Der Abbruch der Zwischenwand der Umzäunung
Menschen grenzen sich gerne voneinander ab – durch Kultur, Tradition, Frömmigkeitsstil oder geistliche Gewohnheiten. Auch unter Christen können solche Unterschiede schnell zu Mauern werden, hinter denen man sich sicher fühlt und von denen aus man auf andere herabschaut. Der Epheserbrief macht deutlich, dass Gott in Christus eine radikale Lösung geschaffen hat: Die tiefste Trennmauer ist bereits eingerissen, damit an ihrer Stelle etwas völlig Neues entstehen kann.
Christus – unser Friede statt religiöser Gegensätze
Wenn Paulus sagt: „Er ist unser Friede“ (Eph. 2:14), dann beschreibt er nicht zuerst eine Atmosphäre, sondern eine Person. Friede ist in der Sicht des Neuen Testaments nicht das Ergebnis gelungener Verhandlungen, sondern die Gegenwart Christi, der feindliche Lager in sich selbst zusammenführt. Zwischen Juden und Heiden stand nicht nur eine lange Geschichte schmerzlicher Erfahrungen, sondern eine von Gott selbst gewollte Unterscheidung. Israel war das auserwählte Volk, abgesondert aus den Nationen; diese Erwählung verstärkte den Riss, den der Sündenfall ohnehin schon gebracht hatte. Wenn Paulus nun sagt, Christus sei „unser“ Friede, dann umfasst dieses „unser“ beide Seiten, die bisher einander gegenüberstanden, und stellt sie gemeinsam unter den Einfluss des Kreuzes. Dort, wo sein Blut vergossen wurde, gibt es keine privilegierte Seite mehr, keinen, der von Natur aus näher bei Gott wäre.
Über Christus heißt es in 2:14: „Er ist unser Friede.“ Das Wort „unser“ bezieht sich sowohl auf jüdische als auch auf heidnische Gläubige. Durch das Blut Christi sind wir sowohl zu Gott als auch zu Gottes Volk nahegebracht worden. Christus, der die vollständige Erlösung sowohl für jüdische als auch für heidnische Gläubige vollbracht hat, ist selbst unser Friede, unsere Harmonie, indem er die beiden zu einem gemacht hat. Aufgrund des Falls der Menschheit und der Berufung des auserwählten Volkes gab es eine Trennung zwischen Israel und den Heiden. Durch die Erlösung Christi ist diese Trennung aufgehoben worden. Jetzt sind die beiden eins in dem erlösenden Christus, der das Band der Einheit ist. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft dreiundzwanzig, S. 199)
Der Friede, den Christus ist, wirkt darum in zwei Richtungen: Er bringt die Menschen zu Gott und er bringt sie zueinander. „Denn er ist unser Friede, der aus beiden eins gemacht hat“ (Eph. 2:14) – der Weg zu einem Leib führt über diese doppelte Versöhnung. Wer Christus als seinen Erlöser kennt, ist bereits in eine neue Wirklichkeit hineingestellt, in der die alten Fronten ihre letzte Beweiskraft verloren haben. Damit verliert auch die Frage, welche Tradition, welches äußere religiöse System den Vorrang hat, ihre entscheidende Bedeutung. Nicht eine jüdische Form, nicht eine heidnische Form, sondern Christus selbst ist der Mittelpunkt. Wo er als Person den Raum erhält, beginnt etwas zu wachsen, das kein Kompromiss ist, sondern ein neues Miteinander: ein Leib, in dem die Unterschiede nicht gewaltsam eingeebnet, aber ihrer trennenden Macht beraubt sind.
So wird Versöhnung konkret: nicht als harmonische Idee, sondern als geteiltes Leben in dem, der unser Friede ist. Wer sich an Christus hält, statt an den eigenen religiösen Vorzug, entdeckt eine Freiheit, die zugleich dem anderen Raum gibt. Das macht Mut, die eigenen Selbstverständlichkeiten neu zu betrachten. Wo alte Gegensätze, ob historisch, kulturell oder biographisch, den Blick verstellen, erinnert das Wort daran, dass Gott in Christus längst weiter gegangen ist, als wir empfinden können. In ihm ist ein Leib geschaffen worden; unser Weg besteht darin, dem zuzustimmen, was Gott bereits getan hat, und seinen Frieden mehr zu vertrauen als der langen Geschichte der Trennung.
Denn er ist unser Friede, der aus beiden eins gemacht und die Zwischenwand der Umzäunung, die Feindschaft, abgebrochen hat. (Eph. 2:14)
Wo Christus selbst zur Mitte wird, lösen sich festgefahrene Lagerbildungen; aus Gegnern werden Glieder eines Leibes, weil sie alle von demselben Frieden gehalten werden. Die Einladung dieses Abschnitts liegt darin, sich innerlich dorthin zurückrufen zu lassen, wo der Friede nicht aus Übereinstimmungen, sondern aus der Nähe zu dem Gekreuzigten kommt, der beide zu einem gemacht hat.
