Das Wort des Lebens
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Erlösung im Sohn

12 Min. Lesezeit

Viele Christen verbinden Erlösung vor allem mit dem Aufdecken ihrer Sünde und der Angst vor Gericht. Der Epheserbrief öffnet jedoch eine andere Perspektive: Aus der Sicht des Himmels ist Erlösung Teil eines herrlichen Planes, in dem der Vater, der Sohn und der Geist gemeinsam wirken. Vor der Schöpfung hat Gott uns nach seinem ewigen Vorsatz erwählt, doch in der Geschichte sind wir gefallen – deshalb tritt der Sohn als Erlöser in die Mitte des Geschehens. Erlösung ist hier nicht nur Rettung aus einem schlechten Zustand, sondern die freudige Vollendung dessen, was der Vater sich von Ewigkeit her vorgenommen hat.

Erlösung im Geliebten – Gottes Freude über das vollbrachte Werk

Wenn der Epheserbrief sagt, dass wir „Erlösung durch sein Blut“ haben, fügt er bewusst hinzu, dass dies „im Geliebten“ geschieht. Damit wird die Blickrichtung verschoben: Nicht unser Elend, unsere Schuld und unser Versagen stehen im Vordergrund, sondern die Person, an der der Vater vollkommenes Wohlgefallen hat. In ihm sieht Gott einen Menschen, dessen ganzes Leben durchdrungen ist von Vertrauen, Liebe und Gehorsam, bis hin zum Tod am Kreuz. In dieser einen Person, dem Geliebten, berühren sich Gottes heilige Gerechtigkeit und sein tiefstes Wohlgefallen. Was am Kreuz geschah, erscheint aus dieser Perspektive nicht als tragischer Notbehelf, sondern als der vollkommene Gehorsam des Sohnes, in dem Gott all das wiederfindet, was er von Anfang an im Menschen gesucht hat.

Vers 7 knüpft an Vers 6 an. Wie wir in der letzten Botschaft gesehen haben, macht Vers 6 deutlich, dass wir zum Gegenstand der Gunst Gottes geworden sind, denn wir sind in dem Geliebten begnadigt worden. Die Wendung „in welchem“ in Vers 7 bezieht sich auf „den Geliebten“ in Vers 6. Das bedeutet, dass wir in dem Geliebten erlöst worden sind, in dem Einen, an dem Gott Wohlgefallen hat. In den Augen Gottes ist Erlösung daher keine bedauernswerte Sache, sondern etwas, woran man Wohlgefallen hat. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft sechs, S. 56)

So wird Erlösung in der Schrift nicht als mühsam erkämpfte Ausnahmegeschichte am Rand von Gottes Plan beschrieben, sondern als etwas, woran sein Herz Freude hat. „Und fast alle Dinge werden nach dem Gesetz durch Blut gereinigt, und ohne Blutvergießen gibt es keine Vergebung“ (Hebr. 9:22), heißt es. Dieses Blut aber gehört dem Geliebten, nicht einem widerwilligen Opfer. Der Unterschied zwischen „Sünden“ und „Vergehen“, den der Epheserbrief andeutet, verstärkt diesen Ton: Unsere Vergehen werden erwähnt, weil sie real sind; aber sie erscheinen vor der himmlischen Perspektive als etwas, das in Christus zugedeckt, vergeben und überwunden ist. Gott blickt auf den Geliebten und sieht in ihm alles erfüllt, was nötig ist, um uns als Kinder anzunehmen, zu segnen und in seine Nähe zu ziehen. Wer an Christus glaubt, wird in diese Stellung „im Geliebten“ hineingestellt – hinein in den Bereich von Gottes Freude, Gnade und Wohlgefallen. Inmitten der Anklagen des eigenen Herzens und der Stimmen der Vergangenheit darf dann leise gewiss werden: Über meinem Leben liegt nicht zuerst das Urteil über meine Geschichte, sondern das Wohlgefallen Gottes über seinem Sohn, in dem er mich hält.

