Das Wort des Lebens
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Die zwei in einem neuen Menschen geschaffen

11 Min. Lesezeit

Überall auf der Welt glauben Menschen an Christus – und trotzdem gibt es unter ihnen Trennungen, Meinungen, kulturelle Mauern und religiöse Formen, die kaum zu überwinden scheinen. Paulus öffnet in Epheser einen erstaunlich tiefen Blick: Gottes Ziel ist nicht nur eine fromme Gemeinschaft, sondern ein einziger, neuer Mensch, in dem alle alten Grenzen in Christus überwunden sind. Wer diesen Blick gewinnt, beginnt Gemeinde nicht mehr als lockere Versammlung zu sehen, sondern als einen von Gott geschaffenen Menschen, der seine Herrlichkeit ausdrückt.

Gottes ewiger Plan: ein korporativer Mensch

Wenn Gott in 1. Mose 1:26 spricht: „Lasst Uns den Menschen machen in Unserem Bild, gemäß Unserer Gleichgestalt, und sie sollen herrschen …“, tritt ein erstaunlicher Doppelklang hervor. Zuerst ist von „dem Menschen“ die Rede – einer einzigen, gemeinsamen Menschheit im Bild Gottes. Direkt danach folgt das „sie sollen herrschen“ – eine Mehrzahl, die gemeinsam die Autorität ausübt. In diesem Wechsel von Einzahl zu Mehrzahl leuchtet Gottes Absicht auf: Er wollte nicht isolierte Einzelne, die je für sich etwas Frommes leben, sondern einen korporativen Menschen, eine Menschheit, die in der Einheit seiner eigenen Gemeinschaft steht, ihn ausdrückt und in seinem Auftrag über die Erde herrscht. Bild und Herrschaft gehören zusammen: Gott wollte sich in einer vielstimmigen, aber innerlich geeinten Menschheit widerspiegeln und durch sie gegenüber seinem Feind auftreten.

211 Zweck, die Erlösung zu vollbringen oder Leben mitzuteilen, sondern um die Juden und die Heiden zu einem neuen Menschen zu schaffen. DER TOD CHRISTI, DER DIE GANZE SCHÖPFUNG EINBEZOG Als Christus im Fleisch an das Kreuz genagelt wurde, war die gesamte alte Schöpfung einbezogen, denn die ganze Schöpfung stand in Beziehung zu Seinem Fleisch. Nach Hebräer 10 wurde Christi Fleisch durch den Vorhang im Tempel versinnbildlicht, auf den Cherubim gestickt waren, die die lebenden Wesen bezeichneten. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft vierundzwanzig, S. 211)

Durch den Sündenfall geriet dieser gemeinsame Mensch in eine andere Gestalt. Der von Gott gedachte Mensch wurde nicht ausgelöscht, aber er wurde von einem anderen Prinzip überlagert: Paulus nennt es den „alten Menschen“, der „sich verderbte nach den Lüsten des Betrugs“ (vgl. Eph. 4:22). Dieser alte Mensch ist mehr als die Summe einzelner Verfehlungen; er ist eine gefallene Menschheitsgestalt, ein kollektives Leben, das sich von Gott gelöst hat und nun sein eigenes Zentrum bildet. So wie der korporative Mensch Gottes Bild tragen und seine Autorität ausdrücken sollte, so drückt der alte Mensch die Entstellung dieses Bildes aus und verstärkt die Rebellion gegen Gottes Herrschaft.

Darum spricht Paulus nicht nur von der Bekehrung einzelner, sondern von einem radikalen Wechsel der Menschheitszugehörigkeit: „und den neuen Menschen angezogen habt, der zur völligen Erkenntnis nach dem Bild dessen erneuert wird, der ihn geschaffen hat“ (Kol. 3:10). Dieser neue Mensch ist nicht nur ein innerer Neuanfang oder eine verfeinerte Moral. Er ist die Gemeinde in Christus als eine neue Menschheit, in der Christus das Haupt und die gemeinsame Identität ist. Wer Christus gehört, wird aus dem alten Adam-Ganzen herausgenommen und in diese neue, in Christus geschaffene Menschheit hineingestellt. Gottes ewiger Vorsatz richtet sich also auf einen korporativen Menschen, in dem Christus selbst das Bild ist, das Gott zeigt, und in dem seine Autorität über den Feind ausgeübt wird.

