Hineinwachsen in einen heiligen Tempel und hineingebaut werden in eine Wohnstätte Gottes
Viele Christinnen und Christen denken bei Gemeinde vor allem an Strukturen, Traditionen oder bestimmte Prägungen. Epheser 2.zeichnet jedoch ein ganz anderes Bild: Gott selbst ist am Werk, um aus erlösten Menschen einen lebendigen Bau zu formen, in dem er wohnt und sich finden lässt. Zwischen weltweiter Gemeinde und konkreter örtlicher Versammlung gibt es dabei keinen Widerspruch, sondern zwei untrennbare Seiten desselben göttlichen Bauprojekts.
Auf dem Fundament der Apostel und Propheten bauen
Wenn Paulus schreibt, dass wir „aufgebaut auf dem Fundament der Apostel und Propheten, wobei Christus Jesus Selbst der Eckstein ist“ sind, rückt er keinen Menschen ins Zentrum, sondern eine von Gott geschenkte Einsicht. Die neutestamentlichen Apostel und die alttestamentlichen Propheten sind nicht Fundament, weil ihre Person tragfähig wäre, sondern weil ihnen das Geheimnis Christi anvertraut wurde. Von diesem Geheimnis heißt es: „woran ihr, wenn ihr es lest, mein Verständnis im Geheimnis Christi merken könnt, das in anderen Generationen den Söhnen der Menschen nicht bekannt gemacht worden ist, wie es jetzt Seinen heiligen Aposteln und Propheten im Geist offenbart wurde“ (Eph. 3:4-5). Das Fundament ist also die Offenbarung über Christus und die Gemeinde, die Gott durch diese Zeugen in die Schrift eingegraben hat. In 1. Korinther 3.betont Paulus, dass niemand ein anderes Fundament legen kann als Jesus Christus; hier sehen wir die andere Seite: Christus ist der eine Grund, und die apostolisch-prophetische Verkündigung ist die göttlich gegebene Form, in der dieser Grund sichtbar, hörbar und verständlich wird.
Da das Geheimnis Christi den Aposteln offenbart worden ist (Eph. 3:4–5), gilt die Offenbarung, die sie empfangen haben, als das Fundament, auf dem die Gemeinde gebaut wird. Dies entspricht dem Felsen in Matthäus 16:18, der nicht nur Christus selbst ist, sondern auch die Offenbarung über Christus, auf die Christus Seine Gemeinde bauen wird. Daher ist das Fundament der Apostel und Propheten die Offenbarung, die sie in Bezug auf Christus und die Gemeinde für den Aufbau der Gemeinde empfangen haben. Die Gemeinde wird auf dieser Offenbarung gebaut. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft siebenundzwanzig, S. 236)
Damit wird auch deutlich, was dieses Fundament nicht ist. Es ist weder die Autorität kirchlicher Systeme noch die Anziehungskraft besonderer Lehrer noch eine bestimmte geistliche Prägung oder Tradition. Wo Gemeinden sich auf Nationalität, bestimmte geistliche Akzente oder auf menschliche Organisationsformen gründen, verschiebt sich das Gewicht weg von der Offenbarung Christi hin zu menschlichen Pfeilern, die nicht tragen können. Als Jesus in Caesarea Philippi von Petrus als Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, bekannt wurde, erwiderte er: „auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen“ – auf die von Gott gewirkte Erkenntnis seiner Person, nicht auf Petrus als Charakter. So ruht jede wahre Gemeinde – weltweit und an jedem Ort – auf dem Evangelium, das die Schrift über Christus und seinen Leib bezeugt, und sie bleibt nur dann stabil, wenn Christus tatsächlich das Zentrum bleibt. Das ermutigt, weil dieses Fundament bereits gelegt ist und nicht von unserer Stärke abhängt. Es lädt zugleich ein, das eigene Gemeindeverständnis immer wieder an der biblischen Offenbarung über Christus und die Gemeinde zu prüfen, damit unser Glaubensleben nicht auf wechselnden Strömungen, sondern auf dem tragfähigen Grund Gottes steht.
