Das Wort des Lebens
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Die Gemeinde als der Leib Christi

11 Min. Lesezeit

Viele Christen reden vom Leib Christi und von „Leibsdienst“, und doch bleibt oft unklar, was damit konkret gemeint ist: Geht es nur um eine andere Gemeindestruktur oder um ein paar zusätzliche Aufgaben im Gottesdienst? Die Bibel zeichnet ein viel tieferes Bild: Zwischen dem im Himmel erhöhten Christus und seiner Gemeinde geschieht seit Pfingsten eine unsichtbare, aber reale Übertragung göttlichen Lebens. Wer versteht, was diese himmlische Übertragung bewirkt, sieht die Gemeinde nicht mehr als religiöse Organisation, sondern als lebendigen Organismus der neuen Schöpfung.

Die himmlische Übertragung zwischen Christus und seiner Gemeinde

Wenn Paulus in Epheser 1.davon spricht, dass Gott Christus aus den Toten auferweckt und „zu seiner Rechten in den Himmeln“ gesetzt hat, zeichnet er kein fernes Dogma, sondern den Ursprung eines anhaltenden Stromes. Christus ist nicht nur erhöht, er ist als Haupt „über alles der Gemeinde gegeben“; seine Macht bleibt nicht bei ihm, sondern bewegt sich beständig auf seinen Leib zu. Darum heißt es von der „überschwänglichen Größe seiner Kraft an uns, den Glaubenden“ (Epheser 1:19). Die Präpositionen „an uns“ und „zu der Gemeinde“ sind wie Fenster in eine unsichtbare Wirklichkeit: Was in Kreuz, Auferstehung und Himmelfahrt einmalig vollendet wurde, steht fortwährend in Bewegung hin zu einem konkreten Ziel – der Gemeinde. Es ist, als hätte Gott im auferstandenen Christus die ganze Schöpfung neu verdrahtet und seit Pfingsten fließt der Strom dieser einen, vollbrachten Tat Tag für Tag in die Glieder seines Leibes.

„Die Wörter ‚zu‘ in Vers 22 und ‚hin zu‘ in Vers 19 weisen beide auf eine Übertragung von Christus zur Gemeinde hin. … Seit dem Pfingsttag findet eine solche Übertragung statt.“ (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft achtzehn, S. 157)

Diese Übertragung ist kein abstrakter Vorgang, sondern die Weise, wie Christus sein Hauptsein tatsächlich ausübt. Ein Haupt, das nicht mit seinem Leib kommuniziert, wäre funktionslos. In der unsichtbaren Sphäre der Himmeln aber sendet Christus ohne Unterlass Impulse seines Lebens, seiner Kraft, seiner Weisheit in diejenigen, die zu ihm gehören. Jesus hat seine Jünger darauf vorbereitet, als er sagte: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben; wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht“ (Johannes 15:5). Die Rebe lebt nicht aus sich, sondern aus dem unaufhörlichen Zufluss des Saftes aus dem Weinstock. So lebt die Gemeinde nicht aus ihrer religiösen Energie, sondern aus der stillen, aber wirkkräftigen Übertragung des erhöhten Herrn. Wo ein Mensch innerlich aufhört, sich selbst zu tragen, und sich Christus hinwendet, öffnet sich dieser Strom neu. Dort, in dieser Haltung des Glaubens, wird seine himmlische Kraft erfahrbar – nicht laut und spektakulär, sondern oft leise, aber tragend, klärend, erneuernd.

Die Folge ist, dass der Leib Christi nicht aus heroischen Einzelleistungen gebaut wird, sondern aus vielen kleinen Antworten auf diesen Strom. Die Kraft, von der Paulus spricht, ist „nach der Wirksamkeit der Macht seiner Stärke“ (Epheser 1:19), dieselbe, mit der Gott Christus aus den Toten auferweckt hat. Sie ist stärker als der Tod, und sie wirkt „an uns“. In Momenten der Schwachheit, der inneren Dunkelheit, der Ohnmacht angesichts eigener Begrenztheit steht nicht zuerst die Frage: Was kann ich tun?, sondern: Was wirkt Gott jetzt an mir durch Christus? Der Blick geht weg von der eigenen Batterie hin zur himmlischen Quelle. Das nimmt die Last, alles aus sich heraus leisten zu müssen, und öffnet zugleich eine neue Erwartung: Dass der erhöhte Christus tatsächlich in die Gegenwart hineinreicht und die Gemeinde aus seinem Auferstehungsleben heraus weiterführt.