Damit bekommt das persönliche Heil einen weiteren Horizont. Vergebung, Rechtfertigung, innerer Friede – all das ist real und kostbar, steht aber in einem größeren Zusammenhang: Gott führt Menschen nicht nur in einen individuellen Status, sondern in einen gemeinsamen Leib. Im einen neuen Menschen ist kein Raum für selbstgenügsame Frömmigkeit, die sich um die eigene Vollkommenheit dreht; hier geht es darum, dass Christus in einer vielgestaltigen Gemeinschaft sichtbar wird. Dieses Bewusstsein entspannt und zugleich sammelt es: Entspannt, weil das Zentrum nicht unsere eigene Leistung ist; sammelt, weil unser Leben hineingenommen ist in etwas Größeres, das Gottes Herz schon vor aller Zeit bewegt hat.

Und Gott sprach: Lasst Uns den Menschen machen in Unserem Bild, gemäß Unserer Gleichgestalt, und sie sollen herrschen über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über das Vieh und über die ganze Erde und über jedes Kriechtier, das auf der Erde umherkriecht! (1.Mose 1:26)

und den neuen Menschen angezogen habt, der zur völligen Erkenntnis nach dem Bild dessen erneuert wird, der ihn geschaffen hat, (Kol. 3:10)

Wenn der Blick auf Gottes Plan mit einem korporativen Menschen unser Verständnis von uns selbst und von Gemeinde prägt, verlieren Einsamkeit, Vergleich und Konkurrenz ihre Selbstverständlichkeit. Dann wird jede Berührung mit Christus nicht zum Stoff eines privaten Religionsprogramms, sondern zum Beitrag an einem großen Ganzen, in dem Gott sein Bild zeigt und seine Herrschaft aufrichtet.

Das Kreuz beendet die Ordnungen und schafft Frieden

Die ersten Leser des Epheserbriefes kannten trennende Ordnungen nicht nur aus der Theorie. Zwischen Juden und Heiden standen Mauern aus Speisegeboten, Festkalendern, Reinheitsvorschriften, kulturellen Gewohnheiten und religiösen Traditionen. Paulus fasst diese Welt aus Trennlinien in einem Wort zusammen: „die Gesetzgebung in Satzungen“ (Eph. 2:15). Solche Ordnungen strukturieren das Leben, sie schaffen Zugehörigkeit – aber sie grenzen zugleich aus. Was wie fromme Sicherung aussehen kann, wurde zur Quelle von Feindschaft. In der Gemeinde von Ephesus prallten diese Welten aufeinander: gewachsene jüdische Frömmigkeit und heidnische Lebensprägungen, die gerade erst aus ihrem alten Umfeld herausgerufen waren.

212 Sein Fleisch. Nein, im Fleisch hat Er die negativen Dinge beendet, damit Er die beiden, die Juden und die Heiden, in Sich Selbst zu einem neuen Menschen schaffen konnte. Die negativen Dinge wurden in Christi Fleisch beendet, wohingegen der neue Mensch, der natürlich positiv ist, in Christus Selbst gekeimt wurde. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft vierundzwanzig, S. 212)

In diese Lage hinein schreibt Paulus, dass Christus „in seinem Fleisch das Gesetz der Gebote in Satzungen beseitigt hat, damit er die zwei … in sich selbst zu einem neuen Menschen schaffe, indem er Frieden macht“ (vgl. Eph. 2:15). Das Kreuz richtet sich hier nicht nur gegen offensichtliche Sünden, sondern gegen ganze Ordnungs-Systeme, soweit sie trennend und bevorzugend wirken. Was Menschen voneinander abgrenzt und über andere erhebt, ist in Christi Tod mitbeendet worden. Hebräer 10 deutet an, dass sein Fleisch durch den Vorhang im Tempel versinnbildlicht wurde – jene Grenze, die das Heilige vom Allerheiligsten trennte. Wenn dieser Vorhang zerriss, ging mehr zu Ende als ein Stück Stoff: Die alte Weise, Nähe zu Gott über äußere Regeln und Abstände zu definieren, wurde abgelöst.