aufgebaut auf dem Fundament der Apostel und Propheten, wobei Christus Jesus Selbst der Eckstein ist, (Eph. 2:20)
woran ihr, wenn ihr es lest, mein Verständnis im Geheimnis Christi merken könnt, (Eph. 3:4-5)
Im Licht dieses Fundaments gewinnt der Alltag der Gemeinde ein anderes Gewicht: Predigt, Austausch, Seelsorge und auch das verborgene Gebet dienen letztlich dazu, die von den Aposteln und Propheten bezeugte Wirklichkeit Christi immer tiefer in uns einzuarbeiten. Wo der Blick auf ihn klar bleibt, wird die Gemeinde innerlich gefestigt, auch wenn äußere Formen sich ändern. So wird Glauben an Christus zugleich Treue zu dem apostolischen Evangelium, das uns in der Schrift anvertraut ist, und unsere Herzen werden ruhig, weil sie auf einem Grund ruhen, den Gott selbst gelegt hat.
Christus, der Eckstein, der Juden und Heiden verbindet
Im Bau Gottes wird derselbe Christus, der das Fundament ist, als Eckstein sichtbar. Während das Fundament den Grund legt, auf dem alles steht, verbindet der Eckstein die Mauern und gibt dem Ganzen Richtung und Einheit. Von ihm heißt es: „Euch nun, die ihr glaubt, (bedeutet er) die Kostbarkeit; für die Ungläubigen aber (gilt): ‘Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, dieser ist zum Eckstein geworden’“ (1.Petrus 2:7). Dieser von den religiösen Bauleuten verworfene Stein ist von Gott an die entscheidende Stelle gesetzt worden: an den Eckpunkt, an dem zwei Mauern aufeinandertreffen und unlösbar miteinander verbunden werden. Paulus erklärt, dass es hier um die Mauer der jüdischen Gläubigen und die Mauer der heidnischen Gläubigen geht. In Christus werden sie nicht nebeneinandergestellt, sondern in einem einzigen Bau miteinander verklammert, sodass aus zwei getrennten Ordnungen ein neues Ganzes entsteht.
Vers 20 zeigt, dass Christus in Gottes Bauwerk der Eckstein ist. Hier wird Christus nicht als Fundament (Jes. 28:16), sondern als Eckstein bezeichnet, weil es hier nicht in erster Linie um das Fundament geht, sondern um den Eckstein, der die beiden Hauptmauern zusammenfügt: die Mauer der jüdischen Gläubigen und die Mauer der heidnischen Gläubigen. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft siebenundzwanzig, S. 237)
Damit bekommt Rettung eine tiefere Dimension. Sie erschöpft sich nicht in Vergebung der Sünden und der Zusage des Himmels, sondern sie mündet in eine Einfügung. In Christus geraten Menschen verschiedener Herkunft, Kultur, Frömmigkeitsstile und charakterlicher Prägungen in dieselbe Bauordnung Gottes. „Dieser ist der Stein, der von euch Bauleuten für nichts gehalten wurde, der ist zum Haupt der Ecke geworden“ (Apg. 4:11), heißt es. Wo dieser Eckstein unser inneres Maß wird, verlieren alte Mauern ihre trennende Macht. Herkunft, geistliche Tradition, persönliche Vorlieben – all das bleibt nicht bedeutungslos, aber es verliert das Recht, die Grenzen der Gemeinschaft zu definieren. Stattdessen bestimmt der Eckstein, wie der Bau verlaufen soll: auf Christus hin, von Christus her und um Christi willen. Das schenkt Hoffnung, gerade dort, wo wir Unterschiedlichkeit als Spannung erleben. Der Eckstein, der Juden und Heiden zusammenfügt, kann auch heute Gegensätzliches in einen gemeinsamen Raum Gottes verwandeln, in dem seine Gegenwart wichtiger ist als jede menschliche Übereinstimmung.