Und fast alle Dinge werden nach dem Gesetz durch Blut gereinigt, und ohne Blutvergießen gibt es keine Vergebung. (Hebr. 9:22)

Die Ausrichtung weg von der eigenen Bedürftigkeit hin zu Gottes Freude am Geliebten verändert den inneren Ton des Glaubens. Erlösung im Sohn heißt, unter dem Licht von Gottes Wohlgefallen zu stehen: Die Erinnerung an Schuld bleibt nüchtern, doch sie ist umgeben von der größeren Wirklichkeit, dass Gott auf Christus sieht und in ihm alles findet, was notwendig ist, um uns zu lieben, zu tragen und zu segnen. Im Alltag bedeutet das, sich innerlich immer wieder an die Stellung „im Geliebten“ erinnern zu lassen, wenn Selbstanklage oder Mutlosigkeit aufkommen. So wird der Blick auf die eigene Geschichte von der Gewissheit durchzogen, dass Gottes Freude an Christus stärker ist als jeder Schatten, und dass unsere Beziehung zu ihm in der Sicherheit dieser Freude verankert ist.

Gerechte Erlösung durch kostbares Blut

Dass Gott Wohlgefallen an uns hat und uns in Christus begnadigt, hebt nicht seine Gerechtigkeit auf. Gerade weil er vollkommen gerecht ist, kann er Ungerechtigkeit, Verfehlungen und Übertretungen nicht einfach übergehen oder mit einem souveränen Federstrich aus der Welt schaffen. Jede Sünde ist eine reale Beleidigung seiner Heiligkeit, ein Bruch der Ordnung, in der er seine Schöpfung trägt. Die lange Geschichte der Opfer im Alten Bund – vom Blut des Passahlammes in 2. Mose bis zu den Sündopfern in 3. Mose – ist ein eindringliches Zeugnis dafür, dass Schuld Konsequenzen hat. Unter diesem Zeichen steht das Wort: „Und fast alle Dinge werden nach dem Gesetz durch Blut gereinigt, und ohne Blutvergießen gibt es keine Vergebung“ (Hebr. 9:22).

Obwohl Gott Wohlgefallen an uns hat und uns zu Gegenständen Seiner Gnade gemacht hat, brauchen wir dennoch Erlösung, weil Er der gerechte Gott ist. Unser Vater, der Wohlgefallen an uns hat, ist gerecht und kann Ungerechtigkeit, Verfehlungen oder Übertretungen nicht dulden. Solche Dinge beleidigen Seine Gerechtigkeit. Deshalb macht Seine Gerechtigkeit die Vollbringung der Erlösung notwendig. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft sechs, S. 57)

Doch das Blut von Stieren und Böcken konnte die tiefe Schuld des Menschengeschlechts nicht wirklich hinwegnehmen, es wies nur hin auf etwas Größeres. Darum wurde der Sohn Mensch. Über seine Empfängnis heißt es: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Allerhöchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, der Sohn Gottes genannt werden“ (Lukas 1:35). Sein Leben und sein Blut sind vollkommen ohne Sünde. Am Kreuz stand daher nicht ein weiteres Opfer in einer langen Reihe, sondern das Lamm Gottes, das ein für alle Mal die ganze Last unserer Sünden und Vergehen in sich hineinnahm. So konnte geschrieben werden, dass Christus „einmal als Opfer dargebracht worden ist, um die Sünden von vielen zu tragen“ (Hebr. 9:28), und dass wir „durch das ein für allemal geschehene Opfer des Leibes Jesu Christi“ geheiligt sind (Hebr. 10:10).

In dieser Hingabe erfüllt der Sohn die gerechte Forderung Gottes und öffnet zugleich den Raum seiner Gnade. Sein Blut ist nicht ein magischer Stoff, sondern Ausdruck seines hingegebenen Lebens, seines Gehorsams bis zum Tod. Am Kreuz wurde die Erlösung geschichtlich vollbracht; in dem Augenblick, in dem ein Mensch an Christus glaubt, wendet der Heilige Geist dieses Werk persönlich an. Die Schrift verbindet beides: „weil ihr wisst, dass ihr nicht mit verderblichen Dingen, mit Silber oder Gold, von eurer nichtigen, von euren Vätern überlieferten Lebensweise erlöst worden seid, sondern mit dem kostbaren Blut als eines Lammes ohne Makel und ohne Flecken, mit dem Blut Christi“ (1. Petrus 1:18–19). Erlösung und Vergebung sind zwei Seiten derselben Wirklichkeit: das einmalige, vollkommene Opfer des Sohnes und seine immer neue, gegenwärtige Anwendung auf das Herz der Glaubenden.

