Das Aufhaupten aller Dinge in Christus (3)
Wenn wir auf die Geschichte blicken, scheint vieles chaotisch: Kriege, Ungerechtigkeit, persönliche Brüche und innere Orientierungslosigkeit. Die Bibel zeichnet jedoch ein anderes Bild hinter den Kulissen: Gott führt die Zeiten wie einen roten Faden und verfolgt ein klares Ziel – alles unter das Haupt Christus zu bringen. Epheser 1.zeigt, dass dieses Ziel untrennbar mit Gottes eigener Selbstmitteilung verbunden ist: Er gibt sich selbst in sein Volk hinein, als Leben und Licht. Wer dieses Handeln Gottes erkennt, sieht die Weltgeschichte, das eigene Leben und das Gemeindeleben in einem neuen Licht.
Die vier Zeitalter und die Fülle der Zeiten
Wenn Paulus von der „Ökonomie der Fülle der Zeiten“ spricht, öffnet sich der Blick auf Gottes weiten Horizont. Die Geschichte ist nicht eine lose Abfolge von Epochen, sondern eine geordnete Bewegung auf ein göttliches Ziel hin. Von Adam bis Christus spannt sich das Zeitalter der Sünde: „der Tod herrschte von Adam bis Mose“ (Röm. 5:14). Mit Mose tritt das Gesetz in die Geschichte, und es wird sichtbar, wie tief der Mensch gefallen ist. Doch das Gesetz ist nicht der Endpunkt, sondern eine Vorbereitung. Johannes bezeugt: „Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben; die Gnade und die Wirklichkeit kamen durch Jesus Christus“ (Johannes 1:17). Mit Christus beginnt das Zeitalter der Gnade, in dem Gott sich selbst in ungekannter Nähe mitteilt. Nach dieser Gnadenzeit wird das Reichszeitalter folgen, in dem Christus als König regiert und seine Herrschaft in Gerechtigkeit und Frieden sichtbar wird.
90 (3) Diese Botschaft ist eine weitere Fortsetzung der Aufhauptung aller Dinge in Christus (1:10). Zuerst müssen wir sehen, was die Fülle der Zeiten ist. Epheser 1:10 sagt: „Zur Ökonomie der Fülle der Zeiten, um alle Dinge in Christus aufzuhaupten, die Dinge in den Himmeln und die Dinge auf der Erde, in Ihm.“ Das Wort „unto“ bedeutet „als Ergebnis von“ oder „um zu haben“. Die Ökonomie in diesem Vers ist die der Fülle der Zeiten. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft zehn, S. 90)
Diese vier großen Abschnitte – Sünde, Gesetz, Gnade und Reich – sind nicht bloß geschichtliche Kulissen, sondern Etappen eines einzigen Heilsweges. Paulus nennt das Ziel dieser Entwicklung „die Fülle der Zeiten“ (Epheser 1:10): alle Zeiten sind dann „voll“, weil alles, was Gott in der vergangenen Ewigkeit beschlossen hat, in Christus zur Reife und zur sichtbaren Gestalt gelangt. „Alle Dinge in den Himmeln und auf der Erde“ werden in ihm „aufgehauptet“, das heißt unter ein einziges, lebendiges Haupt gebracht. Hier geht es nicht nur um äußere Ordnung, als würde eine chaotische Welt endlich verwaltet; Gott will das Innere der Schöpfung erneuern, bis Christus überall als Haupt geehrt und der Dreieine Gott durch alles hindurch ausgedrückt wird. In der Perspektive dieser Fülle bekommt auch die Gegenwart ein anderes Gewicht: die Spannungen der Geschichte, die Brüche in der eigenen Biografie, die unerfüllten Sehnsüchte bleiben nicht stehen, sondern werden in Gottes langer Geduld auf einen Punkt hin geführt, an dem Christus alles sammelt, heilt und ordnet. Das macht die Hoffnung nicht kleiner, sondern tragfähiger: sie gründet nicht in einer plötzlichen Wendung des Schicksals, sondern in Gottes stillem, beharrlichem Weg auf sein Ziel zu.
Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben; die Gnade und die Wirklichkeit kamen durch Jesus Christus. (Joh. 1:17)
Wer die Fülle der Zeiten vor Augen hat, lernt, die Gegenwart nicht zu überschätzen und doch ernst zu nehmen. Die eigenen Tage sind Teil einer großen Bewegung auf Christus zu. Die Entmutigungen eines Abschnitts bekommen ihr Gewicht, aber nicht das letzte Wort. Im Glauben wächst eine ruhige Erwartung: was Gott begonnen hat, wird er in Christus vollenden; nichts, was ihm überlassen wird, geht verloren, sondern wird einmal in der Aufhauptung aller Dinge seinen Platz finden.
Dispensation als Gottes Selbstmitteilung – Gottes Leben in uns
Wenn in der Bibel von „Dispensation“ die Rede ist, geht es nicht zuerst um eine Einteilung der Geschichte, sondern um das, was Gott in diesen Zeiten tut: Er gibt sich selbst. Das griechische Wort für Ökonomie beschreibt die Haushaltung eines Hauses – die Weise, wie das, was vorhanden ist, ausgeteilt wird. Übertragen heißt das: Gott verfügt über sich selbst als Reichtum und teilt diesen Reichtum aus. Dispensation meint daher Gottes Selbstmitteilung, sein Sich-Schenken als Leben und Natur in sein auserwähltes Volk. Schon früh in der Schrift wird das sichtbar. In 1. Mose wird von Henoch gesagt: „Und nachdem Henoch Methuschelach gezeugt hatte, wandelte er 300 Jahre mit Gott“ (1. Mose 5:22). Ein dreihundertjähriger Weg mit Gott ist mehr als menschliche Frömmigkeit; er ist Frucht der Tatsache, dass Gott sich Henoch mitgeteilt hat, dass göttliches Leben in einem menschlichen Leben zu wirken beginnt.
93 hat mit jeder Generation zugenommen. So war die Ökonomie bei Henoch größer als bei Enosch, und bei Noah größer als bei Henoch. Bei Abraham war sie noch größer. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft zehn, S. 93)
Ähnlich beschreibt Stephanus den Anfang der Geschichte Israels: „Der Gott der Herrlichkeit erschien unserem Vater Abraham“ (Apostelgeschichte 7:2). Diese Erscheinung war nicht nur ein äußeres Licht, sondern ein Einbruch göttlicher Herrlichkeit in das Innere eines Menschen. Wo Satan durch Sünde Tod und Finsternis hineingebracht hat, kommt Gott mit Leben und Licht. Über den Sohn heißt es: „In Ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen“ (Johannes 1:4). Leben heilt, was Tod zersetzt; Licht ordnet, was Finsternis verwirrt. Immer wenn Gott im Wort das Gewissen trifft, Trost schenkt oder eine neue Klarheit über seinen Weg gibt, geschieht etwas von dieser Ökonomie: Gott infundiert sein eigenes Element in uns, er sättigt unser Inneres mit seinem Leben.
Dieses hineingeschenkte Leben ist nicht statisch. Es wirkt, es gestaltet um, es prägt den Charakter. Aus einem Menschen, der von Sünde und Selbstsucht bestimmt ist, macht es einen Heiligen, der Gottes Natur widerspiegelt. Paulus beschreibt diesen Vorgang so, dass wir, indem wir des Herrn Herrlichkeit anschauen, „in dasselbe Bild verwandelt werden von Herrlichkeit zu Herrlichkeit“ (2. Korinther 3:18). In der jetzigen Gnadenzeit geschieht die eigentliche Dispensation darin, dass Gott sich fortwährend in Christus durch den Geist in die Gemeinde hineingibt. Die Gemeinde ist nicht zuerst eine Organisation, sondern der Raum, in dem Gottes Selbstmitteilung Platz findet. Je mehr Christus als Lebensquelle im Inneren Raum gewinnt, desto mehr wird der Leib gebaut – passend zu seinem Haupt. Darin liegt eine leise, aber tiefgehende Ermutigung: Gottes Weg mit uns besteht nicht darin, uns zu überfordern, sondern uns Schritt für Schritt mit seinem eigenen Leben zu erfüllen, bis unser Inneres mit dem übereinstimmt, was Christus als Haupt schon ist.