Die Zwischenwand der Umzäunung: Satzungen, die zu Feindschaft werden
Die „Zwischenwand der Umzäunung“, von der Paulus spricht, ist erstaunlich konkret: „indem er in seinem Fleisch die Feindschaft, das Gesetz der Gebote in Satzungen, weggetan hat“ (Eph. 2:15). Gemeint sind nicht menschliche Erfindungen, sondern Gebote, die Gott selbst gegeben hatte – Beschneidung, Sabbat, Speisevorschriften. Sie waren ursprünglich kein Gefängnis, sondern eine Gnade: ein Schutzraum, in dem Israel als Gottes Volk bewahrt wurde. Die Beschneidung erinnerte an das Urteil über das Fleisch, der Sabbat an Gottes Ruhe, die Speisegebote an eine tägliche Unterscheidung im Lebenswandel. Doch was zum Zeichen der Zugehörigkeit gedacht war, wurde zur Grenze, an der die anderen abgewiesen wurden. Die Juden wurden „Beschneidung“ genannt, die übrigen waren nur die „Unbeschnittenen“; Identität wurde zur Abwertung des Fremden.
Mit der Zwischenwand der Umzäunung meinte Paulus das Gesetz der Gebote in Satzungen, die rituellen Gebote in Bezug auf die Beschneidung, den Sabbat und die Speisevorschriften. Das Gesetz der rituellen Gebote war eine Zwischenwand der Umzäunung zwischen den Juden und den Heiden. Wie wir sehen werden, ist jede Satzung oder jedes Ritual eine Zwischenwand der Umzäunung. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft dreiundzwanzig, S. 200)
Dieses Muster ist überraschend zeitlos. Auch heute sind es oft nicht die großen Glaubenswahrheiten, die trennen, sondern die vielen Satzungen, die sich um sie herum gelegt haben. Formen des Gottesdienstes, bestimmte Gebetsstile, Kleiderordnungen, musikalische Geschmäcker, Vorlieben für eine bestimmte Taufform oder geistliche Übung – all das kann zu stillen Gesetzestafeln werden. Solange sie Diener sind, helfen sie, den Glauben zu verkörpern; sobald sie zum Richterstuhl werden, verwandeln sie sich in Mauern. Wo eine Praxis zur Bedingung für Gemeinschaft erhoben wird, beginnt sie, Feindschaft zu erzeugen: Misstrauen gegenüber den „anderen“, die anders feiern, anders beten, anders akzentuieren. Dabei hat Christus gerade diese Art von Feindschaft „in seinem Fleisch“ getragen und beendet.
Sein Kreuz stellt auch die ehrwürdigsten religiösen Ordnungen an ihren Platz. Wenn selbst von Gott eingeführte Riten nicht mehr über Zugehörigkeit entscheiden, wie viel weniger dürfen es unsere Traditionen und kulturellen Eigenheiten. Das nimmt nichts von ihrer Schönheit, aber es nimmt ihnen den Anspruch, Grundlage der Einheit zu sein. Einheit entsteht dort, wo Menschen bereit sind, bei nicht-sündhaften Dingen innerlich loszulassen, den eigenen Stil nicht absolut zu setzen und die Geschwister höher zu achten als besondere Vorlieben. So verliert die Zwischenwand ihre Kraft. Zurück bleibt eine Freiheit, in der Verschiedenheit nicht ausgelöscht, sondern von der Liebe Christi umfasst wird.
Gerade darin liegt eine stille Ermutigung: Kein frommes System, keine gewachsene Kultur ist stark genug, um die Einheit zu verhindern, die Christus erkauft hat. Wer sich an das Kreuz bindet, entdeckt, dass dort alle Satzungen ihre trennende Macht verlieren. Dann wird es möglich, eigene Sicherheiten ein Stück weit preiszugeben und zu erfahren, dass der Herr seine Gemeinde nicht auf Übereinstimmung in äußeren Formen baut, sondern auf dem gemeinsamen Teil an seiner Gnade.
indem er in seinem Fleisch die Feindschaft, das Gesetz der Gebote in Satzungen, weggetan hat, um die zwei, Frieden stiftend, in sich selbst zu einem neuen Menschen zu schaffen. (Eph. 2:15)
Wenn religiöse Gewohnheiten und kulturelle Muster ihren Anspruch, über die Gemeinschaft zu herrschen, am Kreuz verlieren, entsteht Raum für eine Einheit, die tiefer ist als jede äußere Gleichförmigkeit. Der Gedanke, dass Christus selbst die Feindschaft in seinem Fleisch weggetan hat, schenkt Gelassenheit: Man muss nicht jede Differenz auflösen, sondern darf darauf vertrauen, dass er Mauern sprengt, wo Menschen sich wichtiger sind als ihre Satzungen.
