Das Wort des Lebens
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Christus als das Haupt über alle Dinge zur Gemeinde

12 Min. Lesezeit

Viele Christen glauben an Gott, erleben Ihn aber eher als eine ferne Wirklichkeit im Himmel als als lebendige Kraft im eigenen Inneren. Paulus zeichnet im Epheserbrief ein völlig anderes Bild: Gott selbst will als unsere Hoffnung, unsere Herrlichkeit und unsere wirksame Kraft in uns erkannt werden. Wer versteht, was es bedeutet, dass Christus als Haupt über alle Dinge der Gemeinde gegeben ist, bekommt eine neue Sicht auf sein persönliches Glaubensleben und auf das wahre Wesen der Gemeinde.

Gottes Ruf, Erbe und Herrlichkeit – die Perspektive der Gemeinde

Wenn Paulus in Epheser 1.darum ringt, dass die Augen unseres Herzens erleuchtet werden, dann öffnet er uns eine ungeahnte Perspektive: Wir sollen den Gott erkennen, „der uns berufen hat“, und mit Ihm die Hoffnung dieses Rufes und die Herrlichkeit Seines Erbes unter den Heiligen sehen. Gottes Ruf ist mehr als eine Einladung zur Bekehrung; er ist Sein ganzes Wohlreden über uns, sein Vorsatz, aus gefallenen Menschen Söhne und Töchter zu machen, die Seinem Sohn gleichförmig sind. Von uns selbst her tragen wir nichts, was diese Würde rechtfertigen würde. Dennoch bestimmt Gott in Seiner Gnade, dass Er uns nicht nur etwas schenken, sondern uns selbst zu Seinem Erbteil machen will. In Offenbarung 21:7 heißt es: „Wer überwindet, wird dies erben, und ich werde ihm Gott sein, und er wird mir Sohn sein.“ Gott ist nicht zufrieden, uns nur zu retten; Er will sich selbst und uns wechselseitig schenken, bis Sein Herz völlig erfüllt ist.

Dem Zusammenhang nach bedeutet es, die volle Erkenntnis Gottes zu haben, nämlich die Hoffnung von Gottes Berufung, die Herrlichkeit von Gottes Erbe unter den Heiligen und die alles überragende Größe von Gottes Kraft an uns, den Glaubenden, zu kennen. Gott zu kennen bedeutet, die Hoffnung, die Herrlichkeit und die Kraft zu kennen, denn Gott selbst ist in der Hoffnung, in der Herrlichkeit und in der Kraft. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft siebzehn, S. 149)

Diese Perspektive findet ihren Höhepunkt im Neuen Jerusalem. Dort erscheint die Gemeinde nicht als Institution und nicht als fromme Szene, sondern als „heilige Stadt“, als eine Zusammensetzung der Söhne Gottes, in der Gott bei den Menschen wohnt und die Menschen in Gott ruhen. Wenn wir 1. Mose von den ersten Andeutungen einer Stadt des Menschen her lesen und dann am Ende der Schrift diese Stadt Gottes sehen, dann spannt sich ein gewaltiger Bogen: Aus zerstreuten, eigenwilligen Menschen formt der Dreieine Gott eine geeinte, durchlichtete „Schatz-Stadt“, in der Seine Herrlichkeit sichtbar wird. Das verändert, wie wir heute Gemeinde sehen. Sie ist nicht eine lose Sammlung einzelner Gläubiger, die sich mühsam organisieren, sondern Gottes zukünftige Herrlichkeitsgestalt, die schon jetzt als Hoffnung aufleuchtet. Wo diese Sicht unser Herz durchdringt, beginnt die Atmosphäre sich zu wandeln: Enttäuschungen verlieren ihre Endgültigkeit, Mühen im Gemeindeleben erhalten Gewicht, Spannungen werden Teil eines größeren Weges, in dem Gott sich ein Erbe bereitet. Aus dieser Hoffnung wächst stille Freude – nicht, weil alles gelingt, sondern weil wir wissen: Gott bleibt an Seinem Werk, bis Er in Seiner Gemeinde eine Wohnung und in uns einen Schatz gefunden hat, an dem Er sich erfreut.