Und nachdem Henoch Methuschelach gezeugt hatte, wandelte er 300 Jahre mit Gott, und er zeugte weitere Söhne und Töchter. (1.Mose 5:22)
Und er sagte: Ihr Männer, ihr Brüder und Väter, hört zu: Der Gott der Herrlichkeit erschien unserem Vater Abraham, während er in Mesopotamien war, bevor er in Haran wohnte, (Apg. 7:2)
Im Licht dieser Ökonomie wird der Alltag zu einem Ort der Begegnung mit Gottes Selbstmitteilung. Jede Berührung durch das Wort, jedes stille Überführtwerden, jeder zarte Trost ist ein weiteres Maß an göttlichem Leben, das in uns hineinströmt. Statt sich an der eigenen Unzulänglichkeit festzubeißen, darf das Herz erwarten, dass dieses Leben weiterwirkt, formt und reift. So wächst Vertrauen: Gott verlangt nicht zuerst etwas von uns, er teilt sich uns mit – und aus dieser Quelle heraus entsteht ein Leben, das ihm entspricht.
Vorgeschmack der ewigen Aufhauptung: Leben und Licht in der Gemeinde
Die letzten Kapitel der Offenbarung lassen uns in den Endpunkt von Gottes Wirken hineinsehen. Johannes berichtet: „Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde waren vergangen, und das Meer ist nicht mehr“ (Offenbarung 21:1). Das Meer als Bild des Todes und der unruhigen Völkerwelt ist verschwunden. Stattdessen erscheint das neue Jerusalem, durchstrahlt von Gottes Herrlichkeit, in dessen Mitte der Thron Gottes und des Lammes steht. Von dort „ging ein Strom des Wassers des Lebens hervor, hell leuchtend wie Kristall“ (Offb. 22:1), und auf beiden Seiten des Stromes steht der Baum des Lebens, der ununterbrochen Frucht trägt (Offb. 22:2). Hier wird sichtbar, was es heißt, dass die Fülle der Zeiten gekommen ist: der Dreieine Gott durchdringt seine Stadt vollständig mit Leben und Licht, und nichts in der neuen Schöpfung steht mehr außerhalb dieses Einflusses.
91 Gewissen, menschliche Regierung, Verheißung, Gesetz, Gnade und das Königreich. Es ist nicht falsch zu sagen, dass es sieben solche Ökonomien gibt. Aber gemäß dem Bericht der Bibel können wir sagen, dass es vor dem Tausendjährigen Reich nur drei Zeitalter gibt: die Zeitalter Adams, Moses und Christi. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft zehn, S. 91)
Die Stadt braucht keine Sonne und keinen Mond; „denn die Herrlichkeit Gottes hat sie erleuchtet, und ihre Lampe ist das Lamm“ (Offb. 21:23). Licht und Leben sind nicht mehr zeitweilige Besuche, sondern der dauerhafte Zustand der neuen Schöpfung. Das ist die vollendete Aufhauptung: alles, was lebt, empfängt seine Lebensversorgung aus dem Strom, und alles, was sieht, steht im Schein des Lammes. Diese zukünftige Wirklichkeit ist nicht nur ein fernes Ideal. Das gegenwärtige Gemeindeleben ist als ein verkleinertes Abbild dieser Stadt gedacht. Wo die Gemeinde unter dem Wort steht und im Geist lebt, wo Christus als Lebensversorgung Raum bekommt und aus ihm heraus gedient wird, da ist derselbe Strom des Wassers des Lebens in der Mitte wirksam. Beziehungen werden nicht primär durch äußere Regeln, sondern durch das innere göttliche Leben geordnet; Entscheidungen werden unter dem Licht des Lammes getroffen, nicht nur nach menschlicher Klugheit.