Wo Christus als Eckstein wirkt, entsteht eine Einheit, die nicht erzwungen ist. Sie kommt nicht aus Kompromissbereitschaft oder harmoniesuchender Anpassung, sondern aus der gemeinsamen Ausrichtung auf ihn. Je mehr seine Person für uns zur Kostbarkeit wird, desto weniger brauchen wir uns gegenseitig passend zu machen; der Eckstein selbst nimmt diese Arbeit auf sich. Seine „Kostbarkeit“ für die Glaubenden wird zur Kraft, die uns innerlich von Mauern löst und in die Fuge seines Baues hineinstellt. So wird der Bau Gottes nicht ein uniformes Gebäude, sondern eine geordnete Vielfalt, die in Christus zusammengehalten wird. Dieser Blick auf den Eckstein stärkt, weil er zeigt: Wir tragen die Einheit nicht; sie trägt uns. Unser Teil ist es, uns von diesem Stein bestimmen zu lassen, damit unser Miteinander den Charakter eines Hauses annimmt, in dem Gott sich wohlfühlt.
Euch nun, die ihr glaubt, (bedeutet er) die Kostbarkeit; für die Ungläubigen aber (gilt): «Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, dieser ist zum Eckstein geworden», (1.Petr. 2:7)
Dieser ist der Stein, der von euch Bauleuten für nichts gehalten wurde, der ist zum Haupt der Ecke geworden. (Apg. 4:11)
Wenn Christus als Eckstein ernst genommen wird, verschieben sich die Maßstäbe unseres Miteinanders. Verschiedenheit wird nicht mehr bedrohlich, sondern zum Material, das er verbindet. Streitfragen, kulturelle Abstände und verwundete Beziehungen erhalten einen neuen Ort: nicht außerhalb des Baues, sondern am Eck, an dem Christus zusammenfügt, was menschlich nicht mehr zusammengehört. Daraus wächst eine stille Zuversicht, dass Gottes Haus nicht an unseren Grenzen scheitert, sondern an der Kostbarkeit des Ecksteins wächst, der uns alle trägt und ausrichtet.
Wachstum im Leben – vom heiligen Tempel zur Wohnstätte Gottes
Paulus verwendet in seinem Brief an die Epheser zwei Bilder, die ineinandergreifen: den heiligen Tempel und die Wohnstätte Gottes. Vom Tempel sagt er, dass „der ganze Bau, zusammengefügt, wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn“, und gleich darauf, dass wir „mitaufgebaut werden zu einer Wohnstätte Gottes im Geist“ (vgl. Eph. 2:21-22). Der heilige Tempel beschreibt die universale Seite der Gemeinde: über Raum und Zeit hinweg entsteht ein einziger geistlicher Bau. In diesen Bau sind Glaubende aus allen Generationen eingefügt, bekannte und namenlose, sichtbare und verborgene. Sein Wachstum vollzieht sich in der Geschichte, oft langsam und im Verborgenen, doch aus Gottes Perspektive bildet all dies ein einziges Haus. Dieses Bild nimmt uns aus unserer engen Gegenwartserfahrung heraus und stellt uns in den weiten Horizont dessen, was Gott mit seinem Volk insgesamt tut.
Hier haben wir die Offenbarung des Bauens in zwei Aspekten: dem universalen Aspekt und dem örtlichen Aspekt. Universell ist die Gemeinde einzigartig eins, und die Gemeinde an einem bestimmten Ort ist örtlich eins. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft siebenundzwanzig, S. 235)
Die Wohnstätte Gottes zeigt denselben Bau in seiner örtlichen Gestalt. Während der Tempel das Ganze umfasst, wird in der Wohnstätte erfahrbar, dass Gott an einem konkreten Ort, inmitten konkreter Menschen, Wohnung nimmt. Der Ort dieses Bauens ist unser Geist, denn „wer aber dem Herrn anhängt, ist ein Geist“ (1.Korinther 6:17). Dort, wo der Heilige Geist wohnt, verbindet er uns mit Christus und durch Christus miteinander. Petrus greift dieses Bild auf, wenn er schreibt: „werdet auch ihr als lebendige Steine als ein geistliches Haus zu einer heiligen Priesterschaft aufgebaut, um geistliche Opfer darzubringen, Gott wohlannehmbar durch Jesus Christus“ (1.Petrus 2:5). Die Gemeinde wächst nicht durch äußere Organisation oder durch das Hinzufügen religiöser Aktivitäten, sondern durch Wachstum im göttlichen Leben: lebendige Steine werden innerlich zugerichtet, zueinander passend gemacht und so zu einem geistlichen Haus gefügt.