Ein neuer Mensch und eine gemeinsame Wohnstätte für Gott
Wenn Paulus davon spricht, dass Christus „in seinem Fleisch“ das Gesetz der Gebote in Satzungen abgeschafft hat (Eph. 2:15), berührt er eine lange Vorgeschichte. Seit dem Sündenfall steht über dem Menschen das Urteil „Fleisch“; so heißt es: „Und Jehovah sprach: Mein Geist wird nicht für immer mit dem Menschen ringen, denn er ist ja Fleisch“ (1. Mose 6:3). Die Beschneidung Israels war in dieser Perspektive ein Zeichen des Gerichts über das Fleisch und zugleich ein Zeichen der Zugehörigkeit zu Gott. Als der Sohn Gottes Mensch wurde, nahm er dieses Fleisch an, ohne Sünde, aber in unserer Gestalt. Sein Leib wurde zur „Zwischenwand“, an der alle Feindschaft sich konzentrierte. Als dieser Leib am Kreuz durchbohrt wurde, zerriss zugleich der Vorhang im Tempel – das Zeichen, dass der Weg in Gottes Gegenwart geöffnet ist, „als einen neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang hindurch, das heißt durch sein Fleisch“ (Hebr. 10:20).
Durch die Verbesserungen im Transportwesen und in der Kommunikation werden die Menschen in der Welt immer mehr miteinander vermischt. Dies geschieht unter der Souveränität des Herrn, damit er den neuen Menschen haben kann, das richtige Gemeindeleben, das alle verschiedenen Völker einschließt. Daher müssen wir alle in Bezug auf unsere Lebensweise lernen, anderen keine Anforderungen aufzuerlegen und keine Satzungen zu haben. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft dreiundzwanzig, S. 205)
Doch der abgebrochene Vorhang und die niedergerissene Mauer sind nicht das Endziel, sondern die Voraussetzung für etwas Positives: einen neuen Menschen und eine Wohnstätte für Gott. Paulus beschreibt diesen Zusammenhang: Die beiden werden in Christus zu einem neuen Menschen geschaffen, dann heißt es: „So seid ihr nun nicht mehr Fremdlinge und Nichtbürger, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes … in dem auch ihr mit aufgebaut werdet zu einer Wohnstätte Gottes im Geist“ (Eph. 2:19.22). Gott verfolgt also nicht nur Versöhnung als Lösung eines Konflikts, sondern Gemeinschaft als Erfüllung seines Herzenswunsches. Er will eine gemeinsame Bürgerschaft, ein Haus, einen Bau, in dem er selbst wohnt. In diesem Bau verlieren nationale, kulturelle und lokale Besonderheiten ihren Vorrang; sie bleiben als Farbe und Gestalt erhalten, bestimmen aber nicht mehr den Wert einer Person.
In einer Zeit, in der Menschen aus vielen Völkern und Hintergründen enger zusammenrücken, wird dieser Gedanke besonders konkret. Wenn Christen ihre Sprache, ihren Stil, ihre gewohnten Formen nicht mehr als Bollwerk ihrer Identität verstehen, sondern als Hüllen, die Christus nach seinem Willen füllen und auch verändern darf, wird Gemeindeleben zu einem sichtbaren Zeichen dieses neuen Menschen. Man erkennt dann etwas von dem Gegenbild zum Turmbau von Babel: Dort zerstreute Gott die Menschen und verwirrte ihre Sprache; in Christus sammelt er sie, ohne sie zu einer Einheitsfarbe zu verschmelzen, und macht aus der Vielfalt eine Wohnung, in der seine Gegenwart wahrnehmbar ist.
Das schenkt einen weiten Horizont für das Miteinander in der Gemeinde. Unterschiedliche Prägungen müssen nicht verschwinden, aber sie müssen sich der Herrschaft Christi beugen. Wo Menschen sich als Mitbürger und Hausgenossen Gottes verstehen, wird der Ton der Gespräche milder, der Blick füreinander klarer und die Bereitschaft größer, das Eigene relativ zu sehen. So wächst im Verborgenen ein Bau, der weit über jede lokale Gruppe hinausreicht: der universale eine neue Mensch, in dem Gott sich schon jetzt ein Zuhause schafft.
Und Jehovah sprach: Mein Geist wird nicht für immer mit dem Menschen ringen, denn er ist ja Fleisch; so werden seine Tage 120 Jahre betragen. (1. Mose 6:3)
einen Eintritt, den er uns eröffnet hat als einen neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang hindurch, das heißt durch sein Fleisch, (Hebr. 10:20)
Wo der Blick auf den neuen Menschen und auf die Wohnstätte Gottes im Geist geschärft wird, verlieren viele Fragen ihre Schärfe, die zuvor als entscheidend erschienen. Die Gewissheit, dass Christus selbst die Mauer niedergerissen hat, macht frei, die eigene Kultur und Spiritualität als Geschenk zu sehen, aber nicht als Maßstab für andere; so kann Gemeindeleben zu einem Vorgeschmack jener Wohnstätte werden, in der Gott sich dauerhaft niederlässt.
Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Ephesians, Chapter 23