Wer sich dieser Gerechtigkeit Gottes stellt, erlebt seine Gnade nicht als billige Nachsicht, sondern als tiefen Ernst, der befreit. Die Vergebung, die aus dem Blut des Sohnes kommt, trivialisiert Sünde nicht, sie nimmt sie ernster, als wir es je könnten – und führt gerade dadurch in einen Frieden, der trägt. So kann das Gewissen zur Ruhe kommen, ohne betäubt zu werden, und die Seele lernt, auf die Stimme des Blutes Christi zu hören, die lauter spricht als die Anklage der Vergangenheit. In dieser Spannung aus heiligem Ernst und geschenkter Freiheit wächst eine stille Dankbarkeit: Erlöst zu sein heißt dann, unter dem Schutz einer Gerechtigkeit zu leben, die durch das Kreuz hindurchgegangen ist und uns gerade deshalb nicht mehr verwerfen muss.

weil ihr wisst, dass ihr nicht mit verderblichen Dingen, mit Silber oder Gold, von eurer nichtigen, von euren Vätern überlieferten Lebensweise erlöst worden seid, (1.Petr. 1:18-19)

so wird auch Christus, nachdem Er einmal als Opfer dargebracht worden ist, um die Sünden von vielen zu tragen, ein zweites Mal ohne Beziehung zur Sünde denen erscheinen, die sehnlichst auf Ihn warten, zur Errettung. (Hebr. 9:28)

Die Erkenntnis, dass Gottes Liebe niemals gegen seine Gerechtigkeit arbeitet, sondern im Kreuz des Sohnes ihre gerechte Form findet, bewahrt vor einem oberflächlichen Umgang mit Sünde und vor lähmender Schuldgefühligkeit zugleich. Das Blut Christi ruft dazu, Schuld nicht zu verharmlosen, aber auch nicht endlos mit sich herumzutragen. Wo das Herz lernt, auf das bereits vollbrachte Opfer zu schauen, beginnt ein freieres Leben: Scheitern wird nicht verharmlost, aber es hat nicht mehr das letzte Wort. So eröffnet die gerechte Erlösung durch kostbares Blut einen Weg in einen nüchternen, zugleich tröstlichen Glauben, der die Tiefe der eigenen Bedürftigkeit kennt und doch in der Ruhe lebt, dass Gottes gerechtes Urteil bereits am Kreuz gesprochen wurde – gegen die Sünde und für den, der im Sohn verborgen ist.

Überfließende Gnade – Erlöst für Gottes Erbe

Der Epheserbrief belässt die Erlösung nicht auf der Ebene einer juristischen Abwicklung: Schuld gestrichen, Akte geschlossen. Er spricht davon, dass wir „die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Vergehungen“ haben „nach dem Reichtum seiner Gnade, die er uns gegenüber überströmend hat werden lassen“ (vgl. Eph. 1:7–8). Um das Blut des Sohnes überhaupt zu haben, war eine lange Geschichte göttlicher Gnade nötig: Der Ruf Abrahams, die Führung des auserwählten Volkes, die Verheißungen der Propheten, die stille Nacht von Bethlehem, das verborgene Leben in Nazareth, der Dienst des Herrn, seine Leiden, sein Kreuz, seine Auferstehung und Himmelfahrt – all das ist Ausdruck einer Gnade, die nicht nur vergibt, sondern tief in die Geschichte hineinreicht, um sie auf ein Ziel hin zu ordnen.

Nach unserem Verständnis wäre es für Gott leicht, uns zu vergeben, weil Er souverän und allmächtig ist. Doch so einfach war es nicht. Die Vollbringung der Erlösung war eine sehr gewichtige und ernste Angelegenheit. Gerade wegen ihres Ernstes erforderte sie den Reichtum der Gnade Gottes. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft sechs, S. 58)

