehr von Launen, Stimmungen oder tradierten Mustern gesteuert wird, sondern von der leisen, aber beharrlichen Bewegung des Geistes in unserem Inneren.
Jetzt ist es nötig, dass unser Geist zum beherrschenden Teil unseres Seins wird. Das bedeutet, dass unser mit dem Geist Gottes vermengter Geist der Geist unseres Sinnes werden muss (4:23). Wenn unser Geist der Geist unseres Sinnes ist, wird unser ganzes Leben nach dem Geist sein. Alles, was wir tun, wird gemäß dem Geist sein. Dieser Geist unseres Sinnes wird dann zum erneuernden Geist. Während wir durch diesen Geist erneuert werden, ziehen wir den neuen Menschen an. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft fünfundzwanzig, S. 224)
Wo dieser Geist unseres Sinnes unser Inneres durchdringt, geschieht Erneuerung. Epheser 4:24 beschreibt den neuen Menschen als „geschaffen nach Gott in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit“. Gerechtigkeit steht hier für das, was Gott tut – sein gerechtes Handeln in den konkreten Situationen unseres Alltags. Heiligkeit bezeichnet, wer Gott ist – seine Andersartigkeit, seine Reinheit und sein ungeteiltes Sein. Wenn der Geist unsere Gedanken erneuert, verändert sich nicht nur, was wir tun, sondern auch, wie wir es tun: Entscheidungen werden von Gottes Gerechtigkeit beeinflusst, die Haltung des Herzens von seiner Heiligkeit geformt. Kolosser 3:10 verbindet diese Erneuerung mit der „Erkenntnis nach dem Bild dessen, der ihn geschaffen hat“ – je mehr Christus, das Bild Gottes, vor unserem inneren Auge lebendig wird, desto stärker prägt er die Konturen unseres praktischen Lebens.
Dieser Weg ist still und unspektakulär und gerade darin zuverlässig. Oft bemerkt man erst im Rückblick, dass man in Situationen, in denen früher alte Muster reagiert hätten, nun anders denkt und handelt. Das ist kein Verdienst, sondern ein Zeichen, dass der Geist unseres Sinnes arbeitet. So wird das Anziehen des neuen Menschen kein einmaliger Kraftakt, sondern ein andauernder Prozess, in dem Christus mehr Raum erhält, sich in unseren Gedanken und in unserer gemeinsamen Praxis im Gemeindeleben auszudrücken. Jeder Schritt, in dem der Geist statt alter Gewohnheit den Ausschlag gibt, webt ein weiteres Fadenstück in das Gewand des neuen Menschen, das Christus für seine Gemeinde vorbereitet hat.
Gerade weil dieser Prozess schrittweise verläuft, braucht es Geduld mit sich selbst und mit anderen. Nicht jeder Bereich unseres Denkens ist im selben Tempo zugänglich für die Erneuerung, und nicht jede Veränderung ist sofort sichtbar. Doch jede leise Bewegung, in der der Geist des Sinnes uns von innen her korrigiert, ist ein Vorgeschmack auf das Ziel Gottes: dass Christus alles und in allen ist. So wird der Alltag, mit all seinen scheinbar unscheinbaren Entscheidungen, zum Feld, auf dem der neue Mensch Gestalt gewinnt – nicht als Last, sondern als wachsende Freiheit, in der das Leben des Sohnes Gottes in uns zu leuchten beginnt.
Erneuert werdet im Geist eures Sinnes und den neuen Menschen angezogen habt, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. (Epheser 4:23-24)
Und den neuen Menschen angezogen habt, der erneuert wird zur Erkenntnis nach dem Bild dessen, der ihn geschaffen hat. (Kolosser 3:10)
Wenn der Geist unseres Sinnes immer stärker unser Denken prägt, wird das Anziehen des neuen Menschen zu einem stillen, aber tiefen Wandel: Der Alltag bleibt äußerlich derselbe, doch inmitten von Routinen, Spannungen und Begegnungen gewinnt Christus innerlich das Wort – und genau dort beginnt der neue Mensch, erkennbar zu leben.
Herr Jesus Christus, danke, dass Du am Kreuz alles Alte gerichtet und in Deiner Auferstehung den neuen Menschen geschaffen hast. Du siehst, wie tief unsere alten Prägungen, Muster und Sicherheiten in uns verwurzelt sind und wie schwer es uns fällt, sie loszulassen. Wir bringen Dir unseren früheren Lebenswandel, alles, worauf wir uns bisher gestützt haben, und vertrauen darauf, dass Deine Wahrheit stärker ist als jede Gewohnheit und jede Bindung. Lass Deinen lebengebenden Geist unseren Sinn erneuern, damit Dein Wesen von Gerechtigkeit und Heiligkeit unser Denken, Fühlen und Handeln mehr und mehr prägt. Stärke in uns die Gewissheit, dass Du selbst unsere neue Identität bist und dass in Dir alle Trennungen überwunden sind. Erfülle unser persönliches Leben und unser Gemeindeleben mit der Wirklichkeit des einen neuen Menschen, damit Gott durch uns sichtbar geehrt wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Ephesians, Chapter 25