Gerade in dieser Erfahrung wird der Glaube geweitet. Wenn Paulus betet, dass die Augen des Herzens erleuchtet werden (Epheser 1:18), zielt er auf diese Sicht: Der Alltag der Gemeinde ist umhüllt von einer unsichtbaren Übertragung. Die scheinbar unscheinbaren Akte der Liebe, der Geduld, des beharrlichen Gebets, der stillen Treue sind Spuren dieses Stromes. Es ist befreiend und tröstlich, das zu erkennen. Die Gemeinde steht nicht unter der Forderung, aus eigener Kraft himmlisch zu sein; sie lebt unter der Zusage, dass der Himmel sich zu ihr hin neigt. Wo dieses Bewusstsein sich vertieft, wächst eine stille Zuversicht: Es ist nicht vergeblich, auf Christus zu setzen, denn „er ist das Haupt über alles, der Gemeinde“ (Epheser 1:22) – und seine Übertragung hört nicht auf.

… und was die überschwängliche Größe seiner Kraft an uns ist, die wir glauben, nach der Wirksamkeit der Macht seiner Stärke … (Epheser 1:19)

Und er hat alles seinen Füßen unterworfen und ihn als Haupt über alles der Gemeinde gegeben … (Epheser 1:22)

Die himmlische Übertragung des erhöhten Christus macht die Gemeinde zu einem Empfangskörper seiner Kraft. Wer sich dieser Wirklichkeit öffnet, findet inmitten der eigenen Schwachheit einen verlässlichen Zufluss von Leben, der weit über menschliche Möglichkeiten hinausreicht und den Leib Christi trägt, formt und erhält.

Der Leib Christi – Organismus der neuen Schöpfung

Der Leib Christi ist etwas radikal anderes als jede menschliche Organisation. Strukturen, Dienste, Ämter mögen hilfreich sein, doch sie sind nicht das Wesen der Gemeinde. Paulus beschreibt die Gemeinde als Leib, „welcher sein Leib ist“ (Epheser 1:23), und macht damit deutlich: Hier geht es um einen lebendigen Organismus, der aus Christus lebt. Organismus bedeutet, dass alle Teile ihr Leben aus einer gemeinsamen Quelle empfangen und in einer inneren, nicht nur funktionalen Verbundenheit stehen. Diese Quelle ist Christus selbst, der in seinen Gliedern wohnt. Darum kann Paulus sagen: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“ (2. Korinther 5:17). Der Leib Christi besteht aus Menschen, die Teil dieser neuen Schöpfung geworden sind, nicht einfach aus religiös engagierten Personen.

„Der Leib ist keine Organisation, sondern ein Organismus, der aus allen wiedergeborenen Gläubigen besteht, damit das Haupt ausgedrückt wird und handeln kann. Der Leib ist die Folge des inkarnierten, gekreuzigten, auferstandenen und aufgefahrenen Christus, der zur Gemeinde herabgekommen ist.“ (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft achtzehn, S. 158)

Diese neue Schöpfung hat ihren Ursprung in Kreuz und Auferstehung. Am Kreuz wurde der alte Mensch verurteilt; in der Auferstehung wurde ein neues Leben offenbar, das der natürliche Mensch nicht kennt. Wenn Paulus uns „mit Christus lebendig gemacht“ und „mitauferweckt“ sieht (Epheser 2:5–6), beschreibt er damit nicht nur unsere Rettung, sondern auch die Art des Lebens, aus dem der Leib Christi besteht. Solange wir aus dem alten Leben heraus agieren – geprägt von Selbstbehauptung, religiöser Leistung, menschlicher Tüchtigkeit –, bringen wir etwas in die Gemeinde ein, das nicht zu diesem Leib passt. Es mag äußerlich beeindruckend wirken, doch es trägt den Stempel der alten Schöpfung.