Damit wird deutlich, wie radikal das Kreuz in unsere gewohnten Sicherheiten hineinreicht. Gott vergibt nicht nur Schuld und beruhigt das Gewissen; er legt Hand an unsere Systeme, mit denen wir uns selbst verorten, schützen und abgrenzen. Nationale Herkunft, religiöse Tradition, soziale Schicht, Bildung, Frömmigkeitsstil – all das kann zu ungeschriebenen Satzungen werden, an denen Zugehörigkeit gemessen wird. In Kolosser 3:11 heißt es dagegen über den neuen Menschen: „wo es nicht geben kann Grieche und Jude, Beschneidung und Unbeschnittenheit, Barbar, Skythe, Sklave, Freier, sondern Christus ist alles und in allen.“ Das Kreuz entmachtet die Rangordnungen, die wir an diese Kategorien knüpfen, und eröffnet einen Raum, in dem Christus selbst die gemeinsame Mitte ist.

Frieden im biblischen Sinn ist deshalb mehr als ein Waffenstillstand zwischen Streitparteien. Er ist die Atmosphäre eines Raumes, in dem Christus die Ordnungen bestimmt. Wenn Paulus sagt, Christus sei „unser Friede“ (vgl. Eph. 2:14), dann ist damit kein bloßes Gefühl innerer Beruhigung gemeint, sondern eine Person, die die Feindschaft in seinem Leib getragen und beendet hat. In seinem Tod ist der Punkt erreicht, an dem kein Mensch mehr über dem anderen stehen kann, weil alle am selben Kreuz sterben. Aus dieser Tiefe heraus erwächst der neue Mensch – nicht als Kompromiss der Kulturen, sondern als Schöpfung in Christus.

wo es nicht geben kann Grieche und Jude, Beschneidung und Unbeschnittenheit, Barbar, Skythe, Sklave, Freier, sondern Christus ist alles und in allen. (Kol. 3:11)

Wenn das Kreuz als Ende trennender Ordnungen ernst genommen wird, verlieren selbst hochgehaltene Unterschiede ihre trennende Macht. Christus wird dann nicht zum Banner einer Seite, sondern zum Raum, in dem Fremde zu Gliedern eines neuen Menschen werden – und gerade dort kann eine Hoffnung aufleuchten, die tiefer ist als jede menschliche Versöhnungsinitiative.

In Christus und im Geist den neuen Menschen anziehen

Wenn Paulus schreibt, dass Christus die zwei „in sich selbst“ zu einem neuen Menschen geschaffen hat (vgl. Eph. 2:15), verbindet er Schöpfung, Ort und Inhalt auf eine Weise, die unsere gewohnten Kategorien sprengt. Christus ist nicht nur der Schöpfer dieses neuen Menschen, er ist zugleich der Raum, in dem er existiert, und die göttliche Substanz, aus der er besteht. In sich selbst, in der Gemeinschaft der Göttlichen Dreieinigkeit, hat er etwas hervorgebracht, das es in der alten Schöpfung nicht gab: eine Menschheit, in der Gott und Mensch untrennbar verbunden sind. Dieses neue Menschsein ist nicht eine veredelte Fortsetzung des alten, sondern eine andere Ordnung des Lebens.