Zwischen dem universalen Tempel und der örtlichen Wohnstätte besteht kein Gegensatz, sondern eine gegenseitige Durchdringung. Es gibt nur einen geistlichen Tempel Gottes, und dieser eine Tempel wird sichtbar, wo an einem Ort Glaubende sich im Geist füreinander öffnen und dem Herrn Raum geben, unter ihnen zu wohnen. Wo dieses Wachstum im Leben geschieht, verändert sich der Charakter einer örtlichen Gemeinde. Sie wird weniger ein religiöser Treffpunkt und mehr ein Haus, in dem die Gegenwart Gottes spürbar Ruhe gefunden hat. Die Grenzen der eigenen Kraft bleiben bestehen, doch sie verlieren ihr Gewicht gegenüber der Wirklichkeit, dass Gott sich ein Zuhause schafft. Daraus erwächst leise Ermutigung: Nichts, was im Geist aus Christus heraus geschieht – eine aufrichtige Hinwendung, ein getragenes Gebet, ein versöhntes Miteinander – ist klein. Alles gehört zu dem einen Bau, der heranwächst, bis Gott in seinem Haus ungeteilt sichtbar wird.
So wird der Blick auf die Gemeinde zweifach geklärt: Wir sind Teil eines großen, weltweiten und durch die Jahrhunderte gewachsenen Tempels, und zugleich ist unser konkreter Ort wichtig als Wohnstätte Gottes im Geist. Diese Verbindung bewahrt vor Überheblichkeit und vor Resignation. Sie erinnert daran, dass unser begrenztes Miteinander eingebettet ist in Gottes umfassenden Bauplan und dass gerade im Kleinen, Unscheinbaren, Treuen sein Haus weiter wächst. Wer dies im Herzen bewegt, findet neuen Mut, die eigene Situation nicht nur unter dem Gesichtspunkt des Gelingens, sondern unter dem Gesichtspunkt von Gottes Wohnen zu sehen – und entdeckt darin eine stille Würde, die von ihm selbst ausgeht.
werdet auch ihr als lebendige Steine als ein geistliches Haus zu einer heiligen Priesterschaft aufgebaut, um geistliche Opfer darzubringen, Gott wohlannehmbar durch Jesus Christus. (1.Pet. 2:5)
Wer aber dem Herrn anhängt, ist ein Geist. (1.Kor 6:17)
Wo die Gemeinde als Tempel und Wohnstätte Gottes gesehen wird, verändert sich der Blick auf ihr Wachstum. Nicht Größe, Erfolg oder äußere Attraktivität sind ausschlaggebend, sondern die Frage, in welchem Maß Christus als Leben Gestalt gewinnt und Gott Raum findet, unter seinem Volk zu wohnen. Jede kleine Bewegung hin zu ihm, jede Versöhnung, jede gemeinsam getragene Last gehört zu diesem Bau. In dieser Perspektive wird das alltägliche Gemeindeleben zu einem Teil des großen Geheimnisses, dass Gott sich bei Menschen eine bleibende Wohnstätte schafft – und genau darin liegt eine tiefe, leise Freude.
Herr Jesus Christus, danke, dass du der Grund und der Eckstein bist, auf dem dein ganzes Haus steht. Du kennst unsere Zerrissenheit, unsere menschlichen Grenzen und unsere verschiedenen Prägungen, und doch fügst du uns in deinem Leben zu einem heiligen Tempel zusammen. Lehre uns, auf der klaren Offenbarung der Apostel und Propheten zu stehen und alles zu meiden, was deinen Bau verdunkelt. Stärke in uns das innere Leben aus Gott, damit unser Geist ein Ort wird, an dem du dich wohlfühlst und in dem du gerne wohnst. Lass deine Gemeinde – weltweit und an unserem Ort – immer mehr zu einer Wohnstätte deiner Gegenwart werden, die deine Herrlichkeit widerspiegelt. Richte unsere Hoffnung neu darauf aus, dass dein Bau trotz aller Schwachheit unaufhaltsam wächst und vollendet werden wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Ephesians, Chapter 27