Demgegenüber gehört alles, was aus dem Auferstehungsleben Christi kommt, wesentlich zum Leib. Dieses Leben zeigt sich oft nicht in glänzender Begabung, sondern in einer stillen Abhängigkeit von Christus, in einem Handeln „im Geist“, in einer Liebe, die nicht aus Sympathie, sondern aus Gottes Herz entspringt. So entsteht Gemeindeleben, das nicht von starken Persönlichkeiten dominiert wird, sondern in dem Christus als Haupt Raum gewinnt. Paulus fasst das in Galater 2:20 so: „Ich bin mit Christus gekreuzigt; und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir.“ Hier wird der Unterschied sichtbar: Alt ist das Leben, in dem das Ich die Mitte bleibt; neu ist das Leben, in dem Christus in einem Menschen wohnen und sich durch ihn ausdrücken darf.

Dieser Unterschied hat weitreichende Folgen für das Verständnis von Gemeindeleben. Wenn Gemeinde lediglich als Organisation verstanden wird, genügt es, Funktionen zu besetzen und Abläufe zu optimieren. Wenn sie jedoch als Leib Christi gesehen wird, steht im Mittelpunkt, dass Christus selbst sich durch viele Glieder ausdrücken kann. Dann wird es wichtig, dass wir innerlich aus der alten Schöpfung herausgelöst und in das neue Leben hineingezogen werden. Das geschieht nicht durch Druck, sondern durch die fortwährende Begegnung mit dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Die Erkenntnis, dass im Leib kein Raum für das Fleisch ist, wirkt zunächst ernüchternd, trägt aber einen tiefen Trost in sich: Wir müssen nicht aus unserer alten Natur etwas Brauchbares hervorbringen. Gott hat in Christus bereits alles verworfen, was nicht aus ihm ist – und zugleich ein neues Leben geschenkt, das fähig ist, den Leib aufzubauen. In dieser Spannung zwischen dem Nein zum alten Menschen und dem Ja zu Christi Auferstehungsleben gewinnt die Gemeinde ihre wirkliche Gestalt.

auch uns, die wir in den Vergehungen tot waren, mit dem Christus lebendig gemacht – durch Gnade seid ihr errettet – und hat uns mitauferweckt und mitgesetzt in den himmlischen Regionen in Christus Jesus … (Epheser 2:5–6)

Daher, wenn jemand in Christus ist, da ist eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. (2. Korinther 5:17)

Der Leib Christi unterscheidet sich von jeder menschlichen Organisation dadurch, dass sein Inhalt das Auferstehungsleben Christi ist. Wo Menschen aufhören, aus ihrer alten Natur zu wirken, und Raum geben, dass Christus in ihnen lebt und handelt, wird die Gemeinde zu dem lebendigen Organismus der neuen Schöpfung, in dem das Haupt sichtbar Ausdruck findet.

Aus der Übertragung leben: Fülle Christi und echtes Gemeindeleben

Wenn Paulus die Gemeinde „die Fülle dessen, der alles in allen erfüllt“ nennt (Epheser 1:23), öffnet sich ein weiter Horizont. Christus, der als der ewige Sohn Gottes alle Dinge trägt und erfüllt, will nicht ohne Ausdruck bleiben. Er sucht einen Leib, in dem seine Unsichtbarkeit sichtbar, seine Fülle greifbar wird. Diese Fülle entsteht jedoch nicht durch äußere Anstrengung, sondern aus dem inneren Genießen seiner Reichtümer. In Epheser 3.spricht Paulus von den „unerforschlichen Reichtümern des Christus“ (Epheser 3:8) und verbindet sie mit dem Gebet, dass die Glaubenden „mit Kraft gestärkt werden durch seinen Geist an dem inneren Menschen“ und „erfüllt werden zur ganzen Fülle Gottes“ (Epheser 3:16, 19). Der Weg zur Fülle führt also über eine unscheinbare, aber tiefe innere Wirklichkeit: Christus wird Tag für Tag durch den Geist in unserem Inneren real, kostbar und nährend.