Wer überwindet, wird dies erben, und ich werde ihm Gott sein, und er wird mir Sohn sein. (Offb. 21:7)

Gottes Ruf und Erbe im Licht der Gemeinde zu sehen, nimmt der Gegenwart die Enge und der Zukunft die Unklarheit. Wer sich von dieser Hoffnung prägen lässt, bewertet sein eigenes Leben und das Gemeindeleben weniger nach augenblicklichem Erfolg, sondern mehr nach dem, was Gott daraus für die Ewigkeit gewinnt. So entsteht ein nüchterner, zugleich hoffnungsvoller Realismus: wir nehmen Schwachheit wahr, ohne den Mut zu verlieren, weil wir inmitten aller Brüche ahnen, wie kostbar die Gemeinde in Gottes Augen ist. In dieser Sicht liegt eine stille Ermutigung, dranzubleiben, sich reinigen und formen zu lassen und nicht zu früh zu urteilen – weder über die anderen noch über sich selbst.

Die alles einschließende Kraft des Dreieinen Gottes in uns

Die Kraft, von der Epheser 1.spricht, ist kein unbestimmtes religiöses Gefühl, sondern der Dreieine Gott selbst in Seiner wirksamen Geschichte: der Schöpfer, der Mensch wurde, den Tod schmeckte, auferstand und in den Himmel hinaufgeführt wurde. Paulus beschreibt diese Kraft als dieselbe, „die Er wirksam werden ließ in dem Christus, als Er Ihn aus den Toten auferweckte und Ihn zu Seiner Rechten in den Himmeln setzte“ (Eph. 1:20). Damit verbindet er Gottes universales Heilshandeln mit dem inneren Leben der Gläubigen. Was Christus durchlaufen hat, ist nicht nur Heilsgeschichte, sondern Lebensquelle. In dem Moment, in dem wir an Christus glauben, wird dieser auferstandene und erhöhte Herr als innewohnender, installierter, automatischer und innerlich wirkender Christus in uns gelegt. Ob wir dabei besondere Empfindungen hatten oder nicht, ändert nichts an der Tatsache. Wie es in Hebräer 11 von den Glaubenden heißt, dass sie „von ferne“ sahen und begrüßten, so nehmen auch wir diese Kraft zuerst als Zusage Gottes an, bevor wir sie in ihren Wirkungen erkennen.

Was den Glauben betrifft, muss zuerst die Tatsache da sein. Gott kommt und teilt uns diese Tatsache mit, und dann glauben wir, was Gott sagt. Unser christliches Glauben ist genau so. Obwohl wir es nicht sehen können, ist es eine Tatsache, dass Christus aus den Toten auferstanden ist und in den Himmeln weit über allem hingesetzt worden ist. Außerdem ist es eine Tatsache, dass alle Dinge unter Seine Füße unterworfen worden sind und dass Er das Haupt über alle Dinge zur Gemeinde ist. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft siebzehn, S. 151)

Zwischen dem Thron im dritten Himmel und unserem inneren Menschen besteht eine lebendige Verbindung, eine beständige Übertragung. Paulus spricht davon, dass die überragende Größe dieser Kraft „an uns, den Glaubenden“ wirksam ist. Sie trägt unser Glaubensleben, wenn unsere eigenen Kräfte versagen, sie hält uns fest, wenn unsere Hände loslassen, und sie prägt uns dem Bild des Sohnes Gottes ein, auch wenn wir diesen Prozess oft erst im Rückblick ahnen. In den täglichen Spannungen, Versuchungen und Entmutigungen ist es diese Kraft, die uns bewahrt, nicht theoretische Entschlüsse. Hier wird Glauben konkret: Wir stützen uns auf Gottes Wort gegen unsere wechselnden Gefühle und Umstände. Je mehr wir die Tatsache bejahen, dass der auferstandene und erhöhte Christus in uns wohnt und wirkt, desto mehr bekommt diese Kraft Raum, unseren Charakter zu formen, unser Denken zu erneuern und uns als lebendigen Teil der Gemeinde unter dem Haupt Christus zu erhalten. Diese Einsicht nimmt dem christlichen Leben die Schwere des Alleingelassen-Seins und füllt es mit der stillen Gewissheit, von einer größeren Kraft getragen zu sein, als wir selbst je aufbringen könnten.