207 In dieser Botschaft kommen wir zur Schaffung des einen neuen Menschen (2:14–15). Diese Sache ist im Neuen Testament äußerst entscheidend, aber sie ist von den meisten Christen vernachlässigt worden. Als Christus am Kreuz starb, hat Er Sich nicht nur mit den Sünden, dem alten Menschen, Satan und der Welt befasst; Er hat sich auch mit den Satzungen befasst. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft vierundzwanzig, S. 207)

Bei der Wiedergeburt wird der Glaubende in diese neue Ordnung hineingezogen. Johannes 3:16 beschreibt, was in der Tiefe geschieht: „Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass Er Seinen einziggeborenen Sohn hingab, damit jeder, der in Ihn hineinglaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe.“ Ewiges Leben ist nicht nur endlose Dauer, sondern die Qualität des Lebens, das in diesem neuen Menschen pulsiert – das Leben des Sohnes selbst. Epheser 2.zeigt, dass dieses Leben nicht im Ungefähren bleibt: Gott macht uns „mit lebendig in Christus“ und fügt uns in ein Haus ein, „zu einer Wohnstätte Gottes im Geist“ (Eph. 2:22). Der Ort, an dem der neue Mensch real ist, ist unser Geist, verbunden mit dem Geist Gottes.

Die Frage bleibt: Wie wird das, was in unserem Geist schon wahr ist, in unserem Denken, Fühlen und Handeln sichtbar? Paulus knüpft hier an, wenn er sagt, wir sollen „im Geist unseres Sinnes erneuert“ werden und den „neuen Menschen anziehen“ (vgl. Eph. 4:23–24). Es geht nicht darum, den neuen Menschen herzustellen – er ist geschaffen –, sondern darum, dass unser Sinn sich von der inneren Wirklichkeit prägen lässt, die in unserem Geist schon Gegenwart ist. Der Geist Gottes bezeugt „zusammen mit unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind“ (Röm. 8:16); von dort her beginnt er, unser Denken zu durchdringen, gewohnte Bewertungen zu relativieren und neue Maßstäbe einzuschreiben.

In dieser Erneuerung des Sinnes liegt etwas leise, aber Beharrliches. Nicht ein einmaliger Entschluss, sondern ein wachsendes Hineinwachsen in das, was Christus in uns ist. Alte Reaktionsmuster, kulturelle Reflexe, persönliche Empfindlichkeiten verlieren nicht schlagartig ihre Kraft, aber sie stehen nun unter einem anderen Licht. Je mehr Christus die innere Mitte wird, desto weniger müssen wir unsere Identität aus Meinungen, Rollen oder Zugehörigkeiten ziehen. Der neue Mensch gewinnt Gestalt, wenn Christus nicht nur als Lehre, sondern als lebendige Wirklichkeit unsere Sicht auf Gott, uns selbst und die anderen formt.

Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass Er Seinen einziggeborenen Sohn hingab, damit jeder, der in Ihn hineinglaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe. (Joh. 3:16)

Der Geist Selbst bezeugt zusammen mit unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind. (Röm. 8:16)

Wo klar wird, dass der neue Mensch bereits in Christus geschaffen und in unseren Geist gelegt ist, verliert das geistliche Leben den Charakter eines unendlichen Selbstoptimierungsprojekts. Erneuerung des Sinnes wird dann zur behutsamen, aber wirklichen Entfaltung dessen, was Christus schon in uns ist – und jeder kleine Fortschritt bekommt Gewicht, weil er dem einen Ziel dient, dass Christus alles und in allen wird.


Herr Jesus Christus, danke, dass du am Kreuz nicht nur meine Schuld getragen hast, sondern alle trennenden Ordnungen beendet und uns in dir zu einem neuen Menschen geschaffen hast. Du siehst, wie oft alte Denkweisen, kulturelle Mauern und persönliche Meinungen stärker sind als die Wirklichkeit deines Leibes. Öffne meine Augen für das, was du in dir schon vollbracht hast, und erfülle meinen Geist und meinen Sinn mit deiner Gegenwart. Lass dein Leben mein Denken erneuern, damit dein Friede, deine Einheit und dein Ausdruck in diesem neuen Menschen sichtbar werden. Stärke deine Gemeinde überall, dass Christus wirklich alles in allen sei und dein Plan mit dem einen neuen Menschen aufleuchtet zur Ehre deines Namens. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Ephesians, Chapter 24

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