In solchen Momenten wird die Gemeinde zu einem Vorgeschmack der kommenden Herrlichkeit. Christus gewinnt praktisch Raum als Haupt: in der gemeinsamen Ausrichtung auf ihn, in der Bereitschaft, sich von seinem Licht korrigieren zu lassen, in der Freude darüber, dass seine Gegenwart wichtiger ist als jeder Erfolg. So wie die Nationen in der zukünftigen Stadt „in ihrem Licht wandeln“ (Offb. 21:24), so gehen heute Menschen, die mit der Gemeinde in Berührung kommen, ein Stück weit in diesem Licht. Sie erfahren etwas von der Ruhe, die aus der Herrschaft des Lammes kommt, und von der Freiheit, die im Strom des Lebens liegt. Diese Erfahrungen bleiben bruchstückhaft, aber sie tragen den Charakter der Ewigkeit. In ihnen beginnt schon jetzt das, was Gott einmal in Fülle schenken wird: eine Schöpfung, in der alles Leben und jede Ordnung aus Christus als Haupt hervorgeht und zu seiner Herrlichkeit zurückkehrt.
Darum ist das Gemeindeleben nicht beiläufig oder austauschbar. In ihm übt Gott mit uns ein, wie es sein wird, wenn alle Dinge in Christus aufgehauptet sind. Dort, wo sein Leben fließt und sein Licht leuchtet, werden wir innerlich auf die kommende Stadt ausgerichtet. Enttäuschungen im Miteinander, Begrenzungen und Schwächen verlieren nicht ihre Schärfe, doch sie werden hineingestellt in eine größere Hoffnung: Gott führt seine Gemeinde nicht in ein dunkles Ungewisses, sondern Schritt für Schritt auf den Tag zu, an dem der neue Himmel und die neue Erde offenbar machen, was er im Verborgenen bereits gewirkt hat. Diese Aussicht trägt durch die Spannungen des Heute und macht dankbar für jeden kleinen Strahl von Licht und jede frische Berührung mit dem Wasser des Lebens in der Mitte der Gemeinde.
Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde waren vergangen, und das Meer ist nicht mehr. (Offb. 21:1)
Und er zeigte mir einen Strom des Wassers des Lebens, hell leuchtend wie Kristall, der aus dem Thron Gottes und des Lammes hervorging, in der Mitte ihrer Straße. (Offb. 22:1)
Wer das Gemeindeleben als Vorgeschmack des neuen Jerusalems versteht, beginnt die unscheinbaren Zusammenkünfte und alltäglichen Begegnungen anders zu sehen. In der gemeinsamen Ausrichtung auf Christus, im Teilen seines Wortes und in der stillen Wirksamkeit seines Geistes liegt mehr als menschliche Gemeinschaft: Hier lässt Gott etwas von dem aufgehen, was er für die Ewigkeit bereitet hat. Diese Sicht bewahrt vor Resignation und nährt eine leise Freude: Jeder Schritt im Licht, jedes Empfangen von Leben, jeder kleine Sieg der Gnade ist ein Echo der kommenden Aufhauptung aller Dinge in Christus.
Herr Jesus Christus, du bist das von Gott eingesetzte Haupt über alle Dinge, und in dir führt der Vater die Geschichte zu einem guten Ziel. Danke, dass du dich selbst als Leben und Licht in unsere Schwachheit hineingibst und mitten in Verwirrung und Dunkelheit eine neue Ordnung aus deiner Gegenwart heraus schenkst. Stärke den Glauben, dass dein Plan nicht scheitert, sondern auf die Fülle der Zeiten zuläuft, in der alles sichtbar unter deinem wunderbaren Haupt zusammengeführt sein wird. Lass das Gemeindeleben an unserem Ort zu einem hellen Vorgeschmack des neuen Jerusalems werden, in dem dein Leben frei fließen und dein Licht alles durchdringen kann. Erneuere durch deinen Geist unsere Liebe zu dir, damit wir inmitten dieses Zeitalters der Gnade aus deiner Fülle leben und deine Herrlichkeit widerspiegeln. Bewahre uns in der Hoffnung, dass weder Tod noch Finsternis das letzte Wort haben, sondern dein ewiges Reich und deine herrliche Aufhauptung aller Dinge. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Ephesians, Chapter 10