So wird deutlich, warum Thomas mit seinem Ringen in Johannes 20 uns so nahe ist und zugleich überführt. Der auferstandene Herr steht vor ihm, aber sein Herz hält an der Bedingung fest: „Wenn ich nicht … werde ich nicht glauben“ (Johannes 20:25). Der Herr begegnet ihm in Geduld, zeigt ihm die Wunden, doch am Ende ruft Er ihn über die sichtbare Evidenz hinaus: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“ (Johannes 20:29). Diese Seligpreisung beschreibt die Atmosphäre, in der die göttliche Kraft sich entfalten will. Nicht der dauernde Beweis, sondern das ruhende Vertrauen öffnet den inneren Raum, in dem der Dreieine Gott Seine Geschichte in uns fortsetzt. Wer so glauben lernt, entdeckt mit der Zeit, dass Gottes Kraft ihn immer wieder aus inneren Sackgassen herausführt, unerwarteten Trost schenkt und inmitten von Schwachheit einen leisen, aber tragfähigen Mut wachsen lässt.

Jesus spricht zu ihm: Weil du mich gesehen hast, hast du geglaubt; selig sind, die nicht sehen und doch glauben! (Joh. 20:29)

Die Erkenntnis der alles einschließenden Kraft des Dreieinen Gottes in uns nimmt dem Glauben die Last des ständigen Selbstbeweises. Sie lenkt den Blick weg vom inneren Leistungsdruck hin zu dem Christus, der in uns wirkt. Wer sich daran erinnert, dass dieselbe Kraft, die Christus aus den Toten auferweckt hat, heute in ihm tätig ist, kann auch in dürftigen Zeiten innerlich leiser werden, aufhören, sich selbst zu treiben, und stattdessen Gottes verborgenes Wirken abwarten. Daraus entsteht ein stiller Mut, das eigene Maß an Schwachheit zuzugeben, ohne sich damit zu identifizieren, weil dahinter eine größere, treue Kraft steht, die nicht müde wird, den Glaubenden Schritt für Schritt in die Wirklichkeit unter dem Haupt Christus hineinzuführen.

Christus als Haupt über alle Dinge – die himmlische Übertragung zur Gemeinde

Wenn Paulus sagt, dass Gott „alle Dinge Seinen Füßen unterworfen und Ihn als Haupt über alle Dinge der Gemeinde gegeben“ hat (Eph. 1:22), dann ist der Blick zunächst auf die universale Herrschaft Christi gerichtet. Doch im kleinen Wörtchen „zu“ steckt ein dynamisches Geheimnis: Was Christus als Haupt besitzt – Autorität, Sieg, Leben, Fülle –, bleibt nicht bei Ihm, sondern wird Seinem Leib zugeleitet. In der unsichtbaren Welt findet eine fortwährende Übertragung vom verherrlichten Christus zur Gemeinde statt. Diese Bewegung ist nicht spektakulär im äußeren Sinn; sie vollzieht sich im Verborgenen, mitten in scheinbar alltäglichen Situationen. Wo die Gemeinde betend auf Christus ausgerichtet ist, wo sie sich unter sein Wort beugt und auf sein Haupt schaut, strömt von oben ein Maß an Leben, Klarheit und Tragkraft ein, das sich nicht aus der Summe menschlicher Fähigkeiten erklären lässt. Die Gemeinde lebt nicht aus sich selbst, sondern aus dieser himmlischen Zuführung. Darin liegt auch ihre eigentliche Würde: Sie ist der Ort auf der Erde, an dem die Übertragung vom Haupt sichtbar und erfahrbar werden soll.

Außerdem heißt es in 1:22: „Und Er hat alle Dinge Seinen Füßen unterworfen und Ihn als Haupt über alle Dinge der Gemeinde gegeben.“ Das kleine Wörtchen „zu“ weist auf eine Übertragung hin. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft siebzehn, S. 152)

Oft bleibt diese himmlische Übertragung unbemerkt, weil unser Inneres mehr von Gefühlen, von Logik oder von Umständen geprägt ist als von Glauben an Gottes Wort. In Kolosser 3:1. heißt es: „Wenn ihr nun mit dem Christus auferweckt worden seid, so sucht, was droben ist, wo der Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes.“ Dieses Suchen nach dem, was droben ist, bedeutet nicht Weltflucht, sondern ein inneres Sich-Ausrichten auf den Christus, der als Haupt über alle Dinge eingesetzt ist. Wo wir seine Erhöhung im Glauben bejahen, auch wenn unsere Erfahrung hinterherhinkt, öffnen wir uns für die Ströme, die vom Thron ausgehen. Dann wird Christus praktisch als Haupt erfahrbar: Er ordnet Gedanken, die sich im Kreis drehen, schränkt Kräfte ein, die sich verselbstständigen wollen, und gibt in äußeren Spannungen eine innere Linie vor. Gerade in Konflikten und Ohnmachtsmomenten des Gemeindelebens zeigt sich, wie real diese Übertragung ist: Nicht wir müssen alle Dinge im Griff haben; wir dürfen unter dem stehen, der über alle Dinge steht. Aus dieser Haltung wächst ein schlichtes, aber tiefes Vertrauen, dass der Herr der Gemeinde auch durch widrige Umstände hindurch eine Gestalt geben kann, die Seine Fülle widerspiegelt.