„Wir haben gesehen, dass der Leib Christi nicht vor der Kreuzigung Christi entstanden ist, sondern nach Seiner Himmelfahrt, als etwas vom aufgefahrenen Christus in die Gläubigen hineingetransfundiert wurde. Das bedeutet, dass die Übertragung des aufgefahrenen Christus den Leib hervorbringt.“ (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft achtzehn, S. 160)

Dieses Genießen ist keine sentimentale Stimmung, sondern ein Vorgang, in dem Christus selbst unser innerer Inhalt wird. Wo sein Wort nicht nur gelesen, sondern in Herz und Gewissen aufgenommen wird, wo im Gebet nicht nur Anliegen vorgebracht, sondern seine Gegenwart gesucht wird, dort fließt etwas von der himmlischen Übertragung in unseren Alltag hinein. Jesus greift dieses Bild auf, wenn er sagt: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm“ (Johannes 6:56). Es geht um ein inneres Essen, darum, dass Christus selbst zur Nahrung der Seele wird. Was so in uns eingegangen ist, bleibt nicht bei uns; es strahlt aus, wird zum Stoff, aus dem gemeinsames Leben gewebt wird. In der Gemeinde geschieht dann nicht nur Austausch von Meinungen oder Fähigkeiten, sondern Austausch von Christus.

So wird verständlich, warum der Aufbau des Leibes Christi so eng mit der Übertragung des erhöhten Christus verknüpft ist. Die Fülle entsteht nicht aus Planung, sondern aus Überfluss – aus dem Überfluss dessen, was Christus in den Herzen seiner Gläubigen geworden ist. Wenn Paulus davon spricht, dass wir „in Liebe in die Wahrheit hineinwachsend, in allem hin zu ihm, der das Haupt ist, Christus“ sind und dass aus ihm der ganze Leib „das Wachstum des Leibes zu seiner Selbstauferbauung in Liebe“ hat (Epheser 4:15–16), zeigt er die Dynamik: Aus dem Haupt fließt Leben, dieses Leben wird in den Gliedern wirksam, und durch die gegenseitige Versorgung wächst der Leib. Das, was wir einander weitergeben – Trost, Ermahnung, Weisung –, trägt Gewicht, wenn es von dem durchtränkt ist, was wir selbst von Christus empfangen haben.

In diesem Licht bekommt Gemeindeleben eine andere Farbe. Es ist nicht zuerst ein Feld von Aufgaben, sondern ein Raum, in dem Christus seine Fülle ausdrückt. Wo die himmlische Übertragung geschätzt wird, treten äußerer Druck und Aktivismus zurück, und eine andere Bewegung setzt ein: Menschen werden innerlich gestärkt, finden im Hören auf Christus Orientierung und beginnen, das Empfangene an andere weiterzugeben. Das kann sehr schlicht aussehen – ein stilles Wort, ein mitgetragenes Leid, eine gemeinsam getragene Freude –, und doch ist darin etwas von der Fülle dessen, der alles in allem erfüllt. Die Gemeinde wird so zu einem Ort, an dem Christus spürbar im Mittelpunkt steht, nicht als Konzept, sondern als erfahrbare Gegenwart.

… welche sein Leib ist, die Fülle dessen, der alles in allen erfüllt. (Epheser 1:23)

… dass er euch nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit gebe, mit Kraft gestärkt zu werden durch seinen Geist an dem inneren Menschen … (Epheser 3:16)

Die Gemeinde wird zur Fülle Christi, indem sie aus der beständigen Übertragung des erhöhten Herrn lebt und seine Reichtümer innerlich genießt. Was so empfangen wird, fließt im Leib weiter und macht das Gemeindeleben zu einem Raum, in dem Christus selbst sichtbar wird und seine Fülle – oft unscheinbar, aber wirksam – Gestalt gewinnt.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Ephesians, Chapter 18

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