Diese abgründige Gnade tut weit mehr, als nur Schuld zu tilgen. Sie nimmt die Erlösten in Gottes eigene Geschichte hinein. Epheser 1.verbindet Erlösung mit Erbe: Wir werden als Gottes Eigentum versiegelt, und gleichzeitig erhalten wir Anteil an Gott als unserem Erbe. Der Geist wird als „Unterpfand unseres Erbes“ gegeben, bis zur endgültigen Erlösung des Eigentums Gottes. So entsteht eine gegenseitige Erbsgemeinschaft: Gott gewinnt ein Volk, in dem er wohnen und sich ausdrücken kann, und wir gewinnen ihn selbst als unseren bleibenden Anteil. Erlösung ist damit nicht bloß ein Ticket in den Himmel, sondern der Beginn eines Lebens, das von innen her von Gottes Gegenwart geprägt wird. Selbst Buße und Glaube sind Frucht dieser Gnade; so heißt es über den erhöhten Christus, er sei erhöht worden, „um Israel Buße und Vergebung der Sünden zu geben“ (Apostelgeschichte 5:31).

Wer Erlösung so versteht, beginnt, das eigene Leben nicht nur als Gerettetsein vor dem Gericht zu sehen, sondern als Hineingenommenwerden in Gottes Vorsatz. Die Gnade, die überfließt, will nicht an der Schwelle unseres Schuldbewusstseins stehenbleiben, sondern uns in eine wachsende Gemeinschaft mit Gott führen. Dort wird seine Treue im Alltag erkennbar: in den kleinen Führungen, in der Kraft, die ausreicht, in einem inneren Trost, der sich nicht aus den Umständen erklärt. Die Erinnerung an die Erlösung im Sohn wird dann wie ein stiller Grundton, der selbst unter wechselnden Melodien des Lebens bleibt.

Aus dieser Sicht wird die Zukunft nicht mehr bloß zur unsicheren offenen Strecke, sondern zum Raum, in dem sich Gottes Erbe entfaltet. Die Zusage, dass Gott uns als sein Eigentum festhält und zugleich sich selbst zu unserem Anteil macht, schenkt eine Hoffnung, die nüchtern und zugleich fröhlich ist. Erlöst für Gottes Erbe zu sein bedeutet, Schritt für Schritt zu entdecken, dass nichts, was er zulässt, außerhalb der Bewegung seiner überfließenden Gnade steht. Das nimmt dem Leben nicht alle Spannungen, aber es gibt ihnen einen Horizont: Wir gehören dem, dessen Gnade nicht versiegt und dessen Absicht mit uns größer ist als jede Schuld, die er vergeben hat.

Diesen hat Gott zu Seiner Rechten als Führer und Retter erhöht, um Israel Buße und Vergebung der Sünden zu geben. (Apg. 5:31)

Erlösung im Sohn als Zugang zur überfließenden Gnade und zum Erbe Gottes zu sehen, lässt den Glauben weiter werden als die Frage nach persönlicher Absicherung. In der Gemeinschaft mit dem erhöhten Christus, der Buße, Vergebung und den Heiligen Geist gibt, wächst die leise Gewissheit, Teil einer Geschichte zu sein, die größer ist als die eigenen Erfolge und Niederlagen. So wird der Alltag zu einem Ort, an dem Gottes Gnade immer wieder neu sichtbar werden kann – nicht spektakulär, sondern tragend, klärend, ermutigend. Die Aussicht, einmal das Erbe in Vollheit zu sehen, nährt eine Hoffnung, die die Gegenwart nicht verdrängt, sondern sie durchzieht: Wir sind erlöst, um Gott zu gehören, und er hat sich selbst zum Anteil derer gemacht, die er im Sohn zu seinen Kindern gemacht hat.


Herr Jesus Christus, geliebter Sohn des Vaters, danke für dein kostbares Blut, mit dem du die gerechte Forderung Gottes erfüllt und mir Vergebung der Vergehen geschenkt hast. Vater, ich staune über die Reichtümer deiner Gnade, durch die du mich nicht nur gerettet, sondern in dein Erbe und in deine Freude hineingenommen hast. Heiliger Geist, vertiefe in meinem Herzen die Gewissheit, dass ich im Geliebten stehe und dass keine Anklage stärker ist als das vollendete Werk des Kreuzes. Lass deine abgründige Gnade meine Sicht auf mich selbst und auf dein Ziel mit der Gemeinde prägen, damit Hoffnung, Anbetung und Dank in mir wachsen. Dir, dreieiniger Gott, sei alle Ehre für eine Erlösung, die weit über alles hinausgeht, was ich mir vorstellen kann. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Ephesians, Chapter 6

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