Die Formulierung, dass die Gemeinde „sein Leib, die Fülle dessen ist, der alles in allen erfüllt“ (Eph. 1:23), bringt diesen Zusammenhang noch weiter. Christus als Haupt erfüllt alles in allen; Er ist nicht nur über der Schöpfung, sondern in ihr wirksam. Und gerade die Gemeinde soll die Fülle dessen sein, der alles erfüllt. Das heißt: Was göttlich in Christus vorhanden ist, soll in der Gemeinde Gestalt gewinnen – nicht abstrakt, sondern in Beziehungen, in gemeinsamen Entscheidungen, im Tragen und Getragenwerden. Die himmlische Übertragung ist daher nie nur individuell; sie ist auf den Leib hin angelegt. Wo einzelne Gläubige sich dieser Übertragung öffnen, beginnt der Leib als Ganzes, etwas von der überragenden Größe Christi auszustrahlen. In einer Zeit, in der vieles im Gemeindeleben brüchig erscheint, birgt dieses Wort eine tiefe Ermutigung: Christus hat sich nicht zurückgezogen. Als Haupt über alle Dinge bleibt Er der Handelnde. Seine Übertragung erlahmt nicht; höchstens unsere Offenheit stockt. Daraus erwächst ein leiser, aber tragfähiger Trost: Selbst wenn unsere Sicht begrenzt ist und unsere Hände leer erscheinen, ist der Himmel nicht verschlossen. Das Haupt wirkt, und jeder Schritt des Glaubens – so unscheinbar er sein mag – öffnet dem Strom von oben einen neuen Raum.

So wird die Vorstellung von Christus als Haupt über alle Dinge von einer abstrakten Lehre zur Quelle einer stillen Zuversicht im Alltag. Wo diese Sicht unser Denken durchdringt, verlieren wir den inneren Zwang, alles kontrollieren zu müssen. In der Gemeinde entsteht Raum für Demut und Gelassenheit: Wir nehmen Verantwortung wahr, ohne das letzte Ergebnis in der Hand haben zu wollen. Wir dürfen uns freuen, wenn etwas gelingt, ohne daran unsere Identität zu knüpfen, und wir dürfen Niederlagen tragen, ohne im Innersten zu zerbrechen. Denn über allem steht Einer, dem alle Dinge unterworfen sind und der sich der Gemeinde geschenkt hat. In dieser Beziehung liegt eine tiefe Geborgenheit: Wir sind nicht nur Empfänger seiner Gaben, sondern Teil seines Leibes, angeschlossen an eine himmlische Übertragung, die nicht versiegt. Diese Gewissheit kann auch in mühsamen Zeiten einen leisen, aber beständigen Mut nähren, weiterzugehen – im Bewusstsein, dass das Haupt seine Gemeinde nicht sich selbst überlassen hat.

Wenn ihr nun mit dem Christus auferweckt worden seid, so sucht, was droben ist, wo der Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes. (Kol. 3:1)

Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie Sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.


Herr Jesus Christus, Du bist als der Erhöhte über alle Gewalten und alle Dinge das Haupt zu Deiner Gemeinde. Öffne unsere Augen für die Hoffnung Deiner Berufung, für die Herrlichkeit Deines Erbes in den Heiligen und für die überragende Größe Deiner Kraft, die in uns wirksam ist. Stärke unseren inneren Menschen, damit wir mehr von Dir als unserem Leben, unserer Kraft und unserer Herrlichkeit kennen und uns nicht von dem bestimmen lassen, was wir sehen und fühlen. Lass Deine himmlische Übertragung unseren Alltag und unser Miteinander als Gemeinde durchdringen, damit Dein Leib aufgerichtet, getröstet und in Deine Fülle hineingeführt wird. Fülle uns mit Zuversicht, dass nichts, was uns begegnet, stärker ist als Du, der über alle Dinge als Haupt zur Gemeinde gesetzt bist. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Ephesians, Chapter 17

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